Es war wunderschön.
Mein erstes Therapiegespräch nach den Ferien (ihren Ferien, nicht meinen) war ermüdent. Zahnfleisch tut weh. Mit abgekauten Fingernägeln in schorfigen Wunden bohren und sie danach ablecken - Style. Mit tonnenschwerer Reisetasche durch die Stadt rennen, Kaffee mit Penny, Fernbus. Leipzig am Abend, Harry Potter zitieren, schlafen wie ein Stein, Songs im Kopf, Alkohol im Herzen, lautlos atmen über aufgeheiztem Stein. Rückfahrt. Kokosmilch-Curry und A Beautiful Mind mit ihm.
Ich schlage meinen Freund versehentlich mit dem Handtuch bei dem Versuch, einen Haarturban zu binden. "Das war die Rache für vorhin". - "Das nennt man Quickie, Liebste." - "So was gibt es in meiner Welt nicht.", wir lachen und ziehen uns an. Ich bin wahnsinnig frustriert und armselig, meine Haare duften nach Nüssen und Sommer, es regnet, ich verliere die Balance.
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Sonntag, 18. August 2013
Freitag, 28. Juni 2013
Zwiebeltränen.
Keine Ahnung, was ich erzählen soll. Von der Bügelmaschine? Von meiner konstruktiven Therapiesitzung? Von meiner sexuellen Frustration? Von der Tatsache, dass Lulu nächste Woche nach Israel fliegt? Davon, dass ich mein Chaos nicht gebändigt bekomme, nirgendwo, in keinster Weise? Von ungarischen Zigaretten? Von seinen Albträumen? Von unerschöpflicher Müdigkeit? Von Woody Allens "Stadtneurotiker"? Von meinem Tabletten-Notstand? Vielleicht von den überwältigenden, viel zu schönen Gefühlen, wenn er mich an seinen Körper zieht?
Von Plänen, die keine sind. Davon, wie ich beide Staffeln "Girls" innerhalb von zwei Tagen sehe und Rotz und Wasser heule, als Adam Hannahs Tür eintritt, um sie aus dem Bett zu heben. Ich könnte von dem Buch erzählen, das Penny mir geliehen hat. Von dem kurzen Moment unter der Dusche, als ich meinen Körper für "okay" befinden konnte. Von dem Fleck auf meinem Eckzahn, den Flecken auf meiner Bettwäsche, den weißen Flecken auf meiner Landkarte der obszönen Gedankenspiele, der Angst und dem drumherum.
Von asiatischem Essen. Von Sehnsucht. Von Euphemismen.
Von Plänen, die keine sind. Davon, wie ich beide Staffeln "Girls" innerhalb von zwei Tagen sehe und Rotz und Wasser heule, als Adam Hannahs Tür eintritt, um sie aus dem Bett zu heben. Ich könnte von dem Buch erzählen, das Penny mir geliehen hat. Von dem kurzen Moment unter der Dusche, als ich meinen Körper für "okay" befinden konnte. Von dem Fleck auf meinem Eckzahn, den Flecken auf meiner Bettwäsche, den weißen Flecken auf meiner Landkarte der obszönen Gedankenspiele, der Angst und dem drumherum.
Von asiatischem Essen. Von Sehnsucht. Von Euphemismen.
Zwiebeltränen und echten Tränen, die sich vermischen, als wir in der
Küche stehen und ich ein stumpfes Messer schwinge - mein Herz schreibt
Romane, die ich nie verfassen werde.
Samstag, 8. Juni 2013
Passive Agressive.
Autosuggestiv The Stone Roses hören bringt's wirklich. Es ist immer noch ekelhaft warm (ich bin wirklich ein Winter-Mensch), ich bin immer noch die vollgefressene, unförmige, ungeduschte, unausgelastete, asexuelle, wehleidige Ausgabe meiner Selbst, aber es geht. Irgendwie. Besser als gestern.
Der Gedanke alles hinzuschmeißen, heute Nacht noch präsent, ist wieder abgetaucht. Irgenwie gewöhnt man sich daran, dass die Schübe kommen und gehen, sinuskurvenförmig Ping-Pong mit meinem Lebensmut und meiner geistigen Verfassung spielen. Abwarten und Kaffee trinken - Selbstwirksamkeit ist was anderes, Eigenverantwortung auch.
Vorgestern: Frau L. fragt mich, warum ich zu allem "Ja und Amen" sage. Ich muss passen, spiele mit Lulus Uhr an meinem Handgelenk und halte Tränen zurück. Sie mustert mich lange und wartet. "Wissen Sie, wenn ich könnte, würde ich wahnsinnig gerne allen mal meine Meinung sagen, unzensiert." - "Wer sind alle?" - "Alle eben." - "Und was würden Sie sagen?" - "Was ich wirklich denke." - "Was hält Sie denn davon ab? Glauben Sie, Ihr Umfeld könnte Ihre Agression nicht aushalten?"
Jackpot, Sie haben es erfasst. Ich glaube, dass meine wahre, bedürftige, verletzliche, zickig-launische, lustlose, unendlich wütende, großspurige, habgierige, dümmliche, eifersüchtige, dramatische, suizidale, nervtötende, emotional in vielerlei Hinsicht traumatisierte, hungrige, polternde, winzig kleine, unstete Persönlichkeit niemand, wirklich niemand ertragen könnte. Deswegen schlucke ich lieber. Alles. "Ich schlucke alles, wissen Sie?!", ich werde laut und reiße die Augen auf.
Frau L. ist ganz ruhig. "Ihr Problem ist, dass Sie nur diese eine Sicht auf Sie selbst zulassen. Sie denken, jeder würde Sie verurteilen und Sie exakt so negativ einschätzen, wie Sie selbst es tun. Sie wollen ja auch nichts anderes hören, Komplimente sind Lügen, Nettigkeiten sind eigennützig, Sie ertragen weder Umarmungen noch Zuspruch. Wer Ihnen sagt, dass er an Sie glaubt, setzt Sie unter Druck. Sie lassen niemanden an sich."
"Im Gegenteil, ich lasse viel zu viel viel zu nah an mich." - "Das ist kein Widerspruch. Aber Ihre Beziehungen sind einseitig, solange Sie Ihr Selbstbild verteidigen." - "Das ist Selbstschutz." - "Ich weiß. Aber wovor schützen Sie sich? Was sollte ich Ihnen schlimmes antun?" - "Sie könnten über mich triumphieren, mich manipulieren, mir meine Kritikfähigkeit nehmen..." Sie schüttelt den Kopf.
Ich erzähle ihr von meinen Fressgelagen und dass ich Schwierigkeiten habe, das Haus zu verlassen. Ich jammere. Ich heule rum, dass ich nicht kotzen kann, "...nur neulich, wissen Sie, da habe ich meinen Kotzpunkt gefunden, glaube ich. Beim Oralsex. Seitdem denke ich, wenn ich nur lange und tief genug in meiner Kehle bohre, müsste ich es doch schaffen... Denke ständig daran, ein Ass im Ärmel." Ich schildere grausame Träume von inzestuöisen Vergewaltigungen durch meine Mutter, taste mich durch Kindheitserinnerungen (Wie ich meinen Vater beim Masturbieren erwischte - Teil 1-4, Wie meine betrunkenen Eltern alle Hemmungen verloren - das Archiv, ect). Am Ende der Sitzung schlage ich meine Schienbeine, um mich wieder zu spüren. Wütend bin ich und stumm.
Der Gedanke alles hinzuschmeißen, heute Nacht noch präsent, ist wieder abgetaucht. Irgenwie gewöhnt man sich daran, dass die Schübe kommen und gehen, sinuskurvenförmig Ping-Pong mit meinem Lebensmut und meiner geistigen Verfassung spielen. Abwarten und Kaffee trinken - Selbstwirksamkeit ist was anderes, Eigenverantwortung auch.
Vorgestern: Frau L. fragt mich, warum ich zu allem "Ja und Amen" sage. Ich muss passen, spiele mit Lulus Uhr an meinem Handgelenk und halte Tränen zurück. Sie mustert mich lange und wartet. "Wissen Sie, wenn ich könnte, würde ich wahnsinnig gerne allen mal meine Meinung sagen, unzensiert." - "Wer sind alle?" - "Alle eben." - "Und was würden Sie sagen?" - "Was ich wirklich denke." - "Was hält Sie denn davon ab? Glauben Sie, Ihr Umfeld könnte Ihre Agression nicht aushalten?"
Jackpot, Sie haben es erfasst. Ich glaube, dass meine wahre, bedürftige, verletzliche, zickig-launische, lustlose, unendlich wütende, großspurige, habgierige, dümmliche, eifersüchtige, dramatische, suizidale, nervtötende, emotional in vielerlei Hinsicht traumatisierte, hungrige, polternde, winzig kleine, unstete Persönlichkeit niemand, wirklich niemand ertragen könnte. Deswegen schlucke ich lieber. Alles. "Ich schlucke alles, wissen Sie?!", ich werde laut und reiße die Augen auf.
Frau L. ist ganz ruhig. "Ihr Problem ist, dass Sie nur diese eine Sicht auf Sie selbst zulassen. Sie denken, jeder würde Sie verurteilen und Sie exakt so negativ einschätzen, wie Sie selbst es tun. Sie wollen ja auch nichts anderes hören, Komplimente sind Lügen, Nettigkeiten sind eigennützig, Sie ertragen weder Umarmungen noch Zuspruch. Wer Ihnen sagt, dass er an Sie glaubt, setzt Sie unter Druck. Sie lassen niemanden an sich."
"Im Gegenteil, ich lasse viel zu viel viel zu nah an mich." - "Das ist kein Widerspruch. Aber Ihre Beziehungen sind einseitig, solange Sie Ihr Selbstbild verteidigen." - "Das ist Selbstschutz." - "Ich weiß. Aber wovor schützen Sie sich? Was sollte ich Ihnen schlimmes antun?" - "Sie könnten über mich triumphieren, mich manipulieren, mir meine Kritikfähigkeit nehmen..." Sie schüttelt den Kopf.
Ich erzähle ihr von meinen Fressgelagen und dass ich Schwierigkeiten habe, das Haus zu verlassen. Ich jammere. Ich heule rum, dass ich nicht kotzen kann, "...nur neulich, wissen Sie, da habe ich meinen Kotzpunkt gefunden, glaube ich. Beim Oralsex. Seitdem denke ich, wenn ich nur lange und tief genug in meiner Kehle bohre, müsste ich es doch schaffen... Denke ständig daran, ein Ass im Ärmel." Ich schildere grausame Träume von inzestuöisen Vergewaltigungen durch meine Mutter, taste mich durch Kindheitserinnerungen (Wie ich meinen Vater beim Masturbieren erwischte - Teil 1-4, Wie meine betrunkenen Eltern alle Hemmungen verloren - das Archiv, ect). Am Ende der Sitzung schlage ich meine Schienbeine, um mich wieder zu spüren. Wütend bin ich und stumm.
Freitag, 7. Juni 2013
"About:Kate", Folge sechs, Minute 13:30 - Selbsterkenntnis, Déja-vu, Realitätsflash.
Therapeutin: Sie sehen gut aus!
Kate: Danke. Sie aber auch.
Tja... Mir gefällt's hier so langsam. Doch wirklich man... Man wird hier gut beschäftigt, das ist... beeindruckend. Sie könnten Ihre eigene Fitness-DVD rausbringen.
Therapeutin: Frau Harff... Ihr sarkastischer Humor ist wertvoll. In unseren Sitzungen brauchen Sie sich jedoch nicht dahinter zu verstecken.
Kate: Haben Sie gewusst, dass man mich rausschmeißen wollte?
Therapeutin: Wer wollte Sie rausschmeißen?
Kate: Die Klinikleitung.
Therapeutin: Ich denke nicht, dass man Sie rausschmeißen wollte.
Kate: Also wussten Sie's.
Therapeutin: Man hat mich darüber informiert, was vorgefallen ist.
Kate: (Der Stasiverein.) (Paranoia Paranoia!)
Therapeutin: Sie sind eine erwachsene Frau, Sie müssen wissen dass ihr Handeln Konsequenzen hat. Hätte es Ihnen besser gefallen, ich hätte voll all dem nichts erfahren?
Kate: Ist mir doch egal ob Sie...
Therapeutin: Ist es das?
Kate: ...völlig.
Therapeutin: Warum dann Ihre Frage?
Kate: Weil mich interessiert, wie Ihr Laden so funktioniert. Wer mit wem unter einer Decke und so. (Paranoia Paranoia Paranoia!)
Therapeutin: Fühlen Sie sich... „außen vor“? Ausgeliefert? Ohnmächtig?
Kate: Nö.
Therapeutin: Haben Sie das Gefühl, wir wären nicht auf Ihrer Seite?
Kate: Es geht hier um Hilfe, nicht um Bestrafung, nicht wahr? Ph. Mein Tag ist nur noch 'ne Trainingsmontage.
Therapeutin: Wissen Sie noch, was Sie mir am Ende unserer letzten Sitzung gesagt haben, Kate?
Kate: Verschwommen.
Therapeutin: Sie waren sich plötzlich sehr sicher, dass Sie hier hingehören. Und dass Sie wissen wollen, wer Sie sind.
Kate: (weint)
Therapeutin: Warum haben Sie sich entschieden, derart viel Hustensaft zu trinken?
Kate: (weint)
Therapeutin: Was ist das für eine Situation, in der Sie sich gerade befinden?
Kate: ...'ne peinliche.
Therapeutin: Ich, ähm, ich konnte Sie nicht ganz verstehen.
Kate: Eine peinliche, eine peinliche Situation.
Therapeutin: Was ist Ihnen gerade peinlich?
Kate: Ph. Dieses... gesamte Tribunal.
Therapeutin: Sie erleben unser Gespräch als ein Tribunal?
Kate: Das haut einfach nicht hin, ich... Ich finde das nicht in Ordnung, schon heute morgen: Ich werde hier behandelt wie ein kleines Kind. Jetzt werden mir schon meine Sachen weggenommen.
Therapeutin: Wie sind Sie denn in diese Lage gekommen?
Kate: Durch Sie. Sie alle mit Ihren Vorschriften und Plänen.
Therapeutin: Gab es von Anfang an so viele Vorschriften?
Kate: Essenszeiten, dieser Frühstücksdienst...
Therapeutin: Sie mussten Ihr Essen innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens einnehmen und gelegentlich beim Aufdecken helfen. Noch etwas?
Kate: Am Ende ist doch alles reglementiert.
Therapeutin: Sollte es sich dabei ausschließlich um die von Ihnen genannten Punkte handeln, ist es eigentlich gar nicht zu viel. Oder?
…Haben Sie sich in der Vergangenheit schon einmal so reglementiert gefühlt?
Kate: Als Kind.
Therapeutin: Durch wen?
Kate: Meine Eltern.
Therapeutin: Wie haben Sie sich in diesen Situationen verhalten?
Kate: Ich habe mich ihren Regeln widersetzt.
Therapeutin: Was ist dann passiert?
Kate: Ich wurde bestraft.
Therapeutin: Wie?
Kate: Durch noch mehr Regeln.
Therapeutin: Ein erfolgreiches Konzept?
Kate: Was wollen Sie mir eigentlich sagen? Dass ich durch meine „Rebellion“ selber schuld bin an meiner Unfreiheit?
Therapeutin: Manchmal reinszenieren wir Standardsituationen aus unserem Leben, die wir noch nicht bewältigt haben, wir führen sie wieder auf weil wir noch nicht mit ihnen abgeschlossen haben. Alte Rollen, die noch keine Katharsis erfahren haben...
Kate: Und meine Rolle soll die des ungehörigen Kindes sein, oder was? Das ist doch ein Scheißklischee!
Die ganze Serie online sehen...
Außerdem: Endlich Essens-Overkill nach ein paar Tagen des exzessiven Fressens: Heute erstmals keinerlei Gelüste mehr.
Mittwoch, 29. Mai 2013
Doch.
In you I see dirty
In you I count stars
In you I feel so pretty
In you I taste god
In you I feel so hungry
In you I crash cars
We must never be apart-
(Smashing Pumpking - Ava Adore)
Es ist großartig und schauerhaft und warm. Alles leuchtet, der Regen und die Netzhaut. Ich schlafe tagsüber, wühle mich durch spinnenhafte Träume und halbseidene Gespräche mit meiner Schwester ("Danke für den Tabak"); ich fahre in Zeitlupe mit meiner Mutter zur Therapie und lasse in den Sitzungen Seifenblasen aufsteigen und bersten, nicht ohne Tränen zu vergießen und unvermittelt breit zu grinsen.
In der Uni, Gasthören in Pennys wirtschaftsgeographischer Vorlesung über Innovation und Invention, vermale ich unleserlich krakelige Buchstabenkombinationen zu Sinnzusammenhängen und genieße das Kribbeln im Gehirn - wie schön Lernen doch sein kann, wie befriedigend Studieren sein muss. Wir fahren zurück, Kaffee auf ihrem Sonnenbalkon, und assoziieren einen halben Tag lang. Ich bin sehr glücklich, sie nun in meinem Leben zu wissen, kann auf ihre klugen Beobachtungen und ihr lautes Lachen bauen, wir helfen einander. Die Angst, dass binnen eines Wimpernschlages zwischenmenschliche Kartenhäuser laut krachend in sich zusammenfallen könnten - sie ist versiegt. Menschen sind keine Karten mehr, sondern Grashalme im Wind.
Stunden später liege ich auf Lennards Schulter und fühle mich frei. Das metallene Band um meine Brust ist gelockert, der Atmen fließt wie seine Stimme in die Nacht. "Wie geht es dir jetzt?", fragt er vorsichtig. "Ich bin so erfüllt von dem Gefühl, erkannt zu werden und gleichzeitig zu begreifen, mich und dich und uns. Unendlich glücklich, das bin ich". Ich drehe mich zur Balkontür und spüre seinen Atem in meinem Nacken, seinen Körper in meinem Rücken. Erschaudern, zittriges, stolperndes Herz, fast schon zu viel der Nähe, so unerträglich klar ist der Moment. In meinem Kopf ein Wirbel von Farben und Eindrücken und die Erfahrung seiner Hände auf meiner Haut. Es kann ungemein verbindend sein, Sex mit dem Gehirn zu haben.
Die Zeit schlendert und bleibt hin und wieder stehen, so ergiebig und wohlwollend wie sie es nur in diesen magischen Nächten tut. Irgendwann ergreift der Körper das Wort und kommuniziert jene Phänomene, die mit Sprache allein nicht zu erfassen sind: Nervenenden, Elektrizität, extatische Zuckungen, das Rascheln der Laken, hedonistisches Ultimatum.
Heute morgen dann registriere ich, dass es mich trägt.
In you I count stars
In you I feel so pretty
In you I taste god
In you I feel so hungry
In you I crash cars
We must never be apart-
(Smashing Pumpking - Ava Adore)
Es ist großartig und schauerhaft und warm. Alles leuchtet, der Regen und die Netzhaut. Ich schlafe tagsüber, wühle mich durch spinnenhafte Träume und halbseidene Gespräche mit meiner Schwester ("Danke für den Tabak"); ich fahre in Zeitlupe mit meiner Mutter zur Therapie und lasse in den Sitzungen Seifenblasen aufsteigen und bersten, nicht ohne Tränen zu vergießen und unvermittelt breit zu grinsen.
In der Uni, Gasthören in Pennys wirtschaftsgeographischer Vorlesung über Innovation und Invention, vermale ich unleserlich krakelige Buchstabenkombinationen zu Sinnzusammenhängen und genieße das Kribbeln im Gehirn - wie schön Lernen doch sein kann, wie befriedigend Studieren sein muss. Wir fahren zurück, Kaffee auf ihrem Sonnenbalkon, und assoziieren einen halben Tag lang. Ich bin sehr glücklich, sie nun in meinem Leben zu wissen, kann auf ihre klugen Beobachtungen und ihr lautes Lachen bauen, wir helfen einander. Die Angst, dass binnen eines Wimpernschlages zwischenmenschliche Kartenhäuser laut krachend in sich zusammenfallen könnten - sie ist versiegt. Menschen sind keine Karten mehr, sondern Grashalme im Wind.
Stunden später liege ich auf Lennards Schulter und fühle mich frei. Das metallene Band um meine Brust ist gelockert, der Atmen fließt wie seine Stimme in die Nacht. "Wie geht es dir jetzt?", fragt er vorsichtig. "Ich bin so erfüllt von dem Gefühl, erkannt zu werden und gleichzeitig zu begreifen, mich und dich und uns. Unendlich glücklich, das bin ich". Ich drehe mich zur Balkontür und spüre seinen Atem in meinem Nacken, seinen Körper in meinem Rücken. Erschaudern, zittriges, stolperndes Herz, fast schon zu viel der Nähe, so unerträglich klar ist der Moment. In meinem Kopf ein Wirbel von Farben und Eindrücken und die Erfahrung seiner Hände auf meiner Haut. Es kann ungemein verbindend sein, Sex mit dem Gehirn zu haben.
Die Zeit schlendert und bleibt hin und wieder stehen, so ergiebig und wohlwollend wie sie es nur in diesen magischen Nächten tut. Irgendwann ergreift der Körper das Wort und kommuniziert jene Phänomene, die mit Sprache allein nicht zu erfassen sind: Nervenenden, Elektrizität, extatische Zuckungen, das Rascheln der Laken, hedonistisches Ultimatum.
Heute morgen dann registriere ich, dass es mich trägt.
Samstag, 18. Mai 2013
Wenn drei Feuerzeuge neben dir liegen und keines beim letzten Versuch eine Flamme spendet, die groß genug wäre um damit Brand zu stiften.
Benutzte Müslischalen und Kaffeetassen, Tabakkrümel, Bücherberge und aufgeschlagene Zeitungen voller rätselhafter Codes, ein Haufen dreckiger Wäsche, Knoten in der Brust, Kontoauszüge, ein verhasstes Mobiltelefon und ich, inmitten meiner Schatten von grau zu schwarz zu unsichtbar.
Mein Chaos ist perfekt durchchoreographiert, es beginnt bei meinen klebrigen Fingern und endet zwischen Zwerchfell und geteerten Lungenflügeln in einem zitternden, gefräßigen Schlund: Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich Angst habe. Kann gar nicht so viel weinen, wie ich Schmerzen verspüre.
Ja, das ist wehleidig und ich bin es zumindest meiner Therapeutin schuldig (wenn nicht sogar meiner Mutter), strategisch vorzugehen, es ist Krieg. Aber wo anfangen?
Wenn man unendlich ist, gibt es keine körperlichen Grenzen und keine metaphysichen, der Tod lümmelt auf dem Teppich vor der Glotze und sortiert Rasierklingen, sein Blick ist weit und seine Finger aschgrau. Er nickt mir unmerklich zu - Guten Morgen, Frau R., ich wollte Ihnen nur mittteilen, dass ich bereit bin. Bereit, wenn Sie es sind, Clarice.
Wer sitzt daneben? Zwei Silhoutten meiner Selbst, eine ausgezehrte Kreatur ohne sekundäre Geschlechtsmerkmale und ein Koloss mit Schokoladenmund. Seid ihr die Optionen? Ich suche den Raum ab nach einem vernünftigen Selbstbild, vielleicht Phoebe mit Abiturzeugnis oder Phoebe in einem Auto oder Phoebe Hand in Hand mit einem Menschen, der sie glücklich macht. Das sprengt offenbar meine Phantasie, wir sind immer noch alleine, meine Monster und ich.
Der Tod bedient sich bei meinem Tabak.
Die ausgezehrte Kreatur kokst und wippt manisch mit dem Fuß.
Der Koloss schlägt rhytmisch den breiigen Schädel gegen die Dachschräge.
Gute Gastgeberin, die ich sein möchte, bleibe ich passiv und lausche.
Flugzeuge im Bauch und über meinem Fenster, jemand kehrt im Hof. Ich schwitze. Mein Gesicht ist taub und aufgedunsen, alle Türen offen rast das Herz den Gedanken nach und pumpt und pumpt.
Meine Schuldgefühle bringen mich um den Verstand: Nie wieder jemanden vor den Kopf stoßen, nie wieder jemanden fordern, nie wieder fett sein. Ich denke über Gebete nach und über Filmsequenzen (Denn sie wissen nicht, was sie tun; The Dark Knight). Alles so weit weg, mein Körper zu eng und zu groß, meine Augen zu blind, ich hasse meinen Vater und meine Schwäche mit verzweifelter Intensität.
Frau L. sagt, da ist ein Überlebenstrieb. Wo zur Hölle ist mein Geld? Wo ist meine Selbstachtung (rhetorische Frage, klar)?
J. kommt später auf einen Kaffee vorbei und ich weiß noch nicht, welche Haut ich tragen werde um ihr die Milch für den Kaffee aufzuschäumen. Die Furcht ist meine Glasglocke und mein Segelboot.
Einmal nur in einer Umarmung ankommen!
Mein Chaos ist perfekt durchchoreographiert, es beginnt bei meinen klebrigen Fingern und endet zwischen Zwerchfell und geteerten Lungenflügeln in einem zitternden, gefräßigen Schlund: Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich Angst habe. Kann gar nicht so viel weinen, wie ich Schmerzen verspüre.
Ja, das ist wehleidig und ich bin es zumindest meiner Therapeutin schuldig (wenn nicht sogar meiner Mutter), strategisch vorzugehen, es ist Krieg. Aber wo anfangen?
Wenn man unendlich ist, gibt es keine körperlichen Grenzen und keine metaphysichen, der Tod lümmelt auf dem Teppich vor der Glotze und sortiert Rasierklingen, sein Blick ist weit und seine Finger aschgrau. Er nickt mir unmerklich zu - Guten Morgen, Frau R., ich wollte Ihnen nur mittteilen, dass ich bereit bin. Bereit, wenn Sie es sind, Clarice.
Wer sitzt daneben? Zwei Silhoutten meiner Selbst, eine ausgezehrte Kreatur ohne sekundäre Geschlechtsmerkmale und ein Koloss mit Schokoladenmund. Seid ihr die Optionen? Ich suche den Raum ab nach einem vernünftigen Selbstbild, vielleicht Phoebe mit Abiturzeugnis oder Phoebe in einem Auto oder Phoebe Hand in Hand mit einem Menschen, der sie glücklich macht. Das sprengt offenbar meine Phantasie, wir sind immer noch alleine, meine Monster und ich.
Der Tod bedient sich bei meinem Tabak.
Die ausgezehrte Kreatur kokst und wippt manisch mit dem Fuß.
Der Koloss schlägt rhytmisch den breiigen Schädel gegen die Dachschräge.
Gute Gastgeberin, die ich sein möchte, bleibe ich passiv und lausche.
Flugzeuge im Bauch und über meinem Fenster, jemand kehrt im Hof. Ich schwitze. Mein Gesicht ist taub und aufgedunsen, alle Türen offen rast das Herz den Gedanken nach und pumpt und pumpt.
Meine Schuldgefühle bringen mich um den Verstand: Nie wieder jemanden vor den Kopf stoßen, nie wieder jemanden fordern, nie wieder fett sein. Ich denke über Gebete nach und über Filmsequenzen (Denn sie wissen nicht, was sie tun; The Dark Knight). Alles so weit weg, mein Körper zu eng und zu groß, meine Augen zu blind, ich hasse meinen Vater und meine Schwäche mit verzweifelter Intensität.
Frau L. sagt, da ist ein Überlebenstrieb. Wo zur Hölle ist mein Geld? Wo ist meine Selbstachtung (rhetorische Frage, klar)?
J. kommt später auf einen Kaffee vorbei und ich weiß noch nicht, welche Haut ich tragen werde um ihr die Milch für den Kaffee aufzuschäumen. Die Furcht ist meine Glasglocke und mein Segelboot.
Einmal nur in einer Umarmung ankommen!
Montag, 13. Mai 2013
"Und sind wir umstellt von unserem Scheitern, dann bauen wir auf Räuberleitern."
Der Druck fällt, Brust schwingt wieder federleicht,
kein Monster mehr, das aus dem Nebel steigt,
mehr Monster werden kommen, doch sie kommen
erst mit dem Dunst raus am Abend.
- Und sollen sie doch kommen, denn wenn sie komm’,
werd’ ich alle erschlagen.
(Prinz Pi - Unser Platz)
Abgesehen von den obligatorischen Geldsorgen geht es mir wirklich gut. Amen.
Zusammenfassung der letzten fünf Tage in Stichworten: Aufbäumen der anorektischen Gedanken in der Therapie - Fressgelage extrem - Sehnsucht - spontaner Nachmittag mit Penny auf ihrem Balkon - interpersonelle Konflikte dekonstruieren - Bowling mit den Leuten ihres Freundes - Vorstellungsgespräch am Samstagvormittag bei einer Nachhilfeschule um die Ecke - wunderschön entspannter Nachmittag mit Lennard inklusive ernstem und aufrichtigem "Beziehungsgespräch" - Spieleabend zu viert ("Das Spiel dauert neunzig Minuten und am Ende gewinnt immer Penny") - zwei professionell gebaute Joints um halb zwei Uhr morgens - die Musik unserer Eltern und endlose Lachflashs - der beste Sex meines bisherigen Lebens - unterbrochen von einem plötzlichen Übelkeitsanfall seinerseits (ich dachte, so etwas passiert nur in Filmen) - Zigarette nackt auf dem Balkon - Sorge - Besserung - gemeinsames, zugedröhntes Einschlafen - gemeinsames, zugedröhnt-verkatertes Aufstehen um halb neun morgens - Knack-und-Back-Brötchen mit Erdnussbutter und Marmelade - Sims-City-Let's-Play schauen und im gleichen Rhytmus atmen - übereinander herfallen - vollends erfüllt und high ins Auto meiner Mutter springen und zu meinem Opa fahren - unterwegs mit Lulu deutschen Hip-Hop hören (Käptn Peng, Prinz Pi, Casper) - Opa aufpicken und zusammen essen gehen - in einer wunderschönen Altstadt im Odenwald das einzige und ekelhafte vegetarische Gericht bestellen (zerkochtes, ungesalzenes Gemüse mit Sauce Hollandaise) - das "Grab" meiner Oma besuchen, welches eigentlich ein Baum ist, vor dem ihre Urne vergraben wurde - Kakao trinken und durch den Wald tanzen - eine Kinderschaukel, losgelöstes Lachen, Erinnerungen leben, Glück - auf der Rückfahrt im Auto Radiohead hören und einschlafen - zu Hause weiterpennen - die Nacht mit klugen Texten, wilden Theorien und Pornos verbringen - Montagfrüh mit Lulu Kaffee trinken - Fitnesstudio: 1000 kcal verbrennen - philosophische Texte im Bus lesen - zärtliche SMS mit Lennard austauschen - die Sparkasse hassen, welche mein Geld zurückhält - von Mama Strumpfhosen gekauft bekommen - für Lulu vegane Zucchini-Spaghettie-Carbonara kochen - mit ihm am Telefon Alltagsgeschichten austauschen und verliebt sein in eine dunkle Stimme Ohr Herz und Kopf - die Glotze anmachen und den Tag mit kritischen Dokus und Frank Plasberg ausklingen lassen
Ich sitze hier seit einer Stunde in Lulus tollsten Mantel gehüllt (Raucherzimmer wollen gut gelüftet sein) und pulsiere vor Lebenswut. Im positivsten Sinne. Lernen, Abnehmen, Arbeiten, unter Menschen sein statt unter Geistern.
Freitag, 19. April 2013
Was abgeht.
"Mammoth" von Interpol läuft auf Repeat, mein Herz flattert wie auf Koks und mein Bauch drückt entschlossen gegen den Bund der schwarzen Strumpfhose (schwarz und blickdicht, wie alles an mir).
Habe ich Angst? Yes, Sir.
Die letzten Tage verschwimmen im Nebel von billigen Farben, Rausch und suspense. Verlogene Ambivalenzen. Da sind Bewerbungen für Nachhilfeschulen, die ich halbherzig vorbereite. 800 kcal, die ich im Fitnesstudio lasse. Da ist Lennard, der einen verzweifelten Dr Faust rezitiert, mit rudernden Händen auf dem Sofa und Kippe im Mundwinkel. Da ist mein Spiegelbild im Autofenster: zerrupft, rote Nase, verschmierte Schminke in der Fresse, die Haare tannenbaumförmig herabhängend, fahler Geschmack auf der Zunge.
Da ist meine Therapeutin, die in alten Wunden bohrt: Was ist mein eigenes? Warum bin ich so ein hässlicher, anstrengender Mensch? Da ist die rotgelockte, füllige Verkäuferin im Veganz, die fragt, ob wir denn ein Paar seien, er und ich (Lennard antwortet: "Zu 80% ja" und drückt meine schwitzige Hand). Da ist die verspiegelte John-Lennon-Gedächtnisbrille von Lulu, die mir von der Nase rutscht. Da sind die Fressgelage (10.000 kcal, nicht ganz vegan), die ich zelebriere, um von dem großen schwarzen Loch im Inneren abzulenken, welches nur schluckt und saugt und tötet.
Da sind Kinski und Heidegger und Crystal Renn in meinem Bett und meine fiebrigen Lese-Augen, schlaflos und rasenden Herzens auf der Flucht in Buchstabenreihungen ohne Zusammenhang. Da ist die Autofahrt mit meiner Mutter, Einblicke in ihr Seelenleben und die Beziehungskisten unserer Bekanntschaft - berührend und ermattend zugleich.
Da ist das Stolpern durch den Odenwald mit meinem Opa, Stock und Stein und grauer Himmel und Laufmaschen von wilden Rosen, über die ich krieche. Da ist Sodbrennen und Hass und Ekel vor meiner Person. Da sind fadenscheinige Lügen und Verlustängste und Planlosigkeit und Hyperaktivität und emotionale Prostitution und Sehnsucht und eine tropfende Nase am Morgen, Ohrenschmerzen und immer Lügen, Lügen und Angst.
Eine Eruption von Worten auf mein fleckiges Bettlaken.
Habe ich Angst? Yes, Sir.
Die letzten Tage verschwimmen im Nebel von billigen Farben, Rausch und suspense. Verlogene Ambivalenzen. Da sind Bewerbungen für Nachhilfeschulen, die ich halbherzig vorbereite. 800 kcal, die ich im Fitnesstudio lasse. Da ist Lennard, der einen verzweifelten Dr Faust rezitiert, mit rudernden Händen auf dem Sofa und Kippe im Mundwinkel. Da ist mein Spiegelbild im Autofenster: zerrupft, rote Nase, verschmierte Schminke in der Fresse, die Haare tannenbaumförmig herabhängend, fahler Geschmack auf der Zunge.
Da ist meine Therapeutin, die in alten Wunden bohrt: Was ist mein eigenes? Warum bin ich so ein hässlicher, anstrengender Mensch? Da ist die rotgelockte, füllige Verkäuferin im Veganz, die fragt, ob wir denn ein Paar seien, er und ich (Lennard antwortet: "Zu 80% ja" und drückt meine schwitzige Hand). Da ist die verspiegelte John-Lennon-Gedächtnisbrille von Lulu, die mir von der Nase rutscht. Da sind die Fressgelage (10.000 kcal, nicht ganz vegan), die ich zelebriere, um von dem großen schwarzen Loch im Inneren abzulenken, welches nur schluckt und saugt und tötet.
Da sind Kinski und Heidegger und Crystal Renn in meinem Bett und meine fiebrigen Lese-Augen, schlaflos und rasenden Herzens auf der Flucht in Buchstabenreihungen ohne Zusammenhang. Da ist die Autofahrt mit meiner Mutter, Einblicke in ihr Seelenleben und die Beziehungskisten unserer Bekanntschaft - berührend und ermattend zugleich.
Da ist das Stolpern durch den Odenwald mit meinem Opa, Stock und Stein und grauer Himmel und Laufmaschen von wilden Rosen, über die ich krieche. Da ist Sodbrennen und Hass und Ekel vor meiner Person. Da sind fadenscheinige Lügen und Verlustängste und Planlosigkeit und Hyperaktivität und emotionale Prostitution und Sehnsucht und eine tropfende Nase am Morgen, Ohrenschmerzen und immer Lügen, Lügen und Angst.
Eine Eruption von Worten auf mein fleckiges Bettlaken.
Ach! könnt ich doch auf Bergeshöhn
In deinem lieben Lichte gehn,
Um Bergeshöhle mit Geistern schweben,
Auf Wiesen in deinem Dämmer weben,
Von allem Wissensqualm entladen,
In deinem Tau
gesund mich baden!
Donnerstag, 11. April 2013
Between two lungs.
And my running feet could fly
Each breath screaming
"We are all too young to die"
Ich bin so unendlich dankbar für jede verfickte Sekunde, die ich am Leben bin.
Now all the days of begging
The days of theft
No more gasping for a breath
The air has filled me head-to-toe
And I can see the ground far below
Ich renne und renne und Schweißtropfen spritzen auf das Laufband. Die Augen weit geschlossen, nichts als Weite und Kraft und Glück, das aus jeder Pore rinnt.
Flucht nach vorne - schneller, schneller, wachsen, atmen - und ihr großer Schatten Sehnsucht.
Ich sage zu Frau L., dass ich große Angst habe, dass irgendwo in dieser Weite vor mir, unsichtbar im grellen Licht, das Destruktive, Einsame, Lieblose auf mich wartet. Angst vor den Löchern, in die ich fallen könnte, so schnell wie ich laufe und so blind, wie ich fühle. Sie antwortet, das Destruktive stehe nicht vor, sondern hinter mir. Ich schlucke und denke nach.
"Dann bin ich es selbst, der ich begegnen könnte." - "Sie selbst, ja. Mit all ihren Schwächen und all dem, das Sie nicht zu integrieren gewillt sind. Vielleicht begegnen Sie sich und können diesen einzigartigen, kompletten Menschen lieben lernen."
Ich muss lächeln, weil mir das Bild gefällt, die Sonne taucht den Praxisraum in weiches Licht. "Und die Angst?" - "Wir sollten uns ansehen, was sie uns sagen will. Sie sind immer noch viel zu streng mit sich, das beflügelt die Unsicherheiten." - "Ich glaube, ich verstehe etwas. Das Destruktive in mir, das ist die Summe aller Dinge, die ich mir nicht verzeihen kann. Aber vielleicht geht es gar nicht um die Schuld oder die Verantwortung für etwas, das war." Frau L. nickt und lächelt. "Laufen Sie los."
Ich laufe also, zitternden Knies, voller Sehnsucht und Angst und mit schwer pumpenden Lungen, und es fühlt sich richtig an, einfach in Bewegung zu sein.
I have this breath
And I hold it tight
And I keep it in my chest
With all my mgiht
I pray to God this breath will last
As it pushes past my lips
As I gasped
Between two lungs it was released
The breath that passed from you to me
Ich bin so scheiß-glücklich, dass ich überlebt habe. Könnte die ganze Zeit fluchen.
Ich bin nicht gesund. Ich nehme ab, weil ich so erfüllt bin von krabbelnden Insektenlarven im Oberbauch, dass nichts mehr hineinpassen will. Ich bin neurotisch und bis ins Mark verunsichert. Ich ziehe lange, silbrige Spinnenfäden hinter mir her, die mich an meine Vergangenheit ketten, an meine Schuldkomplexe, an Selbsthass und dunkle Kaninchenlöcher.
Aber aus irgendeinem Grund habe ich es nicht geschafft, zu sterben, mich zu vernichten, zu ermorden, also sollte ich etwas anfangen mit dem, was ich habe.
Luft, zunächst einmal.
Unzählige Buchseiten und leere Notizbücher.
Unendliche Kilometer von hier bis nirgendwo.
Und die Neugierde auf das Ich, welches ich finden könnte.
Each breath screaming
"We are all too young to die"
Ich bin so unendlich dankbar für jede verfickte Sekunde, die ich am Leben bin.
Now all the days of begging
The days of theft
No more gasping for a breath
The air has filled me head-to-toe
And I can see the ground far below
Ich renne und renne und Schweißtropfen spritzen auf das Laufband. Die Augen weit geschlossen, nichts als Weite und Kraft und Glück, das aus jeder Pore rinnt.
Flucht nach vorne - schneller, schneller, wachsen, atmen - und ihr großer Schatten Sehnsucht.
Ich sage zu Frau L., dass ich große Angst habe, dass irgendwo in dieser Weite vor mir, unsichtbar im grellen Licht, das Destruktive, Einsame, Lieblose auf mich wartet. Angst vor den Löchern, in die ich fallen könnte, so schnell wie ich laufe und so blind, wie ich fühle. Sie antwortet, das Destruktive stehe nicht vor, sondern hinter mir. Ich schlucke und denke nach.
"Dann bin ich es selbst, der ich begegnen könnte." - "Sie selbst, ja. Mit all ihren Schwächen und all dem, das Sie nicht zu integrieren gewillt sind. Vielleicht begegnen Sie sich und können diesen einzigartigen, kompletten Menschen lieben lernen."
Ich muss lächeln, weil mir das Bild gefällt, die Sonne taucht den Praxisraum in weiches Licht. "Und die Angst?" - "Wir sollten uns ansehen, was sie uns sagen will. Sie sind immer noch viel zu streng mit sich, das beflügelt die Unsicherheiten." - "Ich glaube, ich verstehe etwas. Das Destruktive in mir, das ist die Summe aller Dinge, die ich mir nicht verzeihen kann. Aber vielleicht geht es gar nicht um die Schuld oder die Verantwortung für etwas, das war." Frau L. nickt und lächelt. "Laufen Sie los."
Ich laufe also, zitternden Knies, voller Sehnsucht und Angst und mit schwer pumpenden Lungen, und es fühlt sich richtig an, einfach in Bewegung zu sein.
I have this breath
And I hold it tight
And I keep it in my chest
With all my mgiht
I pray to God this breath will last
As it pushes past my lips
As I gasped
Between two lungs it was released
The breath that passed from you to me
Ich bin so scheiß-glücklich, dass ich überlebt habe. Könnte die ganze Zeit fluchen.
Ich bin nicht gesund. Ich nehme ab, weil ich so erfüllt bin von krabbelnden Insektenlarven im Oberbauch, dass nichts mehr hineinpassen will. Ich bin neurotisch und bis ins Mark verunsichert. Ich ziehe lange, silbrige Spinnenfäden hinter mir her, die mich an meine Vergangenheit ketten, an meine Schuldkomplexe, an Selbsthass und dunkle Kaninchenlöcher.
Aber aus irgendeinem Grund habe ich es nicht geschafft, zu sterben, mich zu vernichten, zu ermorden, also sollte ich etwas anfangen mit dem, was ich habe.
Luft, zunächst einmal.
Unzählige Buchseiten und leere Notizbücher.
Unendliche Kilometer von hier bis nirgendwo.
Und die Neugierde auf das Ich, welches ich finden könnte.
Mittwoch, 10. April 2013
Teppichlesen.
"Es ist richtig, wie Sie sich intuitiv von T. abgrenzen. Sie schaffen sich einen Raum ohne ihn, Sie atmen. Es ist ganz natürlich, dass Sie noch nicht sicher sind in dem, was Sie tun, aber der Weg ist der Richtige. Auch was Sie von Ihrer Mutter erzählen, stimmt mich zuversichtlich - sie muss akzeptieren lernen, dass Sie das Kind sind. Sie und Ihre Schwester, Sie dürfen die Mutter aus bestimmten Gesprächen ausgrenzen..."
Frau L. streift eine aschblonde Locke hinter ihr Ohr und sieht mich an.
Ich nickte langsam.
"Komischerweise denke ich immer noch an das Abnehmen.", sage ich schließlich zögernd. Sie fixiert meinen Blick: "Das ist nicht ungewöhnlich. Da sind so viele Konflikte in Ihnen, unter der geglätteten Oberfläche bebt es nach wie vor. Lassen Sie sich Zeit, das wird sich geben."
Ich betrachte ihren komischen, neuen Teppich - weiß und flauschig und ein Fremdkörper. Es ist immer ein seltsames Gefühl, nach ihrem Urlaub wieder hier zu sein. Warum brauche ich das? Brauche ich das tatsächlich immer noch? Die Frage springt über in die Realität, beantragen wir sechzig weitere Sitzungen oder nicht? Ich soll darüber nachdenken. Ich denke darüber nach.
So viele Stunden, die ich in diesem Raum verbracht habe. Drei Jahre. Ich sehe mich selbst die Treppenstufen zur Praxis hochsteigen - mit kurzem Haar. Mit 68 kg. Mit 40 kg. Mit schweren Mänteln, mit luftigen Kleidchen, mit rotgeweinten Augen, nach Rauch riechend oder nach Winter, strahlend, schwer atmend, abweisend, bedürftig, laut polternd, mit tanzenden Locken, ungeschminkt, angestoßen, verzweifelt, suchend, euphorisch, zitternd.
Meine Angststörung ist passé, mein Gewicht ordentlich, meine Depression mit Medikamenten und Routinen so eingedämmt, dass sie mich nicht am Leben hindert.
Soll ich bleiben? Einen Rückhalt behalten, einen Fluchtpunkt, eine Oase der Aufrichtigkeit?
Soll ich gehen? Mich von den Spinnenweben lösen, die mich mit der Vergangenheit verbinden?
Und wenn gehen, wohin?
Frau L. streift eine aschblonde Locke hinter ihr Ohr und sieht mich an.
Ich nickte langsam.
"Komischerweise denke ich immer noch an das Abnehmen.", sage ich schließlich zögernd. Sie fixiert meinen Blick: "Das ist nicht ungewöhnlich. Da sind so viele Konflikte in Ihnen, unter der geglätteten Oberfläche bebt es nach wie vor. Lassen Sie sich Zeit, das wird sich geben."
Ich betrachte ihren komischen, neuen Teppich - weiß und flauschig und ein Fremdkörper. Es ist immer ein seltsames Gefühl, nach ihrem Urlaub wieder hier zu sein. Warum brauche ich das? Brauche ich das tatsächlich immer noch? Die Frage springt über in die Realität, beantragen wir sechzig weitere Sitzungen oder nicht? Ich soll darüber nachdenken. Ich denke darüber nach.
So viele Stunden, die ich in diesem Raum verbracht habe. Drei Jahre. Ich sehe mich selbst die Treppenstufen zur Praxis hochsteigen - mit kurzem Haar. Mit 68 kg. Mit 40 kg. Mit schweren Mänteln, mit luftigen Kleidchen, mit rotgeweinten Augen, nach Rauch riechend oder nach Winter, strahlend, schwer atmend, abweisend, bedürftig, laut polternd, mit tanzenden Locken, ungeschminkt, angestoßen, verzweifelt, suchend, euphorisch, zitternd.
Meine Angststörung ist passé, mein Gewicht ordentlich, meine Depression mit Medikamenten und Routinen so eingedämmt, dass sie mich nicht am Leben hindert.
Soll ich bleiben? Einen Rückhalt behalten, einen Fluchtpunkt, eine Oase der Aufrichtigkeit?
Soll ich gehen? Mich von den Spinnenweben lösen, die mich mit der Vergangenheit verbinden?
Und wenn gehen, wohin?
Dienstag, 26. März 2013
"Vertrauliche Arztsache".
Taumelig fahre ich zu meinem Kinderarzt, um die Klinikberichte abzuholen. Die Sonne ist genauso verschlafen und selig wie ich.
Im Bus drehe ich eine Zigarette und beginne, zu lesen:
"Die Patientin war wach, bewußtseinsklar und zu allen Modalitäten orientiert. Im Kontakt wechselnd zwischen Nähe und Distanz [...], psychomotorisch angespannt und unruhig. Im Affekt niedergschlagen, erschöpft, kraftlos. Wechsel zwischen Selbstüberhöhung und -Entwertung, ängstlichem Erleben. [...]
Eine Gewichtsabnahme auf einen BMI von 12,3 durch Nahrungsrestriktion sowie emotionale Instabilität mit wechselhaften Stimmungen, Ängsten, Selbstidealisierung und -Entwertungen, autodestruktivem Verhalten, suizidalen Tendenzen und eine insgesamt zunehmende psychophysische Erschöpfung stellten den Anlass für die stationäre Aufnahme dar. [...] Frau R. fühle sich abwechselnd riesenhaft und erbärmlich klein, genieße exzessive Grenzüberschreitungen, fühle sich hilf- und haltlos in partnerschaftlichen Beziehungen und empfinde heftige Schuldgefühle.
[...]
Die konflikthafte Konstellation mit der Lehrerin (die Patientin hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eklatant an Gewicht verloren) führte zu einer Reaktualisierung kindlichen Erlebens [...], eine Kompensation über ihre schulische Leistungsfähigkeit und inneren Omnipotenzphantasien zeigten sich im Zuge der Krise nicht mehr ausreichend. Die Aufforderung der Lehrerin, der Schwester und Mitschülern schulisch zur Hilfe zu kommen, erlebte Frau R. als illegitime Delegation der Aufgaben der Lehrerin an sie. Die Wut darüber brachte die Patientin durch eine Umkehr der Rollen zum Ausdruck, indem sie der Lehrerin gegenüber die Rolle der Lehrerin einnahm.
Damit wiederholte sich das Dilemma der Patientin in der Ursprungsfamilie. Die Übernahme erwachsener Rollenanteile sowohl dem Vater als auch der Mutter gegenüber erschwerten die Erfüllung des Bedürfnisses, sich in einer kindlich-verantwortungslosen Rolle umsorgen lassen zu können [...].
Vor dem Hintergrund der Überhöhung durch die Eltern und einer zugrundeliegenden labilen Bindungserfahrung zu Vater und Mutter war die Patientin zudem unklaren (Generationen-)Grenzen in der Familie und wechselnden Bindungen ausgesetzt, sodass Frau R. sich früh durch enorme Schwierigkeiten hinsichtlich der emotionalen Nähe-Distanz-Regulation in Beziehungen überfordert erlebte.
[...] Gefühle der kindlichen Bedürftigkeit, besonders nach Schutz und Nähe, stark ausgeprägt.
[...] Frau R. lernte in ihrer Kindheit nicht ausreichend, ihre Emotionen und Bedürfnisse adäquat auszudrücken und Konfliktsituationen zu bewältigen. Dies führte zu einer großen Unsicherheit im Umgang mit anderen und der Sorge, zu viel "Platz" für sich selbst einzufordern und dadurch auf andere abstoßend zu wirken. Ihre nach außen gezeigte Fassade stimmt nicht mit ihrer Selbstrepräsentation überein, was zu Schwierigkeiten in der Beziehungsgestaltung führt. Angst macht der Patientin vor allem die Reaktion auf ihre Wut von seitens ihrer Mitmenschen. [...] Die Esstörung erlaubt es Frau R. ihre Aggressionen indirekt auszuleben und nach außen zu zeigen, dass "etwas nicht stimmt".
[...] Die Regulation einer angemessenen Abgrenzung fiel ihr innerhalb der Gruppe schwer. In der Einzeltherapie schwankte Frau R. zwischen bedürftig-hilfesuchenden Anteilen und autodestruktiven, zu denen jeweils im Nachhinein ein Zugang und gemeinsames Betrachten möglich wurde."
Anstrengender, bemitleidenswerter Mensch, diese Frau R. Soll ich das sein?
Im Bus drehe ich eine Zigarette und beginne, zu lesen:
"Die Patientin war wach, bewußtseinsklar und zu allen Modalitäten orientiert. Im Kontakt wechselnd zwischen Nähe und Distanz [...], psychomotorisch angespannt und unruhig. Im Affekt niedergschlagen, erschöpft, kraftlos. Wechsel zwischen Selbstüberhöhung und -Entwertung, ängstlichem Erleben. [...]
Eine Gewichtsabnahme auf einen BMI von 12,3 durch Nahrungsrestriktion sowie emotionale Instabilität mit wechselhaften Stimmungen, Ängsten, Selbstidealisierung und -Entwertungen, autodestruktivem Verhalten, suizidalen Tendenzen und eine insgesamt zunehmende psychophysische Erschöpfung stellten den Anlass für die stationäre Aufnahme dar. [...] Frau R. fühle sich abwechselnd riesenhaft und erbärmlich klein, genieße exzessive Grenzüberschreitungen, fühle sich hilf- und haltlos in partnerschaftlichen Beziehungen und empfinde heftige Schuldgefühle.
[...]
Die konflikthafte Konstellation mit der Lehrerin (die Patientin hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eklatant an Gewicht verloren) führte zu einer Reaktualisierung kindlichen Erlebens [...], eine Kompensation über ihre schulische Leistungsfähigkeit und inneren Omnipotenzphantasien zeigten sich im Zuge der Krise nicht mehr ausreichend. Die Aufforderung der Lehrerin, der Schwester und Mitschülern schulisch zur Hilfe zu kommen, erlebte Frau R. als illegitime Delegation der Aufgaben der Lehrerin an sie. Die Wut darüber brachte die Patientin durch eine Umkehr der Rollen zum Ausdruck, indem sie der Lehrerin gegenüber die Rolle der Lehrerin einnahm.
Damit wiederholte sich das Dilemma der Patientin in der Ursprungsfamilie. Die Übernahme erwachsener Rollenanteile sowohl dem Vater als auch der Mutter gegenüber erschwerten die Erfüllung des Bedürfnisses, sich in einer kindlich-verantwortungslosen Rolle umsorgen lassen zu können [...].
Vor dem Hintergrund der Überhöhung durch die Eltern und einer zugrundeliegenden labilen Bindungserfahrung zu Vater und Mutter war die Patientin zudem unklaren (Generationen-)Grenzen in der Familie und wechselnden Bindungen ausgesetzt, sodass Frau R. sich früh durch enorme Schwierigkeiten hinsichtlich der emotionalen Nähe-Distanz-Regulation in Beziehungen überfordert erlebte.
[...] Gefühle der kindlichen Bedürftigkeit, besonders nach Schutz und Nähe, stark ausgeprägt.
[...] Frau R. lernte in ihrer Kindheit nicht ausreichend, ihre Emotionen und Bedürfnisse adäquat auszudrücken und Konfliktsituationen zu bewältigen. Dies führte zu einer großen Unsicherheit im Umgang mit anderen und der Sorge, zu viel "Platz" für sich selbst einzufordern und dadurch auf andere abstoßend zu wirken. Ihre nach außen gezeigte Fassade stimmt nicht mit ihrer Selbstrepräsentation überein, was zu Schwierigkeiten in der Beziehungsgestaltung führt. Angst macht der Patientin vor allem die Reaktion auf ihre Wut von seitens ihrer Mitmenschen. [...] Die Esstörung erlaubt es Frau R. ihre Aggressionen indirekt auszuleben und nach außen zu zeigen, dass "etwas nicht stimmt".
[...] Die Regulation einer angemessenen Abgrenzung fiel ihr innerhalb der Gruppe schwer. In der Einzeltherapie schwankte Frau R. zwischen bedürftig-hilfesuchenden Anteilen und autodestruktiven, zu denen jeweils im Nachhinein ein Zugang und gemeinsames Betrachten möglich wurde."
Anstrengender, bemitleidenswerter Mensch, diese Frau R. Soll ich das sein?
Freitag, 15. März 2013
Zunehmen als Leistungssport inklusive Preisgeld? - Leipzig
Ich habe es halt einfach geschafft, in 8 Tagen 8 kg zuzuznehmen!
Applaus bitte!
Ich hätte einen Binge-Orden verdient.
Ja, kann sein, dass es etwas weniger ist, immerhin habe ich schon zwei Milchkaffee intus und so weiter, aber die Zahl ist dennoch erschreckend. Wenigstens keine 6 vorne, sonst hätte ich wahrscheinlich direkt zur Klinge gegriffen. Halt - Stop - das mache ich ja nicht mehr.
Meine Therapeutin ist offenkundig ratlos. "Ist es der Wunsch, voll zu sein; im Gegensatz zu dem permanenten unterschwelligen Hungergefühl der Phase zuvor, der Sie antreibt?"
"Ich weiß nicht, kann sein. Ich höre einfach nicht auf. In den vier Tagen in Leipzig habe ich mir mehrmals täglich regelrecht Rationen gekauft, die dann doch nie gereicht haben. Ich habe durchgängig Sodbrennen und das Gefühl, mein Magen platzt. Schön ist das nicht. Und ich sehe die Zunahme!"
Es sieht merkwürdig aus, im Übrigen: Mein Oberkörper ist relativ knochig, Brüste klein (was mir besser gefällt als wenn sie so groß und offensichtlich da rumhängen), man sieht die Rippen im Dekollete. Dann ein schwangerer Bauch, der sich auch zum schauspielern an diversen Ostdeutschen Raststätten eigenet (ich trage Leggings und ein weites Shirt, die Hände über dem rausgestreckten "Babybauch" gefaltet, und watschele selbstvergessen umher). Es folgen die Beine: Superattraktiv! Fette Oberschenkel, die sich fast wieder berühren, und kurz über'm Knie wieder dünne Stelzen. Toller Look, Honey.
Der Knüller ist aber mein Gesicht. Ich sehe es einfach zuerst an meinem Gesicht. Was ich vor einer guten Woche noch zart und beinahe hübsch fand (an der Stelle danke, liebe Butterfly, für das Kompliment!), ist jetzt wieder undefiniert breit, pausbäckig, Doppelkinn-Ansatz. Und ein paar stylische Fress-Pickel.
Kurz gesagt - ruiniert.
Interessant ist, dass mir das in Leipzig (wo ich meine beste Freundin in ihrer ersten eigenen Studentenwohnung besucht habe) völlig schnurz war. Ich hatte vier Tage lang eine hässliche schwarze H&M-Leggings in M an, dazu wahlweise ein langes, weites Wollkleid oder einen blauen Riesen-Kapuzenpulli. Gammelige Schneeschuhe und gammelige Steppjacke von meiner Schwester (aus Kindertagen). Mütze druff, fertig. Normalerweise halte ich mich für durchaus modebewusst und ziemlich eitel und penibel, was mein Erscheinungsbild angeht, also auch Haare ect. Aber an diesen vier Tagen war es irgendwie so unwichtig.
Und es ging mir gut damit! Ich fühlte mich um meiner selbst willen gemocht und gefordert. Ganz seltsam.
Ich futterte mich durch den Tag wie eine große Raupe Nimmersatt (durchschnittlich 6000 kcal) und es war okay. Ich hatte nicht mal ein schlechtes Gewissen.
Es war wunderschön.
Wir frühstückten Müsli und Schokobrötchen mit Pflaumenmus (und einer heimlich verdrückten Tafel Schokolade, wenn J. duschen war), hörten The XX oder Florence and the Machine, hatten Kerzen an und planten den Tag. Stalkten ein bisschen auf Facebook, machten uns fertig. Also ich mich nicht richtig. Meine Freundin, müsst ihr wissen, hat einen wunderschönen Stil. Sie ist klein und sehr hübsch, trägt Pixie und große, rostfarbene Cardigans, einen coolen Mantel von ihrer Mitbewohnerin und ein wenig Wimperntusche. Das coolste an mir war tatsächlich mein alter, karierter Zara-Schal.
Wir fuhren also mit der Straßenbahn in die wunderschöne Innenstadt, zur Uni, gingen spazieren, kauften ein und kochten in der gemütlichen Altbau-Wohnung superleckeren Schweinkram mit Olivenöl und Gemüse.
Wir guckten Filme auf ihrem Laptop, im riesigen weißen Bett leigend, mit Wärmflaschen und Tee und fetten Wollsocken an den Füßen. Wir schlenderten durch eine Wohnwagensiedlung, klapperten Second-Hand-Läden ab und führten ehrliche und tiefe Gespräche über Identität, Körperbild und Philosophie.
Wenn es etwas gibt, was mich in den letzten Jahren wirklich motiviert hat, Abi zu machen, dann die Aussicht, zu ihr nach Leip'sch zu ziehen und dort zu studieren. Vergleichende Kulturwissenschaften, Journalistik, Sozialökonomie. Sowas halt. Es wäre wirklich schön, einen Alltag zu haben. Es wäre schön, in einer Stadt zu leben, in der mich nichts an meine ekelhafte Schulzeit, nichts an T. erinnert.
In der man einfach so eine vierspurige Straße überqueren kann, ohne überfahren zu werden (versucht das mal in Frankfurt an der Konstablerwache!).
In der es zig tolle, kleine Läden gibt, alles viel billiger ist als hier. Die Häuser alt und zum Teil elegant restauriert sind. Wohnungen günstig sind (ich meine, okay, man verdient eben auch echt viel weniger als im Westen, aber damit muss man eben haushalten).
Man kann für 15€ von Frankfurt nach Leipzig fahren.
Das wär's.
Tja, und irgendwie drängt sich mir der Eindruck auf, dass ich, wenn es mir gut geht (und mir ging bzw geht es wirklich gut, zum ersten Mal seit Monaten), zum Überfressen neige.
Meine Therapeutin hat ja Recht, wenn sie mich daran erinnert, dass ich ziemlich scheiße drauf war vor 'ner Woche mit 'nem BMI von 16,7.
"Aber ich war selbstbewusster!" Stimmt das wirklich? Ich fand mich attraktiver, ja. Ich war disziplinierter. Ja doch. Aber ich war traurig.
Das bin ich auch immer noch, ganz tief drin. Ich träume viel von T. und von grässlichen Schul-Geschichten.
Ich fühle mich zwanghaft gedrängt, mich vollzustopfen, wann immer es möglich ist, obwohl ich im Spiegel eine Entwicklung sehe, die mir nicht gefällt.
Was denke ich, wenn ich Fresse? Ich denke: Hey, was solls, ich kann doch immer wieder abnehmen. Ich denke: Morgen hungerst du wieder, nur noch schnell diese Packung Vanille-Eis leermachen. Und ein Nutellaglas! Ich denke: Scheiß was drauf.
Was denkt ihr, wenn ihr fresst?
Was denkt ihr, wenn ihr im Bett liegt und das Essen in euch so intensiv spürt wie einen zudringlichen Liebhaber? Wenn ihr euch verführen lasst?
Gibt es Ausflüchte, wie bei mir?
Ich weiß nicht, was ich will. Oder vielleicht schon. Ich will dünn sein. Ich will aber auch essen können, mit J. kochen können. Rumlaufen können ohne umzukippen wegen Unterzucker. Ich will dünn sein und ich will studieren. Ich will nicht den ganzen Tag über Kalorien nachdenken müssen. Aber ich will eine 4 vorne auf der Waage sehen! Es ist so komplex und undurchsichtig.
Ich fahre jetzt ins Fitti.
Und Tabak kaufen.
Applaus bitte!
Ich hätte einen Binge-Orden verdient.
Ja, kann sein, dass es etwas weniger ist, immerhin habe ich schon zwei Milchkaffee intus und so weiter, aber die Zahl ist dennoch erschreckend. Wenigstens keine 6 vorne, sonst hätte ich wahrscheinlich direkt zur Klinge gegriffen. Halt - Stop - das mache ich ja nicht mehr.
Meine Therapeutin ist offenkundig ratlos. "Ist es der Wunsch, voll zu sein; im Gegensatz zu dem permanenten unterschwelligen Hungergefühl der Phase zuvor, der Sie antreibt?"
"Ich weiß nicht, kann sein. Ich höre einfach nicht auf. In den vier Tagen in Leipzig habe ich mir mehrmals täglich regelrecht Rationen gekauft, die dann doch nie gereicht haben. Ich habe durchgängig Sodbrennen und das Gefühl, mein Magen platzt. Schön ist das nicht. Und ich sehe die Zunahme!"
Es sieht merkwürdig aus, im Übrigen: Mein Oberkörper ist relativ knochig, Brüste klein (was mir besser gefällt als wenn sie so groß und offensichtlich da rumhängen), man sieht die Rippen im Dekollete. Dann ein schwangerer Bauch, der sich auch zum schauspielern an diversen Ostdeutschen Raststätten eigenet (ich trage Leggings und ein weites Shirt, die Hände über dem rausgestreckten "Babybauch" gefaltet, und watschele selbstvergessen umher). Es folgen die Beine: Superattraktiv! Fette Oberschenkel, die sich fast wieder berühren, und kurz über'm Knie wieder dünne Stelzen. Toller Look, Honey.
Der Knüller ist aber mein Gesicht. Ich sehe es einfach zuerst an meinem Gesicht. Was ich vor einer guten Woche noch zart und beinahe hübsch fand (an der Stelle danke, liebe Butterfly, für das Kompliment!), ist jetzt wieder undefiniert breit, pausbäckig, Doppelkinn-Ansatz. Und ein paar stylische Fress-Pickel.
Kurz gesagt - ruiniert.
Interessant ist, dass mir das in Leipzig (wo ich meine beste Freundin in ihrer ersten eigenen Studentenwohnung besucht habe) völlig schnurz war. Ich hatte vier Tage lang eine hässliche schwarze H&M-Leggings in M an, dazu wahlweise ein langes, weites Wollkleid oder einen blauen Riesen-Kapuzenpulli. Gammelige Schneeschuhe und gammelige Steppjacke von meiner Schwester (aus Kindertagen). Mütze druff, fertig. Normalerweise halte ich mich für durchaus modebewusst und ziemlich eitel und penibel, was mein Erscheinungsbild angeht, also auch Haare ect. Aber an diesen vier Tagen war es irgendwie so unwichtig.
Und es ging mir gut damit! Ich fühlte mich um meiner selbst willen gemocht und gefordert. Ganz seltsam.
Ich futterte mich durch den Tag wie eine große Raupe Nimmersatt (durchschnittlich 6000 kcal) und es war okay. Ich hatte nicht mal ein schlechtes Gewissen.
Es war wunderschön.
Wir frühstückten Müsli und Schokobrötchen mit Pflaumenmus (und einer heimlich verdrückten Tafel Schokolade, wenn J. duschen war), hörten The XX oder Florence and the Machine, hatten Kerzen an und planten den Tag. Stalkten ein bisschen auf Facebook, machten uns fertig. Also ich mich nicht richtig. Meine Freundin, müsst ihr wissen, hat einen wunderschönen Stil. Sie ist klein und sehr hübsch, trägt Pixie und große, rostfarbene Cardigans, einen coolen Mantel von ihrer Mitbewohnerin und ein wenig Wimperntusche. Das coolste an mir war tatsächlich mein alter, karierter Zara-Schal.
Wir fuhren also mit der Straßenbahn in die wunderschöne Innenstadt, zur Uni, gingen spazieren, kauften ein und kochten in der gemütlichen Altbau-Wohnung superleckeren Schweinkram mit Olivenöl und Gemüse.
Wir guckten Filme auf ihrem Laptop, im riesigen weißen Bett leigend, mit Wärmflaschen und Tee und fetten Wollsocken an den Füßen. Wir schlenderten durch eine Wohnwagensiedlung, klapperten Second-Hand-Läden ab und führten ehrliche und tiefe Gespräche über Identität, Körperbild und Philosophie.
Wenn es etwas gibt, was mich in den letzten Jahren wirklich motiviert hat, Abi zu machen, dann die Aussicht, zu ihr nach Leip'sch zu ziehen und dort zu studieren. Vergleichende Kulturwissenschaften, Journalistik, Sozialökonomie. Sowas halt. Es wäre wirklich schön, einen Alltag zu haben. Es wäre schön, in einer Stadt zu leben, in der mich nichts an meine ekelhafte Schulzeit, nichts an T. erinnert.
In der man einfach so eine vierspurige Straße überqueren kann, ohne überfahren zu werden (versucht das mal in Frankfurt an der Konstablerwache!).
In der es zig tolle, kleine Läden gibt, alles viel billiger ist als hier. Die Häuser alt und zum Teil elegant restauriert sind. Wohnungen günstig sind (ich meine, okay, man verdient eben auch echt viel weniger als im Westen, aber damit muss man eben haushalten).
Man kann für 15€ von Frankfurt nach Leipzig fahren.
Das wär's.
Tja, und irgendwie drängt sich mir der Eindruck auf, dass ich, wenn es mir gut geht (und mir ging bzw geht es wirklich gut, zum ersten Mal seit Monaten), zum Überfressen neige.
Meine Therapeutin hat ja Recht, wenn sie mich daran erinnert, dass ich ziemlich scheiße drauf war vor 'ner Woche mit 'nem BMI von 16,7.
"Aber ich war selbstbewusster!" Stimmt das wirklich? Ich fand mich attraktiver, ja. Ich war disziplinierter. Ja doch. Aber ich war traurig.
Das bin ich auch immer noch, ganz tief drin. Ich träume viel von T. und von grässlichen Schul-Geschichten.
Ich fühle mich zwanghaft gedrängt, mich vollzustopfen, wann immer es möglich ist, obwohl ich im Spiegel eine Entwicklung sehe, die mir nicht gefällt.
Was denke ich, wenn ich Fresse? Ich denke: Hey, was solls, ich kann doch immer wieder abnehmen. Ich denke: Morgen hungerst du wieder, nur noch schnell diese Packung Vanille-Eis leermachen. Und ein Nutellaglas! Ich denke: Scheiß was drauf.
Was denkt ihr, wenn ihr fresst?
Was denkt ihr, wenn ihr im Bett liegt und das Essen in euch so intensiv spürt wie einen zudringlichen Liebhaber? Wenn ihr euch verführen lasst?
Gibt es Ausflüchte, wie bei mir?
Ich weiß nicht, was ich will. Oder vielleicht schon. Ich will dünn sein. Ich will aber auch essen können, mit J. kochen können. Rumlaufen können ohne umzukippen wegen Unterzucker. Ich will dünn sein und ich will studieren. Ich will nicht den ganzen Tag über Kalorien nachdenken müssen. Aber ich will eine 4 vorne auf der Waage sehen! Es ist so komplex und undurchsichtig.
Ich fahre jetzt ins Fitti.
Und Tabak kaufen.
| Trés chic in L. |
Donnerstag, 31. Januar 2013
Damals...
14.9.2010
Schlechter Tag.
Problem Nummer eins: Essen. Die Erhöhung ist präsent, die Gedanken an das „mehr“ schwer abzustellen. Zeitstress. Zu langsam, zu schnell? Die immer auflodernde Panik, zu früh fertig zu sein, zu viel im Mund zu haben, zu hastig zu kauen, zu schlingen, zu fressen. Und dann diese Stolperfallen, die ich mir selbst – besser gesagt meiner Krankheit – in den Weg gelegt habe: Fett morgens, Kohlenhydrate abends. Mit Absicht.
Als würde das nicht schon als Herausforderung genügen, will Frau Naumann auch noch, dass ich wieder mehr Eigenverantwortung übernehme. Nächste Woche. Ich habe Angst davor – Angst sowohl vor der Versuchung, etwas wegzulassen oder noch essgestörter zu essen (es guckt ja keiner) als auch vor dem Buffet. Vor der Auswahl. Davor, am Ende der Krankheit zu viel Raum zu geben oder auch zu viel zu essen, je nachdem wie man es dreht und wendet. Horrorvision: unabsichtlich, mangels Achtsamkeit und Konzentration zu viel gegessen zu haben.
Als wenn es darum gehen würde! Als ob dreißig oder vierzig Kalorien mehr oder weniger einen Unterschied machen würde. Es fällt mir so unglaublich schwer, loszulassen, es zu akzeptieren. Ich muss zunehmen, ich bin nicht zu dick. Verdammt. Ich habe jetzt schon Bauchschmerzen beim Gedanken an Montag – Videoaufnahmen zur Selbstwahrnehmung. Ich will mich nicht wieder ansehen und denken „so sollte es bleiben, auf keinen Fall zunehmen, tendenziell lieber ein bisschen abnehmen, vor allem an den Beinen und am Bauch…“.
Tja. KBT (Konzentrative Bewegungstherapie) war dann auch ein totaler Schuss in den Ofen. Ständig Missverständnisse. Ungerechtfertigte (?) Kritik von allen Seiten, und was bleibt ist die Frage, wie ich damit umzugehen habe. Ich drehe mein Fähnchen NICHT nach dem Wind, aber ich bin diplomatisch und versuche, niemanden zu verletzen – white lies. Ist das falsch? Warum ist es mir so wichtig, mich zu verteidigen und „gut dazustehen?“ Kann ich nicht einfach hinnehmen, dass ich nicht perfekt bin und Fehler mache? Ich sehe immer nur meine Fehler und Fehltritte und verurteile mich dafür. Und die anderen? Warum kann ich nicht einfach ordentlich wütend werden, sondern hadere mit MIR? Versuche, MICH anzupassen statt etwas Verständnis von außen einzufordern. Ich stecke fest.
Habe nur geweint. Nach dem Mittagessen ging gar nichts mehr. Bewegungsdrang, Völlegefühl, Panik (ganze Portion!), das Gefühl zu versagen. Ich hatte mir vorgenommen, größere Bissen und schneller zu essen. Die ganze Zeit über ekelte es mich an, ich hatte den Eindruck, alle beobachten mich und denken, dass ich schlinge und fresse und stopfe. Und am Ende wäre ich wieder fast nicht fertig geworden. Scheiße.
Muss besser werden. Fange wieder mit Promethazin an.
Problem Nummer eins: Essen. Die Erhöhung ist präsent, die Gedanken an das „mehr“ schwer abzustellen. Zeitstress. Zu langsam, zu schnell? Die immer auflodernde Panik, zu früh fertig zu sein, zu viel im Mund zu haben, zu hastig zu kauen, zu schlingen, zu fressen. Und dann diese Stolperfallen, die ich mir selbst – besser gesagt meiner Krankheit – in den Weg gelegt habe: Fett morgens, Kohlenhydrate abends. Mit Absicht.
Als würde das nicht schon als Herausforderung genügen, will Frau Naumann auch noch, dass ich wieder mehr Eigenverantwortung übernehme. Nächste Woche. Ich habe Angst davor – Angst sowohl vor der Versuchung, etwas wegzulassen oder noch essgestörter zu essen (es guckt ja keiner) als auch vor dem Buffet. Vor der Auswahl. Davor, am Ende der Krankheit zu viel Raum zu geben oder auch zu viel zu essen, je nachdem wie man es dreht und wendet. Horrorvision: unabsichtlich, mangels Achtsamkeit und Konzentration zu viel gegessen zu haben.
Als wenn es darum gehen würde! Als ob dreißig oder vierzig Kalorien mehr oder weniger einen Unterschied machen würde. Es fällt mir so unglaublich schwer, loszulassen, es zu akzeptieren. Ich muss zunehmen, ich bin nicht zu dick. Verdammt. Ich habe jetzt schon Bauchschmerzen beim Gedanken an Montag – Videoaufnahmen zur Selbstwahrnehmung. Ich will mich nicht wieder ansehen und denken „so sollte es bleiben, auf keinen Fall zunehmen, tendenziell lieber ein bisschen abnehmen, vor allem an den Beinen und am Bauch…“.
Tja. KBT (Konzentrative Bewegungstherapie) war dann auch ein totaler Schuss in den Ofen. Ständig Missverständnisse. Ungerechtfertigte (?) Kritik von allen Seiten, und was bleibt ist die Frage, wie ich damit umzugehen habe. Ich drehe mein Fähnchen NICHT nach dem Wind, aber ich bin diplomatisch und versuche, niemanden zu verletzen – white lies. Ist das falsch? Warum ist es mir so wichtig, mich zu verteidigen und „gut dazustehen?“ Kann ich nicht einfach hinnehmen, dass ich nicht perfekt bin und Fehler mache? Ich sehe immer nur meine Fehler und Fehltritte und verurteile mich dafür. Und die anderen? Warum kann ich nicht einfach ordentlich wütend werden, sondern hadere mit MIR? Versuche, MICH anzupassen statt etwas Verständnis von außen einzufordern. Ich stecke fest.
Habe nur geweint. Nach dem Mittagessen ging gar nichts mehr. Bewegungsdrang, Völlegefühl, Panik (ganze Portion!), das Gefühl zu versagen. Ich hatte mir vorgenommen, größere Bissen und schneller zu essen. Die ganze Zeit über ekelte es mich an, ich hatte den Eindruck, alle beobachten mich und denken, dass ich schlinge und fresse und stopfe. Und am Ende wäre ich wieder fast nicht fertig geworden. Scheiße.
Muss besser werden. Fange wieder mit Promethazin an.
15.9.2010
Klare Verbesserung zu gestern: mehr
Ablenkung von meinen Problemen. Habe mich in der Gruppe sehr
zurückgenommen. Fühlt sich ganz gut an, einfach zu schweigen, eine
neue Erfahrung…
Mittagessen war beschissen. Tortellini-Berg mit sahniger Sauce und Champignons. Ich kaue Kohlenhydrate in komprimierter und extrem stopfender Form. Danach: Magenschmerzen. Bewegungsdrang nachgegeben – ich bin wieder im Garten auf und ab gelaufen. Schlechtes Gewissen, zu Recht. Außerdem habe ich beim Fernsehen Beine heben und senken gespielt… Mein Bauch wächst und wölbt und dehnt sich, und ich kann nichts dagegen machen. Machtlos. Ich hasse das Essen. Ich hasse meinen Körper. Heute habe ich mir gefühlte 6 Mal eine neue Frisur gemacht, was nicht geholfen hat – ich finde mich nicht schön. Ich mag mein Spiegelbild nicht. Mein Körpergefühl sagt mir, dass die Zunahme dieses Mal nicht so glimpflich verlaufen ist… Angst vor Freitag!
Immerhin, ich muss meinen Schnitt verbessern, damit ich in zwei Wochen mit Papa wegfahren darf. Das tröstet oder vertröstet, ja. Einerseits und andererseits.
Mit Mama zu telefonieren war schön, auch wenn es nur kurz war. Und der Abend unten mit Stella, Melisa und Franziska war auch ganz nett. Ich muss mich eben ablenken. Mich setzen. Durchatmen. Kontrolle abgeben.
Mittagessen war beschissen. Tortellini-Berg mit sahniger Sauce und Champignons. Ich kaue Kohlenhydrate in komprimierter und extrem stopfender Form. Danach: Magenschmerzen. Bewegungsdrang nachgegeben – ich bin wieder im Garten auf und ab gelaufen. Schlechtes Gewissen, zu Recht. Außerdem habe ich beim Fernsehen Beine heben und senken gespielt… Mein Bauch wächst und wölbt und dehnt sich, und ich kann nichts dagegen machen. Machtlos. Ich hasse das Essen. Ich hasse meinen Körper. Heute habe ich mir gefühlte 6 Mal eine neue Frisur gemacht, was nicht geholfen hat – ich finde mich nicht schön. Ich mag mein Spiegelbild nicht. Mein Körpergefühl sagt mir, dass die Zunahme dieses Mal nicht so glimpflich verlaufen ist… Angst vor Freitag!
Immerhin, ich muss meinen Schnitt verbessern, damit ich in zwei Wochen mit Papa wegfahren darf. Das tröstet oder vertröstet, ja. Einerseits und andererseits.
Mit Mama zu telefonieren war schön, auch wenn es nur kurz war. Und der Abend unten mit Stella, Melisa und Franziska war auch ganz nett. Ich muss mich eben ablenken. Mich setzen. Durchatmen. Kontrolle abgeben.
16.9.2010
Körpergefühl wird immer schlechter,
Stimmung ebenfalls.
In Kunsttherapie die Frage – was ist meine größte Stärke? Das was ich am besten kann?
Ich kann lieben. Ein flammend rotes Herz.
In Kunsttherapie die Frage – was ist meine größte Stärke? Das was ich am besten kann?
Ich kann lieben. Ein flammend rotes Herz.
17.09.2010
Ich habe natürlich vor dem Wiegen
nicht auf die Toilette gehen können. 44,9. Die Fünfundvierzig macht
mir Angst, das ist eine von den imaginären Grenzen… Na gut, wenn
ich das Wasser abziehe, das sich in meinen Fesseln staut, plus meinem
Darminhalt, ist es real weniger.
Dreihundert Gramm. „Das passt“, sagt Frau Franke. Passt? Wie eine Konfektionsgröße?
Mir passt gar nichts. Mein Körper ist zu viel. In meiner Kleidung wirke ich massig. Nein, ich BIN massig. Ich nehme Raum ein. Ich bin ein träger Körper, ich bin faul, ich bin fett. Ich hasse mich.
Gruppe hat heute gar nichts gebracht.
Horror im Spiegel: meine Oberarme sind schwabbelig und fett. Ich kann sie nicht mehr mit den Fingern umschließen wie vor drei Wochen in KBT.
Mit Natascha längeres Gespräch über das Leben gehabt. Eben noch mit Stella und Melisa über die Krankheit gesprochen.
Fühle mich schlecht.
Dreihundert Gramm. „Das passt“, sagt Frau Franke. Passt? Wie eine Konfektionsgröße?
Mir passt gar nichts. Mein Körper ist zu viel. In meiner Kleidung wirke ich massig. Nein, ich BIN massig. Ich nehme Raum ein. Ich bin ein träger Körper, ich bin faul, ich bin fett. Ich hasse mich.
Gruppe hat heute gar nichts gebracht.
Horror im Spiegel: meine Oberarme sind schwabbelig und fett. Ich kann sie nicht mehr mit den Fingern umschließen wie vor drei Wochen in KBT.
Mit Natascha längeres Gespräch über das Leben gehabt. Eben noch mit Stella und Melisa über die Krankheit gesprochen.
Fühle mich schlecht.
Donnerstag, 17. Januar 2013
"Natürlich siehst du mit 58 Kilo besser aus als mit 62, aber viel weniger sollte es nicht werden", sagte mein Freund.
Noch ein Nachtrag:
Wundersamerweise hatte ich vor drei Tagen einen Traum, in dem ich kotzte. Ja, richtig: einfach nur über einer Kloschüssel hing und alles ausspie. Zuvor hatte ich im Traum zehn Kinder-Riegel gefressen. Noch im Halbschlaf, ein wenig verwundert darüber, dass es funktionierte, stolperte ich auf die Waage. 58 kg. Meine Füße trugen mich in die Küche, ich stellte Kaffee auf und meine Hände suchten sich die Milka-Schoko-Eier zusammen, die auf dem Küchenboden lagen. Knisterndes Alupapier, kurzes Kauen, Schluck. Es folgten ein paar Tafeln Schokolade, Toast und alles, was ich sonst noch so fand.
Warum?
Keine Ahnung. Es war dieser Traum, aus dem ich noch nicht herausgefunden hatte. Oder der Satz von T. am Abend zuvor (siehe Überschrift), welcher, ganz klar, als Kompliment gemeint war. Yeah. Danke auch.
Natürlich kann ich nicht Kotzen. Ergo werde ich fetter und fetter. Gewicht gestern Abend: 61,8 kg. Schuss in den Kopf und schön ausbluten.
Meine Therapeutin sagte heute Nachmittag, wir befänden uns in einem sich schneller drehenden Kinderkarussel. Also T. und ich. Wenn ich es nicht schaffte, das Gefährt zu verlangsamen, die Faktoren zu verändern (ihn alleine lassen, keinen Schnaps mehr für ihn kaufen, ect), würden wir beide nicht mehr herauskommen.
Er hielte mich von allem ab (Abitur, Selbstwertgefühl, Autonomie) und ich könnte ihn nicht heilen. Ich müsse die Veränderung anstoßen, indem ich vom Karrussell spränge.
Verzweifelnd genug.
Wundersamerweise hatte ich vor drei Tagen einen Traum, in dem ich kotzte. Ja, richtig: einfach nur über einer Kloschüssel hing und alles ausspie. Zuvor hatte ich im Traum zehn Kinder-Riegel gefressen. Noch im Halbschlaf, ein wenig verwundert darüber, dass es funktionierte, stolperte ich auf die Waage. 58 kg. Meine Füße trugen mich in die Küche, ich stellte Kaffee auf und meine Hände suchten sich die Milka-Schoko-Eier zusammen, die auf dem Küchenboden lagen. Knisterndes Alupapier, kurzes Kauen, Schluck. Es folgten ein paar Tafeln Schokolade, Toast und alles, was ich sonst noch so fand.
Warum?
Keine Ahnung. Es war dieser Traum, aus dem ich noch nicht herausgefunden hatte. Oder der Satz von T. am Abend zuvor (siehe Überschrift), welcher, ganz klar, als Kompliment gemeint war. Yeah. Danke auch.
Natürlich kann ich nicht Kotzen. Ergo werde ich fetter und fetter. Gewicht gestern Abend: 61,8 kg. Schuss in den Kopf und schön ausbluten.
Meine Therapeutin sagte heute Nachmittag, wir befänden uns in einem sich schneller drehenden Kinderkarussel. Also T. und ich. Wenn ich es nicht schaffte, das Gefährt zu verlangsamen, die Faktoren zu verändern (ihn alleine lassen, keinen Schnaps mehr für ihn kaufen, ect), würden wir beide nicht mehr herauskommen.
Er hielte mich von allem ab (Abitur, Selbstwertgefühl, Autonomie) und ich könnte ihn nicht heilen. Ich müsse die Veränderung anstoßen, indem ich vom Karrussell spränge.
Verzweifelnd genug.
Dienstag, 30. Oktober 2012
Fische, Milben, Vogelköpfe, das Leben und Stehpartys.
Danke für eure ehrlichen Antworten. Ich finde es sehr berührend und ermutigend zu lesen, dass eure Ängste den meinen sehr ähneln und ich mich in vielen Aussagen wiederspiegele.
Das mit der Angst ist ein großes Thema.
Vor anderthalb Jahren, in einer Gruppenrunde in der Psychiatrie, haben wir intensiv darüber geredet. Ein Mitinsasse war 45 und Offizier bei der Luftwaffe mit paranoiden Psychosen. Er hörte Stimmen und glaubte, er bekäme Anweisungen von irgendwelchen Geheimdiensten. Bis die Medikamentendosierung stimmte, wandelte er umher und dachte, jeder einzelne Arzt oder Pfleger wolle ihn vergiften und an die Russen ausliefern, weswegen er sich sogar Faustkämpfe mit ihnen lieferte.
Ich empfand das damals als befremdlich und insgeheim ein wenig komisch, wie in einem mittelmäßigen Hollywood-Film eben. Aber diese Dimension der Angst habe ich selbst nie erfahren. Diesen Verfolgungswahn, Stimmen hören und so weiter.
Alles was ich kenne, sind die verschiedenen Graustufen dessen, was ihr beschreibt, plus meine persönliche Urangst vor Verlusten (= Beziehungen, einstürztenden Häusern, um meiner Mutter).
Man könnte jetzt darüber diskutieren, was erträglicher ist, und ich würde mich sicherlich jenen Diskutanten anschließen, die plädieren: "eine ausgewachsene Psychose in Verbindung mit sozialer Phobie und Paranoia ist natürlich sehr viel tragischer als Verlust- und Versagensängste, Unsicherheit, Leere und ein paar knackige Panikattacken sonntagmorgens!". Was letzteres aber nicht verharmlost oder abwertet.
Ich will damit nur sagen, dass wir glücklich sein sollten, uns mit einigermaßen hoher Wahrscheinlichkeit meistens unseres eigenen Verstandes bedienen zu können, überwiegend "Herr im eigenen Haus" zu sein.
Dennoch: Ich kenne das, jenen Zustand in dem die eigene Essstörung/Depression/Persönlichkeitsstörung die Oberhand ergreift und mich zu steuern scheint, mein Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen will.
Und leider, leider lasse ich sie auch viel zu häufig gewähren und mich leiten. Aber warum?
Warum wähle ich nicht die Selbstbestimmung?
Warum lebe ich in einer Diktatur meiner kranken Persönlichkeitsanteile?
Warum fresse, hungere, heule, schlafe, leide, schneide ich (mich)?
Die Antwort ist so einfach, dass man sie beinahe zu übersehen glaubt:
"Sie haben Angst, Phoebe."
Ich antworte meiner Therapeutin, ich hätte keine Angst so wie früher, wäre furchtlos inzwischen.
Sie widerspricht mir und erklärt, die Angst sei der Motor, der mein gestörtes Selbstbild und Verhalten am Laufen hält, weil sie mich lähmt und meinen Verstand verzerrt.
Angst ist eine Reaktion des limbischen Systems auf Stress.
Stress wirkt sich auf die Hormonproduktion im Gehirn aus, ebenso auf die Psyche (haha, das ist ja was ganz neues).
Teufelskreis durchbrechen?
Paranoia zulassen?
Ängste verdrängen?
Sich seiner Furcht stellen?
Psychotisch werden?
Wahnhafte Angst?
Stress aushalten Stressniveau senken.
Angst nehmen lassen Angst festhalten.
Alles stürzt zusammen sich fallenlassen vertrauen.
"Ich habe nur noch Angst vor Fischen, Milben, Vogelköpfen, dem Leben und Stehpartys. Und davor, fett zu sein. Was wollen sie hören?"
Das mit der Angst ist ein großes Thema.
Vor anderthalb Jahren, in einer Gruppenrunde in der Psychiatrie, haben wir intensiv darüber geredet. Ein Mitinsasse war 45 und Offizier bei der Luftwaffe mit paranoiden Psychosen. Er hörte Stimmen und glaubte, er bekäme Anweisungen von irgendwelchen Geheimdiensten. Bis die Medikamentendosierung stimmte, wandelte er umher und dachte, jeder einzelne Arzt oder Pfleger wolle ihn vergiften und an die Russen ausliefern, weswegen er sich sogar Faustkämpfe mit ihnen lieferte.
Ich empfand das damals als befremdlich und insgeheim ein wenig komisch, wie in einem mittelmäßigen Hollywood-Film eben. Aber diese Dimension der Angst habe ich selbst nie erfahren. Diesen Verfolgungswahn, Stimmen hören und so weiter.
Alles was ich kenne, sind die verschiedenen Graustufen dessen, was ihr beschreibt, plus meine persönliche Urangst vor Verlusten (= Beziehungen, einstürztenden Häusern, um meiner Mutter).
Man könnte jetzt darüber diskutieren, was erträglicher ist, und ich würde mich sicherlich jenen Diskutanten anschließen, die plädieren: "eine ausgewachsene Psychose in Verbindung mit sozialer Phobie und Paranoia ist natürlich sehr viel tragischer als Verlust- und Versagensängste, Unsicherheit, Leere und ein paar knackige Panikattacken sonntagmorgens!". Was letzteres aber nicht verharmlost oder abwertet.
Ich will damit nur sagen, dass wir glücklich sein sollten, uns mit einigermaßen hoher Wahrscheinlichkeit meistens unseres eigenen Verstandes bedienen zu können, überwiegend "Herr im eigenen Haus" zu sein.
Dennoch: Ich kenne das, jenen Zustand in dem die eigene Essstörung/Depression/Persönlichkeitsstörung die Oberhand ergreift und mich zu steuern scheint, mein Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen will.
Und leider, leider lasse ich sie auch viel zu häufig gewähren und mich leiten. Aber warum?
Warum wähle ich nicht die Selbstbestimmung?
Warum lebe ich in einer Diktatur meiner kranken Persönlichkeitsanteile?
Warum fresse, hungere, heule, schlafe, leide, schneide ich (mich)?
Die Antwort ist so einfach, dass man sie beinahe zu übersehen glaubt:
"Sie haben Angst, Phoebe."
Ich antworte meiner Therapeutin, ich hätte keine Angst so wie früher, wäre furchtlos inzwischen.
Sie widerspricht mir und erklärt, die Angst sei der Motor, der mein gestörtes Selbstbild und Verhalten am Laufen hält, weil sie mich lähmt und meinen Verstand verzerrt.
Angst ist eine Reaktion des limbischen Systems auf Stress.
Stress wirkt sich auf die Hormonproduktion im Gehirn aus, ebenso auf die Psyche (haha, das ist ja was ganz neues).
Teufelskreis durchbrechen?
Paranoia zulassen?
Ängste verdrängen?
Sich seiner Furcht stellen?
Psychotisch werden?
Wahnhafte Angst?
Stress aushalten Stressniveau senken.
Angst nehmen lassen Angst festhalten.
Alles stürzt zusammen sich fallenlassen vertrauen.
"Ich habe nur noch Angst vor Fischen, Milben, Vogelköpfen, dem Leben und Stehpartys. Und davor, fett zu sein. Was wollen sie hören?"
Donnerstag, 27. September 2012
Waage, mal anders.
Therapie. Bin überrascht von meiner eigenen Courage:
"Ich will eine Balance, einen Augleich zwischen den Extremen in meinem Leben haben. Sonst werde ich dauerhaft nicht zufrieden sein können. Ich will nicht den Rest meines Lebens zwischen ALLES und NICHTS hin- und hergeworfen werden, wenn Sie verstehen."
Also stelle ich mir eine Waage vor. Eine alte Waage mit Waagschalen.
Also stelle ich mir eine Waage vor. Eine alte Waage mit Waagschalen.
Das Gewicht auf der einen Waagschale ist schwerer, weil hier eine stärkere Konzentration, mehr Sog herrscht. Die Vorstellung, beide in Einklang zu bringen, fühlt sich nicht gut an. Das darf ich nicht.
Meine Therapeutin, stolz:
Meine Therapeutin, stolz:
"Aber Sie wollen eine kleine Annäherung zulassen, ein bisschen mehr Ausgewogenheit. Das ist wundervoll. Auch wenn diese in Ihren Augen faulen Dinge noch nicht so viel Gewicht bekommen sollen in Ihrem Leben, ist das ein Fortschritt."
(selbsterklärende "Grafik", entschuldigt meine miese Klaue)
Mir ist langweilig und ich bin ein kleines Kind, dass den ganzen Tag vor dem Spiegel steht. Deswegen zwei qualitativ hochwertige (haha) Webcambilder!
Allerliebste Grüße an meine 27 Leser! Wow. Danke.
Donnerstag, 6. September 2012
Betrachtungen.
Heute ist Tag zwei mit Almased, und ich muss sagen, klappt ganz gut!
Gestern früh wog ich 62 kg, werde mich nach vier - fünf Tagen Alsased "Reduktionsphase" wieder wiegen.
Es ist sehr praktikabel, weil ich sowieso im Moment gar keinen Bock habe, etwas zu essen (ich wüsste gar nicht, was). Also stürze ich mir so nen Shake runter. Schmeckt nach Mehl, egal. Sättigt gut und ich konnte gestern knapp ne Dreiviertelstunde laufen bei durchschnittlich 9 kmh ohne schlapp zu werden.
Das darf gerne so weitergehen!
Therapie gestern war aufschlussreich, wir sprechen im Moment über meine frühere Kindheit. Über meine Mutter, zu der die sehr enge Bindung irgendwie im Alter von 2 oder 3 Jahren distanziert wurde bei gleichzeitigem Ausbruch meiner Angststörung ( = Zusammenhang). Über meinen Vater, der mein Aussehen immer seit ich denken kann kritisiert und veralbert hat ("Du siehst aus wie eine Eule, du brauchst keinen / einen BH, deine Zähne sind gelb, du bist ein Pickelmonster, du bist klapprig / fett geworden...").
Bin danach zu meinem Café gegangen um meinen Chef zu fragen wann ich wieder arbeiten soll, traf dorft aber nur meine Kolleginnen. Sie waren sehr lieb und wir tranken einen Kaffee zusammen. Eine sprach mich auf meine Narben am Arm an (hatte ich erzählt, dass mein Chef mich neulich in einem Anflug von Galgenhumor gefragt hat, was das mit dem Pflaster am Unterarm soll? "War das ein Suizidversuch?" Haha. "Darüber würde ich an deiner Stelle keine Witze machen", "Hey, Phoebe, wir alten Gastronomen machen über alles Witze, nichts ist uns heilig. Gewöhn dich dran.").
Sie fragte, warum.
Ich sagte, naja, ich war lange krank. Und man muss sich selbst nur sehr hassen. Sie antwortete, es gäbe keinen Grund, mich zu hassen, ich sei so ein netter und hübscher Mensch und überhaupt.
Das ist so lieb, und doch so eine fette Lüge.
Genau wie meine Mutter, die am Sonntag zu mir sagte, ich sehe süß aus. Klar, mir wilden, abstehenden Locken und ungeschminkt. Alles klar. Ich kann meine Haare nicht offen tragen, never ever.
Genau wie T. der gerade seinen Rausch ausschläft und mir am Montag abend sagte, ich sei so dünn. Bin ich im falschen Film? 62 Kilo, FA-Bauch und ja, logo, ich bin voll dünn. Bis auf meine Beine, Arme, meinen Bauch, mein Gesicht und...
Gestern früh wog ich 62 kg, werde mich nach vier - fünf Tagen Alsased "Reduktionsphase" wieder wiegen.
Es ist sehr praktikabel, weil ich sowieso im Moment gar keinen Bock habe, etwas zu essen (ich wüsste gar nicht, was). Also stürze ich mir so nen Shake runter. Schmeckt nach Mehl, egal. Sättigt gut und ich konnte gestern knapp ne Dreiviertelstunde laufen bei durchschnittlich 9 kmh ohne schlapp zu werden.
Das darf gerne so weitergehen!
Therapie gestern war aufschlussreich, wir sprechen im Moment über meine frühere Kindheit. Über meine Mutter, zu der die sehr enge Bindung irgendwie im Alter von 2 oder 3 Jahren distanziert wurde bei gleichzeitigem Ausbruch meiner Angststörung ( = Zusammenhang). Über meinen Vater, der mein Aussehen immer seit ich denken kann kritisiert und veralbert hat ("Du siehst aus wie eine Eule, du brauchst keinen / einen BH, deine Zähne sind gelb, du bist ein Pickelmonster, du bist klapprig / fett geworden...").
Bin danach zu meinem Café gegangen um meinen Chef zu fragen wann ich wieder arbeiten soll, traf dorft aber nur meine Kolleginnen. Sie waren sehr lieb und wir tranken einen Kaffee zusammen. Eine sprach mich auf meine Narben am Arm an (hatte ich erzählt, dass mein Chef mich neulich in einem Anflug von Galgenhumor gefragt hat, was das mit dem Pflaster am Unterarm soll? "War das ein Suizidversuch?" Haha. "Darüber würde ich an deiner Stelle keine Witze machen", "Hey, Phoebe, wir alten Gastronomen machen über alles Witze, nichts ist uns heilig. Gewöhn dich dran.").
Sie fragte, warum.
Ich sagte, naja, ich war lange krank. Und man muss sich selbst nur sehr hassen. Sie antwortete, es gäbe keinen Grund, mich zu hassen, ich sei so ein netter und hübscher Mensch und überhaupt.
Das ist so lieb, und doch so eine fette Lüge.
Genau wie meine Mutter, die am Sonntag zu mir sagte, ich sehe süß aus. Klar, mir wilden, abstehenden Locken und ungeschminkt. Alles klar. Ich kann meine Haare nicht offen tragen, never ever.
Genau wie T. der gerade seinen Rausch ausschläft und mir am Montag abend sagte, ich sei so dünn. Bin ich im falschen Film? 62 Kilo, FA-Bauch und ja, logo, ich bin voll dünn. Bis auf meine Beine, Arme, meinen Bauch, mein Gesicht und...
It's all perfect, sure.
Dienstag, 14. August 2012
Therapiekäse.
Alles sehr trist und öde. Viel zu warm dieser Sommer.
Ich hasse den Sommer, schon mal erwähnt?
Bin voll, leer, gefrustet und demotiviert zugleich.
Was ist das für ein Leben?
"Und Sie versuchen mit therapeutischen Schemata gegen meine Selbstabwertung zu argumentieren. Meinen Sie ich durchschaue das nicht? Warum sollten Sie wohlwollend sein? Sie wissen doch gar nicht wie scheiße ich bin. Sie kennen mich gar nicht."
Sie: "Wo sind Sie denn scheiße?"
Ich, in entspanntem Tonfall: "Ich bin undiszipliniert, ziellos, egozentrisch, überheblich. Arrogant. Ich bin dümmer als Sie denken. Ich habe noch nichts erreicht. Ich kann nicht auf Menschen eingehen, bin zerstreut und wehleidig. T. hatte Recht als er gesagt hat, ich würde mir viel mehr rausnehmen als es mir zustünde - ich bin fett und hässlich und meine Meinung zählt einen Scheißdreck. Ich tue Menschen weh, bin rücksichts- und emotionslos. Ekelhaft aufdringlich und anbiedernd. Faul. Und noch viel mehr. Reicht das?"
"Würden Sie es zulassen, diese Mauer ein bisschen einzureissen? Damit wir schauen können, warum Sie sich so heftig hassen?"
"Davor habe ich Angst."
"Dann reden wir über diese Angst."
...
Ich hasse den Sommer, schon mal erwähnt?
Bin voll, leer, gefrustet und demotiviert zugleich.
Was ist das für ein Leben?
Meine Therapeutin vor ein paar Stunden: "Verstehe. Was wäre denn geheilt?"
Ich: "Geheilt würde bedeuten, mich zu akzeptieren. Nicht unbedingt zu mögen, aber zu akzeptieren und Vertrauen zuzulassen, in mich und vor allem in andere. Loslassen zu können, und sei es nur ein wenig."
"Und das wollen Sie nicht?"
"Und das wollen Sie nicht?"
"Nein. Das ist doch alles, was ich habe."
Sie, verärgert: "Aber wenn Sie keine Heilung wollen, warum machen Sie dann überhaupt noch Therapie?"
Ich, zickig: "Tja. Das ist der Grund, warum ich sage, dass es keinen Sinn mehr macht."
"Was wollen Sie denn dann? Anstelle einer Heilung?"
"Wieder dünn sein. Ansonsten wäre es mir ganz Recht, einfach eines Morgens nicht mehr aufzuwachen."
Sie, verärgert: "Aber wenn Sie keine Heilung wollen, warum machen Sie dann überhaupt noch Therapie?"
Ich, zickig: "Tja. Das ist der Grund, warum ich sage, dass es keinen Sinn mehr macht."
"Was wollen Sie denn dann? Anstelle einer Heilung?"
"Wieder dünn sein. Ansonsten wäre es mir ganz Recht, einfach eines Morgens nicht mehr aufzuwachen."
"Sie haben überhaupt keine Pläne mehr. Nichts, was Sie hält. Niemanden, dem Sie vertrauen. Sie sind so einsam und leer, dass Sie zum Essen greifen, um diese Leere zu füllen."
Ich, spöttisch: "Aha. Also wenn ich mich nicht mehr einsam fühle brauche ich nicht mehr zu essen? Komisch, als ich die letzten Male untergewichtig war, war ich auch ziemlich einsam."
"Sie vertrauen mir nicht. Nicht mehr."Ich, spöttisch: "Aha. Also wenn ich mich nicht mehr einsam fühle brauche ich nicht mehr zu essen? Komisch, als ich die letzten Male untergewichtig war, war ich auch ziemlich einsam."
"Und Sie versuchen mit therapeutischen Schemata gegen meine Selbstabwertung zu argumentieren. Meinen Sie ich durchschaue das nicht? Warum sollten Sie wohlwollend sein? Sie wissen doch gar nicht wie scheiße ich bin. Sie kennen mich gar nicht."
Sie: "Wo sind Sie denn scheiße?"
Ich, in entspanntem Tonfall: "Ich bin undiszipliniert, ziellos, egozentrisch, überheblich. Arrogant. Ich bin dümmer als Sie denken. Ich habe noch nichts erreicht. Ich kann nicht auf Menschen eingehen, bin zerstreut und wehleidig. T. hatte Recht als er gesagt hat, ich würde mir viel mehr rausnehmen als es mir zustünde - ich bin fett und hässlich und meine Meinung zählt einen Scheißdreck. Ich tue Menschen weh, bin rücksichts- und emotionslos. Ekelhaft aufdringlich und anbiedernd. Faul. Und noch viel mehr. Reicht das?"
"Würden Sie es zulassen, diese Mauer ein bisschen einzureissen? Damit wir schauen können, warum Sie sich so heftig hassen?"
"Davor habe ich Angst."
"Dann reden wir über diese Angst."
...
Dienstag, 7. August 2012
Refeed Hermann Hesse.
Ich weiß nicht, ob ich überhaupt lieben kann. Ich
kann begehren und kann mich in andern Menschen suchen, nach Echo
aushorchen, nach einem Spiegel verlangen, und alles das kann wie Liebe
aussehen.
- Hermann Hesse, Klingsors letzter Sommer
Ich sitze bei meiner Therapeutin, zum ersten Mal wieder seit Monaten.
Draußen gießt es in Strömen. Sie lässt das gemütliche, warme Licht auf dem Fensterbrett ausgeschaltet und betrachtet mich. Abschätzig? Wohlwollend?
Ich trage eine fliederfarbene Bluse und einen kurzen schwarzen Rock, blickdichte schwarze Strumpfhose. Ich sehe, dass ich abgenommen habe, und ich weiß dass sie es auch sieht.
"Wofür müssen Sie sich quälen?"
"Dafür, dass ich böse bin. Ich verletze andere Menschen. Ich bereite ihnen Kummer und stürze sie in Krisen."
"Sie meinen Ihren Freund und Ihre Mutter. Haben Sie schon einmal gedacht, dass diese Menschen Kummer haben weil Sie so streng mit sich sind? Weil Sie hungern und Essattacken haben und provozieren und in einer Manie alles zerschlagen?"
Ja, habe ich. Ja, weiß ich. Ich weiß auch, dass ich nicht einfach sagen kann: "Okay, dann behandeln Sie bitte mein gestörtes Essverhalten, meine Destruktivität und alles andere an mir was meinem Umfeld auf den Sack geht. Aber was ich beibehalten möchte, ist mein Selbsthass, meine Motivation, bis zur Unkenntlichkeit abzunehmen und mein Minderwertigkeits und Schuldgefühl!"
Das sage ich ihr. Sie antwortet, ich habe vollkommen Recht, entweder ich will gesund werden oder nicht. Ein bisschen psycho gibt es nicht.
Ich sitze mit T. auf dem Bett und rauche. Vorsichtig taste ich mich vor. Erzähle ihm von der Therapie. Sage, dass ich heute (also gestern) Abend etwas Kleines essen möchte.
"Das solltest du wirklich. Sonst kannst du bald wieder in eine Klinik gehen. Ich meine das ernst. Nimm meinetwegen noch ein bisschen ab, wenn du durch normale Ernährung jetzt zunächst wieder zulegst, aber probiere es doch mal nur durch Sport! Du machst doch so viel Sport. Du hast deinen Körper doch noch nie gesehen, wie er definiert ist mit sagen wir 57 Kilo und Training. Vielleicht gefällt dir das ja dann. Bitte, versuche es jetzt."
Ich bin mir sicher dass mir mein Körper dann nicht gefallen wird, aber das behalte ich für mich.
Er redet weiter: "Und deine Therapeutin hat Recht, was mich angeht ist es nur so, dass ich es irgendwann einfach leid bin, mit dir über dein Gewicht und dein Essen zu reden. Du hörst sowieso nicht zu. Das ist wahrscheinlich wie bei mir mit dem Saufen. Du glaubst mir kein Wort und bist müde, darüber zu philosophieren."
Wie wahr.
Wir gehen also in einen Supermarkt, weil T. möchte dass ich mir etwas Süßes zum Abendbrot kaufe und ich Angst habe, alleine einkaufen zu gehen.
Ich entscheide mich für einen kleinen Milka-Riegel, einen Salat und etwas Fetakäse. T. ist sehr zufireden.
Ich gehe zum Training, schaffe kaum alle Übungen, weil ich so unterzuckert bin dass ich kurz vor der Ohnmacht stehe.
Auf dem Heimweg vom Fitness regnet es wieder. Mein Gehirn blinkt auf Warnleuchte. Schokolade! Blink! Fett! Blink!
Ich erstehe bei unserer kleinen marrokkanischen Bäckerei ein winziges Vollkornbrötchen, das steinhart ist und fast nur aus Körnern und Kleien besteht. Das und der Salat...
Ende der Geschichte: Der Milka-Riegel nach dem Salat löste eine Lawine aus. Ich rannte nochmal raus, immer noch in Sportklamotten, und kaufte Berge von Süßigkeiten, Donuts ect. Und den neuen SPIEGEL mit Hermann Hesse auf dem Titel. Beides verleibte ich mir dann innerhalb der nächsten Viertelstunde ein. Plus ein widerliches Reisrisotto mit dem restlichen Fetakäse. Ich hätte fast (!) gekotzt. Schade dass es nicht geht.
Heute morgen nicht gewogen. Ekelhaftes Sodbrennen. Las den SPIEGEL zuende und befand, dass es jetzt eh egal wäre. Wie töricht. Hanutas, Duplos, Schokocroissant, Müsli.
Alles ekelhaft.
Nennen wir es "Refeed":
Wie sehr ich mich hasse.
Wie sehr ich die Kunst liebe.
Wie sehr ich mich danach sehne, gut zu sein.
Wie sehr mich ein schönes Wort berühren kann.
Wie sehr ich suche --
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