Vielleicht habe ich ein ernsthaftes Problem, wenn ich andere Männer sexuell anziehend finde. Ich flirte gerne. Ich genieße es, Aufmerkamkeit zu bekommen, zu spielen. Ich erkenne mich kaum wieder. Diese Persönlichkeit trage ich nur beim Tanzen nach außen. Fremde Körper, Nebel, Zigaretten, viel zu viel Alkhol. Mich in diesem langweiligen Club, den ich eigentlich immer meide, heute spontan und komplett ungeschminkt mit Pennys Freund (und in seinem T-Shirt, da ich viel zu warm angezogen gewesen war) zu "Alternative, Partytunes, Indie und Elektro" selbstvergessen bewegen und gleich zweimal angesprochen werden. Meine Haare zwirbeln, frech sein, dreist, lässig, selbstsicher. Und all das nur, weil mir das Gegenüber Komplimente macht?
Der Berliner, dreißig Jahre alt, ziemlich attraktiv in meinen Augen, obwohl er Mist redet (mein Job, meine Exfreundin, meine Fickhäschen, mein Intellekt, meine Ehrlichkeit, meine Männlichkeit) und ich mich im nüchternen Zustand möglicherweise nie auf das Gespräch eingelassen hätte.
So jedoch sitze ich an der Glaswand, die Bässe wärmen meinen Rücken, rauche die Luckies des Berliners und gebe mich schlagfertig und kokett. Erzähle ihm von Lennard, was es offenbar noch reizvoller für ihn macht. Fühle mich unendlich geschmeichelt, fixiere seinen Blick, bis er wegsieht. Beiläufiger Körperkontakt. Ich weiß, wenn ich nicht einen Mann in meinem Leben hätte (oder einen, der mir weniger bedeute), ich würde dieses Spiel bis zum Ende spielen, meine geschworenen Todfeinde Mr Gin und Mr Vodka tragen ihr übriges zur Situation bei. Ich würde diesen fremden Idioten ficken, bis sein schönes Gesicht vor Schweiß glänzt, ich wüsste ihn um den Verstand zu bringen und er mich um den meinen. Was immer er in mir sieht, es berührt meinen Narzissmus und meine Libido. Im Club denke ich den Gedanken nicht zu Ende, im Club bin ich unerträglich selbstsicher und naiv.
Ich frage mich, warum Lennard nicht einfach mitkommen konnte. Es ist so viel schöner, mit ihm zu feiern, ich liebe es, ihn tanzen zu sehen, ich liebe die tiefen Küsse am Rand der Tanzfläche, liebe es, wenn er ausgelassen ist und so viel glücklicher wirkt. Tanzen ist mehr als Sex, es ist aber auch Sex. Oder besser gesagt - die Idee von Sex.
Ich frage mich, was ich empfinden würde, wenn Lennard beim Feiern von einer Frau angesprochen würde und sich darauf einließe, sei es nur ein Gespräch zwischen Zigaretten und Longdrinks, ein Tanz oder zwei, ein durch-die-Haare-streichen, ein paar eindeutige Avancen, die er zu uneindeutig abweisen würde. Eifersüchtig wäre ich und verletzt. Habe ich dazu überhaupt das Recht?
Ich frage mich, warum ich jeden Kerl, den ich irgendwie ansprechend finde, in Gedanken sofort ausziehe und mich mit ihm auf dem Herrenklo, in den Laken, auf dem Rücksitz oder sonstwo vergnüge. Das kann ein Bekannter meiner Eltern sein, der Typ aus dem Club, Pennys Freund, der Kellner, der Kollege. Unter Einfluss von THC sowieso jeder und jede.
Irgendwas stimmt nicht mit mir. "Ich bin nun mal ein sehr sexueller Mensch", habe ich neulich erst zu Penny gesagt. Das Gegenteil von verklemmt. Mein Name steht auf der roten Liste der potentiell Fremdgeh-Gefährdeten, was ich mindestens seit R. weiß. Wo fängt Fremdgehen an? Erst beim Akt an sich? Beim Flirt? Beim Kuss? Messe ich den Geschehnissen von heute Nacht zu viel Bedeutung zu?
Ich überlasse dieses Stück trunkene Pseudo-Prosa mit Frauenzeitschriften-Kolumnen-Touch nun den wacheren Geistern. Also euch. Mir bleibt nur noch die Frage: Bin ich ein Arschloch? zu stellen und mich wieder anzuziehen um zur Arbeit zu gehen, schlafen werde ich jetzt eh nicht mehr können...
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Samstag, 10. August 2013
Montag, 5. August 2013
Doppelter Boden in zwei Akten.
Erster Akt.
Wir fahren durch die Allee, der heiße Föhn presst den Geruch von grünen Blättern und heißem Asphalt in unsere Nasen. Mein Helm hat kein Visier und trotz der 50er-Jahre-Sonnenbrille tränen meine Augen ein wenig. Ich umklammere seinen Bauch unter der Motorradjacke und wir rufen uns gegen den Fahrtwind kleine Sätze zu - Hast du den gesehen? - Wahnsinnig schönes Auto! - Wie gut der Wald duftet! - Das fühlt sich wie Urlaub an! - Ich bin so glücklich. - Ich auch. - Ich kann nicht aufhören, zu grinsen.
In dem kleinen Vorort stellen wir unser Gefährt ab und setzen uns auf die Treppe mit Blick auf die Kirche, essen Eis, rauchen und reden über die Zukunft. Lennards Hand sind warm und trocken auf meinem Knie und er küsst meine Schulter.
Wir stellen uns vor, ganz weit weg zu sein. Offenbach bietet so viel Urlaubs-Gefühl an staubigen Sonntagen: ein südfranzösisches Touri-Dorf mit viel Beton, niedlichen Häusern und wilden Blumen. Die hitzigen Weiten von Kansas, als wir die stoppeligen Äcker durchqueren. Die schlecht befestigte Straße durch den Wald, marmoriert von dem Licht, das durch die Blätter fällt: eine kanarische Insel. An einer verkommenen Fabrik vorbeirauschen und die Abgase der Autos riechen schmeckt nach den kroatischen Großstädten.
Wir parken vor der Gaststätte meines Stiefvaters, unsere Gegend könnte mit ihren Fachwerkhäusern und dem spätsommerlichen Charme das Elsaß darstellen, stoplern lachend in den Biergarten. Unter der großen Kastanie falten wir die Hände auf dem Tisch ineinander und halten den Film an. Das bleibt, sage ich, dieser Moment, in einem Rahmen. Du bist so schön, antwortet er. Wir kommen kaum zum Essen, so viel gibt es zu erzählen. Ich bin berührt und spüre, wie meine Augen feucht werden.
- Findest du, dass ich zu verständnisvoll bin?, fragt er.
- Nein, ganz im Gegenteil. Es rührt mich, dass du... Dass wir das können. Dass wir einander wirklich verstehen. Dass wir nichts zu sein vorgeben müssen, dass wir nicht sind.
Ich bin sehr nah am Wasser gebaut im Moment, aber das stört mich nicht. Ich bin sehr ehrlich zu ihm, er findet es nachvollziehbar und nicht weiter beunruhigend, dass ich hin und wieder um T. trauern muss. Er weiß, dass es für mich kein Zurück gibt, und ich weiß es auch, tief in mir drin. Mein Herz ist ganz leicht.
Nach dem Essen spielt uns mein Stiefvater in seinem winzigen Büro Jazz vor. Ich betrachte die beiden, wie sie über Gitarristen reden und über Konzerte. Marmeladenglasmomente im Küchendunst.
Zweiter Akt.
Die letzten Minuten von Ich - Einfach unverbesserlich II. Wir stellen fest, dass es für eine gelungene Hochzeit unbedingt Minions braucht. Und plötzlich, ganz ohne Vorwarnung, schieb sich eine graue Wand in meinen Kopf. Ich bin tausend Lichtjahre von ihm entfernt. Mein Körper und ich trennen uns. Gedankenschnellzüge in Richtung Psychiatrie. Ich zittere. Lennard zieht mich zu sich. Das Beben wird stärker und droht, mich zu zerreißen - das sind die Orte, an die er mir nicht folgen kann, das sind die Abgründe, für die ich kein Verständnis von ihm erwarte. Ich weine auf seiner nackten Brust und atme viel zu schnell, zwischen den Schluchzern formuliere ich zusammenhanglose Erklärungen: Ich fühle mich so hässlich. Ich hasse meinen Körper so sehr dafür, dass er blutet. Ich will keine Frau sein, Lennard, ich will keine fette, von hormonellen Zyklen getriebene Frau sein. Ich will nicht essen müssen, warum muss ich essen? Ich will nicht verhüten müssen, wenn ich dünn wäre wäre ich nicht mehr fruchtbar, alles so viel einfacher. Ich fühle mich so aussätzig und hässlich, schau mich nicht an, bitte, ich hasse mich so sehr, ich glaube ich verliere den Verstand, Lennard, kennst du diesen Moment in dem du die Klippen siehst in deinem Kopf und du weißt dass du springen musst damit alles aufhört ich kann nicht mehr so leben ich will es nicht mehr halt meinen Kopf fest bitte.
Und er hält meinen Kopf fest. Seine Stimme ist ruhig und fest. Sein Mund formt Sätze: Du bist wunderschön, Phoebe, ich sehe dich an und sehe nichts, das in irgendeiner Form hässlich sein könnte. Auch mit achzig Kilo wärst du wunderschön, auch mit fünfzig Kilo. Scheißegal. Du bist es. Du bist hier. Du bist bei Verstand, Darling, ich halte dich, spürst du es? Du hast deine Tage, weil du irgendwann Kinder bekommen möchtest, und das ist etwas Gutes und nichts, weswegen du dich grämen musst. Du bist eine gesunde Frau, Phoebe, und du bist schön, du bist wirklich schön.
Mit jedem beschwichtigenden Wort rege ich mich mehr auf, meine Paranoia verbietet mir, auch nur eine Silbe zu glauben. Ich wende mich ab. Alleine auf dem Balkon blase ich Rauch in die türkisfarbene Nacht und schüttele mich vor Ekel und Trauer und Fremde. Ich will meine Haut abstreifen, ein neues Gesicht angenäht bekommen, eines ohne Makel. Ich will jedes Gramm Fett an meinem Körper mit bloßen Händen und einem scharfen Skalpell von den Knochen schneiden. Ich will meine Gebärmutter im Biomüll entsorgen und meinen wiedergeborenen Körper 2.0 vierundzwanzig Stunden durchficken lassen, bis er schlaff auf den Dielen zusammensinkt, wund und betstätigt und geheilt von heiligen Händen und Schwänzen. Ich schlage mir gegen die Schläfen.
Ich bin nackt unter meinem kurzen blauen Kleid und ich werde bluten und ich werde essen und ich werde immer diese dialektische Distanz zu dem Menschen haben, den ich liebe. Meine Augen sind rot im Badezimmerspiegel, meine Haare sehen furchtbar aus. Ich habe einen Pickel auf der Stirn, ich weiß dass er das sieht und den ganzen Tag schon gesehen hat und kotze mir ins Gesicht. Hässlich, hässlich, hässlich. Lennard wartet im Bett auf mich. Ich gehe da jetzt hin und höre auf, zu heulen. Klappt nicht. Als ich seine Silhouette in Mondlicht warten sehe, schießen wieder Sturzbäche aus meinen Augen.
Das Leben ist ambivalent.
- Der Tag war so schön und ich werde ihn so in Erinnerung behalten, auch wenn es dir jetzt sehr schlecht geht. Du bist immer noch die Frau, der ich mein Herz schenke, auch wenn du zweifelst und Schwäche zeigst und nicht sehen kannst, was ich sehe, wenn ich dich anschaue.
Ich streife mir den Stoff von der Haut, mit dem Rücken zu ihm, damit er mein hässliches Gesicht nicht sehen kann das seine Behauptung lügen straft. Er umfasst meine Taille und streichelt mich, bis die Tränen abebben. Irgendwann zuckt er und schläft ein. Ich liege noch vier Stunden wach und versuche, den Wahnsinn in mir geräuschlos aufzudröseln.
Wir fahren durch die Allee, der heiße Föhn presst den Geruch von grünen Blättern und heißem Asphalt in unsere Nasen. Mein Helm hat kein Visier und trotz der 50er-Jahre-Sonnenbrille tränen meine Augen ein wenig. Ich umklammere seinen Bauch unter der Motorradjacke und wir rufen uns gegen den Fahrtwind kleine Sätze zu - Hast du den gesehen? - Wahnsinnig schönes Auto! - Wie gut der Wald duftet! - Das fühlt sich wie Urlaub an! - Ich bin so glücklich. - Ich auch. - Ich kann nicht aufhören, zu grinsen.
In dem kleinen Vorort stellen wir unser Gefährt ab und setzen uns auf die Treppe mit Blick auf die Kirche, essen Eis, rauchen und reden über die Zukunft. Lennards Hand sind warm und trocken auf meinem Knie und er küsst meine Schulter.
Wir stellen uns vor, ganz weit weg zu sein. Offenbach bietet so viel Urlaubs-Gefühl an staubigen Sonntagen: ein südfranzösisches Touri-Dorf mit viel Beton, niedlichen Häusern und wilden Blumen. Die hitzigen Weiten von Kansas, als wir die stoppeligen Äcker durchqueren. Die schlecht befestigte Straße durch den Wald, marmoriert von dem Licht, das durch die Blätter fällt: eine kanarische Insel. An einer verkommenen Fabrik vorbeirauschen und die Abgase der Autos riechen schmeckt nach den kroatischen Großstädten.
Wir parken vor der Gaststätte meines Stiefvaters, unsere Gegend könnte mit ihren Fachwerkhäusern und dem spätsommerlichen Charme das Elsaß darstellen, stoplern lachend in den Biergarten. Unter der großen Kastanie falten wir die Hände auf dem Tisch ineinander und halten den Film an. Das bleibt, sage ich, dieser Moment, in einem Rahmen. Du bist so schön, antwortet er. Wir kommen kaum zum Essen, so viel gibt es zu erzählen. Ich bin berührt und spüre, wie meine Augen feucht werden.
- Findest du, dass ich zu verständnisvoll bin?, fragt er.
- Nein, ganz im Gegenteil. Es rührt mich, dass du... Dass wir das können. Dass wir einander wirklich verstehen. Dass wir nichts zu sein vorgeben müssen, dass wir nicht sind.
Ich bin sehr nah am Wasser gebaut im Moment, aber das stört mich nicht. Ich bin sehr ehrlich zu ihm, er findet es nachvollziehbar und nicht weiter beunruhigend, dass ich hin und wieder um T. trauern muss. Er weiß, dass es für mich kein Zurück gibt, und ich weiß es auch, tief in mir drin. Mein Herz ist ganz leicht.
Nach dem Essen spielt uns mein Stiefvater in seinem winzigen Büro Jazz vor. Ich betrachte die beiden, wie sie über Gitarristen reden und über Konzerte. Marmeladenglasmomente im Küchendunst.
Zweiter Akt.
Die letzten Minuten von Ich - Einfach unverbesserlich II. Wir stellen fest, dass es für eine gelungene Hochzeit unbedingt Minions braucht. Und plötzlich, ganz ohne Vorwarnung, schieb sich eine graue Wand in meinen Kopf. Ich bin tausend Lichtjahre von ihm entfernt. Mein Körper und ich trennen uns. Gedankenschnellzüge in Richtung Psychiatrie. Ich zittere. Lennard zieht mich zu sich. Das Beben wird stärker und droht, mich zu zerreißen - das sind die Orte, an die er mir nicht folgen kann, das sind die Abgründe, für die ich kein Verständnis von ihm erwarte. Ich weine auf seiner nackten Brust und atme viel zu schnell, zwischen den Schluchzern formuliere ich zusammenhanglose Erklärungen: Ich fühle mich so hässlich. Ich hasse meinen Körper so sehr dafür, dass er blutet. Ich will keine Frau sein, Lennard, ich will keine fette, von hormonellen Zyklen getriebene Frau sein. Ich will nicht essen müssen, warum muss ich essen? Ich will nicht verhüten müssen, wenn ich dünn wäre wäre ich nicht mehr fruchtbar, alles so viel einfacher. Ich fühle mich so aussätzig und hässlich, schau mich nicht an, bitte, ich hasse mich so sehr, ich glaube ich verliere den Verstand, Lennard, kennst du diesen Moment in dem du die Klippen siehst in deinem Kopf und du weißt dass du springen musst damit alles aufhört ich kann nicht mehr so leben ich will es nicht mehr halt meinen Kopf fest bitte.
Und er hält meinen Kopf fest. Seine Stimme ist ruhig und fest. Sein Mund formt Sätze: Du bist wunderschön, Phoebe, ich sehe dich an und sehe nichts, das in irgendeiner Form hässlich sein könnte. Auch mit achzig Kilo wärst du wunderschön, auch mit fünfzig Kilo. Scheißegal. Du bist es. Du bist hier. Du bist bei Verstand, Darling, ich halte dich, spürst du es? Du hast deine Tage, weil du irgendwann Kinder bekommen möchtest, und das ist etwas Gutes und nichts, weswegen du dich grämen musst. Du bist eine gesunde Frau, Phoebe, und du bist schön, du bist wirklich schön.
Mit jedem beschwichtigenden Wort rege ich mich mehr auf, meine Paranoia verbietet mir, auch nur eine Silbe zu glauben. Ich wende mich ab. Alleine auf dem Balkon blase ich Rauch in die türkisfarbene Nacht und schüttele mich vor Ekel und Trauer und Fremde. Ich will meine Haut abstreifen, ein neues Gesicht angenäht bekommen, eines ohne Makel. Ich will jedes Gramm Fett an meinem Körper mit bloßen Händen und einem scharfen Skalpell von den Knochen schneiden. Ich will meine Gebärmutter im Biomüll entsorgen und meinen wiedergeborenen Körper 2.0 vierundzwanzig Stunden durchficken lassen, bis er schlaff auf den Dielen zusammensinkt, wund und betstätigt und geheilt von heiligen Händen und Schwänzen. Ich schlage mir gegen die Schläfen.
Ich bin nackt unter meinem kurzen blauen Kleid und ich werde bluten und ich werde essen und ich werde immer diese dialektische Distanz zu dem Menschen haben, den ich liebe. Meine Augen sind rot im Badezimmerspiegel, meine Haare sehen furchtbar aus. Ich habe einen Pickel auf der Stirn, ich weiß dass er das sieht und den ganzen Tag schon gesehen hat und kotze mir ins Gesicht. Hässlich, hässlich, hässlich. Lennard wartet im Bett auf mich. Ich gehe da jetzt hin und höre auf, zu heulen. Klappt nicht. Als ich seine Silhouette in Mondlicht warten sehe, schießen wieder Sturzbäche aus meinen Augen.
Das Leben ist ambivalent.
- Der Tag war so schön und ich werde ihn so in Erinnerung behalten, auch wenn es dir jetzt sehr schlecht geht. Du bist immer noch die Frau, der ich mein Herz schenke, auch wenn du zweifelst und Schwäche zeigst und nicht sehen kannst, was ich sehe, wenn ich dich anschaue.
Ich streife mir den Stoff von der Haut, mit dem Rücken zu ihm, damit er mein hässliches Gesicht nicht sehen kann das seine Behauptung lügen straft. Er umfasst meine Taille und streichelt mich, bis die Tränen abebben. Irgendwann zuckt er und schläft ein. Ich liege noch vier Stunden wach und versuche, den Wahnsinn in mir geräuschlos aufzudröseln.
Freitag, 2. August 2013
Einmal noch.
Lulu weint mein graues T-Shirt nass und es ist okay. Das Mixtape von T. läuft und ich heule und wüte und raffe Kassenbons und Besteck vom Boden auf, ich warne sie vor dem Fehler, den ich begangen habe. Ich sage, dass der T., den ich vermisse und den ich irgendwo immer liebe, dass dieser T. nicht mehr existiert, sage, dass ich weitergehe, dass ich stark bin, dass sie auch stark sein wird. Dass es richtig ist, wenn sie jemanden küsst, der sie so glücklich macht wie Lennard mich glücklich zu machen vermag.
Mir fällt die letzte Geburtstagskarte von T. in die Hände, eine winzige Prinzessin trohnt auf einem großen Berg Geschenke, Tränen tropfen auf die Pappe: "Alles Gute, xxx, dein T." Darunter ein ungelenk gemaltes Strichmännchen mit einem Pfeil - Phoebe. Alles erzittert, Bilder stürmen auf mich ein. Es ist gut. Es geht mir gut. Ich darf weinen um uns, darf weinen um die Verletzungen, die wir uns zugefügt haben. Um Neil Young und die Eagles, um die alte Matratze auf dem Boden, um grün-glasige Blicke, um den Geschmack von Gin und Wodka und Pepsi Light auf seiner Zunge, um seine Stimme wie sie seine Geschichte preisgibt, seinen Duft, um den BDSM-Sex, um seinen klugen Sohn, um seine Tränen auf meinem nackten Rücken, um unsere dreckige Küche, um taumelnde Nachtspaziergänge durch das FrankfurterVillenviertel, um Träume und ewige Lügen, um Luftschlösser, um unseren Balkon in der Psychiatrie, um die Brandnarben auf seinem linken Oberarm und meine Pulsader-Schnitte, um Woodstock, um Sylvester nackt und stumm mit Rotwein in den Laken, um unsere Sitcoms, unsere hitzigen Diskussionen, um seinen Blick in meinem Gesicht, um alle ersten Male, um die Scham, um den Hass, die Vergötterung, um zwei Jahre. Um meine erste Liebe.
Es tut sehr weh in diesem Moment-
Ich glaube, ich muss trauern, weil ich sonst drohe steckenzubleiben. Wenn ich mit Lulu weine, ist es nur befreiend. Nur richtig.
Es gibt da einen Menschen, der in mir etwas weckt, von dem ich nie geglaubt hätte, dass ich es noch besitze: Hoffnung. So abgedroschen es klingt: Selbstachtung. Zärtlichkeit. Es gibt diesen Menschen, der ein unspezifisches Flattern und Ziehen in meinem Oberbauch auslöst, wenn er mich mandeläugig anlächelt. Der mir Mut macht und Kraft gibt. Der kein Monster ist.
Ich habe eine Scheißangst, glücklich zu sein, das ist es wohl.
Ich idealisiere den Schmerz, weil er herorischer ist und destruktiv und unberechenbar. Glück ist so trivial. Ist es das wirklich? Glück ist, um sechs Uhr morgens von kitzelnden Sonnenstrahlen geweckt zu werden und meine Hand auf Lennards Bauch zu schieben, Glück ist, wenn er sie im Halbschlaf an sich zieht und drückt und mit geschlossenen Augen lächelt. Glück ist die heilige Dreifaltigkeit aus Morgensex, Zigarette und Kaffee. Glück ist ein Regenguss. Glück ist auch, selig grinsend ein Telefonat mit meiner J. zu beenden. Glück ist wenn Lulu mit tränenverklebten Augen sagt: "Hey, ich fände es schön wenn du nachher rüberkommst und bei mir schläfst. Ich hab dich lieb." Glück ist narzisstisch und selbstlos zugleich, Glück ist Liebe und das Gegenteil von Böse.
Ich weiß dass das alles ich bin. Ich kann lieben. Ich kann das größste Arschloch auf Erden sein, und ich kann es bereuen und versuchen, nie mehr so tief zu fallen.
Ich kann glücklich sein! Und bin es. Hier, jetzt, mit T.s Musik im Hintergrund und all den hässlichen alten Päckchen und all den Erwartungen an die Zukunft, nicht mehr anorektisch dünn, tief verstört und doch lebe ich.
You don't see the bottom from the top, einmal noch, für dich. Let it float on down the stream / And we can cry a little / For a time that could have been / Live it all my love / Live it well my love / Live it long my love.
Tränen getrocknet, Zimmer aufgeräumt, Zweifel beseitigt, Nostalgie aus-gelebt. Weiter...
Donnerstag, 20. Juni 2013
Shortcut.
Ich wache auf, als das Unwetter beginnt - die Dokus auf 3sat sind unbemerkt in einen Film Namens "Amateur" übergegangen (es geht um einen Pornoproduzenten mit Amnesie und Isabelle Huppert als nymphomane Ex-Nonne), der mich irgendwie fesselt, sei es nur aufgrund der blaugefärbten Bilder. Ich fühle mich wie jemand, der eine große Auflaufform kalte Lasagne in sich hineingewürgt hat und zwei fette, juckende Herpesbläschen auf den Lippen spazieren trägt. Ziemlich widerlich und pervers im Großen und Ganzen, ist der Tod näher als das Leben.
Edit 3:30am
"Der freie Wille" ist auch so ein Film. Sehe ihn gerade zum zweiten Mal und bin fassungslos vor Ekel und Traurigkeit und ob meiner Schwere. Determinismus? Die Gedanken reisen zu Szenen mit Rasierklingen und Schwänzen, und zum Meer. Ich wusste gar nicht, dass Belgien Küsten besitzt.
Edit 3:30am
"Der freie Wille" ist auch so ein Film. Sehe ihn gerade zum zweiten Mal und bin fassungslos vor Ekel und Traurigkeit und ob meiner Schwere. Determinismus? Die Gedanken reisen zu Szenen mit Rasierklingen und Schwänzen, und zum Meer. Ich wusste gar nicht, dass Belgien Küsten besitzt.
Montag, 13. Mai 2013
"Und sind wir umstellt von unserem Scheitern, dann bauen wir auf Räuberleitern."
Der Druck fällt, Brust schwingt wieder federleicht,
kein Monster mehr, das aus dem Nebel steigt,
mehr Monster werden kommen, doch sie kommen
erst mit dem Dunst raus am Abend.
- Und sollen sie doch kommen, denn wenn sie komm’,
werd’ ich alle erschlagen.
(Prinz Pi - Unser Platz)
Abgesehen von den obligatorischen Geldsorgen geht es mir wirklich gut. Amen.
Zusammenfassung der letzten fünf Tage in Stichworten: Aufbäumen der anorektischen Gedanken in der Therapie - Fressgelage extrem - Sehnsucht - spontaner Nachmittag mit Penny auf ihrem Balkon - interpersonelle Konflikte dekonstruieren - Bowling mit den Leuten ihres Freundes - Vorstellungsgespräch am Samstagvormittag bei einer Nachhilfeschule um die Ecke - wunderschön entspannter Nachmittag mit Lennard inklusive ernstem und aufrichtigem "Beziehungsgespräch" - Spieleabend zu viert ("Das Spiel dauert neunzig Minuten und am Ende gewinnt immer Penny") - zwei professionell gebaute Joints um halb zwei Uhr morgens - die Musik unserer Eltern und endlose Lachflashs - der beste Sex meines bisherigen Lebens - unterbrochen von einem plötzlichen Übelkeitsanfall seinerseits (ich dachte, so etwas passiert nur in Filmen) - Zigarette nackt auf dem Balkon - Sorge - Besserung - gemeinsames, zugedröhntes Einschlafen - gemeinsames, zugedröhnt-verkatertes Aufstehen um halb neun morgens - Knack-und-Back-Brötchen mit Erdnussbutter und Marmelade - Sims-City-Let's-Play schauen und im gleichen Rhytmus atmen - übereinander herfallen - vollends erfüllt und high ins Auto meiner Mutter springen und zu meinem Opa fahren - unterwegs mit Lulu deutschen Hip-Hop hören (Käptn Peng, Prinz Pi, Casper) - Opa aufpicken und zusammen essen gehen - in einer wunderschönen Altstadt im Odenwald das einzige und ekelhafte vegetarische Gericht bestellen (zerkochtes, ungesalzenes Gemüse mit Sauce Hollandaise) - das "Grab" meiner Oma besuchen, welches eigentlich ein Baum ist, vor dem ihre Urne vergraben wurde - Kakao trinken und durch den Wald tanzen - eine Kinderschaukel, losgelöstes Lachen, Erinnerungen leben, Glück - auf der Rückfahrt im Auto Radiohead hören und einschlafen - zu Hause weiterpennen - die Nacht mit klugen Texten, wilden Theorien und Pornos verbringen - Montagfrüh mit Lulu Kaffee trinken - Fitnesstudio: 1000 kcal verbrennen - philosophische Texte im Bus lesen - zärtliche SMS mit Lennard austauschen - die Sparkasse hassen, welche mein Geld zurückhält - von Mama Strumpfhosen gekauft bekommen - für Lulu vegane Zucchini-Spaghettie-Carbonara kochen - mit ihm am Telefon Alltagsgeschichten austauschen und verliebt sein in eine dunkle Stimme Ohr Herz und Kopf - die Glotze anmachen und den Tag mit kritischen Dokus und Frank Plasberg ausklingen lassen
Ich sitze hier seit einer Stunde in Lulus tollsten Mantel gehüllt (Raucherzimmer wollen gut gelüftet sein) und pulsiere vor Lebenswut. Im positivsten Sinne. Lernen, Abnehmen, Arbeiten, unter Menschen sein statt unter Geistern.
Samstag, 4. Mai 2013
#Staub wischen mit Yoko.
Am Mittwoch habe ich T. gesehen und meine letzten Sachen von ihm geholt: Unterhosen, ein paar Zeitschriften, ein altes Duschgel mit Kakaobutter, jede verfickte Postkarte die ich ihm je geschrieben habe, jeder Liebesbrief, sogar die Neil Young-CD die er von mir zu Weihnachten bekommen hat - er stellt eine gelbe Aldi-Tüte auf den Asphalt zwischen uns und schweigt ungläubig. Vollkommen betrunken sind seine grünen Augen merkwürdig glasig und hell, die Pupillen winzig und unruhig zuckend. Seine Stimme bricht, als er mir ein letztes Mal nachläuft und meinen Namen brüllt: Phoebe! Das kann nicht das letzte Mal gewesen sein! Ich brauche dich! Ich liebe dich und werde dich immer lieben! Stirb!
Ich gehe für immer.
Jetzt liege ich hier, ein dickes Walross voll mit indischem Essen und Schokolade, und kann mir selbst nicht erklären, wie ich ihn geliebt habe. Ich kann es fühlen, aber nicht rechtfertigen. Ich lese seine letzten SMS, die noch nicht blockiert wurden: Schrate sind Freunde der Honigbienen und der Haselmäuse. Dieser Punkt ist der Fleck auf deinem Zeh. Vergiss die Schrate, ich liebe dich.
Bedeuten diese Worte irgendetwas für irgendjemanden? Außer uns? Außer dem Muttermal am Fuß, dem Sommer in seinem alten Garten, bevor alles schlecht wurde was uns geschmeckt hatte?
Der Bruch ist so tief, dass wir nicht einmal die selbe Sprache sprechen konnten. Mittwoch. Unheimlich, wie weit entfernt er schien, wie seine Worte an mir vorbeirauschten ohne mich auch nur zu streifen - es war nur sein Anblick, der bedeutete und schmerzte. Ich sagte ihm, wir könnten keine Freunde sein. Er hörte nicht zu. Drehte ungelenkt eine Zigarette, versuchte mich zu küssen. Ich schrie ihn an. Er wich aus, die Augen so ekelhaft verschleiert und grell, versuchte wieder und wieder, mich an sich zu ziehen. Ich konnte seinen Körper riechen unter all dem Schnaps und floh.
Ich gehe für immer, T.
Wie leistet man Trauerarbeit? Vielleicht ist man Yoko Ono und bastelt ein Video aus golden-verstaubten Vintage-Erinnerungen, singt "Walking on thin ice, I'm paying the price for throwing the dice in the air".
Vielleicht verdrängt man. Vielleicht liebt man heimlich weiter, obwohl der andere schon längst den seelischen Aggregatzustand von Staub erreicht hat. Vielleicht hasst man auch, ihn, sich. Ich?
Ich verliebe mich.
Ich verliebe mich und kann förmlich dabei zusehen, wie Farben auf der inneren Leinwand und Wortfelder der Zweisamkeit durch neue, andere, schönere, leichtere, nicht weniger komplizierte ersetzt werden.
Ist das, was darunter war, dann weg?
Ist das, was darüber kommt, dann falsch? Ist es Flucht oder Fluch oder die Wirklichkeit, die mich ereilt?
Ich bin verflucht glücklich und alles andere als abgebrüht. Ich bin hochgradig nervös und neurotisch, fresse mir zwanghaft Kilo um Kilo auf die Rippen, als müsste ich mich dafür bestrafen.
Derart lebendig zu sein, mit solcher Intensität hingerissen zu werden, überfordert die geprügelte, geschändete Hülle. Ich häute mich und kann mich doch nicht abstreifen, die Schande bleibt (geschändet), die Zerrissenheit (zerrissen) und die Angst (gekauft, getrieben, getötet) lassen sich nicht von einer Battaillon rosa-glitzernder Schmetterlinge in Schach halten.
Es ist bestimmt richtig, dass wir uns die Zeit geben: "Es macht mich einfach glücklich."
Lennard lächelt, "Mich auch. Und das reicht doch für den Moment". Das ist keine Frage und keine Aufforderung, es ist eine Tatsache, versuche ich ihm zu glauben und zuversichtlich zu sein, was ich bin. Er wendet das Auto, ich krame nach dem Schlüssel, er winkt mit der freien Hand und ruft - Cherie!
Ich muss lachen und krabbele die Treppen zu unserer Wohnung hoch, im Kopf noch immer abstrus-assoziative Beat-Gedichte spinnend, die wir bei offenen Fenstern in den Nachthimmel gebrüllt hatten. Santana hören, irre lachen, zusammenhanglose Bilder finden, du bist Ginsberg, ich bin ein Gordischer Knoten mit wehendem Haar. Du bist neugierig und ich schreie, weil die Kurve zu scharf ist. Wir nehmen Ebenen ein mit Zen-Gelassenheit und Humor.
Ich verliebe mich und gleichzeitig trauere ich, und das widerspricht sich in keinster Weise.
Ich kann implodieren und rennen und bekennen und das Glück zelebrieren.
Wenn wir alles aussprechen, kann alles. Wenn wir aufrichtig sind und respektvoll, was riskieren wir denn?
Ich gehe für immer.
Jetzt liege ich hier, ein dickes Walross voll mit indischem Essen und Schokolade, und kann mir selbst nicht erklären, wie ich ihn geliebt habe. Ich kann es fühlen, aber nicht rechtfertigen. Ich lese seine letzten SMS, die noch nicht blockiert wurden: Schrate sind Freunde der Honigbienen und der Haselmäuse. Dieser Punkt ist der Fleck auf deinem Zeh. Vergiss die Schrate, ich liebe dich.
Bedeuten diese Worte irgendetwas für irgendjemanden? Außer uns? Außer dem Muttermal am Fuß, dem Sommer in seinem alten Garten, bevor alles schlecht wurde was uns geschmeckt hatte?
Der Bruch ist so tief, dass wir nicht einmal die selbe Sprache sprechen konnten. Mittwoch. Unheimlich, wie weit entfernt er schien, wie seine Worte an mir vorbeirauschten ohne mich auch nur zu streifen - es war nur sein Anblick, der bedeutete und schmerzte. Ich sagte ihm, wir könnten keine Freunde sein. Er hörte nicht zu. Drehte ungelenkt eine Zigarette, versuchte mich zu küssen. Ich schrie ihn an. Er wich aus, die Augen so ekelhaft verschleiert und grell, versuchte wieder und wieder, mich an sich zu ziehen. Ich konnte seinen Körper riechen unter all dem Schnaps und floh.
Ich gehe für immer, T.
Wie leistet man Trauerarbeit? Vielleicht ist man Yoko Ono und bastelt ein Video aus golden-verstaubten Vintage-Erinnerungen, singt "Walking on thin ice, I'm paying the price for throwing the dice in the air".
Vielleicht verdrängt man. Vielleicht liebt man heimlich weiter, obwohl der andere schon längst den seelischen Aggregatzustand von Staub erreicht hat. Vielleicht hasst man auch, ihn, sich. Ich?
Ich verliebe mich.
Ich verliebe mich und kann förmlich dabei zusehen, wie Farben auf der inneren Leinwand und Wortfelder der Zweisamkeit durch neue, andere, schönere, leichtere, nicht weniger komplizierte ersetzt werden.
Ist das, was darunter war, dann weg?
Ist das, was darüber kommt, dann falsch? Ist es Flucht oder Fluch oder die Wirklichkeit, die mich ereilt?
Ich bin verflucht glücklich und alles andere als abgebrüht. Ich bin hochgradig nervös und neurotisch, fresse mir zwanghaft Kilo um Kilo auf die Rippen, als müsste ich mich dafür bestrafen.
Derart lebendig zu sein, mit solcher Intensität hingerissen zu werden, überfordert die geprügelte, geschändete Hülle. Ich häute mich und kann mich doch nicht abstreifen, die Schande bleibt (geschändet), die Zerrissenheit (zerrissen) und die Angst (gekauft, getrieben, getötet) lassen sich nicht von einer Battaillon rosa-glitzernder Schmetterlinge in Schach halten.
Es ist bestimmt richtig, dass wir uns die Zeit geben: "Es macht mich einfach glücklich."
Lennard lächelt, "Mich auch. Und das reicht doch für den Moment". Das ist keine Frage und keine Aufforderung, es ist eine Tatsache, versuche ich ihm zu glauben und zuversichtlich zu sein, was ich bin. Er wendet das Auto, ich krame nach dem Schlüssel, er winkt mit der freien Hand und ruft - Cherie!
Ich muss lachen und krabbele die Treppen zu unserer Wohnung hoch, im Kopf noch immer abstrus-assoziative Beat-Gedichte spinnend, die wir bei offenen Fenstern in den Nachthimmel gebrüllt hatten. Santana hören, irre lachen, zusammenhanglose Bilder finden, du bist Ginsberg, ich bin ein Gordischer Knoten mit wehendem Haar. Du bist neugierig und ich schreie, weil die Kurve zu scharf ist. Wir nehmen Ebenen ein mit Zen-Gelassenheit und Humor.
Ich verliebe mich und gleichzeitig trauere ich, und das widerspricht sich in keinster Weise.
Ich kann implodieren und rennen und bekennen und das Glück zelebrieren.
Wenn wir alles aussprechen, kann alles. Wenn wir aufrichtig sind und respektvoll, was riskieren wir denn?
Mittwoch, 1. Mai 2013
Drehbuch des Vermöglichten.
Lennard liegt hinter mir und umschlingt meinen Körper mit seinem mondfarbenen Unterarm. Durch zwei Unterhemden hindurch spüre ich seinen Bauch in meinem Kreuz, der mit jedem schläfrigen Atemzug zittert und wärmt. Meine Füße berühren die seinen unter der schwarz-weißen Bettdecke, unsere Finger formen eine wohlige Höhle neben meinem Kissen. Mein Kopf produziert elliptische Sätze:
Sicher nicht. Fallen bleiben. Gefundener Hafen. Nacht Glück. Phrasen gelitten. Licht tiefste Schmetterlinge.
Wir schlagen alle paar Stunden die Augen auf, unsere Blicke und Körper treffen sich, entspannte Verbindlichkeiten im Delierium der blauen Stunde. Er legt meine Hand auf seine Brust und ich zähle seine Herzschläge, bis der REM-Schlaf mich fängt.
Als er mich schließlich entlässt, ist Lennard schon aufgestanden. Ich betrachte das Licht, von seinem grünen Vorhang trüb und diffus auf meinen Armen kitzelnd, und esse meine Tabletten.
Die Wohnung schluckt und gurgelt und knarrt.
Heute ist besser als gestern. Ich verlasse das Schlafzimmer.
Er ist heute agiler und weniger erschlagen, wir wortfechten zärtlich und frühstücken dekadent. Sein Nacken riecht nach Nacht und Sicherheit, ich küsse sein Ohr, während wir mit dem Tablet spielen und unsere Zigaretten die Höhle räuchern. Ich bin unwahrscheinlich fasziniert und berührt von seiner Körperlichkeit, seinen Bewegungen, seiner Gestik, seinem Gang. Er bewegt sich durch Zeit und Raum wie ein Stummfilmschauspieler, mit der beneideswerten Eleganz einer verwöhnten Katze und der unbeholfenen Schlaksigkeit eines zu schnell (er)wachsenden Kindes.
Gestern Abend noch zynisch und nihilistisch, strahlt er heute Tatendrang und Ruhe aus.
"Heute Misanthrop, morgen Florist des Seins", lächelt er und berührt meine Wange.
Ich dachte immer, ich wäre wechselhaft wie Rimbauds trunkenes Schiff. Tja.
Wir entwickeln alternative Verwendungszwecke für Maos rotes Buch (Geheimversteck für grünes, duftendes Rauschmittel, man könnte es natürlich auch in einem alten BGB horten), hören Yael Naim und Ofrin, verweilen kurz beim Veganismus, bei den Vorteilen eines zweiten Raspberry, suchen ein Massagestudio ohne Happy End (was ein extrem schwieriges Unterfangen ist).
Ich träume von einer Welt, in der Floristen Ärzte-T-Shirts tragen und Palästina ein autonomer Staat sein darf.
Ich träume von leeren Einmachgläsern und Selbstlosigkeit und langen, elektrifizierenden Küssen.
Ich träume von einem Sein in höchster Bildauflösung mit geschärften Sinnen und mündigem Verstand.
Ich träume von einer Zukunft abseits der ausgetretenen Wege, barfuss rennen bis die Schwerkraft mich erlöst und ich fliegen darf.
Ich will nicht alles verstehen müssen, nur können.
Edit: Ich habe der Übersichtlichkeit halber ein "Darstellerverzeichnis" angelegt (siehe rechts).
Sicher nicht. Fallen bleiben. Gefundener Hafen. Nacht Glück. Phrasen gelitten. Licht tiefste Schmetterlinge.
Wir schlagen alle paar Stunden die Augen auf, unsere Blicke und Körper treffen sich, entspannte Verbindlichkeiten im Delierium der blauen Stunde. Er legt meine Hand auf seine Brust und ich zähle seine Herzschläge, bis der REM-Schlaf mich fängt.
Als er mich schließlich entlässt, ist Lennard schon aufgestanden. Ich betrachte das Licht, von seinem grünen Vorhang trüb und diffus auf meinen Armen kitzelnd, und esse meine Tabletten.
Die Wohnung schluckt und gurgelt und knarrt.
Heute ist besser als gestern. Ich verlasse das Schlafzimmer.
Er ist heute agiler und weniger erschlagen, wir wortfechten zärtlich und frühstücken dekadent. Sein Nacken riecht nach Nacht und Sicherheit, ich küsse sein Ohr, während wir mit dem Tablet spielen und unsere Zigaretten die Höhle räuchern. Ich bin unwahrscheinlich fasziniert und berührt von seiner Körperlichkeit, seinen Bewegungen, seiner Gestik, seinem Gang. Er bewegt sich durch Zeit und Raum wie ein Stummfilmschauspieler, mit der beneideswerten Eleganz einer verwöhnten Katze und der unbeholfenen Schlaksigkeit eines zu schnell (er)wachsenden Kindes.
Gestern Abend noch zynisch und nihilistisch, strahlt er heute Tatendrang und Ruhe aus.
"Heute Misanthrop, morgen Florist des Seins", lächelt er und berührt meine Wange.
Ich dachte immer, ich wäre wechselhaft wie Rimbauds trunkenes Schiff. Tja.
Wir entwickeln alternative Verwendungszwecke für Maos rotes Buch (Geheimversteck für grünes, duftendes Rauschmittel, man könnte es natürlich auch in einem alten BGB horten), hören Yael Naim und Ofrin, verweilen kurz beim Veganismus, bei den Vorteilen eines zweiten Raspberry, suchen ein Massagestudio ohne Happy End (was ein extrem schwieriges Unterfangen ist).
Ich träume von einer Welt, in der Floristen Ärzte-T-Shirts tragen und Palästina ein autonomer Staat sein darf.
Ich träume von leeren Einmachgläsern und Selbstlosigkeit und langen, elektrifizierenden Küssen.
Ich träume von einem Sein in höchster Bildauflösung mit geschärften Sinnen und mündigem Verstand.
Ich träume von einer Zukunft abseits der ausgetretenen Wege, barfuss rennen bis die Schwerkraft mich erlöst und ich fliegen darf.
Ich will nicht alles verstehen müssen, nur können.
Edit: Ich habe der Übersichtlichkeit halber ein "Darstellerverzeichnis" angelegt (siehe rechts).
Freitag, 12. April 2013
»Hier sind meine Legitimationspapiere.«
Und die Nacht hat mich wieder.
Einschlafen mit Regentropfen, die wie Finger auf mein Dachfenster klopfen?
Mit dem Kopf im Bauch, wo sich neben allerlei Gemüse, Tofu und Mandelmilch geballte Fäuste und Flugzeuge tummeln?
Diese Ausdehnung nach Innen, ein fernes Ziehen (welches ich sogar verorten kann): die Füße sind zu warm und die Beine zu dick und die Knochen zu spitz und das Kopfkino zu hartnäckig.
Ich höre Daughter und lasse mich fallen in das milchig-trübe Gefühl.
Wenn ich versuche, zu schlafen, drängen sich aufdringliche Sinneseindrücke scharf gestochen in mein Bewusstsein - zunächst Bilder, dann Worte, Gerüche, zuletzt die Ahnung von Körperlichkeit. Mein Gehirn ist der identitätslose Wächter bei Kafka.
Alles wird vorgeführt und zerpflückt, analysiert, interpretiert. Es kann nicht einfach gut sein.
Selbstzweifel: Ich will zu viel. Ich fordere. Ich dränge. Ich übe Druck aus, und sei subtil.
Ich balanciere in schwindelerregender Höhe zwischen Akzeptanz und Ungeduld.
Durchkämme deine Worte mit Augen und Händen und will nur einen Fingerhut voll Sicherheit.
____________________________________________________________________________________
Liebe Leser, seht mir nach, dass ich augenblicklich so unstrukturiert, (gedanken-)sprunghaft und metaphernlastig bin. Das gibt sich schon wieder.
Einschlafen mit Regentropfen, die wie Finger auf mein Dachfenster klopfen?
Mit dem Kopf im Bauch, wo sich neben allerlei Gemüse, Tofu und Mandelmilch geballte Fäuste und Flugzeuge tummeln?
Diese Ausdehnung nach Innen, ein fernes Ziehen (welches ich sogar verorten kann): die Füße sind zu warm und die Beine zu dick und die Knochen zu spitz und das Kopfkino zu hartnäckig.
Ich höre Daughter und lasse mich fallen in das milchig-trübe Gefühl.
Wenn ich versuche, zu schlafen, drängen sich aufdringliche Sinneseindrücke scharf gestochen in mein Bewusstsein - zunächst Bilder, dann Worte, Gerüche, zuletzt die Ahnung von Körperlichkeit. Mein Gehirn ist der identitätslose Wächter bei Kafka.
Alles wird vorgeführt und zerpflückt, analysiert, interpretiert. Es kann nicht einfach gut sein.
Selbstzweifel: Ich will zu viel. Ich fordere. Ich dränge. Ich übe Druck aus, und sei subtil.
Ich balanciere in schwindelerregender Höhe zwischen Akzeptanz und Ungeduld.
Durchkämme deine Worte mit Augen und Händen und will nur einen Fingerhut voll Sicherheit.
____________________________________________________________________________________
Liebe Leser, seht mir nach, dass ich augenblicklich so unstrukturiert, (gedanken-)sprunghaft und metaphernlastig bin. Das gibt sich schon wieder.
Montag, 8. April 2013
Ja, Einschlafen können wäre auch ganz nett.
Amüsanterweise hat es letzte Nacht trotz emotionaler Aufgewühltheit relativ gut geklappt, und heute Nachmittag erst recht - eine Hand auf Lennards Bauch, Game Of Thrones Staffel 1 Folge 3 im Hintergrund und friedlich wegdämmern.
Meine Nächte sind zur Zeit wenig erholsam. Ich grübele, Licht an, rauchen, Fenster auf, Fenster zu, Solitär, weitergrübeln. Hinzu kommt, dass ich, wenn ich dann schlafe, schwitze wie ein Atomkraftwerk. Ich kann Laken und Bettdecke morgens theoretisch auswringen. Schätze, dass letzteres sowohl an meinem unkoordinierten Stoffwechsel als auch an den Nachwirkungen von Valdoxan liegt.
Das Ranking meiner Grübel-Gedanken wird unangefochten angeführt vom leidigen Finanz-Problem.
Ich bin a) chronisch pleite und b) absolut nicht in der Lage, mit Geld umzugehen.
Fixkosten: BASE (16€) + Fitness (28€) + Nahverkehr (ca 90€) + Tabak (ca 70€) = 204€
Unmengen gebe ich für Lebensmittel aus, zum Teil Fressgelage, zum Teil Kaffee to go, zum Teil Einkäufe für die Familie. Könnten so um die 100€/Monat zusammenkommen. Plus diverse Lust-Käufe wie Bücher oder DVDs von amazon (selten), Zeitungen oder Zeitschriften (zu oft), Kosmetik (relativ selten) oder Kleidung (könnte weniger werden). Legen wir hierfür nochmal rund 40€ obendrauf.
Es gibt also auf der einen Seite einen "Bedarf" in der Höhe von ca 344€, auf der anderen Seite meinen Vater und meine Mutter, die mir in unregelmäßigen Abständen kleinere oder größere Scheine in die Hand drücken.
Planen oder kalkulieren ist nicht wirklich möglich. Ich versuche, Tabak auf Vorrat zu kaufen und bei Fressalien so zu sparen, dass ich meine Fahrtkosten überwiegend abdecken kann und nicht schwarz fahren muss, aber es reicht hinten und vorne nicht. Ich will und kann die Schuld nicht meinen Eltern zuschieben. Ich bin es, die Kette raucht. Den Überblick verliert. Impulsive Lustkäufe tätigt. Jeden verdammten Tag Lebensmittel kauft. Noch immer keinen Job hat.
Ja, ich habe ein schlechtes Gewissen und ja, meine Eltern verstärken es indem sie mir pausenlos und unzensiert von ihrer eigenen finanziellen Notlage vorjammern.
Ich hasse es, abhängig zu sein und hasse es, dass mein Gehirn rattert und klingelt wie eine Kasse zur Rush-Hour bei REWE. Und ich komme nicht raus.
Es gibt noch unzählige weitaus scheußlichere Gedankenschleifen, doch momentan ist es tatsächlich das blöde Geld, das mich wachhält.
Nächster Versuch - Jetzt.
Meine Nächte sind zur Zeit wenig erholsam. Ich grübele, Licht an, rauchen, Fenster auf, Fenster zu, Solitär, weitergrübeln. Hinzu kommt, dass ich, wenn ich dann schlafe, schwitze wie ein Atomkraftwerk. Ich kann Laken und Bettdecke morgens theoretisch auswringen. Schätze, dass letzteres sowohl an meinem unkoordinierten Stoffwechsel als auch an den Nachwirkungen von Valdoxan liegt.
Das Ranking meiner Grübel-Gedanken wird unangefochten angeführt vom leidigen Finanz-Problem.
Ich bin a) chronisch pleite und b) absolut nicht in der Lage, mit Geld umzugehen.
Fixkosten: BASE (16€) + Fitness (28€) + Nahverkehr (ca 90€) + Tabak (ca 70€) = 204€
Unmengen gebe ich für Lebensmittel aus, zum Teil Fressgelage, zum Teil Kaffee to go, zum Teil Einkäufe für die Familie. Könnten so um die 100€/Monat zusammenkommen. Plus diverse Lust-Käufe wie Bücher oder DVDs von amazon (selten), Zeitungen oder Zeitschriften (zu oft), Kosmetik (relativ selten) oder Kleidung (könnte weniger werden). Legen wir hierfür nochmal rund 40€ obendrauf.
Es gibt also auf der einen Seite einen "Bedarf" in der Höhe von ca 344€, auf der anderen Seite meinen Vater und meine Mutter, die mir in unregelmäßigen Abständen kleinere oder größere Scheine in die Hand drücken.
Planen oder kalkulieren ist nicht wirklich möglich. Ich versuche, Tabak auf Vorrat zu kaufen und bei Fressalien so zu sparen, dass ich meine Fahrtkosten überwiegend abdecken kann und nicht schwarz fahren muss, aber es reicht hinten und vorne nicht. Ich will und kann die Schuld nicht meinen Eltern zuschieben. Ich bin es, die Kette raucht. Den Überblick verliert. Impulsive Lustkäufe tätigt. Jeden verdammten Tag Lebensmittel kauft. Noch immer keinen Job hat.
Ja, ich habe ein schlechtes Gewissen und ja, meine Eltern verstärken es indem sie mir pausenlos und unzensiert von ihrer eigenen finanziellen Notlage vorjammern.
Ich hasse es, abhängig zu sein und hasse es, dass mein Gehirn rattert und klingelt wie eine Kasse zur Rush-Hour bei REWE. Und ich komme nicht raus.
Es gibt noch unzählige weitaus scheußlichere Gedankenschleifen, doch momentan ist es tatsächlich das blöde Geld, das mich wachhält.
Nächster Versuch - Jetzt.
Donnerstag, 21. März 2013
Das Leben der Anderen?
Es kann auch so kommen:
Phoebe (welche den ganzen Tag bei psychedelischer Musik und mit ihrem Laptop - Spider Solitär - im Bett verbracht hat, frustriert weil ihre Therapeutin krank ist) fährt abends, nach einem seltsamen Besuch bei T., bei dem die vorgestrigen Entwicklungen diskutiert wurden (ergebnislos), zu ihrer Freundin Penny (die zwar nicht Penny heißt, aber der Name passt wunderbar) und deren Freund.
Ewig keinen Kontakt mehr gehabt, sich wieder angenähert, wahnsinnig gut verstanden.
Und sie erlebt, wie so ein Abend laufen kann. Unter Lebenden.
Penny wohnt in "The Big Bang Theory"-Manier (sie ist blond und schlagfertig und groß) in direkter Nachbarschaft zweier einigermaßen nerdiger Kumpels (die rein optisch Lennard und ein hünenhafter Howard sein könnten) in einer ziemlich coolen Dachwohnung in meiner Nähe.
Als ich von T. komme, fängt es an zu regnen. Ich habe mich seit Wochen zum ersten Mal geschminkt, meine Haare geföhnt und mich ein bisschen netter angezogen, was sich ganz gut anfühlt. Ungewohnt, maskiert, aber auch erstmals wieder ansehlich.
Ich klettere die Treppen hoch, begrüße erst Pennys Hund, dann sie, Händeschütteln mit ihrem Freund. Er ist mir auf den ersten Blick sympathisch - groß, etwas kräftig, schiefes Lächeln mit schiefen Zähnen und freundlicher Stimme. Nachdem ich so viele Geschichten aus ihrer beider Leben kenne, ist es komisch, tatsächlich mit diesen Menschen in einem Raum zu sein. Ich fühle mich vertraut und fremd zugleich. Meine Stimme klingt etwas rau und heiser.
Es gibt kein Eis zu brechen - das Reden kommt ganz natürlich und selbstverständlich. Über mich, über gemeinsame Kindheitserinnerungen mit Penny, über den Job ihres Freundes.
Wir sitzen mit Kaffeetassen und Guiness (natürlich nicht für mich) an einem riesigen Holztisch und rauchen was das Zeug hält. Ich berichte von meinem Besuch bei T.
Rücksichtsvoll und nachdrücklich wirken beide auf mich ein. Pennys Freund hatte jahrelang einen besten Freund, der drogenabhängig war. Ihre Mutter trinkt selbst. Wir reden über Sucht-Persönlichkeiten, über Co-Abhängigkeit, über Lügen und Macht.
Es tut wahnsinnig gut, das spüre ich. Ich fühle mich vertsanden und gehalten, die letzten Zweifel verfliegen.
Wir springen über zu gemeinsamen Bekannten, ich höre mir lustige Anekdoten an (Pennys Leben ist wirklich wie eine Sitcom) von Reisen und Unfällen und Partys, Festivals, Abstürzen, Theaterleuten und den Jungs aus der Wohnung unter uns.
Es ist schön, dass ich bei weitem die Jüngste bin und trotzdem "dabei". Ich war noch nie "dabei".
Das Stichwort Politik fällt, Pennys Freund und ich stürzen uns gierig darauf. Wie sehr ich diese Diskussionen vermisst habe! Keine Kontroversen, viel mehr ein sich gegenseitig entsprechen. Wir kommen auf Lobbyismus, Versicherungen, Religion, Freud, Southpark. Kennt ihr das? Man könnte allein über Southpark tagelang reden, indem man sich an die genialsten Folgen und Szenen erinnert.
Wir kochen Tee. Penny holt Kekse raus. Sie und ihr Freund leeren Gauloises rouges, ich meine L&Ms.
Je mehr ich dort sitze und eins mit dem Raum und meinen Gegenübern werde, je mehr Geschichten ich höre, umso dringlicher beschleicht mich der Gedanke, extrem viel verpasst zu haben.
Es geht nicht darum, dass ich noch nie richtig betrunken war und die ganzenlustigen Betrunkenen-Geschichten ohne mich stattgefunden haben, das will ich gar nicht erleben.
Es geht darum, dass es da offenbar eine Szene gibt, ein paar hundert Meter von meinem Haus entfernt, die LEBT. Es gibt Affären und Intrigen (Sitcom...), man fährt mit dem VW-Bus nach Irland oder Kroatien. Man zeltet in Amsterdam. Man geht in Irish Pubs in Frankfurt und in Clubs mit Indie-Musik. Man trifft sich am ersten Mai zum Kiffen und hört dabei die Platten unserer Eltern. Man schaut sich jeden Sonntag Abend in der Wohnung der Jungs gemeinsam Günther Jauch an und zerreisst die politische Elite. Man arbeitet, studiert. Spart auf Konzerte und das Southside oder Hurricane. Man kommt nachts spontan vorbei. Man hat einander, unverbindlich-verbindlich.
Das. Das habe ich verpasst. Und Penny gibt mir das Gefühl, ich könnte und sollte dringend ein Teil davon werden.
Ich bin glücklich, Leipzig-glücklich. Schneeballschlacht mit Lulu-glücklich.
Aufgedreht. Meine Nase glänzt, meine Haare sind lockig und wild, ich kann gar nicht so viel Tee und Saft trinken wie mich die Zigaretten und die Unterhaltung durstig machen.
Um halb zwölf hören wir Schritte im Treppenhaus, kurz darauf betritt Lennard das Zimmer. Ich war - das gebe ich ehrlich zu - extrem neugierig auf diesen Mann (ich habe die beiden Mitbewohner oben immer "die Jungs" genannt, dabei sind sie Ende zwanzig, eher Anfang dreißig). Er war früher mit meiner besten Freundin zusammen, sie hat mir in Leipzig sehr viel von ihm erzählt. Dass er wegen Depressionen in einer Klinik war, Workaholic ist, seit ein paar Monaten vegan lebt und dadurch radikal 15 Kilo abgenommen hat. Dass er verbissen und ehrgeizig und ein Charmeur sei. Sie und Penny meinten im Vorfeld scherzhaft, ich würde angeblich in sein Beuteschema (dünn, rötliche Haare - weder noch?!) passen und solle mich in acht nehmen.
Wir geben uns die Hand. Ich wusste, dass er klein war, bestimmt zehn Zentimeter kleiner als ich, aber er wirkt so... schmächtig und zart. Seine Stimme ist viel zu tief, sein Gesicht zu markant als dass es zu seinem Körper passen könnte. Er hat ein Glas Weißwein dabei, vielleicht ist es auch Saft mit viel Wasser. Penny wirft ihm die eine Kippe über den Tisch. Unser Gespräch erstarrt kurz, kommt rumpelnd wieder in Gang.
Ich fühle mich beobachtet, gemustert. Zu dick und zu schwer, verunsichert.
Pennys Freund grinst und beginnt einen Monolog über den Running Gag des Abends, Manipulation durch positive Suggestion, zu halten.
Ich falle ihm ins Wort, heiser, bin sarkastisch und politisch unkorrekt und schlagfertig. Wir albern herum, ärgern Penny ("Phoebe, warum fällst du mir so in den Rücken?", sie lacht und ihre Haare schimmern silbrig, "du kannst doch unmöglich eine Allianz mit diesen Schwachköpfen gegen mich eingehen?"), ärgern ihren Freund, ärgern Lennard. Auch ich bekomme ein paar Spitzen ab, aber sie sind stumpfer als jene, die ich gewohnt bin, und sie sind nett gemeint.
Howard streckt kurz seinen Lockenkopf in die Wohnung, um Hallo und gute Nacht zu sagen.
Wir sitzen noch eine Stunde zusammen, es ist nicht mehr so unverkrampft wie vorher, aber dennoch schön.
Im Badezimmerspiegel sehe ich leicht beschwipst aus.
Fremd. Ich berühre meine Wange. Sie glüht.
Ich knete meine Haare zurecht und wische die verschmierte Wimperntusche (habe ich vor Lachen geweint?) mit zitternden Fingern aus dem Gesicht.
Leben.
Reisen, Sprechen, Spüren, Feiern, Lachen, Kind sein. Erwachsen sein. Sich verlieben. Frei sein.
Ich beschließe, bei Penny zu schlafen. Sie sit sehr süß und macht mir eine Wärmflasche, weil sie um meine fressbedingten Bauchkrämpfe weiß. Ich darf ihr Killers-Shirt zum Schlafen anziehen (das ist eine Ehre!).
Später in der Nacht liege ich auf der roten Schlafcouch im Wohnzimmer, esse Schokolade und lese "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" von John Green, das auf dem Fensterbrett lag. Es ist sehr hell und ich bin aufgewühlter als müde. Aus dem Schlafzimmer vernehme ich das Knarren von Lattenrosten unter Matratzen unter sich liebenden Körpern. Das Geräusch macht mich traurig, oder eher sehnsüchtig?
Mein Kopf ist voll von Worten und Eindrücken und unendlich schwer. Ich muss lächeln.
Phoebe (welche den ganzen Tag bei psychedelischer Musik und mit ihrem Laptop - Spider Solitär - im Bett verbracht hat, frustriert weil ihre Therapeutin krank ist) fährt abends, nach einem seltsamen Besuch bei T., bei dem die vorgestrigen Entwicklungen diskutiert wurden (ergebnislos), zu ihrer Freundin Penny (die zwar nicht Penny heißt, aber der Name passt wunderbar) und deren Freund.
Ewig keinen Kontakt mehr gehabt, sich wieder angenähert, wahnsinnig gut verstanden.
Und sie erlebt, wie so ein Abend laufen kann. Unter Lebenden.
Penny wohnt in "The Big Bang Theory"-Manier (sie ist blond und schlagfertig und groß) in direkter Nachbarschaft zweier einigermaßen nerdiger Kumpels (die rein optisch Lennard und ein hünenhafter Howard sein könnten) in einer ziemlich coolen Dachwohnung in meiner Nähe.
Als ich von T. komme, fängt es an zu regnen. Ich habe mich seit Wochen zum ersten Mal geschminkt, meine Haare geföhnt und mich ein bisschen netter angezogen, was sich ganz gut anfühlt. Ungewohnt, maskiert, aber auch erstmals wieder ansehlich.
Ich klettere die Treppen hoch, begrüße erst Pennys Hund, dann sie, Händeschütteln mit ihrem Freund. Er ist mir auf den ersten Blick sympathisch - groß, etwas kräftig, schiefes Lächeln mit schiefen Zähnen und freundlicher Stimme. Nachdem ich so viele Geschichten aus ihrer beider Leben kenne, ist es komisch, tatsächlich mit diesen Menschen in einem Raum zu sein. Ich fühle mich vertraut und fremd zugleich. Meine Stimme klingt etwas rau und heiser.
Es gibt kein Eis zu brechen - das Reden kommt ganz natürlich und selbstverständlich. Über mich, über gemeinsame Kindheitserinnerungen mit Penny, über den Job ihres Freundes.
Wir sitzen mit Kaffeetassen und Guiness (natürlich nicht für mich) an einem riesigen Holztisch und rauchen was das Zeug hält. Ich berichte von meinem Besuch bei T.
Rücksichtsvoll und nachdrücklich wirken beide auf mich ein. Pennys Freund hatte jahrelang einen besten Freund, der drogenabhängig war. Ihre Mutter trinkt selbst. Wir reden über Sucht-Persönlichkeiten, über Co-Abhängigkeit, über Lügen und Macht.
Es tut wahnsinnig gut, das spüre ich. Ich fühle mich vertsanden und gehalten, die letzten Zweifel verfliegen.
Wir springen über zu gemeinsamen Bekannten, ich höre mir lustige Anekdoten an (Pennys Leben ist wirklich wie eine Sitcom) von Reisen und Unfällen und Partys, Festivals, Abstürzen, Theaterleuten und den Jungs aus der Wohnung unter uns.
Es ist schön, dass ich bei weitem die Jüngste bin und trotzdem "dabei". Ich war noch nie "dabei".
Das Stichwort Politik fällt, Pennys Freund und ich stürzen uns gierig darauf. Wie sehr ich diese Diskussionen vermisst habe! Keine Kontroversen, viel mehr ein sich gegenseitig entsprechen. Wir kommen auf Lobbyismus, Versicherungen, Religion, Freud, Southpark. Kennt ihr das? Man könnte allein über Southpark tagelang reden, indem man sich an die genialsten Folgen und Szenen erinnert.
Wir kochen Tee. Penny holt Kekse raus. Sie und ihr Freund leeren Gauloises rouges, ich meine L&Ms.
Je mehr ich dort sitze und eins mit dem Raum und meinen Gegenübern werde, je mehr Geschichten ich höre, umso dringlicher beschleicht mich der Gedanke, extrem viel verpasst zu haben.
Es geht nicht darum, dass ich noch nie richtig betrunken war und die ganzen
Es geht darum, dass es da offenbar eine Szene gibt, ein paar hundert Meter von meinem Haus entfernt, die LEBT. Es gibt Affären und Intrigen (Sitcom...), man fährt mit dem VW-Bus nach Irland oder Kroatien. Man zeltet in Amsterdam. Man geht in Irish Pubs in Frankfurt und in Clubs mit Indie-Musik. Man trifft sich am ersten Mai zum Kiffen und hört dabei die Platten unserer Eltern. Man schaut sich jeden Sonntag Abend in der Wohnung der Jungs gemeinsam Günther Jauch an und zerreisst die politische Elite. Man arbeitet, studiert. Spart auf Konzerte und das Southside oder Hurricane. Man kommt nachts spontan vorbei. Man hat einander, unverbindlich-verbindlich.
Das. Das habe ich verpasst. Und Penny gibt mir das Gefühl, ich könnte und sollte dringend ein Teil davon werden.
Ich bin glücklich, Leipzig-glücklich. Schneeballschlacht mit Lulu-glücklich.
Aufgedreht. Meine Nase glänzt, meine Haare sind lockig und wild, ich kann gar nicht so viel Tee und Saft trinken wie mich die Zigaretten und die Unterhaltung durstig machen.
Um halb zwölf hören wir Schritte im Treppenhaus, kurz darauf betritt Lennard das Zimmer. Ich war - das gebe ich ehrlich zu - extrem neugierig auf diesen Mann (ich habe die beiden Mitbewohner oben immer "die Jungs" genannt, dabei sind sie Ende zwanzig, eher Anfang dreißig). Er war früher mit meiner besten Freundin zusammen, sie hat mir in Leipzig sehr viel von ihm erzählt. Dass er wegen Depressionen in einer Klinik war, Workaholic ist, seit ein paar Monaten vegan lebt und dadurch radikal 15 Kilo abgenommen hat. Dass er verbissen und ehrgeizig und ein Charmeur sei. Sie und Penny meinten im Vorfeld scherzhaft, ich würde angeblich in sein Beuteschema (dünn, rötliche Haare - weder noch?!) passen und solle mich in acht nehmen.
Wir geben uns die Hand. Ich wusste, dass er klein war, bestimmt zehn Zentimeter kleiner als ich, aber er wirkt so... schmächtig und zart. Seine Stimme ist viel zu tief, sein Gesicht zu markant als dass es zu seinem Körper passen könnte. Er hat ein Glas Weißwein dabei, vielleicht ist es auch Saft mit viel Wasser. Penny wirft ihm die eine Kippe über den Tisch. Unser Gespräch erstarrt kurz, kommt rumpelnd wieder in Gang.
Ich fühle mich beobachtet, gemustert. Zu dick und zu schwer, verunsichert.
Pennys Freund grinst und beginnt einen Monolog über den Running Gag des Abends, Manipulation durch positive Suggestion, zu halten.
Ich falle ihm ins Wort, heiser, bin sarkastisch und politisch unkorrekt und schlagfertig. Wir albern herum, ärgern Penny ("Phoebe, warum fällst du mir so in den Rücken?", sie lacht und ihre Haare schimmern silbrig, "du kannst doch unmöglich eine Allianz mit diesen Schwachköpfen gegen mich eingehen?"), ärgern ihren Freund, ärgern Lennard. Auch ich bekomme ein paar Spitzen ab, aber sie sind stumpfer als jene, die ich gewohnt bin, und sie sind nett gemeint.
Howard streckt kurz seinen Lockenkopf in die Wohnung, um Hallo und gute Nacht zu sagen.
Wir sitzen noch eine Stunde zusammen, es ist nicht mehr so unverkrampft wie vorher, aber dennoch schön.
Im Badezimmerspiegel sehe ich leicht beschwipst aus.
Fremd. Ich berühre meine Wange. Sie glüht.
Ich knete meine Haare zurecht und wische die verschmierte Wimperntusche (habe ich vor Lachen geweint?) mit zitternden Fingern aus dem Gesicht.
Leben.
Reisen, Sprechen, Spüren, Feiern, Lachen, Kind sein. Erwachsen sein. Sich verlieben. Frei sein.
Ich beschließe, bei Penny zu schlafen. Sie sit sehr süß und macht mir eine Wärmflasche, weil sie um meine fressbedingten Bauchkrämpfe weiß. Ich darf ihr Killers-Shirt zum Schlafen anziehen (das ist eine Ehre!).
Später in der Nacht liege ich auf der roten Schlafcouch im Wohnzimmer, esse Schokolade und lese "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" von John Green, das auf dem Fensterbrett lag. Es ist sehr hell und ich bin aufgewühlter als müde. Aus dem Schlafzimmer vernehme ich das Knarren von Lattenrosten unter Matratzen unter sich liebenden Körpern. Das Geräusch macht mich traurig, oder eher sehnsüchtig?
Mein Kopf ist voll von Worten und Eindrücken und unendlich schwer. Ich muss lächeln.
Montag, 29. Oktober 2012
Krabbelkopf.
Scheint als könnte ich bei ihm nicht mehr schlafen. Oder ist die Nacht einfach zu verlockend als geheimer Spielplatz für peinliche Aktivitäten?
Naja, was heißt peinlich. Ich blogge ja nur. Er findet es lächerlich und kindisch, immerhin bin ja ja schon zwanzig.
Mein Kopf ist vollkommen übersättigt.
Und das kommt mir ganz gelegen, denn was gibt es schöneres, als eine Nacht tot zu schlagen und morgens um sechs die Erste im Fitness zu sein? Wahrscheinlich einiges, wenn man gut drauf ist.
Ich habe mir überlegt, einmal eine Umfrage (oder vielleicht noch mehr?) zu starten unter meinen tapferen 52 (!) Leserinnen. In diesem Sinne: Harret dem, was kommen möge.
--- Edit: Hat nicht geklappt. Bin zu doof dafür. Aber dafür möchte ich euch folgende Frage stellen:
Naja, was heißt peinlich. Ich blogge ja nur. Er findet es lächerlich und kindisch, immerhin bin ja ja schon zwanzig.
Mein Kopf ist vollkommen übersättigt.
Und das kommt mir ganz gelegen, denn was gibt es schöneres, als eine Nacht tot zu schlagen und morgens um sechs die Erste im Fitness zu sein? Wahrscheinlich einiges, wenn man gut drauf ist.
Ich habe mir überlegt, einmal eine Umfrage (oder vielleicht noch mehr?) zu starten unter meinen tapferen 52 (!) Leserinnen. In diesem Sinne: Harret dem, was kommen möge.
--- Edit: Hat nicht geklappt. Bin zu doof dafür. Aber dafür möchte ich euch folgende Frage stellen:
Samstag, 29. September 2012
Spieglein.
Eine Nacht durchgemacht: konnte nicht schlafen und habe drei Stunden gelernt, um sechs bin ich ins Fitness gegangen (ein Glück dass die schon so früh öffnen), eben noch geduscht und Abwasch gemacht - und mein Hase schläft immer noch.
Er ist so süß.
Zu meinem Körper:
Ich habe es geschafft in einer Woche 7 (!) Kilo zuzunehmen. Und zwar an Bauch, Oberschenkeln, Arsch und im Gesicht. Bin ich eine Mutation? Wie kann ein Mensch so aufgehen (wie ein Hefekloß)? Ähnlich schnell habe ich nur in der zweiten Klinik zugenommen, das waren 20 kg in acht Wochen...
Es ist ekelhaft. Vor allem, weil ich mich einfach weigere, mich an meineschöne weibliche Figur zu gewöhnen.
Beim Sport hatte ich T.s Jogginghose an. In meinem Studio gibt es relativ viele Spiegel und das Bild, das sich mir bot war, dezent formuliert, unschön. Seit ich letzten Sommer so fett geworden bin trage ich keine Hosen mehr. Gar keine. Wenn mein Gewicht unter 60 kg fällt, trage ich Shorts (nur mit hohen Absätzen, aber ich trage meistens Absätze insofern ist das nicht so schwierig).
Aber Jeans? Never.
Es gibt genau eine Hose, die vorteilhaft für mich ist, zumindest bei einem BMI von unter 14. Eine Jogginghose die ich immer beim Pilates und Yoga getragen habe. Eigentlich ist es eine Tchibo-Schlafanzugshose aus superweichem Jersey in hellgrau mit Gummibund oben. Diese Zauberhose vermochte gleichzeitig meine Hüftknochen sichtbar abzuzeichnen (Gumminbund!), lässig die Lücke zwischen meinen Oberschenkeln und meine knochigen Knie zu betonen und sie zeigte meinen winzigen Hintern im rechten Licht. --- Ich lese gerade, was ich schreibe, und es ist einfach nur krank.
Alter ich bin so durch.
Er ist so süß.
Zu meinem Körper:
Ich habe es geschafft in einer Woche 7 (!) Kilo zuzunehmen. Und zwar an Bauch, Oberschenkeln, Arsch und im Gesicht. Bin ich eine Mutation? Wie kann ein Mensch so aufgehen (wie ein Hefekloß)? Ähnlich schnell habe ich nur in der zweiten Klinik zugenommen, das waren 20 kg in acht Wochen...
Es ist ekelhaft. Vor allem, weil ich mich einfach weigere, mich an meine
Beim Sport hatte ich T.s Jogginghose an. In meinem Studio gibt es relativ viele Spiegel und das Bild, das sich mir bot war, dezent formuliert, unschön. Seit ich letzten Sommer so fett geworden bin trage ich keine Hosen mehr. Gar keine. Wenn mein Gewicht unter 60 kg fällt, trage ich Shorts (nur mit hohen Absätzen, aber ich trage meistens Absätze insofern ist das nicht so schwierig).
Aber Jeans? Never.
Es gibt genau eine Hose, die vorteilhaft für mich ist, zumindest bei einem BMI von unter 14. Eine Jogginghose die ich immer beim Pilates und Yoga getragen habe. Eigentlich ist es eine Tchibo-Schlafanzugshose aus superweichem Jersey in hellgrau mit Gummibund oben. Diese Zauberhose vermochte gleichzeitig meine Hüftknochen sichtbar abzuzeichnen (Gumminbund!), lässig die Lücke zwischen meinen Oberschenkeln und meine knochigen Knie zu betonen und sie zeigte meinen winzigen Hintern im rechten Licht. --- Ich lese gerade, was ich schreibe, und es ist einfach nur krank.
Verherrlichung von Knochen?
a) Wer bin ich eigentlich, ich fette Sau (63,6 kg nach AFM-Gebrauch), dass ich mich in verklärenden Sehnsüchten verliere anstatt etwas an meiner Situation zu ändern?!
b) Wer bin ich eigentlich, dass ich "Kurz-vorm-Abkratzen" zu meinem Schönheitsideal erkläre?
oder
oder
c) Wer bin ich eigentlich, dass ich alle Welt mit sowas zutüte?
Wie schon gesagt - ich bin im Moment wahnsinnig instabil. Habe Aussetzer (so halb-dissoziativ), penne einen ganzen Tag lang komplett (gestern), kerbe Linien in meine Unterarme (heute früh um vier), trainiere mir 410 kcal im Fitness ab um heute nachmittag mit mir selbst eine Pizza bei meinem Lieblingsitaliener essen gehen zu können. Nee, die Pizza hätte ich auch so gegessen, Fitness hin oder her. Ich frage mich immer "Kannst du jetzt aufhören mit den Fressanfällen und wieder in den Hunger-Modus gehen? Oder fehlt noch was?" Ich habe nämlich die fixe Idee, dass ich in einer Binge-Phase ALLES, was ich geil finde, fressen muss, damit der Hunger darauf "gestillt" ist und ich das heißgeliebte Nahrungsmittel wieder für einige Zeit entbehren kann. In dieser Phase fehlt noch: Pizza und original Nutella. Dann bin ich wieder bereit, in den Hungerstreik zu treten. Montag, 17. September 2012
Fragespiel.
Die Nacht, so lang die Nacht.
T. sagt, er wird Schluss machen mit mir, ehe ich mich zu Tode hungere. Ganz trocken. Er sagt, das wird er sich nicht nochmal mit ansehen.
Und damit herzlich willkommen in der Endlosschleifen-Fragerunde: "Will ich eigentlich gesund werden?"
Heute zu Gast: Phoebe, bald 20, (Ex-)Anorektikerin, (Ex-zwei-Mal-untreue) Freundin von T., Ex-Insassin, mehrfache Ex-stationäre Psychoschrulle mit Ex-Untergewicht, Patientin in der ambulanten Psychoanlyse seit drei Jahren, Tochter übergewichtiger Eltern, Schwester einer zauberhaften, jungen, sozial integrierten, fast 16-jährigen, normalgewichtigen jungen Dame.
Gesund werden.
Wie kannst du mir das einzige in meinem Leben nehmen, das mir Selbstvertrauen verleiht?, frage ich ihn.
Ich bin lieber unnütz und scheiße und dünn als unnütz und scheißeund fett, ist das so schwer zu begreifen?
Und schlafen werde ich diese Nacht wohl auch nicht mehr.
Also, halten wir fest: Er hat Recht, ich habe schon viel zu viele Kliniken aufgesucht. Ich habe mit meiner Magersucht schon viel zu viel Leid erst über meine Familie und adann auch über ihn gebracht. Sorgenvolle Blicke, Streitigkeiten, meine Mutter in Tränen aufgelöst, meine Schwester wütend, ihn selbst verraten.
Ich habe aus Wut und Trotz und Selbsthass vor genau einem Jahr 20 kg zugenommen, um ihnen allen in die Fresse zu treten. Und ganz plötzlich war ich wieder "normal". Klar, depressiv, Arme aufgeschlitzt und all das, aber ich war normalgewichtig. Und alle, alle konnten aufatmen. Ich habe die Schule geschmissen, das begabte Kind boykottiert das Leben. Auch damit konnte mein Umfeld sich arrangieren.
Dass ich das ganze letzte Jahr ausschließlich mit meinem Körper gekämpft habe, wollten sie nicht sehen. Wenn ich ein paar Kilos verlor, wurde das zur Kenntnis genommen in der Hoffnung, dass ich durch Fressanfälle ohnehin früher oder später wieder bei über sechzig Kilo sein würde.
Jetzt, so wie ich hier sitze, will ich nichts mehr als dass es endlich wieder klappt. Wie das klingt.
Hirnkotze. Ich will es schaffen, was immer ES auch sein mag.
ES bedeutet nicht, ich bin dann mal glücklich mit meinem Körper und alles wird supi.
Es bedeutet vielleicht, ich will noch einmal (aber das wage ich kaum zu denken) unter die 40 kg-Grenze kommen und ein paar wundervolle Monate in der Lüneburger Heide verbringen, mit Tellerservice und Spätmahlzeiten und Kartenspielen und kontrolliertem Zunehmen.
ES bedeutet, Knochen sehen. Schön sein. Modeln.
Es bedeutet nicht, zu sterben, sondern zu Leben. Zu essen und trotzdem dünn zu sein.
Wie erreichen wir das, werte Expertin?
Im Grunde gibt es nur die Möglichkeit, abzunehmen - und zwar so viel, dass die paar Kilos, die man (also ich) durch das "wieder-normal-Essen" automatisch zunimmt, nicht so schlimm sind. Den "Kohl nicht mehr fett" machen, wie der Hesse sagt.
Was würden Sie tun, wenn ihr Freund die Drohung wahrmachen würde? Wenn er sich trennt, falls Sie weiter abnehmen?
Nun. Ich... Ich weiß es nicht. Was bin ich schon ohne ihn?
Ich komme nicht weiter. Ich bin ratlos.
Zeit, um noch ein paar Fragen von Ally (merci!) zu beantworten:
T. sagt, er wird Schluss machen mit mir, ehe ich mich zu Tode hungere. Ganz trocken. Er sagt, das wird er sich nicht nochmal mit ansehen.
Und damit herzlich willkommen in der Endlosschleifen-Fragerunde: "Will ich eigentlich gesund werden?"
Heute zu Gast: Phoebe, bald 20, (Ex-)Anorektikerin, (Ex-zwei-Mal-untreue) Freundin von T., Ex-Insassin, mehrfache Ex-stationäre Psychoschrulle mit Ex-Untergewicht, Patientin in der ambulanten Psychoanlyse seit drei Jahren, Tochter übergewichtiger Eltern, Schwester einer zauberhaften, jungen, sozial integrierten, fast 16-jährigen, normalgewichtigen jungen Dame.
Gesund werden.
Wie kannst du mir das einzige in meinem Leben nehmen, das mir Selbstvertrauen verleiht?, frage ich ihn.
Ich bin lieber unnütz und scheiße und dünn als unnütz und scheiße
Und schlafen werde ich diese Nacht wohl auch nicht mehr.
Also, halten wir fest: Er hat Recht, ich habe schon viel zu viele Kliniken aufgesucht. Ich habe mit meiner Magersucht schon viel zu viel Leid erst über meine Familie und adann auch über ihn gebracht. Sorgenvolle Blicke, Streitigkeiten, meine Mutter in Tränen aufgelöst, meine Schwester wütend, ihn selbst verraten.
Ich habe aus Wut und Trotz und Selbsthass vor genau einem Jahr 20 kg zugenommen, um ihnen allen in die Fresse zu treten. Und ganz plötzlich war ich wieder "normal". Klar, depressiv, Arme aufgeschlitzt und all das, aber ich war normalgewichtig. Und alle, alle konnten aufatmen. Ich habe die Schule geschmissen, das begabte Kind boykottiert das Leben. Auch damit konnte mein Umfeld sich arrangieren.
Dass ich das ganze letzte Jahr ausschließlich mit meinem Körper gekämpft habe, wollten sie nicht sehen. Wenn ich ein paar Kilos verlor, wurde das zur Kenntnis genommen in der Hoffnung, dass ich durch Fressanfälle ohnehin früher oder später wieder bei über sechzig Kilo sein würde.
Jetzt, so wie ich hier sitze, will ich nichts mehr als dass es endlich wieder klappt. Wie das klingt.
Hirnkotze. Ich will es schaffen, was immer ES auch sein mag.
ES bedeutet nicht, ich bin dann mal glücklich mit meinem Körper und alles wird supi.
Es bedeutet vielleicht, ich will noch einmal (aber das wage ich kaum zu denken) unter die 40 kg-Grenze kommen und ein paar wundervolle Monate in der Lüneburger Heide verbringen, mit Tellerservice und Spätmahlzeiten und Kartenspielen und kontrolliertem Zunehmen.
ES bedeutet, Knochen sehen. Schön sein. Modeln.
Es bedeutet nicht, zu sterben, sondern zu Leben. Zu essen und trotzdem dünn zu sein.
Wie erreichen wir das, werte Expertin?
Im Grunde gibt es nur die Möglichkeit, abzunehmen - und zwar so viel, dass die paar Kilos, die man (also ich) durch das "wieder-normal-Essen" automatisch zunimmt, nicht so schlimm sind. Den "Kohl nicht mehr fett" machen, wie der Hesse sagt.
Was würden Sie tun, wenn ihr Freund die Drohung wahrmachen würde? Wenn er sich trennt, falls Sie weiter abnehmen?
Nun. Ich... Ich weiß es nicht. Was bin ich schon ohne ihn?
Ich komme nicht weiter. Ich bin ratlos.
Zeit, um noch ein paar Fragen von Ally (merci!) zu beantworten:
- Würdest du Fallschirmspringen
ausprobieren?
Nein. Ich bin ein Angsthase.
- Deine absolute Lieblingsfarbe?
Alles mit schwarz gemischt. - Welche Eigenschaft
bewunderst du bei anderen und hättest sie gerne?
Selbstvertrauen, Analytik, Disziplin. Ach, und ich hätte gerne einen Zauberstab, um Disharmonien zu begleichen. Einen rosafarbenen. - „Fehler sind dazu da,
um aus ihnen zu lernen.“ Wie siehst du das?
Im Prinzip ist das wohl so. Außer, man ist wie ich zu blöd dazu und begeht den selben Fehler immer wieder. - Bevor ich sterbe, ...?
...will ich wissen, was es heißt, glücklich zu sein. - Hast du schon mal den
ersten Schritt gewagt?
Immer. (; - Was ist dein
Lieblingsgericht?
Oh Gott. Kartoffelecken in Olivenöl mit Rosmarin und Knobi aus dem Ofen. Lasagne. Pizza mit Mozzarella, Rucola und Parmesan. Schokolade in allen Variationen. Blaubeertarte. Enchiladas. Alles mit Salsa. Überbackene Toats... - Unsere Lebenserwartung
liegt ungefähr bei 80 Jahren. Reicht die Zeit aus?
Aber dicke. - Wenn das Wetter deine
Stimmung wiederspiegeln würde, wie würde das Wetter jetzt sein?
Lila Morgenhimmel mit frischem Regenwind. - Warum bloggst du?
Gute Frage... Um mich selbst zu motivieren. Um Feedback zu erhalten und zu geben. - Schon mal ein Brief an
dein zukünftiges Ich geschrieben?
So wie bei How I Met Your Mother? "Lieber zukünftiger Ted, lass die Finger von Karen?" Nee. Aber die Idee ist gut!
Mittwoch, 12. September 2012
Good Morning Vietnam (Germany).
Moin.
T. hat mich leider unabsichtlich geweckt und seitdem bin ich ruhelos. Gegen das Magenknurren gab es einen Kaffee mit einem Schluck Milch, um die abzutrainieren (PANIK) gab es Sit-Ups, Beinscheren und Kniebeugen. Vielleicht sollte ich die Wohnung putzen, das wäre zumindest sinnvoller als zu Rauchen und mir merkwürdige Talkshows reinzuziehen.
Eben lief "Menschen bei Maischberger" in der Wiederholung. Der Zufall wollte es so - das Thema war Übergewicht. Zu Gast unter anderem Altmaier, das fette Schwein, diese magersüchtige Alexa ("- Ich kämpfe gegen ihre Kilos", RTL) und Mr "Du willst abnehmen und dauerhaft schlank bleiben? Mit dem 10 Weeks Body Change Program habe ich es geschafft, in 10 Wochen 20 Kilo abzunehmen" Soost. War überaus unterhaltsam. Die sind sich richtig an die Gurgel gegangen und "D!" (wie kann man sich so einen bescheuerten Namen geben?!) war noch am vernünftigsten...
Ach, ich könnte so etwas den ganzen Tag sehen. Beziehungsweise die ganze Nacht. Was ist nur aus mir geworden? T. wirft mir das auch immer vor, scherzhaft natürlich.
Als wir uns kennenlernten, war ich diese ätherische, verhuschte Gestalt, in Joy Division-T-Shirt und dicke schwarze Mohairschals gehüllt, mit Walkman (ich bin ja so retro) auf dem Balkon der Psychiatrie zu den Chameleons und The Smith tanzend, von einer versnobten Aura des "Intellektuellen", "Linksradikalen" und "kulturell Anspruchsvollen" umwabert, alles mainstreammäßige boykottierend ("Ich sehe kaum fern. Nur 3sat und arte". Pöhö.). Gespräche mit mir waren saumäßig anstrengend, weil ich permanent in Bewegung war (42 kg). Und wie das so ist, schon nach einigen Wochen, nachdem der erste Schleier des rosaroten Verliebtseins sich lüftete - surprise! Ich bin ein stinkechter Normalo. Ich liebe amerikanische Sitcoms, ziehe mir Kochshows rein, labere Blödsinn und verwende Ausdrücke aus der verpönten "Jugendsprache". Ich kann mich für Trash-TV und Germany's next Topmodel begeistern. Und liege dabei faul aufm Bett. Jawohl!
Das ist alles okay, Robbie Williams hören und Mamma Mia sehen hat meinen Horizont wirklich erweitert und mich von einem arroganten Gör zu einer, sagen wir, toleranteren Frau gemacht.
Ich hasse meine Vergangenheit, bis ich ihn traf. Und gleichzeitig werde ich mich immer hassen, wenn ich bei ihm bin, für das was ich ihm angetan habe. Ich bewache seinen Schlaf vom Schreibtisch aus und fühle... Scham.
T. hat mich leider unabsichtlich geweckt und seitdem bin ich ruhelos. Gegen das Magenknurren gab es einen Kaffee mit einem Schluck Milch, um die abzutrainieren (PANIK) gab es Sit-Ups, Beinscheren und Kniebeugen. Vielleicht sollte ich die Wohnung putzen, das wäre zumindest sinnvoller als zu Rauchen und mir merkwürdige Talkshows reinzuziehen.
Eben lief "Menschen bei Maischberger" in der Wiederholung. Der Zufall wollte es so - das Thema war Übergewicht. Zu Gast unter anderem Altmaier, das fette Schwein, diese magersüchtige Alexa ("- Ich kämpfe gegen ihre Kilos", RTL) und Mr "Du willst abnehmen und dauerhaft schlank bleiben? Mit dem 10 Weeks Body Change Program habe ich es geschafft, in 10 Wochen 20 Kilo abzunehmen" Soost. War überaus unterhaltsam. Die sind sich richtig an die Gurgel gegangen und "D!" (wie kann man sich so einen bescheuerten Namen geben?!) war noch am vernünftigsten...
Ach, ich könnte so etwas den ganzen Tag sehen. Beziehungsweise die ganze Nacht. Was ist nur aus mir geworden? T. wirft mir das auch immer vor, scherzhaft natürlich.
Als wir uns kennenlernten, war ich diese ätherische, verhuschte Gestalt, in Joy Division-T-Shirt und dicke schwarze Mohairschals gehüllt, mit Walkman (ich bin ja so retro) auf dem Balkon der Psychiatrie zu den Chameleons und The Smith tanzend, von einer versnobten Aura des "Intellektuellen", "Linksradikalen" und "kulturell Anspruchsvollen" umwabert, alles mainstreammäßige boykottierend ("Ich sehe kaum fern. Nur 3sat und arte". Pöhö.). Gespräche mit mir waren saumäßig anstrengend, weil ich permanent in Bewegung war (42 kg). Und wie das so ist, schon nach einigen Wochen, nachdem der erste Schleier des rosaroten Verliebtseins sich lüftete - surprise! Ich bin ein stinkechter Normalo. Ich liebe amerikanische Sitcoms, ziehe mir Kochshows rein, labere Blödsinn und verwende Ausdrücke aus der verpönten "Jugendsprache". Ich kann mich für Trash-TV und Germany's next Topmodel begeistern. Und liege dabei faul aufm Bett. Jawohl!
Das ist alles okay, Robbie Williams hören und Mamma Mia sehen hat meinen Horizont wirklich erweitert und mich von einem arroganten Gör zu einer, sagen wir, toleranteren Frau gemacht.
Ich hasse meine Vergangenheit, bis ich ihn traf. Und gleichzeitig werde ich mich immer hassen, wenn ich bei ihm bin, für das was ich ihm angetan habe. Ich bewache seinen Schlaf vom Schreibtisch aus und fühle... Scham.
Dienstag, 31. Juli 2012
Schlaflos in Frankfurt.
Ich will zu viel. Ich will alles. Ich fühle zu viel. Ich fühle alles.
Alles und jeden, der mich je berührt hat, irgendwo da drinnen in der Dunkelheit. Vielleicht will ich nur dünn sein, um mich damit wieder meiner Sexualität zu berauben. Meiner Gier.
Will nicht mehr lieben. Will nicht mehr betrügen, müssen. Warum, wozu Frau sein, wenn man nur einmal Frau ist?
Warum funktioniert das leben nicht als Computerspiel? An irgendeinem Punkt sichere ich (falls der PC abstürzt) und mache dann weiter, treffe Entscheidungen, wechsele den Ort und das Erscheinungsbild.
Und wenn es nicht gut geht, kann ich wieder zum letzten Spielstand zurückkehren.
Ich will mehrere Leben, auch wenn ich viel zu schwer an einem einzelnen trage.
Wo hätte ich abbiegen können? Welche Wege hätten sich eröffnet, wäre ich...
Erstaunlich ist, dass ich diese "Wendepunkte" nur nach dem Eintreten starker Gefühle definiere.
Und zwar Gefühlen für Männer.
Wann war ich mit meinen neunzehneinhalb Jahren richtig verliebt? Intensiv? Selten.
Aber oft genug, um in Gedanken zu diesen Menschen zurückzukehren. In Nächten wie diesen.
Ich stolpere auf dünnen Stelzen in sein Reich. Taste mich
durch eine große Spiegelwohung, einen Zaubergarten mit hohem Gras. Mein
erstes Mal auf einer Matratze ohne Lattenrost darunter, nur Neil Young
und Nachtigallen und er und seine grünen Augen. Und Gin und Vodka und -
CUT.
Ich setze mich also auf das Sofa zu jemand anderem und sehe "Sleepers". Blättere in dem Brel-Buch, bewundere die Bilder, den Ausdruck, bewundere die Art, wie er neben mir an seinem Wein nippt. Sehe Garnelen im Aquarium und berühre weiches Haar. Renne über den Deich. Frühstücke nach einer Nacht im Motel buttrige Croissants. Gedichte. Heimliche Küsse in der Küche -
CUT.
Jetzt bin ich an einem ganz anderen Ort. Der Mann mit der Marmorhaut. Winzige, feine Linien und schneeweiß. Schnee.Wir plücken Blumen für seine Küche.Wir tun es überall, überall. Ich blicke in unergründliche Tiefen und erahne Romane, Poesie und Trauer, aber ich wische sie weg mit einem Lächeln und fühle, wie er wieder zu sich, zu mir kommt. Wir klammern uns aneinander fest, seine Krawatte ist blutrot-
CUT.
Ein Funkeln nur und Ironie und Stille. Ich sehe mich hungrig. Rede mit der Mailbox. Eine Ahnung von Tiefe und ich gebe mich auf. Es ist nur diese Kraft -
CUT.
Die Gewissheit: sein Auto steht da, ich klettere zitternd die Stufen hinauf. Er küsst mich auf den Mund.
Hat das jemand mitbekommen? Es ist verboten. Es ist reizvoll. Er ist allwissend. Seine Bilder sind verwaschen, ich betrachte sie und werde nicht schlau aus ihnen. Aus ihm. Er schreibt, er denke viel an mich. Den Brief verliere ich, und ich verliere jede Selbstachtung wenn ich ihn spüre. Eben noch Hände an meiner Hüfte. Wir tanzen und ich sterbe. Er war hier. Ja. Ich nehme seinen Schal und vergrabe die Nase darin. Er sagt, dass er es will -
CUT.
CUT.
CUT!
Ich will alles. Schon erwähnt?
Mein körperlicher Hunger meldet sich. Das ist gut.
Ich werde versuchen, einzuschlafen und dem Hunger nachzuspüren.
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