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Mittwoch, 24. Juli 2013

Manchmal frage ich mich... [edited]

...ob ich meinen vollkommen "normalen" Körper und BMI vielleicht besser akzeptieren könnte, wenn ich nicht in einen Mann verliebt wäre, der explizit auf dünne Frauen steht ("Aber du bist genau so wunderbar, wie du bist. Ich liebe deinen Körper", hatte ich erwähnt dass ich sowieso niemandem ein Wort glaube?).
Wenn ich Bilder auf tumblr hochladen würde von meinen zellulitösen Oberschenkeln, die beim Gehen aneinander reiben, und das Ganze mit dem Hashtag realtights versehen. Wer weiß.
Vielleicht wenn ich in feministischer Manier die Gesellschaft hinterfragte, die mir dieses Schönheitsideal aufstempelt, welchem ich immer hinterherhecheln werde. Oder meinem Vater in die Fresse schlagen könnte, wenn er mich beim Essengehen fragt, ob ich wirklich Kohlenhydrate zum Abendbrot essen will ("Und überhaupt, Lachs, Sahne? Das ist aber nicht vegan!").
Ich müsste vielleicht all die Bilder von meiner Festplatte löschen, die mich mit BMI-kurz-vorm-Hungertod zeigen, damit ich sie nicht mehr anhimmeln kann.
Der Gedanke fühlt sich an wie Aufgeben.


Edit 15:33:

Lustig, da finde ich gerade bei der Zerstreuung auf vice.de einen Artikel, der das Ganze noch zuspitzt und weiterführt:
"Wie dem auch sei, bis irgendwann später—auf keinen Fall vor 25—will jede das haben, was alle anderen haben, es ist widerlich. Die einzige universell sichere Tatsache ist, dass alle Mädchen dünn sein wollen, aber jede sagt: „Ieeh, dünn ist eklig“, während sie zu Modemagazinen masturbieren. Und eigentlich machen es sich weiße Mädchen auch zu Rihanna, so viel ist sicher.
Du darfst deinen Körper nicht mögen (das wäre „eingebildet“), aber wenn du coole feministische Freunde hast, dann darfst du auch nicht versuchen, ihn zu verändern. Und wenn deine Freunde eher so dem, ähm, Standard-Problemtyp entsprechen, dann darfst du auch nicht nicht versuchen, ihn zu verändern. Die Folge sind eine Kultur von Unaufrichtigkeit, Feindseligkeit und (am schlimmsten) wiederholte „Du bist schön“- und „Du bist hinreißend“- und „Ich würde für deine Beine töten“-Schwüre. COOL. Stell dir vor, wie ich bei dem Gedanken Luft in meine Handfläche kotze."

Was denkt ihr darüber?

Samstag, 16. März 2013

Plan A.

Mein Plan für die nächsten Tage steht fest:
Fasten.
Gemäßigtes Fasten, demnach werde ich mich von Shakes und Smoothies ernähren, damit der Stoffwechsel nicht so krass runterfährt. Ich werde wie gehabt jeden zweiten Tag zum Fitness gehen.
Ich ertrage es einfach nicht einen Tag länger, zu Fressen und so auszusehen, wie ich aussehe... Und erfahrungsgemäß hilft es mir, vom Fressen wegzukommen, wenn ich einfach konsequent feste Nahrung meide.
Und heute noch mal eine charmante Abführmittel-Party.

Vorgesehen sind folgende Lebensmittel (mengenmäßig der Reihenfolge der Auflistung entsprechend):

- Kaffee (mit Milch oder Sojamilch)
- Tee
- Eiweiß Pulver
- Buttermilch
- gefrorene Beeren
- Leinsamen
- Sojaflakes
- Bananen (püriert)

Here we go!

Dienstag, 5. März 2013

Dienstag Vormittag.

Ich klemme hinter dem PC mit einer Tasse Kakao (3g stark entöltes Kakaopulver, Süßstoff, heißes Wasser, 10ml Milch - 16 kcal) und sinniere.
Gestern habe ich eine Bewerbungsmappe in meinem favorisierten Tabak- und Zeitschriftenladen abgegeben, hoffe, dass ich die Stelle bekomme. 60 Stunden im Monat, das dürfte selbst ich hinkriegen. Und, wie mir die Verkäuferin sagte: "Das kriegt wahrscheinlich selbst ein Toastbrot besser hin als mein Kollege." Ich bin netter als ein Toastbrot, so viel steht fest.
Nett, aber ein körperliches und geistiges Wrack. Ich fühle mich ausgehöhlt und bin schrecklich unkonzentriert, mein Kreislauf und mein Stoffwechsel sind - auf gut Deutsch - im Arsch. Mein ganzer Körper schmerzt vor Muskelkater, Wassereinlagerungen und Kälte.
Versuche die SMS von T. zu ignorieren, in denen er mich bekniet, beschimpft, seine Liebe zum Ausdruck bringt. Droht.
Meine Schulunterlagen nehme ich regelmäßig zur Hand, blättere ein bisschen, unterstreiche hier und da etwas. Dann schweifen die Gedanken ab. Zu ihm, zu Kalorien, zu irgendetwas. Ich ziehe meinen flauschigen lila Bademantel an und stelle mich auf den Balkon, Kippe an, Sonnenstrahlen, die mich zum Niesen bringen. Und muss mich setzen. Autsch, scheiß Gesäßknochen. Kissen nehmen. Besser.
Dann schleppe ich mich ins Badezimmer, nehme eine Nagelschere zur Hand und malträtiere meine Nägel beziehungsweise das, was von ihnen übrig ist.
Als ich in der ersten Klinik war fand ich es erstaunlich, dass die meisten Magersüchtigen extrem kurze und kaputte Fingernägel mit blutiger Nagelhaut hatten.
Mein Kopf schwirrt vor weißem Nebel und kranken Vögeln, die ekstatisch flattern.
Leben ist das nicht. Aber es gefällt mir besser als die Wochen zuvor.

Montag, 18. Februar 2013

Masterplan.

Es ist gar nicht so sehr das „dünn“-sein, das mich reizt.
Ganz im Gegenteil, es ist nervenaufreibend, von jedem angesprochen zu werden auf den vermeintlich eklatanten Gewichtsverlust; die sorgenvollen Blicke, die wütenden Äußerungen ertragen zu müssen und vor allem das schlechte Gewissen denen gegenüber, die ich liebe und denen offenbar viel an meinem Gesundheitszustand liegt.
Nicht, dass es mir persönlich nicht gefällt, dünner zu sein – ich finde es fabelhaft. Das Wahnsinnsgefühl, beim Gehen nicht die Oberschenkel aneinander reiben zu spüren, der Stolz, in Jeans und T-Shirt gut auszusehen ohne den Bauch einziehen und die Beine mit langen Cardigans verhüllen zu müssen. Es macht mir sogar Spaß, mich absichtlich „dicker“ wirken zu lassen indem ich unvorteilhafte Sachen trage.
Der große Reiz ist allerdings das Hungern selbst. Leer zu sein, Schwindel und geschärfte Wahrnehmung, sich zu kasteien.
Ich weiß, wer das liest mag denken „Was will sie eigentlich, sie hungert jetzt gerade mal zwei Wochen“, aber ich habe extrem viel abgenommen in der Zeit, viel mehr als damals, wahrscheinlich weil ich meinen Körper jetzt besser kenne.
Ich weiß, wer das liest mag wütend werden (und ich kann es keinem Leser verdenken) dass ich mich freiwillig in diese Hölle zurückbegebe.
Irgendwo weiß ich auch, dass es idiotischer Scheißmist ist, was ich mache. Aber hält mich das davon ab? Nein.
Mein Plan sieht wie folgend aus: Noch ein paar Kilos verlieren, bis ich bei 50 kg bin, und dann langsam wieder mehr essen, sodass mein Stoffwechsel sich umstellen kann (momentan ist er auf maximal 300 kcal am Tag geeicht, was ich zwar regelmäßig unter größter Mühe für einen Tag auf 500 steigere, um ihm „Anreize“ zu geben). Dann würde ich ein bisschen zunehmen, sagen wir bis 52/53 kg, und dieses Gewicht dann halten. Und das möchte ich wirklich!
Natürlich finde ich mich „schöner“ mit weit unter 45 kg, aber wenn ich etwas gelernt habe in den vergangenen Jahren dann ist es das: Was ich schön finde, interessiert eh kein Schwein und treibt mein Umfeld in den Wahnsinn. Was ich vermeiden möchte, wegen mir hat meine Familie (und hat T.) schon genug gelitten.
Aber so ein hübscher BMI von 17,2; damit könnte ich mich abfinden. Ich würde vorsichtig und kontrolliert gesunde und auch ungesunde Dinge essen, etwa 1200-1400 kcal am Tag (also etwas weniger als den Grundumsatz, aber dafür viel Fett-Kalorien wie Butter, Öl und Schokolade) und wäre dünn, aber nicht mager.
Ich wäre (und bin es jetzt schon) um einiges selbstbewusster im Auftreten. Mein Gesicht ist zierlicher und damit erträglicher. Meine Größe ist nicht so schwer zu ertragen, wenn ich dünn bin.

All das ist krank, aber realistisch zu erreichen und gibt mir Kraft für die alltäglichen Quälereien.

Donnerstag, 14. Februar 2013

Sonntag, 10. Februar 2013

Kalte Luft (Trigger?).

Ich laufe und laufe und bewege mich nicht von der Stelle.
Die Luft in meinem Kopf ist diesig und kalt.
Meine Mutter sagt: Ich sehe, dass du schon wieder so dünn bist, Maus. Ich mache mir Sorgen.
T. sagt: Du wiegst doch keine 57 kg mehr?!
Ich sage: Leute, schaut mich an. Ich bin nicht dünn. Und ich bin zwanzig. Und ein Arschloch.
Meine Unterarme sind blutig, rau und voller Rillen. Das Blut will gar nicht mehr trocknen.
Egal, scheißegal.
Denn: Er wird mir nie wieder vertrauen, ich schlage mit Fäusten auf meinen Kopf ein bis ich ein Veilchen habe.
Er sagt: Ich weiß, dass du nicht deine Freundin in Leipzig besuchen willst. Du triffst dich dort mit S. oder R. und willst dich von denen durchficken lassen.
Ich schreie und weine, er hat keinen blassen Schimmer wie unendlich weit ein solcher Gedanke von meinem Zustand entfernt ist. Ich sage, dass ich keinen Kontakt mehr mit diesen Männern habe, was zu 100% der Wahrheit entspricht. Aber er glaubt mir nicht. Ich sage, dann fahre ich nicht nach Leipzig. Er sagt, klar, weil du dich mit diesem Idioten treffen wolltest. Und selbst wenn nicht, wirst du dort jemanden kennenlernen und mich betrügen und verlassen.
Nein.
Nein, niemals, ich will doch nur ihre Wohnung sehen, ihre erste eigene Wohnung und sie ist meine einzige und beste Freundin und-
Wenn das rauskommt, brüllt er, dass du mich wieder verarschst, dann sehen wir uns nie wieder.
Ich heule.
Er glaubt mir nicht, meint, er hätte in meinen Augen gesehen dass ich dort jemanden treffen wollte, um fremdzugehen.
Meine Stimme überschlägt sich: Ich bringe mich jetzt um, wenn du das denkst. Ich schneide meine Scheiß-Brüste ab und meine Klitoris und dann werden wir ja sehen, ob ich Sex haben will.
Im Badezimmer schließe ich mich ein und versenke erstmal Raierklingen in meinem linken Handgelenk.
Es blutet immer noch.

Mageninhalt: 30g Almased. Geiles Leben, echt.

Freitag, 8. Februar 2013

BMI 18,9 und Hösengrößen.

Ihr seid so wundervoll, ihr habt mich über jene Nacht gerettet.
Danke für die lieben Kommentare. Echt.

Mein Freund ist seit gestern nüchtern und absolut nicht aggressiv, unfair oder ähnliches.
Ich hasse den Alkohol.

Anderers Thema:

Nur noch 57 kg. Komischerweise sieht man das bei mir vor allem am Oberkörper (inklusive Arme). War gestern bei H&M und habe eine Skinny-Hose anprobiert, und die war in 38 (!) zu eng. Ich habe sie zwar zubekommen, aber es sah schrecklich aus.
Geht es euch auch so bei H&M Größen? Dass man obenrum XS trägt und untenrum... 40 braucht?!
Meine Beine sind schlank / dünn bis zu dem Punkt, der von kurzen Röcken verdeckt wird. Alles darüber ist fett und schwabbelig, was komischerweise sogar bei meinem niedrigsten Gewicht noch "sichtbar" für mich war - die kleinste Hose die ich je anhatte war eine Kinder-176, die Frauen-Jeans bei H&M habe ich nie in den kleinen Größen tragen können. Logik?

Ist zufällig eine von euch bei fddb angemeldet? Ich bin seit drei Tagen da. Name: Skäck. Wie die IKEA Müslischalen.

Dienstag, 5. Februar 2013

Beoncés Oberschenkel, mein Freund und ich.

"Wieso stehst du nackt vor mir?"
Weil ich dir gefallen will. Weil ich es richtig machen will. Weiß Gott warum, es war eine Schnapsidee.
"Hast du dicke Oberschenkel?"
"Ja, die habe ich."
(...) Ich ziehe mich wieder an.

Eine halbe Stunde später:
"Warum hast du das vorhin eigentlich gesagt? Das mit meinen Beinen."
"Weil sie dick sind."
"Ja, das weiß ich selbst, das musst du mir wirklich nicht sagen. Ehrlich."
"Was ist dein Problem damit? Du bist eben eine Frau und hast stämmige Beine. Ja und? Sie sind immer noch schlanker als die von Beoncé, du weißt doch, beim Super Bowl..."
"Das ist auch keine große Leistung. Ich schätze mal 50% der Frauen haben schlankere Oberschenkel als Beoncé. Das ist es nicht. Aber du sollst wissen dass ich jeden Tag darum kämpfe, wieder abzunehmen, und..."
"Du bist schön so, wie du bist. Du bist eben eine Frau! Hör doch auf mit dem Selbstmitleid."
"...deine blöde Heather Thomas hat genauso dicke Beine wie ich. Aber da sagst du nichts, das ist dann eine perfekte Frau. Ich versteh dich einfach nicht."
"Bilde dir das nicht ein, die hat viel schlankere Oberschenkel. Ich bin es leid, dir immer zu sagen dass du dünn wärst. Du bist schlank, aber du hast große Schenkel und einen großen Po."
"Erstens nein, das kann ich beurteilen. Und zweitens: das weiß ich doch, es tut mir nur weh, es immer wieder zu hören."
"Soll ich lügen?"
"Nein, verdammt. Du sollst gar nichts dazu sagen. Ich finde es nur taktlos und nicht angebracht, mir das ins Gesicht zu schmeißen wenn ich mich - und du weißt dass mir das schwer fällt - so präsentiere. Glaubst du irgendeine Frau auf der Welt zieht sich vor ihrem Freund aus und wünscht sich, dass er sie auf ihre Problemzonen aufmerksam macht?"
"Nein."
"Das ist alles. Okay? Ich bin nicht sauer auf dich, ich will nur..."

(...) Höhepunkt der Konversation:
"Du machst rein gar nichts. Du liegst nur da, aber es ist für die Welt so irrelevant, ob du existierst oder nicht.
Du manipulierst alle, alles. Die Therapien sind bei dir doch reine Geldverschwendung. Du lamentierst über deinen Körper, gibst mein Geld aus und das von deiner Mutter. Du bist ein Stück Fleisch. Eine Schlampe.
Ich kenne dich seit zwei Jahren und du bist keinen einzigen Schritt weiter. Überhaupt nicht. Du kannst dich nur noch umbringen, und das würde auch nichts ändern. Du bist sowieso in meinem Kopf, ob du da bist oder nicht. Nimm dir das Leben. Ehrlich. Aber nicht mehr dieses scheiß Pulsader-Aufschneiden und dann doch nicht sterben, und vor allem nicht hier."


LOSE WEIGHT OR DIE.







Donnerstag, 31. Januar 2013

Damals...

14.9.2010
Schlechter Tag.
Problem Nummer eins: Essen. Die Erhöhung ist präsent, die Gedanken an das „mehr“ schwer abzustellen. Zeitstress. Zu langsam, zu schnell? Die immer auflodernde Panik, zu früh fertig zu sein, zu viel im Mund zu haben, zu hastig zu kauen, zu schlingen, zu fressen. Und dann diese Stolperfallen, die ich mir selbst – besser gesagt meiner Krankheit – in den Weg gelegt habe: Fett morgens, Kohlenhydrate abends. Mit Absicht.
Als würde das nicht schon als Herausforderung genügen, will Frau Naumann auch noch, dass ich wieder mehr Eigenverantwortung übernehme. Nächste Woche. Ich habe Angst davor – Angst sowohl vor der Versuchung, etwas wegzulassen oder noch essgestörter zu essen (es guckt ja keiner) als auch vor dem Buffet. Vor der Auswahl. Davor, am Ende der Krankheit zu viel Raum zu geben oder auch zu viel zu essen, je nachdem wie man es dreht und wendet. Horrorvision: unabsichtlich, mangels Achtsamkeit und Konzentration zu viel gegessen zu haben.
Als wenn es darum gehen würde! Als ob dreißig oder vierzig Kalorien mehr oder weniger einen Unterschied machen würde. Es fällt mir so unglaublich schwer, loszulassen, es zu akzeptieren. Ich muss zunehmen, ich bin nicht zu dick. Verdammt. Ich habe jetzt schon Bauchschmerzen beim Gedanken an Montag – Videoaufnahmen zur Selbstwahrnehmung. Ich will mich nicht wieder ansehen und denken „so sollte es bleiben, auf keinen Fall zunehmen, tendenziell lieber ein bisschen abnehmen, vor allem an den Beinen und am Bauch…“.
Tja. KBT (Konzentrative Bewegungstherapie) war dann auch ein totaler Schuss in den Ofen. Ständig Missverständnisse. Ungerechtfertigte (?) Kritik von allen Seiten, und was bleibt ist die Frage, wie ich damit umzugehen habe. Ich drehe mein Fähnchen NICHT nach dem Wind, aber ich bin diplomatisch und versuche, niemanden zu verletzen – white lies. Ist das falsch? Warum ist es mir so wichtig, mich zu verteidigen und „gut dazustehen?“ Kann ich nicht einfach hinnehmen, dass ich nicht perfekt bin und Fehler mache? Ich sehe immer nur meine Fehler und Fehltritte und verurteile mich dafür. Und die anderen? Warum kann ich nicht einfach ordentlich wütend werden, sondern hadere mit MIR? Versuche, MICH anzupassen statt etwas Verständnis von außen einzufordern. Ich stecke fest.
Habe nur geweint. Nach dem Mittagessen ging gar nichts mehr. Bewegungsdrang, Völlegefühl, Panik (ganze Portion!), das Gefühl zu versagen. Ich hatte mir vorgenommen, größere Bissen und schneller zu essen. Die ganze Zeit über ekelte es mich an, ich hatte den Eindruck, alle beobachten mich und denken, dass ich schlinge und fresse und stopfe. Und am Ende wäre ich wieder fast nicht fertig geworden. Scheiße.
Muss besser werden. Fange wieder mit Promethazin an.

15.9.2010
Klare Verbesserung zu gestern: mehr Ablenkung von meinen Problemen. Habe mich in der Gruppe sehr zurückgenommen. Fühlt sich ganz gut an, einfach zu schweigen, eine neue Erfahrung…
Mittagessen war beschissen. Tortellini-Berg mit sahniger Sauce und Champignons. Ich kaue Kohlenhydrate in komprimierter und extrem stopfender Form. Danach: Magenschmerzen. Bewegungsdrang nachgegeben – ich bin wieder im Garten auf und ab gelaufen. Schlechtes Gewissen, zu Recht. Außerdem habe ich beim Fernsehen Beine heben und senken gespielt… Mein Bauch wächst und wölbt und dehnt sich, und ich kann nichts dagegen machen. Machtlos. Ich hasse das Essen. Ich hasse meinen Körper. Heute habe ich mir gefühlte 6 Mal eine neue Frisur gemacht, was nicht geholfen hat – ich finde mich nicht schön. Ich mag mein Spiegelbild nicht. Mein Körpergefühl sagt mir, dass die Zunahme dieses Mal nicht so glimpflich verlaufen ist… Angst vor Freitag!
Immerhin, ich muss meinen Schnitt verbessern, damit ich in zwei Wochen mit Papa wegfahren darf. Das tröstet oder vertröstet, ja. Einerseits und andererseits.
Mit Mama zu telefonieren war schön, auch wenn es nur kurz war. Und der Abend unten mit Stella, Melisa und Franziska war auch ganz nett. Ich muss mich eben ablenken. Mich setzen. Durchatmen. Kontrolle abgeben.

16.9.2010
Körpergefühl wird immer schlechter, Stimmung ebenfalls.
In Kunsttherapie die Frage – was ist meine größte Stärke? Das was ich am besten kann?
Ich kann lieben. Ein flammend rotes Herz.

17.09.2010
Ich habe natürlich vor dem Wiegen nicht auf die Toilette gehen können. 44,9. Die Fünfundvierzig macht mir Angst, das ist eine von den imaginären Grenzen… Na gut, wenn ich das Wasser abziehe, das sich in meinen Fesseln staut, plus meinem Darminhalt, ist es real weniger.
Dreihundert Gramm. „Das passt“, sagt Frau Franke. Passt? Wie eine Konfektionsgröße?
Mir passt gar nichts. Mein Körper ist zu viel. In meiner Kleidung wirke ich massig. Nein, ich BIN massig. Ich nehme Raum ein. Ich bin ein träger Körper, ich bin faul, ich bin fett. Ich hasse mich.
Gruppe hat heute gar nichts gebracht.
Horror im Spiegel: meine Oberarme sind schwabbelig und fett. Ich kann sie nicht mehr mit den Fingern umschließen wie vor drei Wochen in KBT.
Mit Natascha längeres Gespräch über das Leben gehabt. Eben noch mit Stella und Melisa über die Krankheit gesprochen.
Fühle mich schlecht.

Donnerstag, 17. Januar 2013

Ein Psychoanalytiker über Essen als Wut- Liebes- und Mutterobjekt.

Abschnitte, die von Erbrechen und dessen Bedeutung im psychologischen Kontekt handeln, habe ich rausgekürzt, weil sie mich nicht betreffen und der Text auch so schon lang genug ist... Falls jemand den vollen Wortlaut des Artikels lesen möchte - unten gibt es einen Link.
Mich interessiert, was ihr darüber denkt...


"Zu Eßanfällen kommt es, wenn die Patienten alleine sind, wenn kein Aufpasser zugegen ist. Ein Eßanfall ist ein einsames, hinter schamhafter Heimlichkeit verborgenes Symptom. Der Verlust der Impulskontrolle bei fehlender Aufsicht deutet in eine andere, nicht konsumbedingte Richtung: Es stimmt etwas mit der Kontrollfunktion bei den Patienten nicht, bei Patienten, die in anderen Situationen durchaus kontrolliert, oft überkontrolliert, auftreten, z.B. bei der Überwachung des Körpergewichtes.
Ist man nicht bereit, diese klinischen Phänomene zu vernachlässigen, stellt sich die Frage, was es mit dem "geheimnisumwitterten" Symptom, wie es in der Fachliteratur gelegentlich genannt wird, auf sich hat.
Ohne Zweifel sind die Eßanfälle (...) von eminenter psychodynamischer Bedeutung für die Patienten. Das pathologische Essen erfüllt eine Reihe von Funktionen, die das prekäre psychische Gleichgewicht stabilisieren sollen. Von daher gibt es Bedenken, den therapeutischen Hebel gleich zu Beginn an der Ventilfunktion des Essens anzusetzen, weil die Gefahr der Dekompensation droht, die zur Verschlimmerung des Gesamtzustandes führen könnte.
Das Eßsymptom ist das Ergebnis einer Verschiebung. Alle jene Affekte und Wünsche, die die Kranken in einer Beziehung zu einer anderen Person auszuleben nicht wagen, werden ersatzweise an und mit dem Nahrungsmittel ausgelebt.
Zunächst wird die Nahrung idealisiert, wie den Phantasien zu entnehmen ist, die die Patienten haben, wenn sie ihre Eßanfälle planen. Bald darauf tritt zwangsläufig Enttäuschung ein, weil die Nahrung die Erwartungen nicht erfüllt. Ab diesem Moment wird aus dem normalen Essen eine Eßattacke, in der die Nahrung wütend zerstört und (...) entwertet wird.
Der Umgang mit dem Liebesobjekt erfolgt auf ähnliche Weise. In der Phase der Verliebtheit wird es idealisiert, man hat es zum Fressen gern und es wird mit hohen Erwartungen befrachtet. Keine Person kann indes auf Dauer die an sie gerichteten Erwartungen erfüllen, so daß die Patienten wütend werden und sich trennen. Der "Scheißtyp" landet in der Toilette. Die auffällige Äquivalenz im Umgang mit der Nahrung und mit Personen legt die Interpretation nahe, die "Freßattacke" sei eine Ersatzattacke und richte sich gegen eine Person, unbewußt gegen ein Muttersurrogat. Eine personengerichtete Attacke würde jedoch Schuldgefühle machen, weshalb auf die Nahrung ausgewichen werden muß. Die Schuldgefühle bleiben jedoch trotz Verschiebung erhalten, und die Eßanfälle müssen wegen ihrer unbewußten aggressiven Bedeutung verheimlicht werden. Dem entspricht, daß die Kranken dazu tendieren, aggressive Auseinandersetzungen bzw. Differenzen zu vermeiden. Die Enttäuschung und die resultierende Wut, die den Eßattacken zugrunde liegen, ähneln den Tobsuchts- bzw. Jähzornsanfällen in der Kindheit dieser Patienten, allesamt extreme Affektsituationen. Der Eßanfall zeigt noch etwas von dem Trotz, wenn "verbotene" Lebensmittel verschlungen werden, der häufig rituelle Charakter der Anfälle hingegen, daß der Affektansturm unter Kontrolle gebracht werden soll.
Die Eßstörung entpuppt sich als Beziehungsstörung. Das Eßsymptom ist Ausdruck einer inzwischen als gesichert geltenden sozialen Phobie, die bereits in der Kindheit diagnostiziert werden kann, also lange vor Ausbruch der Eßsymptomatik. Die der Phobie eigentümliche Verschiebung, hier von einer Person auf das Lebensmittel, zeigt auch die Nähe der Erkrankung zum Fetischismus.
Freßanfälle beinhalten immer einen Kontrollverlust, der als Niederlage im Kampf gegen das Muttersurrogat empfunden wird und für den die Patienten sich schämen. Solche Kontrollverluste werden stets antizipiert, was zur Vermeidung von Situationen führt, in denen Scham droht. Auch hierin ist die soziale Phobie begründet.
Neben der Funktion, aggressive Affekte ersatzweise im Eßanfall zu erledigen - die Ventilfunktion des Symptoms -, erfüllt das Symptom noch eine weitere Aufgabe: es dient keineswegs der Sättigung, sondern der Verdauung von un(v)erträglichen Affekten. Über das Essen wollen die Patienten sich leer machen, sich von als zu intensiv empfundenen Gefühlen und Erlebnissen, von Wut, Neid, von Scham, Schuldgefühlen, aber auch von Liebesgefühlen, Sehnsucht und Dankbarkeit, erleichtern.
(...)
Die Phantasien der Patienten zeigen indes, daß dem Wunsch nach Attraktivität für den Mann bzw. nach Erfüllung männlicher Vorstellungen noch ein anderes Motiv zugrunde liegt: Angst.
Die Kranken versuchen, über die attraktive Schlankheit den Vater als Komplizen im Kampf gegen die als gefährlich erlebte Mutter, der sie sich ohnmächtig ausgeliefert fühlen, zu gewinnen. Ihre Sexualität zeigt solche unbewußten Motive: der Akt als Exorzismusd, bei dem die böse innere Mutter ausgetrieben werden soll. Schlankheit steht im Dienst des Schutzes vor der Mutter und ist für diese Patienten von existentieller Bedeutung. Deshalb sind sie stets in alarmiertem Zustand, was ihr Gewicht anbetrifft.
Symptomorientierte therapeutische Verfahren, die am Eßverhalten ansetzen, seien es ernährungsphysiologische Maßnahmen, Eßtagebücher, Kalorienlisten etc., dürften diese unbewußten Schichten des Symptoms kaum erreichen. Gleichwohl sind sie nicht ohne Effekt, denn sie bedeuten Zuwendung und Impulskontrolle, allerdings auch Einübung in wünschenswertes, tugendhaftes, vorbildhaftes und manierliches Essen, in domestizierte Aggressionsabfuhr, wozu Mädchen schon immer angehalten wurden. Das ist eines der Probleme bei der Behandlung dieser Patienten.
Das Eßverhalten der Patienten sowie der epidemieartige Anstieg der Erkrankung verführen dazu, zur Erklärung die Konsumorientierung, den Überfluß an verfügbarer Nahrung und das kollektive Eßverhalten in den westlichen, hochtechnisierten Gesellschaftssystemen heranzuziehen. Der erste Augenschein legt das nahe und mag auch durchaus für die Modeerkrankten gelten. Zweifellos begünstigt die Griffnähe der Nahrung ihren Mißbrauch, und die Modediagnose "Eßstörung" dürfte für viele eine Einladung zum großen Fressen sein. Bei den genuinen Erkrankungen jedoch stoßen solche Erklärungsmuster alsbald auf Hindernisse.
Die Versuche, die Erkrankung auf ihrem gesellschaftlichen Hintergrund zu verankern, bewegen sich auf der Ebene einfacher Parallelisierungen oder punktueller Assoziationen, die über das Niveau plakativer Vergleiche von objektiven und subjektiven Strukturen nicht hinauskommen. Bislang gibt es keine Untersuchungen, die die Zusammenhänge hinreichend befriedigend hätten darstellen können. Zwar liegen theoretische Konzepte vor, diese Vermittlungsschritte zu erfassen, aber sie haben noch keine konkrete Anwendung auf die klinischen Bilder der Eßstörungen gefunden.
Die über die Sozialisation erfolgenden frühen Internalisierungsprozesse, die zur Bildung der Selbststruktur führen, sind schwer zu untersuchen, und die spätere Assimilation der Außenwelt an diese bereits existierende Selbststruktur ist außerordentlich komplex und erfährt eine Reihe von je individuellen Brechungen, die eine einfache Parallelisierung verbieten.
Ohne Zweifel haben wir es bei den Eßstörungen weder mit einem nur psychologischen noch einem nur politischen Problem zu tun, aber die Schnittstellen zur Gesellschaft sind andernorts als im Konsum zu suchen.
Eine solche Brechung stellt z.B. die Heimlichkeit dar, zentrales Merkmal dieser Erkrankungen. Sie liegt quer zum legitimierten öffentlichen Konsum. Büchertische biegen sich unter Stapeln von Kochbüchern, und allenthalben werden Kontrollverluste und das Intimste hemmungslos ausgebreitet. Man könnte jedoch in dem der Erkrankung inhärenten hohen moralischen Impetus eine Anklage an die öffentliche Abwesenheit von Scham erkennen.
Aber die schamhaft verborgenen Phantasien jener Patienten, die uns Zugang zu den tieferen Schichten der Eßstörung erlauben, zeigen, dass die Erkrankung eine gänzlich andere Funktion als die der Befriedigung von Konsumbedürfnissen hat. Und Phantasien setzen den Forschungsbemühungen ohnehin Grenzen.
Phantasien erlauben es nicht, die komplexen Vermittlungsschritte und Rückkoppelungsmechanismen der elterlichen Praxis, über die einsozialisiert wird, zurückzuverfolgen. Die Verschränkung von subjektivem und objektivem Faktor ist auf dieser Ebene nicht mehr entzifferbar. Sowenig in der Behandlung Originalereignisse aus der Lebensgeschichte ausfindig gemacht werden können, können wir in den Phantasien gesellschaftliche Originalfakten, also Wirkfaktoren, ausfindig machen. Hier liegen die Begrenzungen im Gegenstand.
(...)
Eßstörungen gibt es überdies auch bei anderen Krankheitsbildern wie der Depression oder der Angst. Man könnte also ebensogut von einem epidemischen Anwachsen der Angststörungen oder Depressionen sprechen. Die Überbewertung des Eßverhaltens wäre vom Tisch, zumal auch für die Patienten das Lebensmittel als solches ohne Bedeutung ist. Schon die manifeste Ebene des Symptoms zeigt, daß es nicht ums Essen geht, wie die Magersüchtige vorführt: Sie weist die Nahrung verächtlich von sich. (...) Lebensmittel sind für Eßgestörte keine hochbesetzten Konsumgüter, die liebevoll zubereitet würden, um dann hingebungsvoll in einer kalorienreichen Lieblingsmahlzeit zu versinken. Lebensmittel imponieren einzig durch schnelle Verfügbarkeit und eignen sich damit ohne Widerständigkeit zum Objekt der Wutabfuhr. Überdies ist das Objekt der Wut austauschbar, was deutlich wird, wenn die Patienten am Essen gehindert werden. Sie greifen dann zu anderen Objekten, an denen sie ihre Wut abhandeln, wenn es sein muß zum eigenen Körper, an welchem sie knabbern und herumschneiden. Nicht umsonst wollen die symptomorientierten therapeutischen Ansätze mehr oder weniger ausgesprochen wegen der Mißachtung der Nahrung gerade größere Aufmerksamkeit für die Nahrung erzielen, damit die Patienten sie libidinös besetzen können.
(...)

Die Konzentration auf das gestörte Essen und damit auf das aktuelle gesellschaftliche Eßverhalten kann leicht den Blick dafür trüben, daß es sich bei den Eßstörungen um eine transgenerationelle Erkrankung handelt. Das bedeutet, die Forschungen müssen bis in die Großelterngeneration, also von der Gegenwart bis in die unmittelbare Nachkriegszeit, ausgedehnt werden. Dabei gilt es, die Rolle des Kindes in der Gesellschaft im Auge zu behalten.
Selbstrepräsentanz und Phantasien der Patienten weisen nämlich in eine ganz bestimmte Richtung: Sie empfanden sich durchweg als ekelhafte, schmutzige, lästige Kinder, die ihre Eltern nur störten und ihnen Schwierigkeiten machten, weil sie deren Interessen und Bedürfnissen im Wege standen. Als Erwachsene sind sie ängstlich darauf bedacht, anderen nicht zur Last zu fallen. Der lästige Teil wird abgespalten, in der Heimlichkeit über das Symptom ausgelebt oder/und auf den Körper projiziert. Der Körper übernimmt in diesem Falle die Rolle des "lästigen Kindes" und wird von den Patienten fortan auch so erlebt. Er stört, weil er sich mit seinen Bedürfnissen, seinen Regeln (der "Regel") quer stellt. Die Patienten behandeln ihren Körper demzufolge ähnlich unwirsch und verärgert, wie sie selbst einst von den Eltern behandelt wurden. Dazu paßt, dass die Eßgestörten gemeinhin als schwierige Patienten gelten. Sie bereiten behandlungstechnische Probleme, "erbrechen" immer wieder das Erarbeitete und verbreiten bei Therapeuten das Gefühl eines therapeutischen Nihilismus.
Nur unter großem Ächzen läßt sich die Selbstrepräsentanz "lästiges Kind" mit der Konsumgesellschaft erklären, zumal sie nicht nur die der Indexpatienten ist, sondern schon die ihrer Eltern war und sich bis in die Großelterngeneration zurückverfolgen läßt. Diese Selbstrepräsentanz wird von den Eltern über deren Instrumentalisierung des Kindes tradiert. Hier dürften die eigentlichen sozio-kulturellen Wirkkomponenten zu finden sein.
Verschiedene therapeutische Richtungen haben sich die Unabhängigkeit des Patienten zum Behandlungsziel gesetzt. Fraglos haben die Patienten außerordentliche Probleme mit der Abhängigkeit. Dabei gilt es allerdings zu bedenken, daß diese Patienten bereits von Kindesbeinen an jeder Abhängigkeit mit Unabhängigkeit gegenzusteuern versuchten. Insbesondere die Magersucht, aber auch die Bulimie führt eine Unabhängigkeit vor, für die sogar der Tod riskiert wird. Es handelt sich um eine Pseudounabhängigkeit, die nur als pathologische Unabhängigkeit bezeichnet werden kann.
Wäre das Therapieziel die Unabhängigkeit des Patienten, bestünde die Gefahr, daß diese Pathologie nur noch begünstigt würde. Sinnvoller wäre es, die Fähigkeit zu fördern, natürliche Abhängigkeiten, wie sie der Körper z.B. auferlegt, angstfreier und ohne Kränkung ertragen zu können. Andernfalls würde die Behandlung fatalerweise exakt jenes pädagogische Klima reproduzieren, in welchem die Patienten aufgewachsen sind: "Sei selbständig, aber esse, was ich für richtig halte" oder allgemeiner: "Mach das selbst, aber nur so, wie ich es will und gebrauchen kann".
Es gilt als gesichert, daß Eßgestörte von beiden Elternteilen auf je unterschiedliche Weise instrumentalisiert wurden. Dort, wo sie nicht funktionabel waren, wurden sie von ihnen als lästig empfunden oder ignoriert, weshalb die Patienten ihr Elternhaus als latent feindselig erlebten. Als Kinder flüchteten sie sich in eine vorzeitige, forcierte pathologische Autonomie - Symptom des lästigen Kindes -, damit sie den Eltern nicht länger zur Last fielen. Allerdings bildeten sie in ihrer Kindheit vielfältige andere Symptome, in denen ihre Wut über die Instrumentalisierung, die forcierte Autonomie und die elterliche Ignoranz ihrer Bedürfnisse zum Ausdruck kam. (...)  Hier liegt der Grund, weswegen die Patienten bereits als Kinder eine soziale Phobie entwickelten und als Erwachsene mit der Scham über Kontrollverluste so große Problem haben, so daß sie in die Heimlichkeit ausweichen müssen.
Die Frage, wie in der Gesellschaft aggressive Themen verhandelt werden, deutet auf die eigentliche Schnittstelle zwischen Eßstörungen und Gesellschaft. In den Phantasien nämlich lagert, schamhaft verborgen, hochbrisantes aggressives Material: Szenen der Beschämung und der Rache, Straf- und Mordszenen, Szenen der Gewalt (...). Diese Phantasiewelt erfordert so viel Gegenbesetzung, sichtbar am Ruminieren über das Essen, daß sie sich wegen des hohen Aufwandes an Verdrängungsenergien psychoökonomisch schnell von den alltäglichen emotionalen Anforderungen überfordert fühlen und die psychische Verdauungsarbeit von Erlebnissen und Affekten nicht mehr leisten können.
Die beeinträchtigte Impulskontrolle hängt mit der Notwendigkeit zur Gegenbesetzung zusammen. Das geschwächte Ich bedarf des Hilfs-Ichs, eines Aufpassers, der am Tisch die Impulskontrolle übernimmt. Oder familial ausgedrückt: Das Kind bedarf des Vaters, um vor seinen Affekten gegen die Mutter geschützt zu sein. Hier scheitern die Eßgestörten."

Quelle: Psychoanalyse Aktuell: November 2006
Autor: Thomas Ettl, Dr. phil., Diplom-Psychologe, niedergelassener Psychoanalytiker in Frankfurt
Vollständiger Artikel unter:  http://www.psychoanalyse-aktuell.de/therapie/ess-stoerungen.html

Sonntag, 13. Januar 2013

Ich packe meinen Koffer und nehme mit...



...immerhin bin ich unter 60 kg gekommen!
Ich ernähre mich seit ca einer Woche (mit zwei Ausnahmen - Pizza und Schokoweihnachtsmann an einem Abend) von Kaffee mit fettarmer Milch, Almased und Gemüse, wobei der Kaffee den größten Anteil ausmacht.
Fühle mich leichter und ruhiger. Zielsetzung: unter 55 kg kommen.
Es ist unbegreiflich für mich, wie er es schaffen soll. In seinem Kopf gibt es nur noch den Tod, Angst, Sex und Ethanol.
Und in meinem? Schauen wir mal hinein.
Ich packe den Inhalt meines Geistes in meine Sporttasche und nehme mit: Körper, Knochen, Kalorien. Dann natürlich Musik (siehe unten). Das Fernsehprogramm. Angst vor der Zukunft, vor T., vor meinem Hunger, vor Sex.
Mehr passt gar nicht rein.





Abby - Streets



Placebo - Come Home









Montag, 7. Januar 2013

Radio Off.

Ich kann gar nicht anfangen, weil ich nicht weiß ob ich die Kraft oder Ausdauer habe alles zu erzählen, was passiert ist.
Ich nehme jetzt neue Antidepressiva (zusätzlich zu den alten) plus Schilddrüsentabletten und kann sagen, dass es mir besser geht. Irgendwo.
Vielleicht bin ich auch nur gleichgültiger oder abgebrühter, so abgebrüht wie ich war, als ich mir Donnerstagnacht die Pulsader auf- und die Sehnen angeschnitten habe.
Was passiert dann mit diesem Wrack von Mensch? Man näht es zu, schickt es über Nacht in die Psychiatrie (flankiert von furchtbar arroganten Jung-Polizisten). Dann lässt man es ziehen, damit es sich am ganzen Leib vor Erregung und Lebendigkeit zitternd wieder hineinwerfen kann in dieses "Leben":
T. beendete die Beziehung noch am Tag der Entlassung. Die folgenden Tage verbrachte ich (das Wrack, das Leben, die Naht) ohne Nahrungsaufnahme bei ihm und hoffte, er würde die Flasche Vodka absetzen, was nicht geschah. Gestern Nacht dann: "Natürlich will ich mit dir zusammen sein".
Es ist so merkwürdig leise in meinem Kopf. Hin und wieder höre ich Gesprächsfetzten von Donnerstagnacht ("Schwanz, Schwänze, Fotze, Hass, Ekel, Schwanz, Hass, bring' dich doch um!"), ein wenig verrauscht wie bei einem schlecht eingestellten Radio, Flackern und Stille.
Ich weiß, dass etwas passieren muss hier. Und nein, damit meine ich nicht, dass ich weiter hungern sollte oder mich von T. trennen oder irgendetwas derartiges.
Möglicherweise finde ich ob der friedlichen Stille oberhalb meiner Schultern endlich die Kraft, wirklich etwas zu verändern.
Aber nicht heute ---

Freitag, 28. Dezember 2012

Wirres Gelaber.

Heute Nachmittag kommt er also wieder. Bin ich bereit?
Abführmittel - check. (Bauch ist trotzdem noch fett)
Haare mit Nagelschere geschnitten - check. (Gestern Abend im Wahn, ich trage jetzt wieder einen Bob à la Alexa Chung)
Geschirr gespült und Badezimmer geputzt - check.
Bereit bin ich trotzdem nicht. Nicht dafür, dass er heute Abend wieder trinken will. Ich hasse es so sehr...

Ich schwebe in einer merkwürdigen Zwischensphäre, einem Windkanal aus Depression, Körperbesessenheit, dem Gefühl das mir "1913" vermittelt (ich wiederhole: unbedingt lesen! Link!), Desinteresse an allem, was mir bevorsteht in den nächsten Monaten und der allseits beliebten Frage "Was soll ich essen".
Ich fühle mich nicht lebendig und nicht tot, nicht Fisch nicht Fleisch, nicht farbig und nicht schwarz-weiß. Schwer zu beschreiben. Es ist eine Verweigerung der Achtsamkeit und des "im Moment lebens". Ich hänge kopfmäßig in diesem und dem letzten Jahr fest weil so wahnsinnig viel passiert ist und ich es schlichtweg nicht auf die Reihe bekomme, zu akzeptieren oder anzuerkennen dass ICH es war, die diese Dinge gesehen, getan, gespürt, geschmeckt habe.
Warum musste ich mein Leben so gründlich gegen die Wand fahren?
Warum gibt es diese innere Abneigung gegen alles, was von außen kommt?
Warum habe ich die Schule aufgegeben?
Warum habe ich zugenommen?
Warum die letzte Klinik?
Warum die Affäre?
Warum ich?
Kann ich einfach tot sein?
Ich will ja gar nicht sterben, nur den Schalter umlegen bei diesem im Koma liegenden Siechtum namens Körper. Das hätte schon vor einer gefühlten Ewigkeit geschehen müssen.
Meine Vorsätze für das neue Jahr sind die selben wie letztes Mal: Abnehmen, ein besserer Mensch werden, irgendetwas gebacken bekommen. Die Chance, dass es diesmal gelingt, sind erfahrungsgemäß sehr gering...

Freitag, 23. November 2012

Warum ich es noch will.

Ich kann essen, ohne Kalorien zu zählen, nicht immer, aber in neunzig Prozent der Fälle. Ich kann abends einen Teller Nudeln oder eine Laugenstange essen, hantiere ungeniert mit Butter, Sahne und Olivenöl. Ja, ich liebe den Geschmack von sahnigen Saucen, fette Croissants mit Butter und Pizzen mit viel Mozzarella, und ich kann sie essen, ohne darüber nachzudenken.
Ich esse Schokolade, Taco-Chips und so gut wie alles mit einer großzügigen Schicht Parmesan darauf, weil es einfach besser schmeckt. Abends einen Sahnejoghurt? Klar. Unterwegs einen Donut? Okay. Fernsehen und dabei vier Lebkuchen verdrücken? Ja doch. Mein BMI hält sich stabil zwischen 19 und 21, je nachdem, ob ich viel Appetit habe oder weniger. Wenn ich nicht mag, ernähre ich mich ein paar Tage lang eben nur von Schokomüsli und Kaffee, oder aber ich koche mir eine leckere Gemüsesauce mir viel Öl und Pesto und genieße sie mit Spaghetti.
Ich fühle mich dick, aber ich habe mich auch mit BMI 13 dick gefühlt, was macht das also für einen Unterschied? Ich bin attraktiv für Männer und immer noch schlanker und besser proportioniert als die meisten jungen Frauen, die ich in der Fußgängerzone treffe. Ich friere nicht mehr ständig, esse in einer normalen Geschwindigkeit und keiner glotzt mir auf die knubbeligen Knie, die früher immer wie kleine Todesmale aus meinen Streichholzbeinchen ragten. Ich kann Hosen tragen und sehe nicht aus wie eine Presswurst mit 69 kg (wie vor der Magersucht), sondern wie eine normale, schlanke Frau mit einem normalen, nicht mehr ganz so großem Arsch.
Ich freue mich über Plätzchen und Lebkuchen-Latte bei Starbucks und ich weiß nicht mal, wie viel Fett da drin ist. Mein Kaffee ist nicht mehr schwarz, sondern mit Milch und schmeckt zehn mal besser.
Komplimente, das Gefühl, Brüste zu haben die man in Szene setzen kann, wenn man will. Wenn man mich blöd anguckt in der S-Bahn, dann nur wegen der Schnitte auf meinen Armen und nicht, weil letztere kaum breiter sind als ein Deo-Roller.
Klingt das nicht paradiesisch?
Ja, das klingt es.
Hätte man mir vor ein paar Jahren gesagt, dass ich einmal so unbefangen mit Essen umgehen würde können, hätte ich theatralisch gelacht. Dass ich nicht mehr abwiegen würde, wie viele Nudeln ins Wasser kommen. All das.
Es ist Wahnsinn, dass es geht, und ich weiß nicht mal warum das so ist.
Liegt es an T.? Liegt es an meinem Drang, alles wieder gut zu machen was ich meiner Familie in den „dünnen Jahren“ angetan habe?
Bin ich gereift? Oder gar gesundet?
Nein, leider nein. Ich würde all meine erkämpften Fortschritte, das bessere Körperbewusstsein und die relative Gleichgültigkeit meinem Gewicht gegenüber (solange es in einem gewissen Korridor bleibt) ohne zu zögern hergeben für die verwesende Knochenästhetik des vorpubertären Körpers der Anorexie. Die ständige Angst, das Frieren, das Angestarrt-Werden, das permanente Rattern der Kalorien- und Gewichtszahlen in meinem viel zu großen Kopf willkommen heißen. Sofort. Tout de suite.
Ist das traurig? Was bringt mir die Krankheit außer Leiden und Entbehren?
Es ist nicht schlicht das Dünn-Sein. Es ist der Sinn. Das große, allumfassende Projekt, das Wesen dahinter. Es ist das, was niemand außer mir wahrnimmt.
Andere Menschen erinnern sich an die hungerleidende Phoebe als traurige Karikatur ihrer selbst, als in hundert Schichten Kleidung verhüllten Freak mit glimmender Zigarette im schmalen Mund.
Ich erinnere mich an sie als zartes Wesen einer höheren Gattung. Klingt das krank? Ich meine das so, wie ich es sage. Ich war nicht nur dünn, ich war rein. Ich war fokussiert. Ich war allmächtig.
Ich war meine Essenz. Ich war ruhig und sachlich und ernst, und zugleich fühlte ich etwas in mir, vielleicht war es die Anwesenheit des Todes, ich weiß es nicht, aber es war großartig. Ich sah mehr. Fühlte mehr. Meine Instinkte und Sinneswahrnehmungen waren geschärft wie die eines jagenden Tieres. Es war dieses Flirren im Kopf, dieses Rattern der schnellen Gedanken, dieses archaische Gefühl von Leben. Jeden Moment bewusst zu erfahren. Immer auf der Hut zu sein.
Ich war nicht mehr angreifbar, weil ich erhaben war.
Niemand hätte mich treffen können, weil ich keine Zielscheibe mehr bot.
Der Sinn.
Der Sinn des Lebens oder des Vegetierens?
Kein Plan.
Aber er war da, und mit ihm Pläne und Träume und Sehnsüchte und Kreativität und alle Geschmäcker der Welt, die ich nicht mehr schmecken durfte.
Als ich zunahm, schrumpfte mein Universum wieder zusammen auf dieses klägliche Maß, das jedem zuteil ist, so empfand ich das damals. Als ich Normalgewicht erreichte, versickerten die letzten Zukunftsvisionen und Wünsche, mein letztes Selbstwertgefühl im schlammigen Sumpf der Depression.
Ich halte dieses Gewicht, und es ist gut. Ich bin freier. Aber auch um meine Visionen beraubt. Ich habe keine Ideen mehr, kein Abitur und keine Freunde. Ich mag die Menschen nicht mehr, verstehe sie nicht und vertraue ihnen nicht.
Mein eigenes, das war die Krankheit. Mein Monster. Meine Kraft. Meine Auszeichnung.
Heute lebe ich in den Tag hinein, der so normal und scheiße ist dass es kaum lohnt, morgens aufzustehen.
Marya Hornbacher hat sinngemäß geschrieben, gesund zu sein ist nicht mehr das große Drama, es ist die tägliche Sitcom, lächerlich alltäglich. Es ist kein Epos mit pompösem Orchester und Chören, die Großes versprechen.
Gesund sein ist normal sein, wäre man nicht immer noch krank.
Mit Persönlichkeitsstörungen und Depressionen behaftet, aller Ideale und Ziele beraubt. Angreifbar, verwundbar, wahrnehmbar.
Erwartungen, Verpflichtungen, auf dem Boden sein. Lasagne essen und Kleidergröße 36/38 tragen.
Sich nicht aushalten.
Hungern wollen und es nie durchziehen, weil die Kraft dazu fehlt.
Für das Abi lernen wollen und es nie durchziehen, weil die Motivation dazu fehlt.
Anderen etwas geben wollen und merken, man hat nichts mehr.
Man ist so banal geworden, so weit weg vom Sinn, von der Vision dessen, was man mal werden wollte.
Ich bin das.
Ich bin in so vielen Bereichen wieder so normal geworden, und anstatt mich darüber zu freuen und es zu akzeptieren, kämpfe ich Tag für Tag für die letzten Trümmer der Krankheit. Als würde ich mich weigern, einen zerstörten Zahn ziehen lassen zu wollen, weil er mich an meine „großen Momente“ erinnert.
Ist das nachvollziehbar?
Es gibt sie sehr wohl, die Gründe dafür, dass ich in dieser Zwischendimension feststecke.
Sie wiegen so viel wie ich.

Mittwoch, 21. November 2012

Bonjour Tristesse.

Was ist das für ein Leben, indem ich so traurig und passiv von einer Nacht in die nächste gleite?
No future.
Wann gehst du denn mal wieder ins Fitness?
Geht grade nicht.
Hast du mal wieder ein Lernheft gemacht?
Geht grade nicht.
Ich bin es so leid, zwei Kilo ab- und zuzunehmen im vier-Tages-Rhytmus; bin es leid, zwischen T.s und unserer Wohnung zu pendeln. Ich hasse es, zur Therapie zu fahren, weil mir der Weg so wahnsinnig lang vorkommt und ich nie sicher sein kann, ob ich ihn bewältigen werde. In drei Wochen werden meine Medikamente umgestellt. Ich bin traurig, weil ich dick und hässlich bin und eklige Narben an den Armen habe. Ich werde es niemals schaffen, die Abiprüfung im nächsten Jahr abzulegen, wenn ich jetzt nicht irgendwann anfange, den Stoff der 12 und 13 zu lernen. Mir ist es auch egal, ich will nichts von meiner Zukunft. Nur BMI 13. Sonst nix. Seit zwei Wochen bin ich ungeschminkt, was seltsam ist, weil ich mich seit meinem dreizehnten Lebenjahr jeden tag geschminkt habe: Concealer, Puder, Rouge, Augenbrauenstift, manchmal Mascara. Und nun - nackt. Ist mir auch kackegal.

Sonntag, 18. November 2012

Chronologie des Irrsinns.

Am Donnerstagabend sagte T. "Ich kann nicht mehr. Ich will mich von dir trennen." Ich schnitt mir tief in den linken Arm, tief und schräg.

Freitagnacht heulte ich fünf Stunden lang. Ich beschloss, erst mal nichts mehr zu essen.

Freitagmorgen ging ich zu ihm und wir redeten. Er sagte, er wolle dass sich nichts ändert. Er berührte mich und ich explodierte innerlich vor Liebe, ich heulte rum, zog mich aus und wir hatten den besten Sex meines Lebens.

Freitagabend war er suizidal und volltrunken.

Samstagfrüh wog ich 61kg. Wir waren vorsichtig zueinander und machten leisen Sex.

Samstagnachmittag verließ ich seine Höhle, kaufte mir Tabletten, welche die Aufnahme von Kohlenhydraten vermindern sollen und aß eine Laugenbrezel.

Samstagabend aß ich Schokolade, sah mir "Wüstenblume" an und schlug meine Hüftknochen.

Heute morgen entschloss ich mich, wieder zu fasten.

Mittwoch, 14. November 2012

Hunger.

Kennt ihr das?
Diese Tage, an denen man schon von an Übelkeit grenzendem Magenknurren geweckt wird?
Und nein, nicht etwa weil man unterernährt ist. Auch nicht, weil man am Tag zuvor nach 17 Uhr nichts mehr gegessen hat.
Sondern, und das ist das ungerechte, weil man gegessen hat. Welch abartige Ironie. Ich esse, und bekomme Hunger. Ich esse nicht, und bekomme nach einer angemessenen Anzahl von Tagen, die ich mich von Minimalportionen eiweißhaltiger und nicht sättigender pseudo-Lebensmittel ernährt habe, Hunger.
Hunger fühlt sich für mich an wie ein riesiges Loch, ein unendlich tiefes Loch in der Magengegend.
Ich liebe ihn, weil er so fordernd ist. Es ist schier unmöglich, ihn auszublenden, weil er meine Gedanken dazu bringt, um Essen zu kreisen. Aus demselben Grund hasse ich ihn auch.
Er ist der Liebhaber, neben dem man aufwacht und schlaftrunken nicht realisiert, wie er schon wieder in mein Bett gekommen ist. Weil man ihn doch eigentlich zu kennen glaubt: Er tut mir nicht gut, er nimmt zu viel Raum ein, er schafft es immer wieder, egal ob ich mich gegen ihn wappne oder ihn herbeisehne, er nimmt keine Rücksicht.
Was macht man mit so einem Kerl? Man streichelt ihn sacht, um ihn nicht zu wecken, und schält sich geräuschlos aus dem Bett. Im Türrahmen blickt man sich noch einmal um und registriert, dass er wach ist. Er hat nie geschlafen. Man geht duschen und hofft, dass er verschwindet, aber der Körper schreit geradezu nach Nahrung - man muss sich wohl oder übel mit ihm auseinander setzen.
Genau genommen gibt es jetzt zwei Möglichkeiten:
Entweder man vertreibt ihn unsanft, indem man Essen in sich reinstopt, bevor man zur Therapie fährt, um ihn dann in der Straßenbahn - unter den gemeinen Blicken der Fremden ("Alle starren auf meinen fetten Bauch, ich bin so voll und gefräßig, ich bin ein Schwein!")  - heimlich wieder herbeizusehen, weil man sich in seiner Anwesenheit weniger schutz- und wertlos fühlt.
Oder man kapituliert vor seiner Anziehungskraft und bittet ihn, zu bleiben, man trinkt Kaffee und Wasser und Tee und plant, wann man heute noch etwas klitzekleines essen wird. Aber nur so viel, dass man ihn spätestens beim einschlafen wieder hinter sich spürt, wie er seine schwere Hand in meinen Bauch drückt. Man steht in der Bahn und ist froh, dass es so laut rumpelt dass niemand das Magenknurren vernimmt, man ist erfüllt von schwereloser, verliebter Leichtigkeit und fühlt sich sicher ("Da glotzen sie alle, diese faulen, fetten Schweine, ich bin viel stärker als ihr, ich habe Hunger und das bedeutet, ich bin nicht so vollgefressen wie ihr!").

Der Hunger macht mich melancholisch und euphorisch zugleich, ich kämpfe permanent dagegen an, dass er mich vereinnahnmt (trinke warme Getränke, presse Wärmflaschen gegen das Loch im Bauch) und will doch nicht, dass er geht.
Heute morgen bin ich neben ihm aufgewacht, obwohl ich ihn gar nicht eingeladen hatte. Er flüstert mir zu, er habe mich vermisst, und zwingt mich, auf die Waage zu steigen.
62,5 kg. Ich freue mich diebisch, dass es weniger ist als vor einer Woche, viel weniger, er umfasst meine Taille und raunt: "Ich war die ganze Zeit bei dir, du hast mich nur nicht bemerkt".

Okay, du darfst bleiben, Geliebter. Dir kann ich wenigstens vertrauen.

Sonntag, 11. November 2012

Körpergefühl.

Ich sehne mich nach den Zeiten, in denen alles leicht war.
Die Liebe, die Luft, die Zukunft und ich. Vor allem ich.
Im Moment bin ich schlaf- und haltlos, orientierungslos, kraftlos. Ich esse wenig, nur Dinge auf die ich wirklich Lust habe (Schokomüsli und Schokomüsli und Kaffee und Schokomüsli). Und das auch nur, wenn mir kein Sex bevorsteht, denn ich lege wert darauf dass mein Freund meinen Bauch nur ungefüllt zu sehen bekommt, selbst wenn das bedeutet dass ich erst abends essen darf.
"Da, da siehst du doch deine Knochen, spürst du sie? Wie du es immer wolltest", er streichelt die Kuhle meiner Hüftknochen.
Während er meine fetten Schenkel küsst verdrehe ich mein Becken und halte die Luft an, sodass es wirklich an frühere Zeiten erinnert. An Zeiten, in denen alles so leicht war.
Ich bin hochkonzentriert auf meinen Körper in jeder Sekunde, in der wir es tun. Das ist anstrengend. Ich will, dass er endlich kommt, damit ich tief einatmen kann.
Wir verbringen drei Stunden im Bett, hören Seal und der Regen klatscht gegen unser Fenster. Es ist wunderschön, einerseits.
Andererseits bin ich so abgrundtief traurig.

Heute morgen sitze ich also mit meiner Schwester (16) auf unserem Balkon und rauche. Sie raucht sehr süß, stippt nach jedem Zug gewissenhaft die Asche ab und hält ihre Kippe sehr verkrampft und elegant.
Ich will mit ihr reden, ich weiß nicht mit wem ich reden soll. Will sagen, "Hey, mir geht es sehr dreckig momentan, nichts hält mich hier, ich fühle mich unfähig, dieses Leben zu leben". Ich sage "Hey, wie fandest du eigentlich den Vorspann von Skyfall? Bisschen überladen, oder?"

T. gestern Abend am Telefon: "Du bist so perfekt. So unfassbar schön, dass ich es nicht in Worte fassen kann. Nimm meinetwegen zwei Kilo ab, dann kannst du bei Victoria's Secret mitlaufen". Ich erkläre ihm, dass die Frauen dort mindestens 12 kg weniger wiegen als ich. Er ist sauer, meint, ich solle endlich aufhören über meinen Körper zu lamentieren.
Er versteht gar nichts. Ich bin krank!
Ich will die Leichtigkeit zurück, mehr als alles andere. Ich taste nach Hüftknochen und spanne die Arme an, damit sie schlanker und fester aussehen. Ich muss.

So sein:


Montag, 15. Oktober 2012

Fern-Sehen.

Vorgestern bin ich die Treppe herunter gefallen.
Wollsocken, selbstgestrickt von Oma, glitten über glatte Treppenfliesen und ein unglücklicher Körper schlug zwanzig Mal auf, bevor er auf den ebenso glatten Flurfliesen zur Ruhe kam.
Ich hatte versucht, mich mit den Armen abzufedern und mir damit lilafarbene Hämatome auf dem rechten Unterarm, eine Schürfwunde am Handgelenk und Prellungen an Rücken und Arsch zugezogen. Es war ziemlich still in der Wohnung, meine Mutter telefonierte, meine Schwester lag auf dem Sofa und blätterte in der NEON. Der Aufprall meines massigen Leibes hörte sich an wie ein Sack Mehl, den irgendjemand unsanft abgeladen hatte.
Dieses Gefühl, diese zwei Sekunden des Kontrollverlustes, den Gesetzen der Schwerkraft ausgeliefert, lässt sich schwer in Worte fassen. Ich weiß, dass ich dachte „Genickbruch, Schädelfraktur, hoffentlich haue ich mir keinen Zahn aus!“. Ich bin so eitel, pfui.
Meine Mutter rutschte mit rutschfesten Hausschlappen in den Flur, um mich aufzulesen.
Dem Mehlsack kamen die Tränen erst, als sie ihn in die Arme nahm. Ich weinte nicht wegen der Prellungen oder weil ich mich so erschrocken hatte, nein, ich weinte ob dieser Berührung.
Meine Schwester stand unschlüssig auf einem Bein hinter ihr und taxierte mich.
Ich versuchte, den Schmerz, den ich verspürte, es war kein körperlicher, zu definieren, zu orten, aber es gelang mir nicht.
Dieses Fallen, das es braucht, um gehalten zu werden.
Wie unerträglich eine tröstende Umarmung sein kann, wenn es einen innerlich zerreißt vor Selbsthass, Angst, Hilflosigkeit.
Das Gefühl, Lichtjahre weit weg zu sein von meiner Mutter, sie durch Milchglas zu sehen.
Nur Leere in mir, kein Wunsch, keine Idee, kein Ziel, keine Freude an nichts.

Ein paar Stunden später.
Meine Mutter, meine Schwester und ich fuhren zur Buchmesse. Sie plauderten über den Schulausflug nach Marbach, ich plauderte mit durch ein zehntausend Kilometer langes Rohr, das mich mit ihnen verband. Ich will gar nicht auf die Buchmesse gehen, wollte ich sagen. Aber du hast es dir doch gewünscht, hast es vorgeschlagen. Ich weiß, aber ich will gar nicht.
Und das ist außerdem alles viel zu teuer scheiße ich bin ein verfickter Geldschlucker und nur traurig und ziehe alle runter mit meinem leeren Blick aber ich kann nicht ich habe Angst ich will nicht dass sie das für mich tun ich will nicht kann nicht nicht nein nicht nicht.
Ich war so unglücklich wie in meinem ganzen Leben noch nicht.
Es war diese tiefe, durch Mark und Bein gehende, vollkommen lähmende Traurigkeit.
Ich wusste, es würde nie wieder ein Lichtstrahl durch meine Netzhaut dringen.
Kein Mensch würde mir folgen können dorthin, wo ich mich aufhielt.
Irgendwer sagte etwas mit Oma und sofort stiegen mir dicke Tränen in die Augen. Ich hatte zu wenig an sie gedacht, seit sie tot ist. Ich war ein ekelhafter Scheißmensch und hässlich und fett.
Meine Hämatome leuchteten blau-grünlich und schmerzten.
Wir schafften es bis in die Eingangshalle der Buchmesse, bevor ich kapitulierte.
Stattdessen gingen wir in eine ehemalige Studentenkneipe meiner Mutter und aßen etwas.
Ich bestellte eine traurige Kürbissuppe und heulte Rotz und Wasser. Innerlich. Meine Mutter war so unfassbar lieb, so lieb, dass es nicht zum Aushalten war. Ich wollte sie nicht alleine lassen, aber ich war so todmüde.
Mein Inneres fühlte sich klobig und kalt an, als hätte jemand einen Messingfötus im achten Monat in mich eingepflanzt.
Ich stehe wieder auf dem Grenzwall zum Wahn, zum Verrücktsein, und rutsche mit Omas Wollsocken auf und ab.