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Freitag, 2. August 2013

Einmal noch.




Lulu weint mein graues T-Shirt nass und es ist okay. Das Mixtape von T. läuft und ich heule und wüte und raffe Kassenbons und Besteck vom Boden auf, ich warne sie vor dem Fehler, den ich begangen habe. Ich sage, dass der T., den ich vermisse und den ich irgendwo immer liebe, dass dieser T. nicht mehr existiert, sage, dass ich weitergehe, dass ich stark bin, dass sie auch stark sein wird. Dass es richtig ist, wenn sie jemanden küsst, der sie so glücklich macht wie Lennard mich glücklich zu machen vermag.
Mir fällt die letzte Geburtstagskarte von T. in die Hände, eine winzige Prinzessin trohnt auf einem großen Berg Geschenke, Tränen tropfen auf die Pappe: "Alles Gute, xxx, dein T." Darunter ein ungelenk gemaltes Strichmännchen mit einem Pfeil - Phoebe. Alles erzittert, Bilder stürmen auf mich ein. Es ist gut. Es geht mir gut. Ich darf weinen um uns, darf weinen um die Verletzungen, die wir uns zugefügt haben. Um Neil Young und die Eagles, um die alte Matratze auf dem Boden, um grün-glasige Blicke, um den Geschmack von Gin und Wodka und Pepsi Light auf seiner Zunge, um seine Stimme wie sie seine Geschichte preisgibt, seinen Duft, um den BDSM-Sex, um seinen klugen Sohn, um seine Tränen auf meinem nackten Rücken, um unsere dreckige Küche, um taumelnde Nachtspaziergänge durch das FrankfurterVillenviertel, um Träume und ewige Lügen, um Luftschlösser, um unseren Balkon in der Psychiatrie, um die Brandnarben auf seinem linken Oberarm und meine Pulsader-Schnitte, um Woodstock, um Sylvester nackt und stumm mit Rotwein in den Laken, um unsere Sitcoms, unsere hitzigen Diskussionen, um seinen Blick in meinem Gesicht, um alle ersten Male, um die Scham, um den Hass, die Vergötterung, um zwei Jahre. Um meine erste Liebe.
Es tut sehr weh in diesem Moment-
Ich glaube, ich muss trauern, weil ich sonst drohe steckenzubleiben. Wenn ich mit Lulu weine, ist es nur befreiend. Nur richtig.
  Es gibt da einen Menschen, der in mir etwas weckt, von dem ich nie geglaubt hätte, dass ich es noch besitze: Hoffnung. So abgedroschen es klingt: Selbstachtung. Zärtlichkeit. Es gibt diesen Menschen, der ein unspezifisches Flattern und Ziehen in meinem Oberbauch auslöst, wenn er mich mandeläugig anlächelt. Der mir Mut macht und Kraft gibt. Der kein Monster ist.
Ich habe eine Scheißangst, glücklich zu sein, das ist es wohl.
Ich idealisiere den Schmerz, weil er herorischer ist und destruktiv und unberechenbar. Glück ist so trivial. Ist es das wirklich? Glück ist, um sechs Uhr morgens von kitzelnden Sonnenstrahlen geweckt zu werden und meine Hand auf Lennards Bauch zu schieben, Glück ist, wenn er sie im Halbschlaf an sich zieht und drückt und mit geschlossenen Augen lächelt. Glück ist die heilige Dreifaltigkeit aus Morgensex, Zigarette und Kaffee. Glück ist ein Regenguss. Glück ist auch, selig grinsend ein Telefonat mit meiner J. zu beenden. Glück ist wenn Lulu mit tränenverklebten Augen sagt: "Hey, ich fände es schön wenn du nachher rüberkommst und bei mir schläfst. Ich hab dich lieb." Glück ist narzisstisch und selbstlos zugleich, Glück ist Liebe und das Gegenteil von Böse.
Ich weiß dass das alles ich bin. Ich kann lieben. Ich kann das größste Arschloch auf Erden sein, und ich kann es bereuen und versuchen, nie mehr so tief zu fallen.
Ich kann glücklich sein! Und bin es. Hier, jetzt, mit T.s Musik im Hintergrund und all den hässlichen alten Päckchen und all den Erwartungen an die Zukunft, nicht mehr anorektisch dünn, tief verstört und doch lebe ich.

You don't see the bottom from the top, einmal noch, für dich. Let it float on down the stream / And we can cry a little / For a time that could have been / Live it all my love / Live it well my love / Live it long my love.
Tränen getrocknet, Zimmer aufgeräumt, Zweifel beseitigt, Nostalgie aus-gelebt. Weiter...

Dienstag, 30. Juli 2013

"And each wasted word makes a wasted line"

Das Chaos in meinem Zimmer aufrechtzuerhalten ist eine Art verqueres Experiment für mich: Was wird passieren, wenn ich den Boden nicht mehr sehen kann? Inmitten all dieser Stationen des richtigen Lebens (in dem ich pausenlos Putzen gehe, mit Lennard liebevolle SMS austausche, auf Pennys Balkon Muffins esse oder mit Mo bei Saturn herumschleiche) kehre ich zurück in meinen zeitlosen Raum, der nach kaltem Zigarettenrauch stinkt. Zwischen all diesen Tagen, die sich wie Telefonbuchseiten mit fahrigen Fingern umblättern lassen - Suche nach Sinn und Namen und Nummern -  ruhe ich in meinem verdreckten Museum der unangetasteten Dinge. Hier stapeln sie sich Erinnerungen und Mahnschreiben.
Ein kleines Paralleluniversum der dysfunktionalen Phoebe: Unter meinem Bett liegt eine Netto-Tüte mit den letzten Reliquien von T. neben den Silikon-Cupcake-Förmchen von Lulu, die längst in der Spülmaschine sein sollten. Nächtelang lese ich Prosa im Internet, sehe mir fürchterlich schlechte Pornos und alte Wallander-Folgen an. Zerpflücke Uni-Texte von Freunden wie ein größenwahnsinniger Ghostwriter. Die Tage im Zimmer Sodom gleichen den Nächten, immer liege ich, immer essend, ich rauche den ekelhaften britischen Tabak und leere die Asche in Joghurtbecher, die mit der Zeit unter getragenen Kleidchen und Holzfällerhemden verschwinden.
Natürlich bin ich nackt. Natürlich widere ich mich an für dieses Leben in diesem Raum - aber draußen funktioniert es noch. Draußen ist meine Haut reingemalt und glattrasiert, mein Chaos und Dreck wird mir als mehr oder weniger sympathische "Verpeiltheit" und "Schlampigkeit", meine Sexbessesenheit als "lustvolles Dasein" angeschrieben. Wenn ich trotzig bin, applaudieren sie. Wenn ich nicht aufhören kann zu weinen, drückt er mich an sich und entschuldigt sich für Dinge, die meine Fehler sind. Ist all das Teil des großen, unbewussten Experimentes zur Unschärferelation? Because it cut to drops each time I tryto make your way across the bottom line.

Freitag, 28. Juni 2013

Zwiebeltränen.

Keine Ahnung, was ich erzählen soll. Von der Bügelmaschine? Von meiner konstruktiven Therapiesitzung? Von meiner sexuellen Frustration? Von der Tatsache, dass Lulu nächste Woche nach Israel fliegt? Davon, dass ich mein Chaos nicht gebändigt bekomme, nirgendwo, in keinster Weise? Von ungarischen Zigaretten? Von seinen Albträumen? Von unerschöpflicher Müdigkeit? Von Woody Allens "Stadtneurotiker"? Von meinem Tabletten-Notstand? Vielleicht von den überwältigenden, viel zu schönen Gefühlen, wenn er mich an seinen Körper zieht?
Von Plänen, die keine sind. Davon, wie ich beide Staffeln "Girls" innerhalb von zwei Tagen sehe und Rotz und Wasser heule, als Adam Hannahs Tür eintritt, um sie aus dem Bett zu heben. Ich könnte von dem Buch erzählen, das Penny mir geliehen hat. Von dem kurzen Moment unter der Dusche, als ich meinen Körper für "okay" befinden konnte. Von dem Fleck auf meinem Eckzahn, den Flecken auf meiner Bettwäsche, den weißen Flecken auf meiner Landkarte der obszönen Gedankenspiele, der Angst und dem drumherum.
Von asiatischem Essen. Von Sehnsucht. Von Euphemismen.
Zwiebeltränen und echten Tränen, die sich vermischen, als wir in der Küche stehen und ich ein stumpfes Messer schwinge - mein Herz schreibt Romane, die ich nie verfassen werde.





Montag, 13. Mai 2013

"Und sind wir umstellt von unserem Scheitern, dann bauen wir auf Räuberleitern."



Der Druck fällt, Brust schwingt wieder federleicht,
kein Monster mehr, das aus dem Nebel steigt,
mehr Monster werden kommen, doch sie kommen
erst mit dem Dunst raus am Abend.
- Und sollen sie doch kommen, denn wenn sie komm’,
werd’ ich alle erschlagen.

(Prinz Pi - Unser Platz
)




Abgesehen von den obligatorischen Geldsorgen geht es mir wirklich gut. Amen.
Zusammenfassung der letzten fünf Tage in Stichworten: Aufbäumen der anorektischen Gedanken in der Therapie - Fressgelage extrem - Sehnsucht - spontaner Nachmittag mit Penny auf ihrem Balkon - interpersonelle Konflikte dekonstruieren - Bowling mit den Leuten ihres Freundes - Vorstellungsgespräch am Samstagvormittag bei einer Nachhilfeschule um die Ecke - wunderschön entspannter Nachmittag mit Lennard inklusive ernstem und aufrichtigem "Beziehungsgespräch" - Spieleabend zu viert ("Das Spiel dauert neunzig Minuten und am Ende gewinnt immer Penny") - zwei professionell gebaute Joints um halb zwei Uhr morgens - die Musik unserer Eltern und endlose Lachflashs - der beste Sex meines bisherigen Lebens - unterbrochen von einem plötzlichen Übelkeitsanfall seinerseits (ich dachte, so etwas passiert nur in Filmen) - Zigarette nackt auf dem Balkon - Sorge - Besserung - gemeinsames, zugedröhntes Einschlafen - gemeinsames, zugedröhnt-verkatertes Aufstehen um halb neun morgens - Knack-und-Back-Brötchen mit Erdnussbutter und Marmelade - Sims-City-Let's-Play schauen und im gleichen Rhytmus atmen - übereinander herfallen - vollends erfüllt und high ins Auto meiner Mutter springen und zu meinem Opa fahren - unterwegs mit Lulu deutschen Hip-Hop hören (Käptn Peng, Prinz Pi, Casper) - Opa aufpicken und zusammen essen gehen - in einer wunderschönen Altstadt im Odenwald das einzige und ekelhafte vegetarische Gericht bestellen (zerkochtes, ungesalzenes Gemüse mit Sauce Hollandaise) - das "Grab" meiner Oma besuchen, welches eigentlich ein Baum ist, vor dem ihre Urne vergraben wurde - Kakao trinken und durch den Wald tanzen - eine Kinderschaukel, losgelöstes Lachen, Erinnerungen leben, Glück - auf der Rückfahrt im Auto Radiohead hören und einschlafen - zu Hause weiterpennen - die Nacht mit klugen Texten, wilden Theorien und Pornos verbringen - Montagfrüh mit Lulu Kaffee trinken - Fitnesstudio: 1000 kcal verbrennen - philosophische Texte im Bus lesen - zärtliche SMS mit Lennard austauschen - die Sparkasse hassen, welche mein Geld zurückhält - von Mama Strumpfhosen gekauft bekommen - für Lulu vegane Zucchini-Spaghettie-Carbonara kochen - mit ihm am Telefon Alltagsgeschichten austauschen und verliebt sein in eine dunkle Stimme Ohr Herz und Kopf - die Glotze anmachen und den Tag mit kritischen Dokus und Frank Plasberg ausklingen lassen





Ich sitze hier seit einer Stunde in Lulus tollsten Mantel gehüllt (Raucherzimmer wollen gut gelüftet sein) und pulsiere vor Lebenswut. Im positivsten Sinne. Lernen, Abnehmen, Arbeiten, unter Menschen sein statt unter Geistern.

Mittwoch, 24. April 2013

Wund und heiter. / Suffer well, my dearest past.

Was gibt es schöneres, als mit der kleinen Schwester um 6:12 in der Früh aufzustehen, Morgenmagazin (das "gute", also ARD) und Kaffee und Austausch der gestrigen Ereignisse? Ihr ein Pausenbrot zu machen, während sie sich anzieht?
Vermutlich wenig, zumindest für mich. Da macht es auch nichts, dass mein Bett komplett Kaffee-getränkt wurde - ich wollte eh mal wieder das Laken wechseln.

Gestern Abend Lulu vs. Phoebe:
Lulu war auf einer Demo gegen die Räumung des "Institut für vergleichende Irrelevanz" in Frankfurt. Polizei in Kampfmontur, "Lassen Sie mich durch, ich bin Sanitäterin". 
Sie kam um kurz nach 23 Uhr vollkommen abgeschafft nach Hause und hörte Harry Potter und der Orden des Phoenix zum Einschlafen.
Phoebe war bei T.s Wohnung, um ihr Fahrrad abzuholen (wäre natürlich cool gewesen, den Schlüssel für das Fahrradschloss am eigenen und nicht an seinem Schlüsselbund zu tragen), missglückt. Sie schmetterte seinem Haus bedeutungsschwere Zeilen von Depeche Mode entgegen: "Where were you when I fell from grace? A frozen heart, an empty space! ...Just hang on - suffer well! Sometimes it's hard, it's hard to tell", und ihr schien als wäre das Lied eigens für diesen Moment komponiert worden.
Sie spazierte einmal quer durch Offenbach und spielte dann "Raupe Nimmersatt Allein Zu Haus".
Lennard lud sie zu sich ein. Sie nahm dankend an - nichts wie raus aus dieser Fress-Folter-Zelle.  Es wurde ein wundervoller Abend.
Er küsste sie in der Küche, bis sie den Verstand zu verlieren drohte ob des dekadenten Hormon-Cocktails in ihrem Blut, ungestüm und heftig und zärtlich; rauschende Körpern und Kleider auf dem Küchenboden und der Wasserkocher hatte sein Pfeifen längst selbstvergessen eingestellt. Noch dreidimensionale Ewigkeiten später auf dem Sofa, als sie eine arte-Doku über die Öko-Revolution sahen, zitterten ihre Hände und Beine.
Ihre Zehen krallten sich an den Couchtisch wie Affenfüße. "Welcher Großindustrielle investiert zu Zeiten der Wirtschaftskrise schon gerne in die Zukunft?", fragte der Kommentator. Ist das nicht der helle Wahnsinn? Worin sonst investieren? Was nützt der Erhalt des Status Quo, wenn keine Brücken in die nachhaltige Zukunft geschlagen werden in Ermangelung der finanziellen Mittel? Utopia ect. Phoebe und Lennard echauffierten sich angemessen, tranken Spezi mit Eiswürfeln und domptierten die schwarzen, herrenlosen Hunde.
Wieder zu Hause genehmigte sie sich noch einen Caro-Kaffee und eine letzte Zigarette und schlief mit seligem Lächeln ein.

Mein weiser MP3-Player spielte übrigens "Love will tear us apart again", als ich T.s Straße verließ. Er hatte das Lied immer gehasst.

Ein kleiner Gruß aus dem Phoebeversum (ungeschminkt und mit der obligatorischen Zigarette):








Montag, 15. April 2013

22° / Grenzen und Panorama.



Augenaufschlag - Sonne! Einen Kaffee kochen, Zigarette drehen, los geht's.

"Man sollte, ich sollte erst mal lernen, Raum für mich sinnvoll zu füllen und das zu genießen, dann kann ich es sicherlich auch fordern. Meine Therapeutin ist da ganz zuversichtlich."
"Ich glaube das lernst Du auch noch. Vielleicht kann ich einen kleinen Beitrag leisten."
(Phoebe und Lennard schriftlich gestern Abend via the blue monster)

Ich hatte eine kleine Meinungsverschiedenheit mit meiner Schwester, kommt hin und wieder vor. Lulu hält ihren Freund zur Zeit ziemlich auf Abstand, reagiert nicht auf Anfufe und zuckersüße SMS.
Ich, der dieses Verhalten relativ fremd ist, versuchte ihr ins Gewissen zu reden: Weißt du eigentlich, wie scheiße man sich fühlt, wenn man mit Wänden redet? Kannst du nachvollziehen, wie sehr Abweisung verletzt? Wie klein und hilflos du dein Gegenüber machst, indem du es hinhälst und am ausgestreckten Arm verhungern lässt?
Lulu wurde regelrecht wütend. "Misch dich da nicht ein, du hast keine Idee, wie scheiße er mich behandelt."
Schwestericher Beschützerinstinkt geweckt. Ich hakte nach. "Egal wie häufig ich betone, dass etwas wichtig für mich ist, es gibt immer Dinge, die ihm wichtiger und wertvoller erscheinen, als mir ein einziges Mal richtig zuzuhören. Stell dir vor, du breitest dein Innerstes aus, komplett. Und dann wartest du und wartest, auf eine Reaktion, auf Anteilnahme, darauf, dass er zumindest registriert, was du da redest. Und es kommt - nichts!", sie wird lauter, "Wie oft habe ich ihm von dem Isreal-Projekt erzählt? Ständig? Und dass ich wahrscheinlich vollkommen eingespannt wäre und diese Woche wohl keine Zeit für ihn hätte? Und er? Er schreibt mir am Abend des Abschiedsessens, ob ich mit ihm und Muffin in die Bar gehen würde? Holzkopf?! Nur ein einziges Mal ernst und wahrgenommen werden, nicht als die, die er gerne hätte, sondern als die, die ich bin!"
Ich musterte betroffen ihre IKEA-Bettwäsche.
Natürlich hat sie das Recht, Raum und Zeit für sich zu beanspruchen, ihrem Freund abzusagen. Gerade wenn sie eine Woche quasi rund um die Uhr mit den Israelis und dem Filmprojekt beschäftigt war.
Ich überlegte lange, was ich sagen könnte. Gab ihr einen Kuss und veranstaltete meinen ersten veganen Fressanfall. Legte mich ins Bett, ohne die Kriegsbemalung abzuwaschen.
Meine innere Analytikerin sieht das Vollstopfen indes als Sublimierung meines Mankos an Selbstwirksamkeit: Ich vergleiche mich und meine Bedürfnisse mit denen meiner kleinen Schwester (und ihrem bunten, aufregenden Leben) und fühle mich eindimensional. Vielleicht sehe ich zu viele Parallelen zu Lulus Geltungsbedürfnis, die mir Angst machen, vielleicht zu viel Ähnlichkeit mit ihrem Freund, der nach Aufmerksamkeit und Bestätigung giert und die Pläne und Ideen seiner Lieben blauäugig ignoriert.
Ich weiß es nicht.
Stelle jedoch erleichtert im Badezimmerspiegel fest, dass mein Sixpack trotz Müsli-Orgie und Sprite und dem göttlichen vietnamesischen Essen mit Lennard gestern Nachmittag sichtbar bleibt, wenn ich die Muskeln anspanne. Die ewige Flucht in den Spiegel: Mein Körpergefühl war am Wochenende ziemlich gut. Ich fand mich von Zeit zu Zeit extrem hässlich, aber durchtrainiert und schlank. Immerhin.

Mein Horizont erweitert sich stetig. Ich bereichere mich um Erfahrungen zwischenmenschlicher, kulinarischer, kultureller, sexueller, emotionaler, buddhistischer, haptischer Natur. Alles binnen 48 Stunden.
Und auf paradoxe Art und Weise gewinnt der Weg, den ich vor mir sehe, an Begrenzung und Struktur. Möglicherweise schließt es sich nicht aus - das weite Sichtfeld und die Offenbarung einiger Straßenschilder, die mich beruhigen. Hier geht's lang, das passt schon. Ein Auto mit Panoramablick und Navi.

Der Sommer zieht mich zum ersten Mal seit Jahren in seinen Bann.

Mittwoch, 27. Februar 2013

Lulu.

Ich möchte euch von einer Person erzählen, die mein Leben ungemein bereichert.
Sie ist anderthalb Köpfe kleiner als ich und hat rotblonde, dicke Haare, die bis zur Taille reichen. Ihre Augen sind grau-blau und ihr Gesicht offen und bildhübsch. Sie hat einen supernetten Freund, von dem sie sich nicht auf der Nase herumtanzen lässt. Sie verschlingt Krimis und anspruchsvolle Romane und hört den ganzen Tag Harry-Potter-Hörbücher.
"Obwohl" sie erst sechzehn ist, hat sie einen eigenen Stil, kleidet sich in süße Blusen und Cordhosen oder Shorts, ihr Kleiderschrank ist mir lieber als mein eigener. Sie fährt jeden Tag nach Frankfurt auf meine "alte" Schule, wo sie beliebt und erfolgreich ist, die Isreal- und die Philosophie-AG freiwillig besucht und in einer netten, links-alternativen-Szene herumschwirrt.
Sie hatte schon immer die Gabe, geduldig zuhören tzu können und scheut es nie, ihre Meinung kundzutun (auch zu Themen wie meiner Essstörung oder T., wobei es immer wieder erstaunlich ist wie reif und differenziert sie mit dieser Thematik umgeht).
Ich bin häufig ein wenig neidisch auf sie, auch wenn ich ihr alles von Herzen gönne. Dennoch wünsche ich mir, wie sie einfach ich selbst zu sein, "dicke" Beine zu haben und daraus kein Lebenstrauma zu machen, sondern mich hübsch und wertvoll zu fühlen. Sie hat so viele Freunde (fast mehr männliche als weibliche) und schafft es irgendwie, die Balance zwischen ihren Kontakten und Zeit für sich selbst zu finden. In dieser "freien" Zeit liegt sie in ihrem "Schöner Wohnen"-Zimmer, futtert Schokolade oder Kekse und liest. Oder sie hängt mit mir rum, wir quatschen und blättern Modemagazine durch. Manchmal übernachte ich auch bei ihr, wenn ich Angst habe, in meinem eigenen Zimmer zu schlafen. Dann ist sie die große Schwester, welche, wenn sie um 1:00 nachts von der Arbeit (Theke in der Kneipe) zurückkommt, vorsichtig und leise die Heizung runterdreht und sich neben mich kuschelt. Sie gibt zwar wahnsinnig viel Geld für Kleidung aus, schafft es aber dennoch, zu sparen und mit ihrer Clique zum Hurricane-Festival zu fahren.
Wenn ich traurig bin, macht sie mir Tee und setzt sich in die Kälte zu mir, wenn ich bei einer Zigarette auf dem Balkon stehe und mich bemitleide. Sie legt eine DVD ein, Scrubs oder SATC, und lacht unbeschwert.
Als Kinder haben wir uns viel gestritten, heute passiert das nur noch in seltenen Momenten, und meistens liegt der Auslöser bei mir. Oder weil sie in der ganzen Wohnung eine Spur aus Kaffeetassen hinterlässt...
Aber die meiste Zeit sind wir ein Team, rollen mit den Augen über unsere Mutter, helfen uns gegenseitig bei Schulsachen und bürsten uns die Haare wie kleine Prinzessinnen.
Sie hat immer Zeit für mich.
Meine Schwester kann wahnsinnig gut und kreativ kochen und backen. Vor ihre Sprunggelenksverletzung war sie Handballspielerin in der Hessen-Auswahl, heute ist sie -nach eigenen Angaben- Couch-Potatoe. Obwohl das nicht stimmt: Sie macht ihren Mofa-Führerschein, ist Rettungssanitäterin und gut in Mathe.
Wenn ich sie nicht so gut kennen würde, könnte ich denken, dass sie perfekt ist. Hübsch, erfolgreich, beliebt. Nur weil sie nicht mit denselben seelischen Schäden herumläuft wie ich, heißt das lange nicht, dass sie keine Probleme hat. Die hat sie. Und ich würde mein Leben geben, um zu verhindern, dass es die selben werden wie meine. Dass ihr niemand wehtut. Und sie sich selbst am wenigsten.
Weil ich sie über alles liebe, meine Chaosnudel. Meine Freundin. Mein Vorbild. Meine kleine, große Schwester.
Meine Lulu.

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Geheimwaffe Nagellack.

Ihr allerwunderbarsten Anteil-Nehmenden,
Zeit, um etwas richtig zu stellen und von einetr wundersamen Kur zu berichten, die mir heute Nachmittag aus dem tiefsten aller Löcher geholfen hat.

Erstens: T. ist natürlich nicht mein Mann im Sinne von Trauschein! Ganz großes Missverständnis. Und er ist natürlich der liebenswerteste, klügste, abgründigste und intelligenteste Mensch auf Erden; auch wenn er meiner Darstellung hier zufolge ein schäbiger, betrunkener alter Lustmolch sein müsste. Nein! Ich schreibe, wenn ich an seelischen Tiefs entlangtauche. Ich sollte mal schreiben wenn es (zwischen uns) wunderschön ist. Sollte ich, ja.
In der letzten Woche vor Heiligabend war unser Zimmer eine kleine gemeine Vorhölle, er hat durchgesoffen, vulkanartige Wutausbrüche gegen mich (Ich bin übrigens die ekelhafte, fette Schlampe, die ihn zwei mal betrogen hat, somit hat er jedes Recht mich schlecht zu behandeln!), Todessehnsucht auf beiden Seiten, von ihm jedoch veräußert ("Bleib bitte bei mir, ich sterbe heute Nacht").
Heiligabend war der Wendepunkt: ausnüchtern, kotzen, schlafen bei uhm, nach Hause zu meiner Family fahren bei mir.
Und jetzt besucht er seine uralten Eltern zusammen mit Klein-Sohnemann, die mich hassen und schon von dem Gedanken an eine ZWANZIGjährige Partnerin ihres Sohnes Herzrhytmusstörungen bekommen.
Das ist okay, wirklich. Wir sind bald zwei Jahre zusammen und ich akzeptiere das.

Ich bin immer entspannt, wenn ich weiß, dass er nüchtern ist.

Außer, und hier kommen wir zu "Zweitens": Wenn ich mein Antidepressivum vergessen habe, einzunehmen. Außer wenn ich schon kurz nachdem die Herren weg waren angefangen habe, die Süßigkeiten seines Sohnes zu verputzen.
Außer wenn ich seit drei Tagen den Fressanfall des Jahres (ernsthaft!) zelebriere und bei jedem Blick in den Spiegel, bei jeder 1000-Kalorien-Ration die ich hineinschlinge registriere, wie meine Konturen breiiger werden. Außer wenn ich nur an Weihnachten drei Kilo zugenommen habe.
Außer wenn mich die Traurigkeit verschlingt wie ich Erdnusse und Butter.
Außer wenn ich Freud'schen Tiefenekel empfinde wenn ich meine Familie im Schlafzimmer nebenann betrachte, wie sie fressen und knuddeln und faulenzen.
Unter diesen Umständen, also heute, kann ich nicht entspannen. Da liege ich im Bett und höre Schreie (meine eigenen) im Kopf, sehe wirre Bilderschleifen, Sexszenen und von Schnittwunden zerfurchte Unterarme blutend über unserem ach so schönen Waschbecken (meine) und das alles bei ohrenbetäubender Stille, Zigarrettenblasen am Handgelenk und Ich-glaube-ich-verliere-den-Verstand.
Was tut man dann?
Ich hatte nichts zu verlieren und rief meine Schwester auf dem Handy an (sie war in ihrem Zimmer, also etwa fünf Meter von mir entfernt, aber ich konnte mich nicht bewegen.
Ich sagte "Hallo, ist da Nagelstudio Blödibär? Ich hätte gerne chanelrote Nägel, machen Sie Hausbesuche?" und sie kam rüber, um mir die Nägel chanelrot zu lackieren und eine Zigarette mit mir zu rauchen (meine Schwester ist 16, müsst ihr wissen, und Gelegenheitsraucherin). Sie ertrug meine aufgepeitscht-aufgedrehten Tiraden (wie ein Teufelchen, dass dem Tod von der Schippe in den Sandkasten gesprungen ist) über Filme, die ich in den letzten Tagen gesehen hatte (Transformers, Der Goldene Kompass, Ghost - Nachrichten von Sam) und ließ sich aus meinem neuen Buch "1913" (unbedingt lesen!) vorlesen.
Adorno-hat-gesagt-weißt-du-dann-kommt-also-Patrick-Swayze-und-Stalin-im-Park-da-war-ich!-Schönbrunn-und-Schiele-und-Klimt-und-Lyra-und-die-Panzerbjörns-alle-total-krank-dieser-Würfel-weißt-du-mit-Schimpansen-und-Freund-und-C.G.-das-heißt-Carl-Gustav-Vatermord-blablabla.
Sie erträgt mich, das ist das großartige.
Sie lackiert meine kurzen, hässlichen Nägel und ist einfach nur da.
Ob sie zuhört, ist nicht so wichtig.

Habt ihr so jemanden? Einen Notnagel-Menschen, der euch aus Krisen hilft ohne auf die Krise selbst eingehen zu müssen. Kein Therapeut, kein oberschlauer Hobby-Psychologen-Freund sondern nur eine kleine Maus, die sich die Ohren abkauen lässt wenn zu viel raus muss, was nicht gesagt werden darf.
Stattdessen kommt allerlei anderer Gehirnmüll raus. Alles. Leeren. Aus.

Sonntag, 11. November 2012

Körpergefühl.

Ich sehne mich nach den Zeiten, in denen alles leicht war.
Die Liebe, die Luft, die Zukunft und ich. Vor allem ich.
Im Moment bin ich schlaf- und haltlos, orientierungslos, kraftlos. Ich esse wenig, nur Dinge auf die ich wirklich Lust habe (Schokomüsli und Schokomüsli und Kaffee und Schokomüsli). Und das auch nur, wenn mir kein Sex bevorsteht, denn ich lege wert darauf dass mein Freund meinen Bauch nur ungefüllt zu sehen bekommt, selbst wenn das bedeutet dass ich erst abends essen darf.
"Da, da siehst du doch deine Knochen, spürst du sie? Wie du es immer wolltest", er streichelt die Kuhle meiner Hüftknochen.
Während er meine fetten Schenkel küsst verdrehe ich mein Becken und halte die Luft an, sodass es wirklich an frühere Zeiten erinnert. An Zeiten, in denen alles so leicht war.
Ich bin hochkonzentriert auf meinen Körper in jeder Sekunde, in der wir es tun. Das ist anstrengend. Ich will, dass er endlich kommt, damit ich tief einatmen kann.
Wir verbringen drei Stunden im Bett, hören Seal und der Regen klatscht gegen unser Fenster. Es ist wunderschön, einerseits.
Andererseits bin ich so abgrundtief traurig.

Heute morgen sitze ich also mit meiner Schwester (16) auf unserem Balkon und rauche. Sie raucht sehr süß, stippt nach jedem Zug gewissenhaft die Asche ab und hält ihre Kippe sehr verkrampft und elegant.
Ich will mit ihr reden, ich weiß nicht mit wem ich reden soll. Will sagen, "Hey, mir geht es sehr dreckig momentan, nichts hält mich hier, ich fühle mich unfähig, dieses Leben zu leben". Ich sage "Hey, wie fandest du eigentlich den Vorspann von Skyfall? Bisschen überladen, oder?"

T. gestern Abend am Telefon: "Du bist so perfekt. So unfassbar schön, dass ich es nicht in Worte fassen kann. Nimm meinetwegen zwei Kilo ab, dann kannst du bei Victoria's Secret mitlaufen". Ich erkläre ihm, dass die Frauen dort mindestens 12 kg weniger wiegen als ich. Er ist sauer, meint, ich solle endlich aufhören über meinen Körper zu lamentieren.
Er versteht gar nichts. Ich bin krank!
Ich will die Leichtigkeit zurück, mehr als alles andere. Ich taste nach Hüftknochen und spanne die Arme an, damit sie schlanker und fester aussehen. Ich muss.

So sein:


Montag, 15. Oktober 2012

Fern-Sehen.

Vorgestern bin ich die Treppe herunter gefallen.
Wollsocken, selbstgestrickt von Oma, glitten über glatte Treppenfliesen und ein unglücklicher Körper schlug zwanzig Mal auf, bevor er auf den ebenso glatten Flurfliesen zur Ruhe kam.
Ich hatte versucht, mich mit den Armen abzufedern und mir damit lilafarbene Hämatome auf dem rechten Unterarm, eine Schürfwunde am Handgelenk und Prellungen an Rücken und Arsch zugezogen. Es war ziemlich still in der Wohnung, meine Mutter telefonierte, meine Schwester lag auf dem Sofa und blätterte in der NEON. Der Aufprall meines massigen Leibes hörte sich an wie ein Sack Mehl, den irgendjemand unsanft abgeladen hatte.
Dieses Gefühl, diese zwei Sekunden des Kontrollverlustes, den Gesetzen der Schwerkraft ausgeliefert, lässt sich schwer in Worte fassen. Ich weiß, dass ich dachte „Genickbruch, Schädelfraktur, hoffentlich haue ich mir keinen Zahn aus!“. Ich bin so eitel, pfui.
Meine Mutter rutschte mit rutschfesten Hausschlappen in den Flur, um mich aufzulesen.
Dem Mehlsack kamen die Tränen erst, als sie ihn in die Arme nahm. Ich weinte nicht wegen der Prellungen oder weil ich mich so erschrocken hatte, nein, ich weinte ob dieser Berührung.
Meine Schwester stand unschlüssig auf einem Bein hinter ihr und taxierte mich.
Ich versuchte, den Schmerz, den ich verspürte, es war kein körperlicher, zu definieren, zu orten, aber es gelang mir nicht.
Dieses Fallen, das es braucht, um gehalten zu werden.
Wie unerträglich eine tröstende Umarmung sein kann, wenn es einen innerlich zerreißt vor Selbsthass, Angst, Hilflosigkeit.
Das Gefühl, Lichtjahre weit weg zu sein von meiner Mutter, sie durch Milchglas zu sehen.
Nur Leere in mir, kein Wunsch, keine Idee, kein Ziel, keine Freude an nichts.

Ein paar Stunden später.
Meine Mutter, meine Schwester und ich fuhren zur Buchmesse. Sie plauderten über den Schulausflug nach Marbach, ich plauderte mit durch ein zehntausend Kilometer langes Rohr, das mich mit ihnen verband. Ich will gar nicht auf die Buchmesse gehen, wollte ich sagen. Aber du hast es dir doch gewünscht, hast es vorgeschlagen. Ich weiß, aber ich will gar nicht.
Und das ist außerdem alles viel zu teuer scheiße ich bin ein verfickter Geldschlucker und nur traurig und ziehe alle runter mit meinem leeren Blick aber ich kann nicht ich habe Angst ich will nicht dass sie das für mich tun ich will nicht kann nicht nicht nein nicht nicht.
Ich war so unglücklich wie in meinem ganzen Leben noch nicht.
Es war diese tiefe, durch Mark und Bein gehende, vollkommen lähmende Traurigkeit.
Ich wusste, es würde nie wieder ein Lichtstrahl durch meine Netzhaut dringen.
Kein Mensch würde mir folgen können dorthin, wo ich mich aufhielt.
Irgendwer sagte etwas mit Oma und sofort stiegen mir dicke Tränen in die Augen. Ich hatte zu wenig an sie gedacht, seit sie tot ist. Ich war ein ekelhafter Scheißmensch und hässlich und fett.
Meine Hämatome leuchteten blau-grünlich und schmerzten.
Wir schafften es bis in die Eingangshalle der Buchmesse, bevor ich kapitulierte.
Stattdessen gingen wir in eine ehemalige Studentenkneipe meiner Mutter und aßen etwas.
Ich bestellte eine traurige Kürbissuppe und heulte Rotz und Wasser. Innerlich. Meine Mutter war so unfassbar lieb, so lieb, dass es nicht zum Aushalten war. Ich wollte sie nicht alleine lassen, aber ich war so todmüde.
Mein Inneres fühlte sich klobig und kalt an, als hätte jemand einen Messingfötus im achten Monat in mich eingepflanzt.
Ich stehe wieder auf dem Grenzwall zum Wahn, zum Verrücktsein, und rutsche mit Omas Wollsocken auf und ab.

Montag, 3. September 2012

Now it looks as if they're here to stay, oh I believe in yesteday.

Nachtrag zu gestern:


Wochenende bei meiner Family No° 2

Ich verließ T. inmitten eines endlosen Fresstages (Samstag) für meinen nächsten Versuch, eine Übernachtung bei meiner Familie auf die Reihe zu kriegen.
J. kam spontan vorbei, wir redeten über ihren Umzug nach Leipzig, und T.s Erpressungsversuch, er werde mich verlassen wenn ich weiter abnehmen würde. O-Ton von Freitagnacht.
Wir kochten uns Spaghetti mit schweinischer Tomatensauce (schweinisch im Sinne von reichhaltig – Fetakäsewürfel, angebratenes Gemüse, getrocknete Tomaten, Sugo, ein Schuss Sahne und viel Parmesan). Schauten uns Benjamin Buttom an und tranken dazu heiße Schokolade, knabberten die Kekse meiner Schwester und kuschelten uns auf das dunkelgrüne Ledersofa. Gegen ein Uhr fuhr sie nach Hause und ich fraß mich durch die verbliebene Nacht. Um kurz vor vier Uhr morgens gab es eine nette Doku über Martial Arts und Kung-Fu-Stile, zu der ich Schokocreme, eine Tüte Chips und Weißbrot verdrückte. Dann kamen meine Mutter und mein Stiefvater nach Hause. Du schläfst noch nicht? Nein. Ich vertrieb ein wenig Zeit mit tumblr und schaffte es immerhin, mich nicht aufzuschlitzen.
Ich bin fett, trallalla. Im Fitness wog ich Freitag noch 57,5 kg mit Klamotten, jetzt dürfte ich wieder über sechzig sein. Juhu. Ich hasse mich. Meine Schwester machte heute morgen dann nioch einen Riesenaufstand, weil ich sie bat meine Schulbücher abzugeben mit der Begründung, sie fahre doch sowieso jeden Tag dort hin. Haha. „Ich hasse das, die Bücher sind voll schwer und überhaupt, alle fragen mich nach dir, alle kennen mich weil sie dich kennen, ich trage immer diese Erbschuld, du bist doch die Schwester von...“ Ich antwortete, ich würde mich dafür entschuldigen, ihre Schwester zu sein. Yay. Familienstress. Meine Mutter mischte sich noch ein. Machte mich an, weil ich so merkwürdig laufen würde (ich versuchte beim Gehen meine Oberschenkel zu kaschieren, in dem ich auf den Ballen ging und ohne sie aneinander reiben zu lassen, weil mich das noch mehr fertig gemacht hätte.
Wochenende gescheitert.

Montag, 27. August 2012

Wohnungsfrieden.

61,3kg. Hoffentlich klappt es jetzt endgültig. Ich wünsche es mir so sehr...

Gestern war ein Ausnahmetag, an dem ich so wenig gegessen habe dass ich keine Kraft hatte zum Sport zu gehen. Scheiß Kreislauf und so.
Im übrigen war es auch das erste Mal seit Monaten, dass ich mich "zu Hause", also bei meiner Familie, ganz wohl gefühlt habe. Seit es diese heftigeren Krisen mit T. gibt, habe ich ein unfassbar schlechtes Gefühl dabei, wenn ich einfach so, ohne etwas sinnvolles zu tun wie Arbeiten oder Lernen, nicht bei ihm bin. Dafür gibt es verschiedene Gründe.
  Zum einen befürchte ich immer, dass er trinken könnte, weil ich nicht da bin. Oder in meinen Sachen nach "Beweisen" für meine angebliche Untreue suchen. Er hat oft genug mein Handy gekapert und ich bin mir nicht sicher, ob er nicht vor diesem Blog oder meiner facebook-Seite zurückschrecken würde, die Passwörter sind ja gespeichert (wenn auch die Chronik immer gelöscht)... Ich will einfach nicht noch mehr Wut bei ihm provozieren, denn egal was ich mache, es wird in seinen Augen immer irgendwie falsch sein.
  Zum anderen ist da die Angst vor dem Essen zu Hause. Meine Familie ernährt sich relativ ungesund (in meiner Wahrnehmung), was wahrscheinlich nicht stimmt. Aber es gibt immer Reste von leckeren und fettigen Nudelgerichten, Saucen, Aufläufen, tausend Sorten Käse, Wurst oder Marmelade im Kühlschrank. Ganz zu Schweigen von dem Knabberzeug und der Schokolade, Nutella, Kekse, supergeile, hochkalorische Joghurts und Müslis, immer frisches Brot oder Baguette. Im Gefrierschrank Pizzen, Teigtaschen. Das macht mir einfach Angst.
  Wenn ich eine "Leckt mich doch alle"-Phase habe, reduziere ich "unsere" Vorräte um mindestens 30% pro Aufenthalt in der Wohnung. Es kam auch schon vor, dass ich extra dann in die Wohnung gefahren bin, wenn keiner da ist, um (weder vor T. noch vor meiner Familie) eine Fressparty zu veranstalten und dabei nicht pleite zu gehen. Dann schalte ich den Backofen und Fernseher an, haue mir Müsli und Nutella und Schokolade mit meinen geliebten Sitcoms rein und warte, dass ich mir Piccolinis (diese feinen kleinen Pizzen von Wagner), verfeinert mit Pesto, Parmesan und was das Haus so hergibt, backen kann. Danach wieder Süßes. Ein Pudding? Die geheimen Pralinen meines Stiefvaters? Dann Chips oder Salzbrezeln mit Frischkäse und oder Majo.
Typische Fressparty eben. Das Schlimme ist, dass ich danach immer noch Bock habe, mit T. oder meinem Vater fett Essen zu gehen. Frei nach dem Motto: "Jetzt bin ich eh schon voll und am Fressen, da kann ich mir gleich auch noch alle anderen Genüsse dieser Welt reinziehen. Ist jetzt eh alles egal".

Ich hasse das. So sehr.
Deswegen bin ich auch so wahnsinnig kontrolliert im Moment.
  Das Wochenende zu Hause ohne Fressanfall hat mir Mut gemacht. Ich konnte mich entspannen, weil ich wusste dass T. seinen Sohn als Übernachtungsgast beherbergt und ergo nüchtern ist.
Habe viel mit meiner Schwester und ihrem Freund auf dem Balkon gesessen und geraucht (also, meine Schwester natürlich nicht) und Schwachsinn geredet. South Park zitiert. Irgendwas. Es war angenehm, so als ob mir die Wohnung einen Friedensvertrag anbietet. Hey, Phoebe, es ist okay, ich dränge dich zu nichts, aber du darfst hier sein und dich erholen.
Das tat ich. Ohne groß zu essen zwar (etwa 250 kcal insgesamt), aber immerhin.

Das Abnehmen. Morgen sind es sieben Tage restriktives Essen und täglich Sport. Ich will es zwei Wochen durchziehen, mindestens.
  Und kein FA nach zwei Wochen, sondern kontrollierte Steigerung der Nahrungsaufnahme und Vervielfältigung der Lebensmittel, die ich mir zuführe. Ob das gelingen kann? Bisher hat es nie geklappt. Aber ich bin wieder relativ nahe dran an der 60, und 60 ist fast 55, und das ist fast mein Zwischenziel... Wenn ich jetzt aufgebe, war eine ganze Woche für den Arsch.
Phoebe, eine Woche! Zieh den Scheiß durch!
Okay. High five.