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Dienstag, 30. Juli 2013

"And each wasted word makes a wasted line"

Das Chaos in meinem Zimmer aufrechtzuerhalten ist eine Art verqueres Experiment für mich: Was wird passieren, wenn ich den Boden nicht mehr sehen kann? Inmitten all dieser Stationen des richtigen Lebens (in dem ich pausenlos Putzen gehe, mit Lennard liebevolle SMS austausche, auf Pennys Balkon Muffins esse oder mit Mo bei Saturn herumschleiche) kehre ich zurück in meinen zeitlosen Raum, der nach kaltem Zigarettenrauch stinkt. Zwischen all diesen Tagen, die sich wie Telefonbuchseiten mit fahrigen Fingern umblättern lassen - Suche nach Sinn und Namen und Nummern -  ruhe ich in meinem verdreckten Museum der unangetasteten Dinge. Hier stapeln sie sich Erinnerungen und Mahnschreiben.
Ein kleines Paralleluniversum der dysfunktionalen Phoebe: Unter meinem Bett liegt eine Netto-Tüte mit den letzten Reliquien von T. neben den Silikon-Cupcake-Förmchen von Lulu, die längst in der Spülmaschine sein sollten. Nächtelang lese ich Prosa im Internet, sehe mir fürchterlich schlechte Pornos und alte Wallander-Folgen an. Zerpflücke Uni-Texte von Freunden wie ein größenwahnsinniger Ghostwriter. Die Tage im Zimmer Sodom gleichen den Nächten, immer liege ich, immer essend, ich rauche den ekelhaften britischen Tabak und leere die Asche in Joghurtbecher, die mit der Zeit unter getragenen Kleidchen und Holzfällerhemden verschwinden.
Natürlich bin ich nackt. Natürlich widere ich mich an für dieses Leben in diesem Raum - aber draußen funktioniert es noch. Draußen ist meine Haut reingemalt und glattrasiert, mein Chaos und Dreck wird mir als mehr oder weniger sympathische "Verpeiltheit" und "Schlampigkeit", meine Sexbessesenheit als "lustvolles Dasein" angeschrieben. Wenn ich trotzig bin, applaudieren sie. Wenn ich nicht aufhören kann zu weinen, drückt er mich an sich und entschuldigt sich für Dinge, die meine Fehler sind. Ist all das Teil des großen, unbewussten Experimentes zur Unschärferelation? Because it cut to drops each time I tryto make your way across the bottom line.

Mittwoch, 24. Juli 2013

Manchmal frage ich mich... [edited]

...ob ich meinen vollkommen "normalen" Körper und BMI vielleicht besser akzeptieren könnte, wenn ich nicht in einen Mann verliebt wäre, der explizit auf dünne Frauen steht ("Aber du bist genau so wunderbar, wie du bist. Ich liebe deinen Körper", hatte ich erwähnt dass ich sowieso niemandem ein Wort glaube?).
Wenn ich Bilder auf tumblr hochladen würde von meinen zellulitösen Oberschenkeln, die beim Gehen aneinander reiben, und das Ganze mit dem Hashtag realtights versehen. Wer weiß.
Vielleicht wenn ich in feministischer Manier die Gesellschaft hinterfragte, die mir dieses Schönheitsideal aufstempelt, welchem ich immer hinterherhecheln werde. Oder meinem Vater in die Fresse schlagen könnte, wenn er mich beim Essengehen fragt, ob ich wirklich Kohlenhydrate zum Abendbrot essen will ("Und überhaupt, Lachs, Sahne? Das ist aber nicht vegan!").
Ich müsste vielleicht all die Bilder von meiner Festplatte löschen, die mich mit BMI-kurz-vorm-Hungertod zeigen, damit ich sie nicht mehr anhimmeln kann.
Der Gedanke fühlt sich an wie Aufgeben.


Edit 15:33:

Lustig, da finde ich gerade bei der Zerstreuung auf vice.de einen Artikel, der das Ganze noch zuspitzt und weiterführt:
"Wie dem auch sei, bis irgendwann später—auf keinen Fall vor 25—will jede das haben, was alle anderen haben, es ist widerlich. Die einzige universell sichere Tatsache ist, dass alle Mädchen dünn sein wollen, aber jede sagt: „Ieeh, dünn ist eklig“, während sie zu Modemagazinen masturbieren. Und eigentlich machen es sich weiße Mädchen auch zu Rihanna, so viel ist sicher.
Du darfst deinen Körper nicht mögen (das wäre „eingebildet“), aber wenn du coole feministische Freunde hast, dann darfst du auch nicht versuchen, ihn zu verändern. Und wenn deine Freunde eher so dem, ähm, Standard-Problemtyp entsprechen, dann darfst du auch nicht nicht versuchen, ihn zu verändern. Die Folge sind eine Kultur von Unaufrichtigkeit, Feindseligkeit und (am schlimmsten) wiederholte „Du bist schön“- und „Du bist hinreißend“- und „Ich würde für deine Beine töten“-Schwüre. COOL. Stell dir vor, wie ich bei dem Gedanken Luft in meine Handfläche kotze."

Was denkt ihr darüber?

Montag, 22. Juli 2013

Resignation totale.

Frage mich, was zur Hölle eigentlich mein Problem ist.
Auf dem Boden neben dem Bett sammeln sich Joghurtbecher, Schokoladenverpackungen, Tassen, Schüsseln, Teller, Tabakkrümel, der Inhalt von umgekippten Aschenbechern, mehrere Ausgaben der ZEIT (noch unberührt), Mückensprays, ein Ventilator (ohne Schutzabdeckung), Tabletten, BHs, Kleidung en masse, Taschentücher, leere Wasserflaschen, Haarnadeln.
In mir sammeln sich Essensreste (fetthaltig, zuckerlastig, das vierfache meines Tagesbedarfs) und wüste Gefühle (ich kann nicht verstehen, dass er es wirklich ernst meint mit mir).
Und diese Hitze! (I got that summertime, summertime sadness)
Ich muss zur Arbeit gehen. Sieben Tage die Woche. Es gibt kein Verzagen, nur Verantwortung, Druck, funktionieren müssen um jeden Preis, ich warte auf den Zusammenbruch in mir oder um mich herum, auf Kraterbildung, auf das Ende des Sommers. Warum so traurig, warum so resigniert, meine Liebe?
Ich kann das faulend-fette Mich und das ominöse Es und das dröhnende Alles nicht mehr ertragen.
Ich will nur noch schlafen, bis die Welle vorbei ist.

Montag, 8. Juli 2013

Fucking fünf Kilos.

Okay: Zum ersten Mal seit drei Monaten auf der Waage und das Resultat meiner perversen Fresserei lacht mich an, grau auf grau. 65,2kg. Ich könnte jetzt sagen, das sind doch nur fucking fünf Kilos, dann fühle ich mich wieder ansehlicher. Ich weiß es. Aber es sind eben auch fucking wabbelige Oberschenkel und Arme, es ist ein fucking aufgedunsenes Gesicht und ein fucking weicher Bauch in der Präsens-Form.
Dieses Gewicht hatte ich seit fucking drei Jahren nicht mehr. Übermorgen kommt Lennard aus dem Urlaub zurück und mein verzweifelt-armseliger Wunsch war, während seiner Abwesenheit signifikant an Gewicht zu verlieren, so viel, wie eben in einer Woche möglich ist; so viel, dass er es bemerken muss. Warum ist mir das so wichtig? Ich habe Probleme, etwas zum Anziehen zu finden. Probleme, zu verdecken was verdammt nochmal nicht zu meinem fucking Körper gehören soll, als wäre mein Ich etwas statisches, verborgen unter Unterhautfettgewebe, und man (also ich) könnte es wie ein Bildhauer freilegen, indem man Schicht für Schicht abträgt.
Ich erinnere mich an die letzte BIA-Messung im Fitnessstudio, das war kurz vor der Trennung von T., also irgendwie im Frühjahr. Die Waage zeigte 52,3 kg an und mein Trainer kratze sich am Kopf: "Naja, bei deiner Größe solltest du mal mindestens 65 Kilo wiegen, das ist viel gesünder und sieht auch viel besser aus." Ich lachte und meinte, ich wolle das Gewicht halten.
Stattdessen habe ich... zugenommen. Was zu erwarten war.
Und sage mir täglich - morgen geht's los. Morgen.

Samstag, 22. Juni 2013

Inside your pretending / crimes have been swept aside / somewhere where they can forget.

Gibt es etwas demütigenderes, als Unterwäsche anzuprobieren und seinen weichen Körper in Pseudo-Reizwäsche gezwängt in diesem furchtbar grellen Licht ausgeleuchtet zu sehen? Kleine Panikattacke, ich schwitze ohne Ende. Drei Höschen landen auf dem Band (weiß, schwarz, Spitze, alle in verschiedenen Größen). Die Kassiererin sieht aus wie Miss Piggy. Ich greife eine Packung Toffifee, mein Spiegelbild in der Rolltreppe ist die reinste Folter.
Ja, es geht immer noch demütigender! Vor dem Kaufhof laufe ich T.s Exfrau inklusive Sohnemann in die Arme. Ich ignoriere sie und schäme mich dafür. Aus dem Augenwinkel versuche ich, ihre Kleidergröße einzuschätzen. Willkommen im Kopfkino einer traurigen Existenz: Nacktbilder von T.s anderer Exfreundin (durchtrainiert, braungebrannt, nasses Haar), Bikinifotos von seiner Exfrau (kurvig, Sonnenbrand, enorme Oberweite), meine Wenigkeit hingegossen auf seinem Bett (milchig-weiße Haut, zerstrubbelte kurze Haare, blau-gefleckte Brüste und frisch vernarbte Unterarme) und in unserem Flur-Spiegel vor zwei Jahren (Knochen, Knochen, glühende Augen, endlose Beine und Schatten und Knochen). Verdammte Scheiße.
Gibt es etwas demütigenderes als das Wissen, wer man sein könnte, hätte man die Kraft dazu? Wer man war und wie man sich geschämt hat? Wie man sich hat benutzen lassen? Wie man gelogen hat?
Ich senke den Blick und stolpere zur Bushaltestelle, höre Portishead ("Did you really want? Did you really want?"). Auf Toffifee folgen Käsespätzle, auf Weinen folgt Wut, auf Bilder folgt Leere, vier Zigaretten. Einsamkeit ist nicht unbedingt die Abwesenheit von Gesellschaft, sie kann auch Reizüberflutung sein, Schritte im Treppenhaus, das Wissen um sechs Milliarden Vollidioten. Einsamkeit in meiner Glasglocke Selbsthass.
Histrionische Persönlichkeitsstörung, sehr spaßig. Hat was mit Hysterie zu tun und mit Oberflächlichkeit. Ich möchte nicht sehen, dass die Frauen, mit denen ich in der Klinik war, wieder nach Heroin-Chic aussehen. Ich möchte nicht meine Oberschenkel kaschieren müssen, Berührungen nur noch im Dunkeln genießen können. Eigentlich möchte ich mir wehtun, aber meine Eitelkeit ist stärker (Narben kommen einfach Scheiße im Sommer). Gibt es etwas demütigenderes als nicht gesehen zu werden?

Donnerstag, 20. Juni 2013

Shortcut.

Ich wache auf, als das Unwetter beginnt - die Dokus auf 3sat sind unbemerkt in einen Film Namens "Amateur" übergegangen (es geht um einen Pornoproduzenten mit Amnesie und Isabelle Huppert als nymphomane Ex-Nonne), der mich irgendwie fesselt, sei es nur aufgrund der blaugefärbten Bilder. Ich fühle mich wie jemand, der eine große Auflaufform kalte Lasagne in sich hineingewürgt hat und zwei fette, juckende Herpesbläschen auf den Lippen spazieren trägt. Ziemlich widerlich und pervers im Großen und Ganzen, ist der Tod näher als das Leben.

Edit 3:30am
"Der freie Wille" ist auch so ein Film. Sehe ihn gerade zum zweiten Mal und bin fassungslos vor Ekel und Traurigkeit und ob meiner Schwere. Determinismus? Die Gedanken reisen zu Szenen mit Rasierklingen und Schwänzen, und zum Meer. Ich wusste gar nicht, dass Belgien Küsten besitzt.

Sonntag, 16. Juni 2013

Wasser bei die Fische.

Es ist ja nicht so als hätten sie nicht Recht behalten. Discounter-Cookies kauend verschwinde ich leicht bekleidet in den Tiefen der Bettengrotte, die Füße klammern sich an Metallstäbe und Zipfel von IKEA-Bettwäsche. Wenn ich die letzten Tropfen Wasser trinke, schraubt sich immer diese Kamel-Karawanen-Assoziation in meine Gedanken, Wüste, Weite, quälender Durst.
Hässlich und dumpf, wie ich bin, schließe ich die Welt aus und zweifle. "Ich glaube, Leben heißt für mich reine Gegenwart. Ich neige dazu, in der Vergangenheit zu verweilen oder mir die Zukunft auszumalen. Wirklich leben bedeutet wohl, den Moment wie er ist auszukosten und dabei mit sich selbst im Reinen zu sein, weil es in der Vergangenheit nichts mehr gibt, was traurig stimmt und in der Zukunft nichts, was ängstigt.", schreibt Anna und trifft mit dem Kopf den Nagel, meinen Nagel. Nüsse in Honig und Salz sind auch nur Fluchtfahrzeuge in meinem perfiden Überfall-Szenario; der Ekel vor dem eigenen Körper kann nur Mittel sein, nie das Ende. Ich will nur wissen, warum das Früher so unglücklich war. Das Jetzt benutzen wissen, irgendwann.
Es ist ja nicht so, als hätten sie nicht Recht behalten, mit all ihrem Metaphern und Hypothesen und geschmackvoll eingerichteten Gesprächssituationen, mit der Wut und der Sanktionierung, mit den großen Ideologien. Vielleicht ist es Zeit, die Affenzehen zu lösen, den Affentorso aufzurichten und ein paar Schritte mit geschlossenen Augen zu machen. Was ist das, Spaß? Was ist das, Hunger? Was ist das, Akzeptanz und Einsicht? Es ist dieser verzweifelte Durst im Sommer.

Samstag, 8. Juni 2013

Passive Agressive.

Autosuggestiv The Stone Roses hören bringt's wirklich. Es ist immer noch ekelhaft warm (ich bin wirklich ein Winter-Mensch), ich bin immer noch die vollgefressene, unförmige, ungeduschte, unausgelastete, asexuelle, wehleidige Ausgabe meiner Selbst, aber es geht. Irgendwie. Besser als gestern.
Der Gedanke alles hinzuschmeißen, heute Nacht noch präsent, ist wieder abgetaucht. Irgenwie gewöhnt man sich daran, dass die Schübe kommen und gehen, sinuskurvenförmig Ping-Pong mit meinem Lebensmut und meiner geistigen Verfassung spielen. Abwarten und Kaffee trinken - Selbstwirksamkeit ist was anderes, Eigenverantwortung auch.

Vorgestern: Frau L. fragt mich, warum ich zu allem "Ja und Amen" sage. Ich muss passen, spiele mit Lulus Uhr an meinem Handgelenk und halte Tränen zurück. Sie mustert mich lange und wartet. "Wissen Sie, wenn ich könnte, würde ich wahnsinnig gerne allen mal meine Meinung sagen, unzensiert." - "Wer sind alle?" - "Alle eben." - "Und was würden Sie sagen?" - "Was ich wirklich denke." - "Was hält Sie denn davon ab? Glauben Sie, Ihr Umfeld könnte Ihre Agression nicht aushalten?"
Jackpot, Sie haben es erfasst. Ich glaube, dass meine wahre, bedürftige, verletzliche, zickig-launische, lustlose, unendlich wütende, großspurige, habgierige, dümmliche, eifersüchtige, dramatische, suizidale, nervtötende, emotional in vielerlei Hinsicht traumatisierte, hungrige, polternde, winzig kleine, unstete Persönlichkeit niemand, wirklich niemand ertragen könnte. Deswegen schlucke ich lieber. Alles. "Ich schlucke alles, wissen Sie?!", ich werde laut und reiße die Augen auf.
Frau L. ist ganz ruhig. "Ihr Problem ist, dass Sie nur diese eine Sicht auf Sie selbst zulassen. Sie denken, jeder würde Sie verurteilen und Sie exakt so negativ einschätzen, wie Sie selbst es tun. Sie wollen ja auch nichts anderes hören, Komplimente sind Lügen, Nettigkeiten sind eigennützig, Sie ertragen weder Umarmungen noch Zuspruch. Wer Ihnen sagt, dass er an Sie glaubt, setzt Sie unter Druck. Sie lassen niemanden an sich."
"Im Gegenteil, ich lasse viel zu viel viel zu nah an mich." - "Das ist kein Widerspruch. Aber Ihre Beziehungen sind einseitig, solange Sie Ihr Selbstbild verteidigen." - "Das ist Selbstschutz." - "Ich weiß. Aber wovor schützen Sie sich? Was sollte ich Ihnen schlimmes antun?" - "Sie könnten über mich triumphieren, mich manipulieren, mir meine Kritikfähigkeit nehmen..." Sie schüttelt den Kopf.
Ich erzähle ihr von meinen Fressgelagen und dass ich Schwierigkeiten habe, das Haus zu verlassen. Ich jammere. Ich heule rum, dass ich nicht kotzen kann, "...nur neulich, wissen Sie, da habe ich meinen Kotzpunkt gefunden, glaube ich. Beim Oralsex. Seitdem denke ich, wenn ich nur lange und tief genug in meiner Kehle bohre, müsste ich es doch schaffen... Denke ständig daran, ein Ass im Ärmel." Ich schildere grausame Träume von inzestuöisen Vergewaltigungen durch meine Mutter, taste mich durch Kindheitserinnerungen (Wie ich meinen Vater beim Masturbieren erwischte - Teil 1-4, Wie meine betrunkenen Eltern alle Hemmungen verloren - das Archiv, ect). Am Ende der Sitzung schlage ich meine Schienbeine, um mich wieder zu spüren. Wütend bin ich und stumm.

Mittwoch, 22. Mai 2013

Fluchtpunkt.

Schokolade (zwei Tafeln), Milchkaffee mit Sojamilch (2 Liter), Meeresfrüchte (aus Nougat, 1 Packung à 250g), Müsli (100g), Pistazien (halbe Tüte), Salat mit gebratenem Tofu (lecker!), Erdbeeren (Hand voll), Ciabatta mit Butter und Käse (zu viel), Brot (roh), Fleischsalat (pur), eine Tüte gesalzene Mandeln. Das war noch ein "guter" Tag.

Mir fehlt es an Körperspannung, ich fühle mich wie ein schlaksiger Schrat von dreizehn Jahren mit unproportionierten Fettpölsterchen an Armen, Beinen, Hüften und Bauch. Das Gesicht nicht zu vergessen.
Ich krümme den Nacken und verschwinde in Opas grauem Pullover, quadratisch praktisch gut kompakt.
Innen hält sich die Waage: Sicherheit und Abwesenheit, totale Ambivalenz. Pläne, Konzentration und Funken - Selbsthass, Angst und Lethargie. Depression. Merke: Ausgeglichen ungleich gut, wenn man es mathematisch aufzieht.
Jeder weitere Atemzug macht die Luft schwerer. Der Puls klingelt in den Ohren. Ich öffne den Mund, um meiner Mutter zu antworten, aber da kommt nichts. Keine Stimme und keine Bewegung.
Nicht mal Lust, eine Zigarette zu rauchen, gar nichts, nothing, rien, niente.
Alles ist so flach und eben. Ich bin nicht zu erreichen, wenn ich hier bin.
Gleichzeitig sehne ich mich danach, erreicht zu werden, auch wenn ich weiß dass es unmöglich ist.
Ich bin der Punkt am Horizont. Ich bin der tote Affe im Sand. Ich bin in meinem schäbigen Gehirn gefangen.
In die Schlafstarre mit diesem grotesken Körper!
Worte heraufbeschwören und schlucken, Berührpunkte erinnern (auch wenn man nichts fühlt außer dem chaotischen Grauen eines post-katastrophalen Szenarios aus Sicht der Gegner).

Samstag, 18. Mai 2013

Wenn drei Feuerzeuge neben dir liegen und keines beim letzten Versuch eine Flamme spendet, die groß genug wäre um damit Brand zu stiften.

Benutzte Müslischalen und Kaffeetassen, Tabakkrümel, Bücherberge und aufgeschlagene Zeitungen voller rätselhafter Codes, ein Haufen dreckiger Wäsche, Knoten in der Brust, Kontoauszüge, ein verhasstes Mobiltelefon und ich, inmitten meiner Schatten von grau zu schwarz zu unsichtbar.
Mein Chaos ist perfekt durchchoreographiert, es beginnt bei meinen klebrigen Fingern und endet zwischen Zwerchfell und geteerten Lungenflügeln in einem zitternden, gefräßigen Schlund: Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich Angst habe. Kann gar nicht so viel weinen, wie ich Schmerzen verspüre.
Ja, das ist wehleidig und ich bin es zumindest meiner Therapeutin schuldig (wenn nicht sogar meiner Mutter), strategisch vorzugehen, es ist Krieg. Aber wo anfangen?
Wenn man unendlich ist, gibt es keine körperlichen Grenzen und keine metaphysichen, der Tod lümmelt auf dem Teppich vor der Glotze und sortiert Rasierklingen, sein Blick ist weit und seine Finger aschgrau. Er nickt mir unmerklich zu - Guten Morgen, Frau R., ich wollte Ihnen nur mittteilen, dass ich bereit bin. Bereit, wenn Sie es sind, Clarice.
Wer sitzt daneben? Zwei Silhoutten meiner Selbst, eine ausgezehrte Kreatur ohne sekundäre Geschlechtsmerkmale und ein Koloss mit Schokoladenmund. Seid ihr die Optionen? Ich suche den Raum ab nach einem vernünftigen Selbstbild, vielleicht Phoebe mit Abiturzeugnis oder Phoebe in einem Auto oder Phoebe Hand in Hand mit einem Menschen, der sie glücklich macht. Das sprengt offenbar meine Phantasie, wir sind immer noch alleine, meine Monster und ich.
Der Tod bedient sich bei meinem Tabak.
Die ausgezehrte Kreatur kokst und wippt manisch mit dem Fuß.
Der Koloss schlägt rhytmisch den breiigen Schädel gegen die Dachschräge.
Gute Gastgeberin, die ich sein möchte, bleibe ich passiv und lausche.
Flugzeuge im Bauch und über meinem Fenster, jemand kehrt im Hof. Ich schwitze. Mein Gesicht ist taub und aufgedunsen, alle Türen offen rast das Herz den Gedanken nach und pumpt und pumpt.
Meine Schuldgefühle bringen mich um den Verstand: Nie wieder jemanden vor den Kopf stoßen, nie wieder jemanden fordern, nie wieder fett sein. Ich denke über Gebete nach und über Filmsequenzen (Denn sie wissen nicht, was sie tun; The Dark Knight). Alles so weit weg, mein Körper zu eng und zu groß, meine Augen zu blind, ich hasse meinen Vater und meine Schwäche mit verzweifelter Intensität.
Frau L. sagt, da ist ein Überlebenstrieb. Wo zur Hölle ist mein Geld? Wo ist meine Selbstachtung (rhetorische Frage, klar)?
J. kommt später auf einen Kaffee vorbei und ich weiß noch nicht, welche Haut ich tragen werde um ihr die Milch für den Kaffee aufzuschäumen. Die Furcht ist meine Glasglocke und mein Segelboot.
Einmal nur in einer Umarmung ankommen!

Freitag, 17. Mai 2013

Hasenherz.

Die Hochs sind zu hoch, die Tiefs zu tief.
Wobei die Tiefs überwiegen: Kilmometer für Kilometer in Richtung Erdkern sinken und die Frage, wozu frieren, wozu Worten Atem geben, wozu?
Die Weltenschwere, nennst du das. Und sagst, dass das kleine Glück immerzu wartet.


Ich hasse mich so sehr.




Radiohead - How To Disappear Completely
Iron and Wine - Waiting For A Superman
Tocotronic - Die Neue Seltsamkeit

Dienstag, 14. Mai 2013

50 gute Gründe, sich 10.000 kcal reinzupfeifen.


1. Mir geht's zu gut.
2. Meine Mutter hat eingekauft.
3. Ich bin alleine zu Hause.
4. Mir geht's dreckig.
5. Ich bin ohnehin satt bis übersättigt.
6. Hunger.
7. Hunger (seelischer Natur).
8. Ich war nicht im Fitnessstudio.
9. Langeweile.
10. Zu viel Stress.
11. Meine Mutter hat gekocht.
12. Jemand sagt mir, ich sei "dünn".
13. Jemand sagt mir, ich sei "fett".
14. Da sind Reste im Kühlschrank.
15. Ich war im Fitnessstudio.
16. Angst.
17. Ich fühle mich unverstanden.
18. Meine Beine sehen verdammt fett aus.
19. Jemand gibt mir etwas zu Essen.
20. Ich habe Geld.
21. Mein Bauch ist schön flach / hässlich aufgebläht.
22. Es ist vier Uhr morgens.
23. Da gibt es ja einen Süßigkeitenautomaten!
24. Ich wiege mich.
25. In unserer Wohnung gibt es ja Schokolade!
26. Ich komme gerade von der Therapie.
27. Ich muss Zeit totschlagen, warte auf etwas bestimmtes.
28. Nervosität.
29. Nihilismus.
30. Ich hasse mich, yippieh yeah!
31. Lulu backt Kuchen.
32. Wenn ich tot bin, ist es auch egal wie viel in meinem Magen war, oder?
33. Ich bin pleite.
34. Verzweiflung.
35. Wenn ich eigentlich gerne schreien möchte.
36. Das Buch / der Film ist zu Ende.
37. Gefühl innerer Leere.
38. Ich habe zugenommen.
39. Jemand, den ich kenne, hat abgenommen.
40. Alle glotzen mich an.
41. Herzschmerz.
42. Habe keine Drogen zur Hand.
43. Alles ist perfekt.
44. Ich fühle mich ungeliebt.
45. Autosuggestion: Ich werde schon aufhören können (denkste!).
46. Mir ist eh alles scheißegal.
47. Irgendwer sagt, ich solle mehr essen.
48. Flashbacks.
49. Ich sehe in den Spiegel.
50. Blutzuckerabfall.





Mag noch jemand etwas hinzufügen?


Montag, 13. Mai 2013

"Und sind wir umstellt von unserem Scheitern, dann bauen wir auf Räuberleitern."



Der Druck fällt, Brust schwingt wieder federleicht,
kein Monster mehr, das aus dem Nebel steigt,
mehr Monster werden kommen, doch sie kommen
erst mit dem Dunst raus am Abend.
- Und sollen sie doch kommen, denn wenn sie komm’,
werd’ ich alle erschlagen.

(Prinz Pi - Unser Platz
)




Abgesehen von den obligatorischen Geldsorgen geht es mir wirklich gut. Amen.
Zusammenfassung der letzten fünf Tage in Stichworten: Aufbäumen der anorektischen Gedanken in der Therapie - Fressgelage extrem - Sehnsucht - spontaner Nachmittag mit Penny auf ihrem Balkon - interpersonelle Konflikte dekonstruieren - Bowling mit den Leuten ihres Freundes - Vorstellungsgespräch am Samstagvormittag bei einer Nachhilfeschule um die Ecke - wunderschön entspannter Nachmittag mit Lennard inklusive ernstem und aufrichtigem "Beziehungsgespräch" - Spieleabend zu viert ("Das Spiel dauert neunzig Minuten und am Ende gewinnt immer Penny") - zwei professionell gebaute Joints um halb zwei Uhr morgens - die Musik unserer Eltern und endlose Lachflashs - der beste Sex meines bisherigen Lebens - unterbrochen von einem plötzlichen Übelkeitsanfall seinerseits (ich dachte, so etwas passiert nur in Filmen) - Zigarette nackt auf dem Balkon - Sorge - Besserung - gemeinsames, zugedröhntes Einschlafen - gemeinsames, zugedröhnt-verkatertes Aufstehen um halb neun morgens - Knack-und-Back-Brötchen mit Erdnussbutter und Marmelade - Sims-City-Let's-Play schauen und im gleichen Rhytmus atmen - übereinander herfallen - vollends erfüllt und high ins Auto meiner Mutter springen und zu meinem Opa fahren - unterwegs mit Lulu deutschen Hip-Hop hören (Käptn Peng, Prinz Pi, Casper) - Opa aufpicken und zusammen essen gehen - in einer wunderschönen Altstadt im Odenwald das einzige und ekelhafte vegetarische Gericht bestellen (zerkochtes, ungesalzenes Gemüse mit Sauce Hollandaise) - das "Grab" meiner Oma besuchen, welches eigentlich ein Baum ist, vor dem ihre Urne vergraben wurde - Kakao trinken und durch den Wald tanzen - eine Kinderschaukel, losgelöstes Lachen, Erinnerungen leben, Glück - auf der Rückfahrt im Auto Radiohead hören und einschlafen - zu Hause weiterpennen - die Nacht mit klugen Texten, wilden Theorien und Pornos verbringen - Montagfrüh mit Lulu Kaffee trinken - Fitnesstudio: 1000 kcal verbrennen - philosophische Texte im Bus lesen - zärtliche SMS mit Lennard austauschen - die Sparkasse hassen, welche mein Geld zurückhält - von Mama Strumpfhosen gekauft bekommen - für Lulu vegane Zucchini-Spaghettie-Carbonara kochen - mit ihm am Telefon Alltagsgeschichten austauschen und verliebt sein in eine dunkle Stimme Ohr Herz und Kopf - die Glotze anmachen und den Tag mit kritischen Dokus und Frank Plasberg ausklingen lassen





Ich sitze hier seit einer Stunde in Lulus tollsten Mantel gehüllt (Raucherzimmer wollen gut gelüftet sein) und pulsiere vor Lebenswut. Im positivsten Sinne. Lernen, Abnehmen, Arbeiten, unter Menschen sein statt unter Geistern.

Samstag, 20. April 2013

Demo gegen Brei.

Jetzt bin ich wirklich krank, motherfucker yeah!
Mein Kopf fühlt sich an, als säße er zwischen meinen Bronchien, meine Nase läuft und läuft wie der gute alte VW-Käfer, Ohrenschmerzen, Jackpot.
Hinzu kommt ein gewissenloser Drang zum Fettzellen-Ausbau. Schokolade? Schokolade! Weizen? Butter? Kiloweise.
Vorhin fuhr ich mit Lennard - auf dem Rückweg vom Gartencenter - durch die Geisterstadt Dietzenbach, Iggy Pop fauchte aus den Boxen und meine Finger umschlossen die seinen auf der Kupplung.
Wir redeten über Alpträume und Kaffeesahne und Nichtraucher-Autos, teilten eine Laugenbrezel (ich esse das Salz).
Der Sturm im Wasserglas. Er fragte, ob ich über das Brei-Sein reden wollte, meine metaphorische Zustandsbeschreibung aus der letzten Therapiesitzung. Ich negierte und trommelte "The Passenger" auf das Armatourenbrett.
Es gibt Momente, in denen man die eigene Unzulänglichkeit zum Gegenstand machen sollte, dies war keiner davon. Zu viele einfache Kohlenhydrate im Blut, zu viel Rotze in den Nasennebenhöhlen, zu viele Elefanten der Angst auf den krummen Schultern. Meine Wirbelsäule leidet unter einer bestimmten Form der Skoliose, man könnte es auch Buckel nennen. Meine Fähigkeit zum Seelenstriptease vor Männern, die mich in Träumen heimsuchen, steigt umgekehrt proportional zur empfundenen Attraktivität meines Körpers.
Ich finde rot-fleckige Gesichter und glasige Augen in Kombination mit Fressbauch und Herpesbläschen nicht besonders sexy. Kann man vielleicht drüber streiten. Er fand es offenbar auch nicht.
Im Endeffekt gebe ich mir hier und jetzt den Freibrief, weiterzufressen, bis ich wieder auf dem Damm bin. Aus Faulheit und Frustration und einfach, weil ich mir noch mehr Gründe liefern möchte, mich zu bemitleiden.
Nicht dass das falsch verstanden wird - mein Tag war wunderschön. Mein Immunsystem schwächelt nur ein bisschen, wenn es darum geht, Rückenpiekser von divine men oder die Invasion der autodestruktiven Dämonen meiner Seele abzuwehren. Letztere tragen übrigens T-Shirts mit Bansky-Motiven zu stoischen Mienen und schwenken Banner mit der Aufschrift: "Chocolate Killer" und "Drag behind!".
Hübsche kleine Manifestation der Schwäche in Zeiten der Angst.











Montag, 15. April 2013

22° / Grenzen und Panorama.



Augenaufschlag - Sonne! Einen Kaffee kochen, Zigarette drehen, los geht's.

"Man sollte, ich sollte erst mal lernen, Raum für mich sinnvoll zu füllen und das zu genießen, dann kann ich es sicherlich auch fordern. Meine Therapeutin ist da ganz zuversichtlich."
"Ich glaube das lernst Du auch noch. Vielleicht kann ich einen kleinen Beitrag leisten."
(Phoebe und Lennard schriftlich gestern Abend via the blue monster)

Ich hatte eine kleine Meinungsverschiedenheit mit meiner Schwester, kommt hin und wieder vor. Lulu hält ihren Freund zur Zeit ziemlich auf Abstand, reagiert nicht auf Anfufe und zuckersüße SMS.
Ich, der dieses Verhalten relativ fremd ist, versuchte ihr ins Gewissen zu reden: Weißt du eigentlich, wie scheiße man sich fühlt, wenn man mit Wänden redet? Kannst du nachvollziehen, wie sehr Abweisung verletzt? Wie klein und hilflos du dein Gegenüber machst, indem du es hinhälst und am ausgestreckten Arm verhungern lässt?
Lulu wurde regelrecht wütend. "Misch dich da nicht ein, du hast keine Idee, wie scheiße er mich behandelt."
Schwestericher Beschützerinstinkt geweckt. Ich hakte nach. "Egal wie häufig ich betone, dass etwas wichtig für mich ist, es gibt immer Dinge, die ihm wichtiger und wertvoller erscheinen, als mir ein einziges Mal richtig zuzuhören. Stell dir vor, du breitest dein Innerstes aus, komplett. Und dann wartest du und wartest, auf eine Reaktion, auf Anteilnahme, darauf, dass er zumindest registriert, was du da redest. Und es kommt - nichts!", sie wird lauter, "Wie oft habe ich ihm von dem Isreal-Projekt erzählt? Ständig? Und dass ich wahrscheinlich vollkommen eingespannt wäre und diese Woche wohl keine Zeit für ihn hätte? Und er? Er schreibt mir am Abend des Abschiedsessens, ob ich mit ihm und Muffin in die Bar gehen würde? Holzkopf?! Nur ein einziges Mal ernst und wahrgenommen werden, nicht als die, die er gerne hätte, sondern als die, die ich bin!"
Ich musterte betroffen ihre IKEA-Bettwäsche.
Natürlich hat sie das Recht, Raum und Zeit für sich zu beanspruchen, ihrem Freund abzusagen. Gerade wenn sie eine Woche quasi rund um die Uhr mit den Israelis und dem Filmprojekt beschäftigt war.
Ich überlegte lange, was ich sagen könnte. Gab ihr einen Kuss und veranstaltete meinen ersten veganen Fressanfall. Legte mich ins Bett, ohne die Kriegsbemalung abzuwaschen.
Meine innere Analytikerin sieht das Vollstopfen indes als Sublimierung meines Mankos an Selbstwirksamkeit: Ich vergleiche mich und meine Bedürfnisse mit denen meiner kleinen Schwester (und ihrem bunten, aufregenden Leben) und fühle mich eindimensional. Vielleicht sehe ich zu viele Parallelen zu Lulus Geltungsbedürfnis, die mir Angst machen, vielleicht zu viel Ähnlichkeit mit ihrem Freund, der nach Aufmerksamkeit und Bestätigung giert und die Pläne und Ideen seiner Lieben blauäugig ignoriert.
Ich weiß es nicht.
Stelle jedoch erleichtert im Badezimmerspiegel fest, dass mein Sixpack trotz Müsli-Orgie und Sprite und dem göttlichen vietnamesischen Essen mit Lennard gestern Nachmittag sichtbar bleibt, wenn ich die Muskeln anspanne. Die ewige Flucht in den Spiegel: Mein Körpergefühl war am Wochenende ziemlich gut. Ich fand mich von Zeit zu Zeit extrem hässlich, aber durchtrainiert und schlank. Immerhin.

Mein Horizont erweitert sich stetig. Ich bereichere mich um Erfahrungen zwischenmenschlicher, kulinarischer, kultureller, sexueller, emotionaler, buddhistischer, haptischer Natur. Alles binnen 48 Stunden.
Und auf paradoxe Art und Weise gewinnt der Weg, den ich vor mir sehe, an Begrenzung und Struktur. Möglicherweise schließt es sich nicht aus - das weite Sichtfeld und die Offenbarung einiger Straßenschilder, die mich beruhigen. Hier geht's lang, das passt schon. Ein Auto mit Panoramablick und Navi.

Der Sommer zieht mich zum ersten Mal seit Jahren in seinen Bann.

Freitag, 5. April 2013

Was ich in den Keller bringe.

Es gibt diese Analogie zwischen einem geordneten, sauberen, strukturierten Umfeld und innerer Ruhe beziehungsweise Konzentrationsfähigkeit. Jetzt, da mein riesenhafter, klobig-schwarzer Schreibtisch aus meinem Zimmer und mehr als die Hälfte an Büchern und Schnickschnack aus meinem Blickfeld verschwunden sind, eröffnen sich plötzlich neue Möglichkeiten.
Indem ich alte Bilder, Briefe und Postkarten wegwerfe und alte Tagebücher in den Tiefen des Kellers verschwinden lasse, versuche ich, eine Andere zu werden.
Die Vergangenheit töten, leere Leinwände und kubikmeterweise Luft freiräumen, die ich so dringend brauche. Ich weiß, dass das nicht so einfach ist. Erinnerungen, Erfahrungen kleben an nackten Fußsohlen wie Tabakkrümel und Staubflusen. Sie erden und stören zugleich.
Die Freiheit, die Neugier, die Sehnsucht; die diesen neuen, leeren Raum bebildern, stehen in krassem Kontrast zu der Angst, die mich Tag und Nacht begeleitet. Zur Verzweiflung, die mich überkommt, wenn ich keine Begrenzungen mehr wahrnehme, alles offen und hell erleuchtet und unendlich erscheint. Zur Traurigkeit, die mir die Luft abschnürt, wenn ich so viel Glückseligkeit und Harmonie empfinde, dass es schmerzt - weil ich ihn kaum ertragen kann, den freien Fall. Den Gänsehautschauer.
Es überfordert mich, dass es mir besser geht, und zugleich ängstigt mich, dass es mir nicht wirklich besser geht. Mein Essverhalten schwankt nach wie vor zwischen katastrophal und restriktiv-genussvoll (wobei letzteres sich nicht ausschließen muss, wie ich finde), ich grübele ständig über meine finanzielle Notlage und die meiner Familie nach. Auf meine Bewerbungsschreiben erhalte ich wenig Rückmeldung, die Abitursachen ignoriere ich geflissentlich. Mehrmals am Tag überkommt mich das große Zittern, die transzendentale Flucht nach vorne, hinten oder oben. Ich trete aus meinem Körper heraus und leide wie ein gequälter Hund.
Dann wieder bin ich vollkommen bei mir, sitze stundenlang über philosophischen Aufsätzen (Wilhelm Schmid!), abwechselnd auf eine Zigarette oder einen Bleistift beißend.
Nähe und Distanz und Erkennen und Verlieren und Plantetenkonstellationen.
T. ist seit einer Woche in einer Klinik. Er schreibt SMS, in denen er sich entschuldigt, aber ich reagiere nicht.
Ich will ihn zu altem Möbiliar in den Keller packen, alle Verletzungen und Narben und jeden Tropfen auf seinen Lippen verblassen und verstauben lassen, bis ich irgendwann groß genug bin, sie aus sicherem Abstand zu begutachten und einzuordnen wie Museumsartefakte.
Nicht jetzt, nicht morgen. Nicht in einem Jahr.
Vielleicht werde ich krank, ich fühle mich körperlich ebenso brüchig und wackelig wie in mir. Nicht, dass ich so aussehen würde - der Spiegel sagt: Dein Haar glänzt, deine Wangen leuchten, du bist fett und rosig. Kaum zu ertragen, dieser Körper, stundenweise vielleicht. Ich hasse, hasse, hasse es zu Schwanken, nicht bei mir bleiben zu können. Zu viel Bedrohliches draußen. Zu viel Dunkles drinnen. Zu viel Schönes in der Luft, als dass ich nicht umhin käme, hin und wieder loszulassen und zu genießen. Wunderschön, Zuversicht.

Und dann gehe ich wieder Fressen.

Gestern saß ich mit Penny in ihrem weißen Benz, das Dachfenster offen und die Sonne glitzernd.
Sie drehte Madsen auf:
Alles was ich will,
ist, dass du mir glaubst.
Es geht nicht mehr bergab,
nur noch bergauf.

Denn zum Glück ist das alles jetzt vorbei,
denn ab heute gibt es nur noch Sonnenschein.
Ja zum Glück hab ich endlich einen Traum,
tu mir den Gefallen, weck mich bitte nicht auf.

Samstag, 30. März 2013

Das große Fressen [Take 17653790].

Essen.
Scheiß-verficktes-Hass-Kack-Huren-Essen.
Vorgestern ging es los mit einem Nachmittagssnack auf der Tanke in der Nähe von Stuttgart. Cornetto-Arschlecken mit Schokolade. Hätte ich besser mal bleiben lassen.
Nachdem ich tatsächlich fast eine Woche ohne Essanfälle und Abführmittel und Entwässerungstabletten durchgestanden habe, ist die Versuchung nun groß, einen Cocktail einzuwerfen.
  Situation vorher: Essen und trinken, wenn ich Hunger bzw Durst habe, sorgfältig gekocht, relativ low carb und high protein. Viel vegan. Viel gesund. Viel Ballaststoffe. Ausreichend (?). 5x Fitness.
  Situation seit der Fahrt zu meiner Cousine: Essen und trinken, wenn ich nervös oder gelangweilt bin. Viel Kohlenhydrate, viel Zucker, viel Fett. Sehr viel Schokolade und Nutella. Viel Weißbrot. Viel sinnlos rumgehangen, kaum bewegt.
Adieu, Hüftknochen, High-Gefühl und Askese! Willkommen, Pseudo-Schwangerschafts-Bauch, fette Schenkel, Übelkeit, Ekel!
Es kotz mich an, über diesen Scheißmist lamentieren zu müssen, aber es muss irgendwie raus.

Der "Auslöser" für das große Fressen (im übrigen ein großartiger Film mit Michel Piccoli) war, denke ich, die Anspannung im Auto. Wir waren viel zu spät losgekommen und im Berufsverkehr gestrandet. Eine Stunde Stau, dann die falsche Ausfahrt genommen, nochmals eine Stunde Stau. Meine Mutter, die am Steuer saß, war den Träünen nahe und grausam schlecht gelaunt, mein Stiefvater mit der Google-Maps-Wegbeschreibung überfordert und dezent gereizt. Lulu und ich, vorsichtig Zweckoptimismus verbreitend, hatten keine Chance. Ich finde es schrecklich, wenn meine Mutter so verzweifelt, so hilflos, so ausgeliefert ist. Jammert, sich bemitleidet, flucht. Wenn meinem Stiefvater wütende Rauchwolken aus den Ohren steben, er einsilbig und vorwurfsvoll vor sich hin murmelt.
Es stresst mich, verdammt.
Als ich endlich, nach fast vier Stunden, eine Zigarette rauchen und ein wenig Sauerstoff an mein Gehirn lassen konnte, war der Fressanfall im Kopf schon bewilligt worden. Einfach nur Fressen. Kotzt mich nicht an.

Ich weiß, dass das kein guter Mechanismus ist, mit schlechter Stimmung und Stress umzugehen.
Ich will es auch weiß Gott nicht mehr.
Wie kann Essen einmal so leicht und alltäglich und dann wieder so kompliziert, symbolbeladen und pathologisch sein?



Heute "live" gesehen:



Otto Dix: Drei Weiber


Sonntag, 17. März 2013

Nachtrag.

Ich sitze auf meinem schmutzigen Teppich im blauen Licht meines Laptop, rauche Kette und schaue "Die kommenden Tage" in der ARD-Mediathek. Das Dachfenster ist offen, aber ich friere nicht. Nicht mehr.
Der Film ist vorbei, ich stehe auf, nehme meine Teetasse und gehe hinunter in die Küche.
Ich bin alleine. Morgen geht das Fasten los, eigentlich egal, was ich jetzt mache.
Ich denke: Eigentlich bist du schon voll. Geh wieder nach oben und lege dich schlafen. Mach den Fernseher an, zappe ein bisschen rum und schlafe einfach.
Ich mache: den Rest Nudeln mit Pesto, viel Butter und Parmesan warm. Dann esse ich eine Packung Schokoladeneis (1 Liter). Währenddessen blättere ich durch die Frankfurter Rundschau.
Es reicht nicht. Also Sahne, Schokolade aus Mamas Schlafzimmer klauen (leider hat sie immer nur Bitterschokolade), klein hacken, mit einer Banane und der Sahne und einem Löffel Zucker in eine Schüssel füllen, loslöffeln.
Ich lese auch die Artikel, die mich nicht interessieren, hauptsache ich lenke mich ab von dem, was ich tue.
Es schmeckt göttlich, aber ich bin voll. Ich esse alles auf, spüle das benutze Geschirr, ein lautes Summen im Kopf.
Ich denke: Versuch doch noch mal, zu Kotzen.
Ich mache: Nichts. Außer noch mehr Abführmittel nehmen.
Was für ein Scheißleben.

Freitag, 15. März 2013

Zunehmen als Leistungssport inklusive Preisgeld? - Leipzig

Ich habe es halt einfach geschafft, in 8 Tagen 8 kg zuzuznehmen! 
Applaus bitte!
Ich hätte einen Binge-Orden verdient.
Ja, kann sein, dass es etwas weniger ist, immerhin habe ich schon zwei Milchkaffee intus und so weiter, aber die Zahl ist dennoch erschreckend. Wenigstens keine 6 vorne, sonst hätte ich wahrscheinlich direkt zur Klinge gegriffen. Halt - Stop - das mache ich ja nicht mehr.
Meine Therapeutin ist offenkundig ratlos. "Ist es der Wunsch, voll zu sein; im Gegensatz zu dem permanenten unterschwelligen Hungergefühl der Phase zuvor, der Sie antreibt?"
"Ich weiß nicht, kann sein. Ich höre einfach nicht auf. In den vier Tagen in Leipzig habe ich mir mehrmals täglich regelrecht Rationen gekauft, die dann doch nie gereicht haben. Ich habe durchgängig Sodbrennen und das Gefühl, mein Magen platzt. Schön ist das nicht. Und ich sehe die Zunahme!"
Es sieht merkwürdig aus, im Übrigen: Mein Oberkörper ist relativ knochig, Brüste klein (was mir besser gefällt als wenn sie so groß und offensichtlich da rumhängen), man sieht die Rippen im Dekollete. Dann ein schwangerer Bauch, der sich auch zum schauspielern an diversen Ostdeutschen Raststätten eigenet (ich trage Leggings und ein weites Shirt, die Hände über dem rausgestreckten "Babybauch" gefaltet, und watschele selbstvergessen umher). Es folgen die Beine: Superattraktiv! Fette Oberschenkel, die sich fast wieder berühren, und kurz über'm Knie wieder dünne Stelzen. Toller Look, Honey.
Der Knüller ist aber mein Gesicht. Ich sehe es einfach zuerst an meinem Gesicht. Was ich vor einer guten Woche noch zart und beinahe hübsch fand (an der Stelle danke, liebe Butterfly, für das Kompliment!), ist jetzt wieder undefiniert breit, pausbäckig, Doppelkinn-Ansatz. Und ein paar stylische Fress-Pickel.
Kurz gesagt - ruiniert.
Interessant ist, dass mir das in Leipzig (wo ich meine beste Freundin in ihrer ersten eigenen Studentenwohnung besucht habe) völlig schnurz war. Ich hatte vier Tage lang eine hässliche schwarze H&M-Leggings in M an, dazu wahlweise ein langes, weites Wollkleid oder einen blauen Riesen-Kapuzenpulli. Gammelige Schneeschuhe und gammelige Steppjacke von meiner Schwester (aus Kindertagen). Mütze druff, fertig. Normalerweise halte ich mich für durchaus modebewusst und ziemlich eitel und penibel, was mein Erscheinungsbild angeht, also auch Haare ect. Aber an diesen vier Tagen war es irgendwie so unwichtig.
Und es ging mir gut damit! Ich fühlte mich um meiner selbst willen gemocht und gefordert. Ganz seltsam.
Ich futterte mich durch den Tag wie eine große Raupe Nimmersatt (durchschnittlich 6000 kcal) und es war okay. Ich hatte nicht mal ein schlechtes Gewissen.
Es war wunderschön.
Wir frühstückten Müsli und Schokobrötchen mit Pflaumenmus (und einer heimlich verdrückten Tafel Schokolade, wenn J. duschen war), hörten The XX oder Florence and the Machine, hatten Kerzen an und planten den Tag. Stalkten ein bisschen auf Facebook, machten uns fertig. Also ich mich nicht richtig. Meine Freundin, müsst ihr wissen, hat einen wunderschönen Stil. Sie ist klein und sehr hübsch, trägt Pixie und große, rostfarbene Cardigans, einen coolen Mantel von ihrer Mitbewohnerin und ein wenig Wimperntusche. Das coolste an mir war tatsächlich mein alter, karierter Zara-Schal.
Wir fuhren also mit der Straßenbahn in die wunderschöne Innenstadt, zur Uni, gingen spazieren, kauften ein und kochten in der gemütlichen Altbau-Wohnung superleckeren Schweinkram mit Olivenöl und Gemüse.
Wir guckten Filme auf ihrem Laptop, im riesigen weißen Bett leigend, mit Wärmflaschen und Tee und fetten Wollsocken an den Füßen. Wir schlenderten durch eine Wohnwagensiedlung, klapperten Second-Hand-Läden ab und führten ehrliche und tiefe Gespräche über Identität, Körperbild und Philosophie.
Wenn es etwas gibt, was mich in den letzten Jahren wirklich motiviert hat, Abi zu machen, dann die Aussicht, zu ihr nach Leip'sch zu ziehen und dort zu studieren. Vergleichende Kulturwissenschaften,  Journalistik, Sozialökonomie. Sowas halt. Es wäre wirklich schön, einen Alltag zu haben. Es wäre schön, in einer Stadt zu leben, in der mich nichts an meine ekelhafte Schulzeit, nichts an T. erinnert.
In der man einfach so eine vierspurige Straße überqueren kann, ohne überfahren zu werden (versucht das mal in Frankfurt an der Konstablerwache!).
In der es zig tolle, kleine Läden gibt, alles viel billiger ist als hier. Die Häuser alt und zum Teil elegant restauriert sind. Wohnungen günstig sind (ich meine, okay, man verdient eben auch echt viel weniger als im Westen, aber damit muss man eben haushalten).
Man kann für 15€ von Frankfurt nach Leipzig fahren.
Das wär's.
Tja, und irgendwie drängt sich mir der Eindruck auf, dass ich, wenn es mir gut geht (und mir ging bzw geht es wirklich gut, zum ersten Mal seit Monaten), zum Überfressen neige.
Meine Therapeutin hat ja Recht, wenn sie mich daran erinnert, dass ich ziemlich scheiße drauf war vor 'ner Woche mit 'nem BMI von 16,7.
"Aber ich war selbstbewusster!" Stimmt das wirklich? Ich fand mich attraktiver, ja. Ich war disziplinierter. Ja doch. Aber ich war traurig.
Das bin ich auch immer noch, ganz tief drin. Ich träume viel von T. und von grässlichen Schul-Geschichten.
Ich fühle mich zwanghaft gedrängt, mich vollzustopfen, wann immer es möglich ist, obwohl ich im Spiegel eine Entwicklung sehe, die mir nicht gefällt.
Was denke ich, wenn ich Fresse? Ich denke: Hey, was solls, ich kann doch immer wieder abnehmen. Ich denke: Morgen hungerst du wieder, nur noch schnell diese Packung Vanille-Eis leermachen. Und ein Nutellaglas! Ich denke: Scheiß was drauf.
Was denkt ihr, wenn ihr fresst?
Was denkt ihr, wenn ihr im Bett liegt und das Essen in euch so intensiv spürt wie einen zudringlichen Liebhaber? Wenn ihr euch verführen lasst?
Gibt es Ausflüchte, wie bei mir?
Ich weiß nicht, was ich will. Oder vielleicht schon. Ich will dünn sein. Ich will aber auch essen können, mit J. kochen können. Rumlaufen können ohne umzukippen wegen Unterzucker. Ich will dünn sein und ich will studieren. Ich will nicht den ganzen Tag über Kalorien nachdenken müssen. Aber ich will eine 4 vorne auf der Waage sehen! Es ist so komplex und undurchsichtig.
Ich fahre jetzt ins Fitti.
Und Tabak kaufen.

Trés chic in L.