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Freitag, 2. August 2013

Einmal noch.




Lulu weint mein graues T-Shirt nass und es ist okay. Das Mixtape von T. läuft und ich heule und wüte und raffe Kassenbons und Besteck vom Boden auf, ich warne sie vor dem Fehler, den ich begangen habe. Ich sage, dass der T., den ich vermisse und den ich irgendwo immer liebe, dass dieser T. nicht mehr existiert, sage, dass ich weitergehe, dass ich stark bin, dass sie auch stark sein wird. Dass es richtig ist, wenn sie jemanden küsst, der sie so glücklich macht wie Lennard mich glücklich zu machen vermag.
Mir fällt die letzte Geburtstagskarte von T. in die Hände, eine winzige Prinzessin trohnt auf einem großen Berg Geschenke, Tränen tropfen auf die Pappe: "Alles Gute, xxx, dein T." Darunter ein ungelenk gemaltes Strichmännchen mit einem Pfeil - Phoebe. Alles erzittert, Bilder stürmen auf mich ein. Es ist gut. Es geht mir gut. Ich darf weinen um uns, darf weinen um die Verletzungen, die wir uns zugefügt haben. Um Neil Young und die Eagles, um die alte Matratze auf dem Boden, um grün-glasige Blicke, um den Geschmack von Gin und Wodka und Pepsi Light auf seiner Zunge, um seine Stimme wie sie seine Geschichte preisgibt, seinen Duft, um den BDSM-Sex, um seinen klugen Sohn, um seine Tränen auf meinem nackten Rücken, um unsere dreckige Küche, um taumelnde Nachtspaziergänge durch das FrankfurterVillenviertel, um Träume und ewige Lügen, um Luftschlösser, um unseren Balkon in der Psychiatrie, um die Brandnarben auf seinem linken Oberarm und meine Pulsader-Schnitte, um Woodstock, um Sylvester nackt und stumm mit Rotwein in den Laken, um unsere Sitcoms, unsere hitzigen Diskussionen, um seinen Blick in meinem Gesicht, um alle ersten Male, um die Scham, um den Hass, die Vergötterung, um zwei Jahre. Um meine erste Liebe.
Es tut sehr weh in diesem Moment-
Ich glaube, ich muss trauern, weil ich sonst drohe steckenzubleiben. Wenn ich mit Lulu weine, ist es nur befreiend. Nur richtig.
  Es gibt da einen Menschen, der in mir etwas weckt, von dem ich nie geglaubt hätte, dass ich es noch besitze: Hoffnung. So abgedroschen es klingt: Selbstachtung. Zärtlichkeit. Es gibt diesen Menschen, der ein unspezifisches Flattern und Ziehen in meinem Oberbauch auslöst, wenn er mich mandeläugig anlächelt. Der mir Mut macht und Kraft gibt. Der kein Monster ist.
Ich habe eine Scheißangst, glücklich zu sein, das ist es wohl.
Ich idealisiere den Schmerz, weil er herorischer ist und destruktiv und unberechenbar. Glück ist so trivial. Ist es das wirklich? Glück ist, um sechs Uhr morgens von kitzelnden Sonnenstrahlen geweckt zu werden und meine Hand auf Lennards Bauch zu schieben, Glück ist, wenn er sie im Halbschlaf an sich zieht und drückt und mit geschlossenen Augen lächelt. Glück ist die heilige Dreifaltigkeit aus Morgensex, Zigarette und Kaffee. Glück ist ein Regenguss. Glück ist auch, selig grinsend ein Telefonat mit meiner J. zu beenden. Glück ist wenn Lulu mit tränenverklebten Augen sagt: "Hey, ich fände es schön wenn du nachher rüberkommst und bei mir schläfst. Ich hab dich lieb." Glück ist narzisstisch und selbstlos zugleich, Glück ist Liebe und das Gegenteil von Böse.
Ich weiß dass das alles ich bin. Ich kann lieben. Ich kann das größste Arschloch auf Erden sein, und ich kann es bereuen und versuchen, nie mehr so tief zu fallen.
Ich kann glücklich sein! Und bin es. Hier, jetzt, mit T.s Musik im Hintergrund und all den hässlichen alten Päckchen und all den Erwartungen an die Zukunft, nicht mehr anorektisch dünn, tief verstört und doch lebe ich.

You don't see the bottom from the top, einmal noch, für dich. Let it float on down the stream / And we can cry a little / For a time that could have been / Live it all my love / Live it well my love / Live it long my love.
Tränen getrocknet, Zimmer aufgeräumt, Zweifel beseitigt, Nostalgie aus-gelebt. Weiter...

Samstag, 22. Juni 2013

Inside your pretending / crimes have been swept aside / somewhere where they can forget.

Gibt es etwas demütigenderes, als Unterwäsche anzuprobieren und seinen weichen Körper in Pseudo-Reizwäsche gezwängt in diesem furchtbar grellen Licht ausgeleuchtet zu sehen? Kleine Panikattacke, ich schwitze ohne Ende. Drei Höschen landen auf dem Band (weiß, schwarz, Spitze, alle in verschiedenen Größen). Die Kassiererin sieht aus wie Miss Piggy. Ich greife eine Packung Toffifee, mein Spiegelbild in der Rolltreppe ist die reinste Folter.
Ja, es geht immer noch demütigender! Vor dem Kaufhof laufe ich T.s Exfrau inklusive Sohnemann in die Arme. Ich ignoriere sie und schäme mich dafür. Aus dem Augenwinkel versuche ich, ihre Kleidergröße einzuschätzen. Willkommen im Kopfkino einer traurigen Existenz: Nacktbilder von T.s anderer Exfreundin (durchtrainiert, braungebrannt, nasses Haar), Bikinifotos von seiner Exfrau (kurvig, Sonnenbrand, enorme Oberweite), meine Wenigkeit hingegossen auf seinem Bett (milchig-weiße Haut, zerstrubbelte kurze Haare, blau-gefleckte Brüste und frisch vernarbte Unterarme) und in unserem Flur-Spiegel vor zwei Jahren (Knochen, Knochen, glühende Augen, endlose Beine und Schatten und Knochen). Verdammte Scheiße.
Gibt es etwas demütigenderes als das Wissen, wer man sein könnte, hätte man die Kraft dazu? Wer man war und wie man sich geschämt hat? Wie man sich hat benutzen lassen? Wie man gelogen hat?
Ich senke den Blick und stolpere zur Bushaltestelle, höre Portishead ("Did you really want? Did you really want?"). Auf Toffifee folgen Käsespätzle, auf Weinen folgt Wut, auf Bilder folgt Leere, vier Zigaretten. Einsamkeit ist nicht unbedingt die Abwesenheit von Gesellschaft, sie kann auch Reizüberflutung sein, Schritte im Treppenhaus, das Wissen um sechs Milliarden Vollidioten. Einsamkeit in meiner Glasglocke Selbsthass.
Histrionische Persönlichkeitsstörung, sehr spaßig. Hat was mit Hysterie zu tun und mit Oberflächlichkeit. Ich möchte nicht sehen, dass die Frauen, mit denen ich in der Klinik war, wieder nach Heroin-Chic aussehen. Ich möchte nicht meine Oberschenkel kaschieren müssen, Berührungen nur noch im Dunkeln genießen können. Eigentlich möchte ich mir wehtun, aber meine Eitelkeit ist stärker (Narben kommen einfach Scheiße im Sommer). Gibt es etwas demütigenderes als nicht gesehen zu werden?

Donnerstag, 20. Juni 2013

Shortcut.

Ich wache auf, als das Unwetter beginnt - die Dokus auf 3sat sind unbemerkt in einen Film Namens "Amateur" übergegangen (es geht um einen Pornoproduzenten mit Amnesie und Isabelle Huppert als nymphomane Ex-Nonne), der mich irgendwie fesselt, sei es nur aufgrund der blaugefärbten Bilder. Ich fühle mich wie jemand, der eine große Auflaufform kalte Lasagne in sich hineingewürgt hat und zwei fette, juckende Herpesbläschen auf den Lippen spazieren trägt. Ziemlich widerlich und pervers im Großen und Ganzen, ist der Tod näher als das Leben.

Edit 3:30am
"Der freie Wille" ist auch so ein Film. Sehe ihn gerade zum zweiten Mal und bin fassungslos vor Ekel und Traurigkeit und ob meiner Schwere. Determinismus? Die Gedanken reisen zu Szenen mit Rasierklingen und Schwänzen, und zum Meer. Ich wusste gar nicht, dass Belgien Küsten besitzt.

Freitag, 14. Juni 2013

Flickzeug.

Eine andere Welt, dabei ist es gerade mal ein gutes Jahr her, dass...


Gestern: Meine Mutter und ich machen den obligatorischen Wocheneinkauf bei LIDL. "Mama, ich finde das so fies, dass an der Kasse die ganzen Süßigkeiten stehen. Das ist so suggestiv und für willensschwache Menschen wie mich..." - "Für die Kinder, für die quengeligen, kleinen Kinder, die mit ihren Müttern in der Schlange stehen. Du bist doch ein Kind, Kleines.", sie versucht mich in eine Umarmung zu ziehen. Ich winde mich heraus. Mein Selbstwertgefühl befindet sich in der Nähe des Erdkerns. "Ich will heute fasten, glaube ich". Sie zuckt mit den Schultern und fängt an, die Einkäufe auf das Band zu legen.

Gegen Abend werden die Vorsätze über Bord geworfen, als Lennard mir schreibt, ob ich Lust hätte, zum Grillen in die WG zu kommen. Wer bin ich, einen Abend unter lieben Menschen auszuschlagen, nur weil ich denke, auszusehen wie Dresden 45? Seine Haare sind wieder sehr kurz, er füllt Alu-Schiffchen mit Süßkartoffeln und Zucchini. Auf dem Balkon stehen Howard und Penny, er stochert in seinem Besserverdiener-Grill herum, sie raucht und bespricht mich mit heiserer Rock-im-Park-Stimme, ich genieße es, nicht geben zu müssen. Lache vorsichtig, stebe aus dem Kamerafokus.
Vier Stunden später hält er mich im Arm und ich lasse los, Kopf aus. Ich will, dass die Wunden schneller heilen.

Freitag, 26. April 2013

Über Hände.

Mein Unterbewusstsein zaubert hin und wieder groteske Kaninchen aus dem Hut.
Ich habe von R. geträumt, dem Politiker. Den letzten Briefwechsel gab es vor einem guten Jahr.
In meinem Traum stand er am Sparkassenautomaten, drehte sich plötzlich um und starrte mich an. Sein Haar war glatter als in meiner Erinnerung, schulterlang und von grauen Fäden durchzogen. Die Augenbrauen dicht und dunkel, eine randlose Brille auf der preußischen Nase, der Wohlstandsbauch von einem karierten Flanellhemd bedeckt, welches ich auf seinem Balkon getragen hatte vor hunderten Nächten.
Wir stolperten aufeinander zu wie im Nebel, er roch wie das Meer und nach Gauloises.
"Seit wann rauchst du wieder?", fragte ich ihn atemlos.
"Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben."
"Wieso? Wieso jetzt? Ich dachte wirklich, du wärst durch damit."
Er fuhr sich mit beringter Hand durchs Haar und streifte mit seinem Ellenbogen meine Schulter.
"Das sind nunmal stoffgebundene Süchte, Phoebe. Ich will dich zurück, diesmal für immer. Komm mit mir nach (Kleinstadt an der Nordseeküste)."
Sekundenbruchteile verstrichen bis ich registrierte dass ich seine Hand hielt. R. hat die schönsten Hände, die ich je bei einem Mann gesehen habe. Sie sind feingliedrig und groß und elegant. In meiner Erinnerung wird er immer in der Manteltasche Zigaretten drehen und Krabben pulen, einen schlichten silbernen Ring tragen und mir eine Locke aus der Stirn streichen. Er wird Rosinen in sein Couscous werfen und Sand durch die Finger rieseln lassen, er wird stundenlang durch Bücher blättern jene Zeilen berühren, die er liest.
Seine Hände werden meinen Körper stimmen wie ein Instrument, sie werden fliegen und wirbeln und Grashalme ausreißen. Behutsam die Etiketten von Weinflaschen und die Laken aus dem Motel glätten.

In meinem Traum setzten wir uns auf den warmen Asphalt. Mir fehlten die Worte. In meinem Traum war ich nie über ihn hinweggekommen. Ich glaube, ich erklärte ihm, dass es nicht ginge. Ich weinte und hielt einen Vortrag über Epikur. R. weinte auch. Es war wie unser letzter Abschied am Bahnhof, nur ohne Johnny Cash.
Dann stand ich auf und ging, ohne mich noch einmal umzudrehen, Tofu kaufen.


Phoebe 2011 bei R.



Mittwoch, 3. April 2013

How soon is now? / Ambivalenz

Hände flechten
Licht trinken
Gedanken spielen
Lippen streifen
Kontrolle üben
und ein Liter Eiscreme danach.

Unter einer mikrodünnen Haut wölben sich Gebirgszüge der Unsicherheit, blaue Adern dickflüssiger Verletzlichkeit und reines Fett. Ich habe ein Elefantengehirn (und Elefantenbeine), mich umgibt eine Wolke aus teerigem Rauch und Bedürftigkeit.
Wir sitzen zu sechst in der Sofalandschaft, Penny, Howard, Lennard, ich und zwei schwarze Hunde, deren Namen auf Ypsilon enden. Wir sehen Slumdog Millionaire, trinken Sprite und rauchen Selbstgedrehte.
Ich fühle mich richtig und falsch zugleich. "Warum lachst du?", fragt Penny. Ich weiß es nicht, ich lache weiter. "Warum du lachst!"
Körperlose Angst.
"Weil ich daran denken muss, wie ich diesen Film das letzte Mal gesehen habe", sage ich schnell, obwohl das nicht stimmt. Ich kreise mit dem Fuß, damit er nicht einschläft, meine Hände zittern. Lennards Finger finden meine und sein Daumen massiert meinen Handrücken, er wirkt müde und erschlagen. Ich erwache, und es ist stickig; geräuschlos hieve ich mein Elefantenbein auf das Sofa. Er legt eine warme Hand auf mein Knie.
Wenn jeder nur für sich selbst sorgen würde, wären wir dann eine Ellenbogenbecken voller Egoisten? Oder gibt es eine universelle Ratio, die den Einzelnen dazu bringen würde, Entscheidungen im Sinne eines Gemeinwohls, einer übergeordneten Moral zu treffen?

Ich hasse es, zu klein zu sein für mein Gewicht und zu groß, viel zu groß für meinen Kopf. In meinem Leben bin ich deplaziert und provisorisch. Ich suche immer das Du, obwohl mein Ich gar nicht die Kraft besitzt, ihm etwas entgegenzusetzen. Sei es ein Nein oder ein aufrichtiges Ja. Mein Körper ist bloß der hinzugerufene, sonnenbebrillte Dolmetscher, die Hände in den Hosentaschen versteckt.
Was geben, wenn man nichts hat?
Wieviel nehmen dürfen? Eine Portion oder zwei? Kann man alles bestellen und die Reste einpacken lassen? Ist es dreist, den Teller abzulecken?
Ist es okay, Angst zu haben? Vor der Gier, vor dem Körper, vor dem Alleinsein? Vor dem anderen Körper, vor der Leere, vor dem Rausch und dem Ende?

Ich bin fünf Jahre alt und erkläre meinem Stoffhasen Lena, dass mein Papa böse ist, kalt. Er ist blau.
Ich sitze im Badezimmer auf dem Boden und Lena hält mich fest. Ich sage, dass Mama lieb ist, aber nicht, wenn sie trinkt. Und dass wir ein Auge auf sie haben müssen. Sie soll nicht trinken und sie soll nicht weggehen, das ist sehr wichtig, denn ihr könnte etwas passieren. Die Ziffern auf dem Funkwecker sind blutrot. Ich beginne zu zählen, Sekunden, Kacheln, Atemzüge.
Die Stille rasselt, oder sind das Schreie im Wohnzimmer? Ich muss Lena die Ohren zuhalten, was schwierig ist, weil sie sehr lang sind. Ich verknote sie und wickele ein kleines Handtuch um den Hasenkopf.





Mittwoch, 13. März 2013

I become US. WE become YOU.

Es fing schon vor Monaten an. Oder sollte ich besser sagen: Vor einem Jahr? Vor anderthalb?
Vielleicht waren wir schon unter dem Stern einer bevorstehenden, blut- und tränenreichen Trennung ein Paar geworden.
Vielleicht war es voraussehbar, dass zwei derart extreme und kranke Individuen eine durchweg ambivalente Beziehung führen würden, geprägt von tiefen, schier unlösbaren Konflikten.
Liebe und Hass scheinen ein und das selbe Gefühl zu sein, Abgrenzung und Sehnsucht, Geborgenheit und Angst sind nur ineinander gemischte Farben auf einem unscheinbaren Gemälde. Nur wer näher herantritt, vermag die brutalen Risse und Einkerbungen zu erkennen. Und die Aufrichtigkeit der Gefühle, das Verbotene, das Wilde, das Zerfleischende.
Es war meine erste Beziehung. Ich war 18 und hatte mein erstes Mal. Es war seine vierte „ernsthafte“ Beziehung, die erste Frau nach seiner Exfrau. Er war 46, als wir uns kennenlernten.
Wir näherten uns einander wie Katzen, umstreiften den anderen, suchten Körperkontakt und stoben beschämt auseinander. Suizidale Katzen, kettenrauchend auf dem Balkon der Psychiatrie.
Traurige Katzen, bedürftige Katzen.
Ich verliebte mich sofort in ihn. Er war unfassbar attraktiv mit seinen grünen Augen und dem markanten Profil, seiner sanften Stimme und den warmen, starken Händen, die wild gestikulierten und Haferflocken von meiner Strumpfhose pflückten. Er war durchweg faszinierend. Nahbar, aber nicht greifbar. Tiefgründig und aufmerksam, verletzlich und voller Geschichten.
Ich war, als wir uns kennenlernten, einfach nur die schrullige Anorexiekranke, die Joy Division hörte und die Pfleger anschrie. Ich war knochig und asexuell, manisch und zwanghaft. Ich brach stündlich in Tränen aus, tigerte durch die Station und fragte mich, was werden würde. Ich würde wohl die Schule abbrechen, sagte ich ihm. Er runzelte die Stirn und stippte Asche in den Hof. Natürlich nicht, sagte er, so kurz vor dem Abitur. Du bist sehr klug. Wirf nicht alles hin.
Ich registrierte, dass ich mit meiner Anti-Haltung wie ein trotziges kleines Mädchen aussah: Schule ist Scheiße. Meine Eltern sind Scheiße. Meine Zukunft ist im Arsch. Aber hey, ich war erst vor ein paar Monaten aus der ersten Klinik entlassen worden und hatte mein Leben (Selbstmordversuch) allzu gründlich gegen die Wand gefahren. Ich war wütend auf alles und jeden. Ich aß meine Mahlzeiten wie in der Klinik und nahm trotzdem immer weiter ab. 43 kg. Die hatten alle keine Ahnung. Ich kam mir wahnsinnig heroisch und überlegen vor mit meiner Intelligenz und meinen zählbaren Knochen – bis ich T. traf. Er erschütterte mein Welt- und Selbstbild. Riss es von der Wand und zerlegte es in Fragmente, ein riesiges Puzzle. Er bot sich an, mir beim Zusammensetzen der Einzelteile zu helfen, zaghaft, vorsichtig, und ich klammerte meine kalten Finger an seine Cordjacke, als wäre er der Messias höchstpersönlich.
Ich begriff schnell, dass er hochkompliziert war. Widersprüchlich und launisch. Aber großartig.
Depression, Burn Out, Alkohol – einmal die Karriereleiter vom Geschäftsführer der größten deutschen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft (Mandate: Daimler Chrysler, Aventis, RWE, Telekom ect) heruntergerasselt, Existenz weg, Frau und Sohn weg, Wohnung weg.
Ich habe den Sog der Sucht und der Dunkelheit unterschätzt.
Er den Sog der Esstörung.
Auch als er entlassen war, kam er mich täglich besuchen. Er brachte Kippen mit oder eine Tafel Schokolade, von der ich manchmal eine winzige Ecke knabberte. Er verunsicherte mich, ich hatte das Gefühl, mir seiner Zuneigung nie sicher sein zu können.
Ich besuchte ihn ein paar Mal in seiner Wohnung. Es war wunderschön und kribbelig.
Nach ein paar Wochen, ich stand vor dem Übergang in die Tagesklinik, gestand ich ihm meine Angst. Und, ich versuchte es zumindest, meine Gefühle.
Wir saßen auf einer Bank vor dem Krankenhaus und flochten unsere Finger ineinander.
Das geht nicht, flüsterte er. Du bist viel zu jung und ich viel zu fertig.
Ich weinte leise.
An einer Bushaltestelle trennten wir uns, kamen einander näher. Dieser Moment, wenn beide zögern: Umarmung? Kuss? Was passiert hier, ein Tornado von Emotionen und Gedanken.
Er war sehr nachdenklich. Ich liebe dich als Mensch, ich möchte dich nicht in meinem Leben missen. Wir sind uns so nah gekommen...
Einen Tag später küsste er mich. Er schmeckte nach Gin und Rauch. Ich fiel ins Bodenlose.

Samstag, 2. März 2013

Besuch von der roten Tante.

Ich werde jetzt nichts zu T. sagen, zum Wiedersehen, den Gefühlen, dem Schmerz, dem Streit. Der erneuten, entgültigen (?) Trennung.
Ein andermal.

Ich möchte über ein ach so banales und dennoch elementares Thema in meinem Leben schreiben: die Periode.
Ich habe sie mit zwölf bekommen, ganz normal eigentlich. Eine Freundin war da und wir haben mit meiner kleinen Schwester im Garten des benachbarten Wohnblocks Reitschule gespielt. Plötzlich spürte ich ein Ziehen und... Es war ekelhaft. Ich erzählte niemandem davon. Ich stopfte mir Watte und Taschentücher in eine frische Unterhose und legte mich schlafen, am nächsten Tag kaufte ich eine Packung Riesenbinden, die mir wie Windeln vorkamen.
Es war nicht unbedingt ein "Wendepunkt", ein wichtiges, einschneidendes Ereignis. Ich litt nur sehr unter meinen "Tagen". Sie kamen extrem unregelmäßig und extrem stark. Ich erinnere mich an das Sylvesterfest mit dreizehn, welches ich komplett auf dem Klo verbrachte, blutend wie ein frisch geschlachtetes Rindvieh. Ich heulte. Meine Gastgeberin, eine etwas ältere Freundin, klopfte und rief mir zu, ich sollte doch ihre Tampons benutzen. Geht es noch peinlicher? Nicht nur, dass ich für Stunden das Bad bei Fremden blockierte. Ich schaffte es auch nicht, dieses kleine, fiese, viel zu dicke (Super Plus) Watteding in mich hineinzustecken. Ich ekelte mich vor mir selbst, hatte keine Binden mehr, Blutflecken auf denm Schreibtischstuhl meiner Freundin...
Kurz gesagt: Ich hasste es, dass mein Körper blutete.
Mich überkam Panik, als meine Brüste größer wurden. Stundenlang probierte ich T-Shirts und Pullis vor dem Spiegel an, darauf bedacht, dass sie möglichst viel von meiner frisch erblühten Weiblichkeit kaschieren mochten. Ihr müsst wissen, ich war zu dieser Zeit mit ein paar Nerd-Jungs befreundet, wir redeten über den Herrn der Ringe und die frühreifen Tussis aus der Parallelklasse, und das letzte, was ich haben wollte waren Brüste.
Ich bekam sie natürlich trotzdem. Meine Mutter kaufte mir ungefragt BHs und Binden. Ich begann, mich ein wenig zu arrangieren damit, dass ich breiter und rosiger wurden. Es blieb mir ja nichts anderes übrig. Bis dato war ich immer groß (1,70) und schlaksig (47kg) gewesen, das änderte sich nun. Ich wuchs noch ein wenig, meine Hüften wurden fetter ect. Wir kennen das alle.
Hinzu kam eine unschöne, hartnäckige Form von Akne; gefolgt von einer Zahnspange, was mich in meinen Augen vollends entstellte. Es gibt Bilder aus meiner frühen Pubertät, bei deren Anblick ich mich heute noch schäme. Gelbe Zähne hinter einem "Gartenzaun", beides Dinge auf die mein Vater mich regelmäßig hinwieß. Pickel auf der Nase, dem Kinn. Ein Körper, der sich nicht entscheiden kann ob er nun "Vollweib" oder androgyn sein soll.
Ich wurde Vollweib. Meine Brüste wuchsen und wuchsen.
Meine innere Veränderung, meine Identitätssuche war aber sehr viel bemerkenswerter: Ich beschloss irgendwann mit fünfzehn (als ich ohnehin als Streber, Hässliche und Lehrerschlampe galt), eine Maske zu tragen.
Ich schminkte mich sorgfältig, aber zurückhaltend (Make-up, Wimperntusche, Puder), schnitt meine langen Haare auf Kinnlänge ab, trug H&M-Blazer zu Röcken und schlichten Jeans, Stiefeletten mit kleinem Absatz. Ich wirkte wie fünfundzwanzig, kurvig, selbstbewusst, hochintelligent.
Ich flirtete heftig mit einem Lehrer an meiner Schule. Schrieb Bestnoten. Wurde überheblich und arrogant. Nach außen hin.
Innen drin hasste ich mich mit einer unvorstellbaren Intensität. Ich rannte jede Pause auf das Mädchenklo, um mein Make-Up zu kontrollieren - projezierte meine Unsicherheit komplett auf meine Optik. Ich fand meinen Körper unförmig und scheußlich. Klar, wenn man bei jedem Stress zum Automaten rennt und sich eine Tafel Ritter-Sport reinzieht. Ich futterte wahnsinnig viel, auch wenn ich es in Relastion stelle zu meinen Fressanfällen letztes und vorletztes Jahr: Es war VIEL.
Ich nahm zu. Mondgesicht, Fettarsch, Du-Siehst-Aus-Wie-Scheiße. Alles cool. Ich war klüger als diese Typen, auch wenn es mir offenkundig nichts brachte. Was ist Intelligenz und Eloquenz unter Pubertierenden wert? Bei uns galt: Je schlauer, desto Mobbing. Umgekehrt galt das Naturgesetz: Je Mädchenhafter (Kichern, Naivität, dünner Körper, keine großen, beängstigenden Rundungen, kleine, saubere Tampons statt riesiger Binden-Windeln), desto beliebter bei beiden Geschlechtern. Meine Mutter sagt heute - die anderen waren eingeschüchtert. T. hat immer gesagt - die Jungs haben sich nicht getraut, dich anzusprechen.
Pustekuchen Leute, ich war dabei. Sie haben mich gehasst.
Was mich nicht groß störte, ich schwärmte für Männer jenseits der 40.
Der Punkt, auf den ich hinauswollte, ist jener: Ich bin wahrscheinlich auch deswegen so verkorkst, weil ich die Pubertät nie als das gesehen habe, was sie ist - ein notwendiges Übel, eine amüsante Findungsphase - sondern sie abgelehnt habe.
Ich wollte, wenn schon, dann erwachsen sein. Ich verachtete mein gleichaltriges Umfeld für ihre ersten Parties, auf denen Mixbier floss und peinliche Chart-Musik gedudelt wurde. Ich verachtete "Girls" und "Boys", die einander "süße" SMS schrieben und "flirty" und "cool" waren. Ich wollte nicht zu ihnen gehören. Nicht, dass ich eine Chance gehabt hätte, zu ihnen zu gehören, wenn ich das gewollt hätte. Niemals. Ich war zu... was auch immer für die.
Lustigerweise wurde ich, als ich mit siebzehn richtig schön dünn war, plötzlich zum "angesagten Hingucker" in der Stufe, zumindest bis ich die Schule für meinen Klinikmarathon verließ.
Heute bin ich sehr traurig darüber, diese unbeschwerten Jahre so verstreichen haben zu lassen. Die ganzen Dinge, die meine Schwester erlebt und durchgemacht hat - ich werde es nicht mehr nachholen können. Der Zug ist abgefahren. Ich bin jetzt zwanzig und sollte verdammt noch mal erwachsen und reif sein.
Ich trage Narben aus dieser Zeit, keine sichtbaren. Klar wurde ich geschlagen. Klar beschimpft, geschubst, gehasst. Was mir heute noch bleibt, ist aber das verzerrte Selbstbild, die nicht vorhandene Identität - weder Erwachsen, noch Kind, schon gar nicht Pubertär. Ich bin irgendwo zwischen den Sphären gelandet. Und wie trage ich diesen inneren Konflikt aus? Richtig, über meinen Körper.
Und hier schließt sich der Kreis. Meine Periode. Ich habe fast geweint, als ich sie vor drei Tagen bekommen habe. Bei diesem BMI hatte ich noch nie meine Tage! Ich bin wahnsinnig fett! Ect. Ich habe eine BIA-Messung gemacht und siehe da: Mein Körperfettanteil liegt trotz Untergewichts (52kg) im Normbereich. Ich habe erschreckend wenig Muskulatur. Ja, ich weiß, kein Wunder, wir kennen das alle, der Körper baut in Hungerphasen zuerst Muskelmasse ab und so weiter.
Das Blut, das aus meinem Unterleib kommt, spricht seine eigene Sprache. Es schreit mich förmlich an: Du bist eine Frau. Du bist da, um Männer zu befriedigen. Du bist eine geile alte Schlampe. Du brauchst Sex, du brauchst Fett. Du bist fett. Du bist bedürftig und schwach, du bist deinem Körper ausgeliefert.
Und ich schreie zurück: Das werden wir doch mal sehen, du Scheiß-Blut! Ich brauche dich nicht, um mich daran zu erinnern, dass ich eine Frau bin - ich will es nämlich gar nicht sein. Und jetzt verpiss dich und lass mich wieder Kind werden.

Kind sein. Keine Tage. Keine Erwartung. Kein ekelhafter Sex. Wie sehr ich es liebe.

Donnerstag, 31. Januar 2013

Damals...

14.9.2010
Schlechter Tag.
Problem Nummer eins: Essen. Die Erhöhung ist präsent, die Gedanken an das „mehr“ schwer abzustellen. Zeitstress. Zu langsam, zu schnell? Die immer auflodernde Panik, zu früh fertig zu sein, zu viel im Mund zu haben, zu hastig zu kauen, zu schlingen, zu fressen. Und dann diese Stolperfallen, die ich mir selbst – besser gesagt meiner Krankheit – in den Weg gelegt habe: Fett morgens, Kohlenhydrate abends. Mit Absicht.
Als würde das nicht schon als Herausforderung genügen, will Frau Naumann auch noch, dass ich wieder mehr Eigenverantwortung übernehme. Nächste Woche. Ich habe Angst davor – Angst sowohl vor der Versuchung, etwas wegzulassen oder noch essgestörter zu essen (es guckt ja keiner) als auch vor dem Buffet. Vor der Auswahl. Davor, am Ende der Krankheit zu viel Raum zu geben oder auch zu viel zu essen, je nachdem wie man es dreht und wendet. Horrorvision: unabsichtlich, mangels Achtsamkeit und Konzentration zu viel gegessen zu haben.
Als wenn es darum gehen würde! Als ob dreißig oder vierzig Kalorien mehr oder weniger einen Unterschied machen würde. Es fällt mir so unglaublich schwer, loszulassen, es zu akzeptieren. Ich muss zunehmen, ich bin nicht zu dick. Verdammt. Ich habe jetzt schon Bauchschmerzen beim Gedanken an Montag – Videoaufnahmen zur Selbstwahrnehmung. Ich will mich nicht wieder ansehen und denken „so sollte es bleiben, auf keinen Fall zunehmen, tendenziell lieber ein bisschen abnehmen, vor allem an den Beinen und am Bauch…“.
Tja. KBT (Konzentrative Bewegungstherapie) war dann auch ein totaler Schuss in den Ofen. Ständig Missverständnisse. Ungerechtfertigte (?) Kritik von allen Seiten, und was bleibt ist die Frage, wie ich damit umzugehen habe. Ich drehe mein Fähnchen NICHT nach dem Wind, aber ich bin diplomatisch und versuche, niemanden zu verletzen – white lies. Ist das falsch? Warum ist es mir so wichtig, mich zu verteidigen und „gut dazustehen?“ Kann ich nicht einfach hinnehmen, dass ich nicht perfekt bin und Fehler mache? Ich sehe immer nur meine Fehler und Fehltritte und verurteile mich dafür. Und die anderen? Warum kann ich nicht einfach ordentlich wütend werden, sondern hadere mit MIR? Versuche, MICH anzupassen statt etwas Verständnis von außen einzufordern. Ich stecke fest.
Habe nur geweint. Nach dem Mittagessen ging gar nichts mehr. Bewegungsdrang, Völlegefühl, Panik (ganze Portion!), das Gefühl zu versagen. Ich hatte mir vorgenommen, größere Bissen und schneller zu essen. Die ganze Zeit über ekelte es mich an, ich hatte den Eindruck, alle beobachten mich und denken, dass ich schlinge und fresse und stopfe. Und am Ende wäre ich wieder fast nicht fertig geworden. Scheiße.
Muss besser werden. Fange wieder mit Promethazin an.

15.9.2010
Klare Verbesserung zu gestern: mehr Ablenkung von meinen Problemen. Habe mich in der Gruppe sehr zurückgenommen. Fühlt sich ganz gut an, einfach zu schweigen, eine neue Erfahrung…
Mittagessen war beschissen. Tortellini-Berg mit sahniger Sauce und Champignons. Ich kaue Kohlenhydrate in komprimierter und extrem stopfender Form. Danach: Magenschmerzen. Bewegungsdrang nachgegeben – ich bin wieder im Garten auf und ab gelaufen. Schlechtes Gewissen, zu Recht. Außerdem habe ich beim Fernsehen Beine heben und senken gespielt… Mein Bauch wächst und wölbt und dehnt sich, und ich kann nichts dagegen machen. Machtlos. Ich hasse das Essen. Ich hasse meinen Körper. Heute habe ich mir gefühlte 6 Mal eine neue Frisur gemacht, was nicht geholfen hat – ich finde mich nicht schön. Ich mag mein Spiegelbild nicht. Mein Körpergefühl sagt mir, dass die Zunahme dieses Mal nicht so glimpflich verlaufen ist… Angst vor Freitag!
Immerhin, ich muss meinen Schnitt verbessern, damit ich in zwei Wochen mit Papa wegfahren darf. Das tröstet oder vertröstet, ja. Einerseits und andererseits.
Mit Mama zu telefonieren war schön, auch wenn es nur kurz war. Und der Abend unten mit Stella, Melisa und Franziska war auch ganz nett. Ich muss mich eben ablenken. Mich setzen. Durchatmen. Kontrolle abgeben.

16.9.2010
Körpergefühl wird immer schlechter, Stimmung ebenfalls.
In Kunsttherapie die Frage – was ist meine größte Stärke? Das was ich am besten kann?
Ich kann lieben. Ein flammend rotes Herz.

17.09.2010
Ich habe natürlich vor dem Wiegen nicht auf die Toilette gehen können. 44,9. Die Fünfundvierzig macht mir Angst, das ist eine von den imaginären Grenzen… Na gut, wenn ich das Wasser abziehe, das sich in meinen Fesseln staut, plus meinem Darminhalt, ist es real weniger.
Dreihundert Gramm. „Das passt“, sagt Frau Franke. Passt? Wie eine Konfektionsgröße?
Mir passt gar nichts. Mein Körper ist zu viel. In meiner Kleidung wirke ich massig. Nein, ich BIN massig. Ich nehme Raum ein. Ich bin ein träger Körper, ich bin faul, ich bin fett. Ich hasse mich.
Gruppe hat heute gar nichts gebracht.
Horror im Spiegel: meine Oberarme sind schwabbelig und fett. Ich kann sie nicht mehr mit den Fingern umschließen wie vor drei Wochen in KBT.
Mit Natascha längeres Gespräch über das Leben gehabt. Eben noch mit Stella und Melisa über die Krankheit gesprochen.
Fühle mich schlecht.

Dienstag, 4. Dezember 2012

Rückblende.


Toulouse, Mai 2009

Wir tanzen schon seit ein paar Songs, der Club ist voll und die Luft subtropisch. Mein Gesicht ähnelt von Nahem betrachtet dem von Kate Winslet und zwischen meinem Jeansrock reiben meine Oberschenkel aneinander, schwitzend und unangenehm. Alles ist unangenehm, der Rotwein, der mich bis zur Schädeldecke ausfüllt, die Lichter und die Bässe. Ich weiß nicht mehr, wie er heißt, er ist so groß wie ich und 36 Jahre alt. Seine Arme sind kräftig und glänzen vor Schweiß, er riecht nach Aschenbecher und Eau de Cologne. Sein Drei-Tage-Bart krazt meine Wange, dann stößt er unvermittelt seine kleine, raue Zunge in meinen Mund. Bier, Rauch, Wildheit. Ich will ihn nicht zurückküssen, ich habe noch nie jemanden geküsst. Er ist ekelig.
Die Geräuschkulisse und die tanzenden Körper verschmelzen zu einer unheimlichen Bedrohung, fremde Hände tasten nach meinem Rücken, meiner nackten Haut, eine Hand fährt zwischen meine Beine. Ich will nicht. Ich sterbe.
Ich verschwinde.
Da ist noch ein Mann, ein Junge, vielleicht 18 Jahre alt. Er lässt mich an seiner Zigarette ziehen. Ich huste und er lacht glockenhell. Er ist ein homosexueller Engel. Groß, überirdisch schön, blond, große grüne Augen und dichte dunkle Wimpern. Mein Französisch reicht nicht aus, um ihm zu erklären, was ich fühle, wie tragisch diese Nacht für mich ist, aber er ist ohnehin zu betrunken um mich zu verstehen. Er küsst mich auf die Stirn, sieht aus wie August Diehl in „Was nützt die Liebe in Gedanken“, nur tröstlicher und weniger wahnsinnig, lässt mich auf seinem Schoß sitzen. Sein Sexfreund kommt ihn abholen und ich schwirre allein weiter durch die Nacht.
Um sieben Uhr morgens sitze ich mit meinem Gastgeber / Austauschpartner und seiner magersüchtigen, bildhübschen besten Freundin Manon auf einem Kirchenvorplatz und und recke meinen schwülen Kopf ins fahle Licht. Ich spüre noch jede einzelne, eklige Berührung meiner Haut, fühle ein Ziehen und Pochen hinter der Stirn. Bin ich jetzt eine Frau? Habe ich diesen Mann verführt? War das meine Schuld? Bin ich eklig?
Mein Gastgeber fragt mich, mal ganz im Vertrauen, ob ich denn essgestört sei? Naja, es sei allen aufgefallen, dass ich so viel esse und dann häufig auf die Toilette gehe. Tu fais vomir?
Ich blicke an ihm vorbei ins Leere und schäme mich in Grund und Boden dafür, dass ich sechzehn bin und kurvig und unreine Haut habe. Dafür, dass ich in jeder 5-min-Pause in der Schule schnell etwas esse und dann aufs Klo renne, um mein Gesicht nachzupudern. Ich bin Make-up-süchtig und paranoid. Ich will nicht, dass jemand meinen Magen knurren hört, meine Pickel oder meine gelben Zähne sieht. Ich schäme mich, dass man von mir denkt, ich würde kotzen gehen. Ich habe noch nie gekotzt. Ich schäme mich, dass ich einen Fremden an meine Wäsche gelassen habe. Ich bin eklig.
Ich sage, ich wäre nur eitel und müsste deshalb ständig in den Spiegel gucken.
Er ist erleichtert. Manon blinzelt zu uns rüber und reckt ihre Ärmchen, fährt sich mit einer stilvoll beringten Hand durch die dicken blonden Haare. Mein Herz stolpert, als die morgendliche Brise ihren Duft, One by D&G, zu mir weht.
Ich weiß nicht, was hier passiert. Ich bin bodenlos und wund und verliebt und verkatert.

Samstag, 3. November 2012

Assoziatives Schreiben.

Ich laufe durch den feinen Nieselregen nach Hause und der nasse Asphalt spiegelt die goldenen Straßenlaternen.
Von links und rechts dröhnt Musik auf mich ein, strömt durch beide Gehörgänge und trifft sich in der Mitte meines Gehirns, so fühlt es sich an. So laut, dass meine Schritte und meine visuellen Wahrnehmungen wie ein Film wirken.
Editors in den Ohren und riesige Schatten auf den Straßen: mein  privater film noir im Kopfkino, Spätvorstellung.Ich komme von einem kleinen, aber feinen Konzert in der Kneipe meines Stiefvaters. Nachdem er ein Saxofonsolo für die Lindenberg-Cover-Band gespielt hatte, wurde es mir zu viel und ich machte mich auf den Rückweg. Zu viel "Familie". Meine Schwester und meine Mutter hinter dem Tresen, die Bier ausschenken, überall alte "Bekannte" meiner Eltern. Und Phoebe, die eigentlich gar nicht weiß, wo sie ist.

Auf dem Heimweg, unter der charmanten Regie meines Groß- oder Stammhirns (das ist mir ziemlich wayne, um ehrlich zu sein), kamen natürlich die folgenden Assoziationen hoch:

1. Heimweg, Regen, goldenes Licht: Die Zeit nach der ersten Klinik, als ich abends unter einem Vorwand ("Ich hole noch mal zur Sicherheit einen Liter Milch aus der Kneipe, Tschüssi") die Wohnung verließ um einfach nur durch die Nacht zu laufen und dabei (einfach nur) ein paar zusatzliche Kalorien zu verbrennen. Ich war nahezu zwanghaft was das Laufen angeht, nach der Klinik fast noch extremer als zuvor. Ich sammelte Kilometer wie andere Flugmeilen.

2. Editors: Das Lied "Camera" habe ich in der Inneren Medizin den ganzen Tag gehört. Ich stöpselte mir die Stecker in die Ohren und schlurfte in Ballerinas und mit einem gewaltigen Infusionsständer zum Aufzug, die ersten Takte untermalten stets das Sich-Öffnen der Türen und meinen Weg in den Raucherbereich. Der Pförtner zwinkerte mir zu, der Infusionsbeutel wackelte bei meiner scharfen Rechtskurve. Die anderen Patienten lächelten mir freundlich zu, es war Juni und die schönsten Wochen meines Lebens. Meine Shorts schlabberten um meine Giraffenbaby-Beine, meine Haare waren zu einem unordentlichen Dutt verknäult und ich fröstelte leicht in der prallen Beton-Sonne auf den weißen Plastikstühlen, während ich eine Kippe nach der anderen rauchte und die ZEIT endlich von vorne bis hinten lesen konnte. Ich freute mich wie Bolle auf die jeweils nächste Mahlzeit, die Besuche von T. und das Erscheinen des neuen SPIEGEL. "Look at us - Through the lens of a camera - Does it remove - All of our pain?" sang Tom Smith und ich versuchte es.
Ich betrachtete mich, uns. Von ganz weit weg, von oben, aus der Sicht eines Menschen der mein Bild in ein paar Jahren betrachten sollte. Und ich war mir so verdammt sicher, dass der Schmerz hier, in diesem Krankenhaus, in diesem verfickten Sommer, aufhören würde.
 

3. Ebenfalls Editors: Der Grund, weshalb der Schmerz hier nicht gelindert, sondern verschlimmert werden würde. Die Psychosomatische Station, meine Affäre mit R., Fressanfälle, 20 kg Gewichtszunahme.
R., der einzige Mensch den ich kannte, der diese Band kannte. R., der mir das Lied "Papillion" für immer verdarb, weil ich es bin, die besungen wird, und "The Boxer", weil er es für mich lebte.
R., 43 Jahre, ehemaliger SPD-Politiker, depressiv, frankophil, Romantiker, Nietsche-Freund, verhinderter "Künstler", Patient mit regressiven Anwandlungen. Ecetera. Ich könnte viel über ihn schreiben und über das, was zwischen uns entstanden ist und wie, aber ich bin mir nicht sicher ob euch Leser das wirklich interessiert. Das, beziehungsweise er, war jedenfalls die zweite Assoziation zu dieser Musik. 





Und damit will ich im Grunde nur sagen, wie wundervoll und schmerzhaft zugleich so ein kleiner Abendspaziergang doch sein kann, wenn man aus unerfindlichen Gründen eine Band aus der Wiedergabeliste seines Walkmen wählt, die man sonst guten Grundes überspringt. Und wie schön das Licht unserer Laternen sich auf dem nasskalten Asphalt spiegelt.
Das wollte ich sagen.


Und listen to that man: 




Dienstag, 30. Oktober 2012

Fische, Milben, Vogelköpfe, das Leben und Stehpartys.

Danke für eure ehrlichen Antworten. Ich finde es sehr berührend und ermutigend zu lesen, dass eure Ängste den meinen sehr ähneln und ich mich in vielen Aussagen wiederspiegele.
Das mit der Angst ist ein großes Thema.



Vor anderthalb Jahren, in einer Gruppenrunde in der Psychiatrie, haben wir intensiv darüber geredet. Ein Mitinsasse war 45 und Offizier bei der Luftwaffe mit paranoiden Psychosen. Er hörte Stimmen und glaubte, er bekäme Anweisungen von irgendwelchen Geheimdiensten. Bis die Medikamentendosierung stimmte, wandelte er umher und dachte, jeder einzelne Arzt oder Pfleger wolle ihn vergiften und an die Russen ausliefern, weswegen er sich sogar Faustkämpfe mit ihnen lieferte.
Ich empfand das damals als befremdlich und insgeheim ein wenig komisch, wie in einem mittelmäßigen Hollywood-Film eben. Aber diese Dimension der Angst habe ich selbst nie erfahren. Diesen Verfolgungswahn, Stimmen hören und so weiter.
 Alles was ich kenne, sind die verschiedenen Graustufen dessen, was ihr beschreibt, plus meine persönliche Urangst vor Verlusten (= Beziehungen, einstürztenden Häusern, um meiner Mutter).
Man könnte jetzt darüber diskutieren, was erträglicher ist, und ich würde mich sicherlich jenen Diskutanten anschließen, die plädieren: "eine ausgewachsene Psychose in Verbindung mit sozialer Phobie und Paranoia ist natürlich sehr viel tragischer als Verlust- und Versagensängste, Unsicherheit, Leere und ein paar knackige Panikattacken sonntagmorgens!". Was letzteres aber nicht verharmlost oder abwertet.
Ich will damit nur sagen, dass wir glücklich sein sollten, uns mit einigermaßen hoher Wahrscheinlichkeit meistens unseres eigenen Verstandes bedienen zu können, überwiegend "Herr im eigenen Haus" zu sein.
Dennoch: Ich kenne das, jenen Zustand in dem die eigene Essstörung/Depression/Persönlichkeitsstörung die Oberhand ergreift und mich zu steuern scheint, mein Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen will.
Und leider, leider lasse ich sie auch viel zu häufig gewähren und mich leiten. Aber warum?
   Warum wähle ich nicht die Selbstbestimmung?
   Warum lebe ich in einer Diktatur meiner kranken Persönlichkeitsanteile?
   Warum fresse, hungere, heule, schlafe, leide, schneide ich (mich)?
Die Antwort ist so einfach, dass man sie beinahe zu übersehen glaubt:
"Sie haben Angst, Phoebe."
Ich antworte meiner Therapeutin, ich hätte keine Angst so wie früher, wäre furchtlos inzwischen.
Sie widerspricht mir und erklärt, die Angst sei der Motor, der mein gestörtes Selbstbild und Verhalten am Laufen hält, weil sie mich lähmt und meinen Verstand verzerrt.
Angst ist eine Reaktion des limbischen Systems auf Stress.
Stress wirkt sich auf die Hormonproduktion im Gehirn aus, ebenso auf die Psyche (haha, das ist ja was ganz neues).
Teufelskreis durchbrechen?
Paranoia zulassen?
Ängste verdrängen?
Sich seiner Furcht stellen?
Psychotisch werden?
Wahnhafte Angst?
Stress aushalten Stressniveau senken.
Angst nehmen lassen Angst festhalten.
Alles stürzt zusammen sich fallenlassen vertrauen.
"Ich habe nur noch Angst vor Fischen, Milben, Vogelköpfen, dem Leben und Stehpartys. Und davor, fett zu sein. Was wollen sie hören?"

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Vulkanologie und Angst.

Beziehungen sind zerbrechlich, instabil, unstet.
Jeden Tag muss ich darum käpfen, sie zu erhalten. Ich flicke und kitte und lüge und verrate und verschweige und gehorche, dass mir nur niemand mehr verloren gehen mag, jeden Tag. Jeden einzelnen, verschissenen Tag.
Seit ich sechs bin, lebe ich in mehr oder weniger ständiger Alarmbereitschaft.
In ständiger Angst.
Ich beobachte und lerne. Ich lerne: niemand braucht dich so sehr wie du ihn brauchst. Niemand braucht dich so sehr wie deine Mutter. Niemand verletzt dich so sehr wie dein Vater.
Es gibt kein Gleichgewicht der Kräfte, der Bedürfnisse.
Es gibt keine Sicherheit.
Jahre später, wenn ich unter paranoid anmutenden Panikattacken leide, werde ich das Gefühl haben, die ganze Welt warnen zu müssen, dass ihre Gebäude, deren Statik, die Elektrizität, alles, die Autos, die Abwasserkanäle unter ihnen, das all das dem Wind nicht stand hält. Ich werde hyperventilieren und wissen: Es gibt keine Rettung. Jemand hat sich verrechnet, verplant. Es ist zu laut hier, die Schallwellen könnten Häuser zum Einsturz bringen. Jedes Hochhaus hat so viele Gasanschlüsse, so viele Wasserleitungen, die platzen können. Jedes Sitzelement im Wohnzimmer muss doch so schwer sein, dass die Mauern unter ihm nachgeben? So viele Menschen, und ich werde sie nicht retten können.
Ich werde keine Todesangst haben, ich werde Angst haben um meine Mutter. Dass sie stirbt.
Im Alter von sechs Jahren bin ich ein stilles, kluges Kind, ein wenig stur und sehr wählerisch. Und ich habe große Angst. Ich werde niemanden halten können, das ahne ich. Wie denn auch?
Als meine Eltern sich trennen, bin ich dreizehn. Ich begreife, dass alles auseinander fällt, mein Vater bedoht uns, er will sich töten. Meine Mutter und meine Schwester weinen und schreien, ich zittere vor Angst und versuche, ihn mit Worten zu beruhigen. Blut strömt aus seiner Nase, er verliert den Verstand, denke ich, und rede munter weiter auf ihn ein.
Nach der Trennung holt er mich und meine Schwester manchmal ab, Essen gehen. Es gießt in Strömen und wir fahren nicht zum Restaurant. Wir fahren Landstraße. Ich sehe den Tachometer und schweige. Mein vater rast schweigend durch das Gewitter, als jage er den Tod. Meine Schwester weint leise. Ich bin vierzehn, Mobbing-Opfer und hochbegabt, und ich bin bereit zu sterben in diesem Scheißauto.
Nichts passiert.
Ich verliere meine Freundinnen an die cooleren Cliquen der Schule, an Jungs und an die Depression.
Ich bin schwach, ohne schwach zu wirken, müde, ohne müde auszusehen, und ich habe Angst.
Ich mache noch eine Therapie, mit siebzehn, verliere die Panikattacken und werde magersüchtig.
Ein Jahr später lerne ich mein antologisches Gegenüber kennen: T.
Er lehrt mich, ohne sich dessen bewusst zu sein: Ein Wort, und alles ist vorbei. Eine Geste, und wir sind tot.
Es fasziniert mich, das Spiel mit dem Risiko. Es ist anstrengend, aber endlich kann ich meine erworbenen Fähigkeiten anwenden: Unterordnung, Betrug, Schlichten, Trösten, Schützen, Retten, subtil Kritik üben, sich Festbeißen.
Ich liebe ihn und bin unfähig, ihn loszulassen.
Er liebt mich und stößt mich von sich, immer wieder in den Abgrund, um dann in der letzten Sekunde halbherzig seine Hand auszustrecken und mich wieder hochzuziehen.
Das endlose Spiel. Er wärmt mich, überschüttet mich mit Komplimenten und Liebe, um dann, ganz unertwartet, wegen einer Lappalie auszurasten und mich zu hassen. Er beendet die Beziehung, schimpft und wütet, schlägt nach mir.
Ich habe mein Handy den ganzen Tag bei mir, weil ich erfahren habe was passieren kann, wenn ich nicht erreichbar bin. Ich setze Worte auf blauen Samt, wenn er hochkocht.
Ich tanze auf dem Vulkan und hole mir Narben und Brandwunden, aber ich möchte mich der Illusion hingeben, ihn zähmen zu können, und dann irgendwann einen so wertvollen Vulkan zu besitzen, sicher zu wissen.

Sonntag, 7. Oktober 2012

Schwarze Lunge. / Anfang.

Ich bin Kettenraucherin.
Angefangen habe ich (hat alles) in der Nacht zwischen dem dritten und vierten Februar 2010.  
Meine beste Freundin A. wurde volljährig. Nachdem wir in Frankfurt Cocktails getrunken und überteuerte Enchiladas verspeist hatten, kauften wir mit jugendlichem Übermut ein Päckchen Marlboro. Wir trugen Trenchcoats von Benetton, unsere elegantesten High Heels und fühlten uns wahnsinnig erwachsen und mondän, als wir ein Taxi (Stichwort High Heels) heranwinkten und angetrunken kichernd in ihre Wohnung fuhren.
A. war Waise und lebte mit ihrer Großmutter und einem fetten Kater im vierten Stock eines Plattenbaus. Wir legten Muse auf und ließen die Beine vom Fensterbrett in die Nacht baumeln, tranken Rotwein aus Wassergläsern, philosophierten über den Tod und schmiedeten verrückte Zukunftspläne („Ich werde unfassbar kluge Bücher schreiben und in einer Altbauwohnung mit Stuck an den Decken leben, allein versteht sich, und Affären mit anderen Künstlern haben. Aber es wird mir nichts bedeuten, ich werde sie ausnutzen und in den Wahnsinn treiben. Scheiß Männer, ey!“).
  Das Päckchen Kippen leerte sich zunehmend.
Ich weinte ein bisschen wegen diesem Politik- und Geschichtslehrer, Rouven, wir duzten uns und er hatte mir in den vergangenen Monaten schöne Augen gemacht.
Komplimente, ein Beatles-Ständchen („Honeypie, you are making me crazy, I'm in love but I'm lazy...“), Tenor-Sopran-Flirts in unserem Oberstufen- und Lehrerchor.
Ich muss dazu sagen dass er nicht mein Lehrer war, wir kannten uns nur durch den Chor und die dazugehörige Probenfreizeit (Vivaldi bei der Weihnachtsfeier) im Winter, bei der es heftig geknistert hatte. Ich war 17, wog etwa 67 kg und war als Rosa Luxemburg der Schule in Business-Outfits verschrien, er war 36, Charmeur und Galant, narzisstischer Prediger kapitalismuskritischer Parolen, rhetorisches Genie und der Lehrkörper mit den blauesten Augen der Schule.
Nach den Weihnachtsferien begrüßte er mich, indem er meine Hände in seine nahm und mir tief in die Augen sah.
  Ich war ein bisschen verknallt, gebauchpinselt und naiv, er hatte mich in seinem Auto mitnehmen wollen, wir trafen uns auf dem Schulflur („Na, du siehst gestresst aus, alter Mann!“ - „Hallo schöne Frau! Ach, mein LK bringt mich noch um. Ich habe deine Facharbeit durch, das ist ganz groß, ich bin echt beeindruckt. Nein wirklich.“ - „Danke. Wow.“ - „Ich muss leider... Aber, Phoebe – du riechst wahnsinnig gut. Was ist das?“ - „Chance von Chanel.“ - „Mademoiselle porte Chanel... Au revoir, mignonne!“).
Dann, ganz plötzlich, war es vorbei mit den kleinen Aufmerksamkeiten. Kein Kuchen mehr, den er mir in meiner Freistunde schenkte, keine mehrdeutigen Blickkontakte beim Singen, kein Interesse mehr für meine „beeindruckende“ Facharbeit, mein Parfum, meine Meinung zu diesem oder jenem.
  Ich wusste, dass unser Schul- und Chorleiter ihn auf mich angesprochen hatte.
Was ich nicht wusste, war dass ich nicht die erste Schülerin war, die er mit seinem Charme „beglückt“ und um den Finger gewickelt hatte, das würde ich erst Monate später erfahren.
  A. klopfte mit den Füßen gegen die Hausmauer und berührte tröstend meine Schulter. Matthew Bellamy jaulte und schrie sich die Seele aus dem Leib, und ich machte mir ernsthafte Gedanken über das Erwachsenwerden. „Ich glaube, ich nehme ein paar Kilo ab. Was meinst du? Nur um ihm und all den anderen Wichsern in den Arsch zu treten. Er soll sehen, wie ich immer attraktiver werde und dass er nicht der einzige Mann ist, der mich ansieht.“ 
A. zuckte mit den Schultern. Sie war zehn Zentimeter kleiner als ich, hatte goldfarbene taillenlange Locken und eine perfekte, zierliche Sanduhrfigur. „Das brauchst du nicht. Echt nicht.“ Ich widersprach ihr im Geiste und angelte die letzte Marlboro aus der Schachtel. 
Mein Körper war voller unpassender Rundungen, ich hatte kaum Taille, dafür aber ausladende Hüften, stämmige Arme und einen fetten Arsch. Und schwabbelige, fette Brüste. Das musste dringend einmal generalüberholt werden, wieso kam ich erst jetzt darauf?
Klar, ich liebte Essen.
Ich liebte Schokolade, Chips und das Essen meiner Mutter, ich aß am meisten von meiner ganzen Familie und das schien niemanden zu stören.
Wenn es mir nicht gut ging oder mir langweilig war, stöckelte ich in den 5-min-Pausen mit meinen Stiefeletten zum Automaten und schob in Turbo-Geschwindigkeit eine Tafel Ritter Sport in mich hinein, oder auch ein fettes Nougat-Croissant. Ich konnte anderthalb Pizzen essen plus die Nudelreste von meiner Schwester.
Ich hatte das bisher nie problematisiert. Ich war eine Fressmaschine!
Das ziemt sich nicht für eine Tussi, die eine Lady sein möchte. Immerhin rauchte ich jetzt. Ich betrank mich auf dem Fensterbrett! Ich musste jetzt, verdammt noch mal erwachsen werden. Und erwachsen heißt auch: diszipliniert!
A. und ich sahen uns in jener Nacht noch Fatih Akins „Gegen die Wand“ an, weil wir ohnehin nicht mehr schlafen konnten, ein fetter Kater wärmte meinen Bauch und ich aß meine Henkersmahlzeit (Honigsmacks).
Das war der Anfang von allem.
Mit dunkel umschatteten Augen fragte A. mich, ob ich das ernst meine mit dem Abnehmen, ich bejahte.
„Naja, jedenfalls solltest du dir später Zigaretten kaufen, honey. Du weißt ja das Rauchen beim Abnehmen hilft. Irgendwie wirkt Nikotin auf den Stoffwechsel.“

Dienstag, 25. September 2012

Wie wird man adipös?

Diese Frage habe ich mir schon häufig gestellt.
In der ersten Klinik gab es eine Station extra für Adipositas-Patienten und einen, mit dem ich häufiger mal auf einer Bank am Parkplatz gesessen und eine geraucht habe. Interessanterweise glichen sich unsere Biografien und Denkmuster, nur dass er schätzungsweise fünf bis sechsmal so viel Gewicht mit sich rumschleppte wie ich.
Seit ich mit Fressanfällen kämpfe erscheint es mir gar nicht mehr so undenkbar, in seine Lage zu geraten (genauso wie es für ihn undenkbar ausgesehen haben muss, so wie ich zu enden). Im Prinzip nimmt man an Gewicht zu, wenn man sich überfrisst. Wie alle kennen sie aus MTV-Trash-Dokus: arbeitslose Amerikanerin mit 500 Pfund Körpergewicht sitzt auf ihrem Sofa vor der Glotze und lässt sich von ihrem um einiges schlankeren Freund Kistenweise Donuts und Pizza-Hut-Käserand-Pizzen ankarren, welche sie mit zehn Liter Coke und Sprite runterspült (dass sie Amerikanerin ist, tut dabei natürlich nichts zur Sache. Ist nur so ein beliebtes Motiv). SO wird man Fettleibig.
Wo liegt der Unterschied zu meinem Essverhalten in der letzten Zeit?
  Es gibt keinen. Ich platze hoffentlich und sterbe an einer Magenperforation. Verdient hätte ich's.
Ich will das gar nicht groß problematisieren (was ich dennoch tue), es wird wieder aufhören. Aber es ist so sinn- und zwecklos.
Meine Therapeutin ist krank und ich ekele mich vor mir, trés choutte! Ich schneide mich fröhlich weiter und hoffe auf eine Eingebung von oben, die mich zwingt, wieder zu hungern und Sport zu machen.
Von T. scheint diese Eingebung nicht zu kommen. Er verliert sich zwischen "Ich will lieber sterben als weiter mit dir zu leben, so schrecklich bist du als Mensch" und "Bleib hier. Ich liebe dich". Er sagt, ich würde "gut" und "vernünftig" essen und übersieht, wie viele Packungen Kinderschokolade in unserem Müll liegen, registriert nicht, dass ich Fressen gehe, wenn ich die Wohnung verlasse. Von einem Kiosk zum nächsten, kann kaum den Septemberwind (lauwarm und frisch) genießen, schnell: in den Supermarkt, da kann ich mit EC-Karte zahlen. Naja, klauen geht auch. Und weiter zum Bäcker. Ich fresse über die Erschöpfung hinaus, überall. Esse heimlich Croissants auf dem Klo, Nudeln aus vollen Töpfen, Nougat aus der Jackentasche, ohne zu knistern.
Und es ist nicht mal mehr lecker.
Meine Haut zirpt und spannt, ich lagere Wasser ein und bekomme (Paranoia?) Dehnungsstreifen. Aber so genau sehe ich seit einer Woche nicht mehr hin. Kein Körperkontakt, nicht mal von mir selbst, ERST RECHT nicht von mir selbst.
  Wenn ich das, sagen wir, ein paar Monate weitermache, werde ich dann adipös?
Und darf ich dann endlich eine Fettabsaugung machen lassen?
Mama, wieso wird man dick vom Essen?
Und wieso mag ich das Essen nicht mehr?

Und wieso zur Hölle esse ich dennoch weiter?!

Sonntag, 16. September 2012

Incredible.


Unfassbar. UnFUCKINGfassbar!
Die Waage zeigt: 57,6 kg. Und das, obwohl sich in mir noch der Mageninhalt von zwei Tagen befindet (AFM haben noch nicht gewirkt).
Ist das zu glauben? Ich bin überglücklich.
12 Tage Diät und schon 5,1 kg weniger.
Wuhu.
Jippijay!
  Es kann so weiter gehen. Ich bitte doch sehr darum.

Zur Feier des tages ein paar alte Bilder von mir, um mich noch ein wenig weiter zu motivieren, am Ball zu bleiben:

Mein 18. Geburtstag, 2010

Freigang aus der Klapse, 2011



Mittwoch, 12. September 2012

Good Morning Vietnam (Germany).

Moin.

T. hat mich leider unabsichtlich geweckt und seitdem bin ich ruhelos. Gegen das Magenknurren gab es einen Kaffee mit einem Schluck Milch, um die abzutrainieren (PANIK) gab es Sit-Ups, Beinscheren und Kniebeugen. Vielleicht sollte ich die Wohnung putzen, das wäre zumindest sinnvoller als zu Rauchen und mir merkwürdige Talkshows reinzuziehen.
Eben lief "Menschen bei Maischberger" in der Wiederholung. Der Zufall wollte es so - das Thema war Übergewicht. Zu Gast unter anderem Altmaier, das fette Schwein, diese magersüchtige Alexa ("- Ich kämpfe gegen ihre Kilos", RTL) und Mr "Du willst abnehmen und dauerhaft schlank bleiben? Mit dem 10 Weeks Body Change Program habe ich es geschafft, in 10 Wochen 20 Kilo abzunehmen" Soost. War überaus unterhaltsam. Die sind sich richtig an die Gurgel gegangen und "D!" (wie kann man sich so einen bescheuerten Namen geben?!) war noch am vernünftigsten...

Ach, ich könnte so etwas den ganzen Tag sehen. Beziehungsweise die ganze Nacht. Was ist nur aus mir geworden? T. wirft mir das auch immer vor, scherzhaft natürlich.
Als wir uns kennenlernten, war ich diese ätherische, verhuschte Gestalt, in Joy Division-T-Shirt und dicke schwarze Mohairschals gehüllt, mit Walkman (ich bin ja so retro) auf dem Balkon der Psychiatrie zu den Chameleons und The Smith tanzend, von einer versnobten Aura des "Intellektuellen", "Linksradikalen" und "kulturell Anspruchsvollen" umwabert, alles mainstreammäßige boykottierend ("Ich sehe kaum fern. Nur 3sat und arte". Pöhö.). Gespräche mit mir waren saumäßig anstrengend, weil ich permanent in Bewegung war (42 kg). Und wie das so ist, schon nach einigen Wochen, nachdem der erste Schleier des rosaroten Verliebtseins sich lüftete - surprise! Ich bin ein stinkechter Normalo. Ich liebe amerikanische Sitcoms, ziehe mir Kochshows rein, labere Blödsinn und verwende Ausdrücke aus der verpönten "Jugendsprache". Ich kann mich für Trash-TV und Germany's next Topmodel begeistern. Und liege dabei faul aufm Bett. Jawohl!
Das ist alles okay, Robbie Williams hören und Mamma Mia sehen hat meinen Horizont wirklich erweitert und mich von einem arroganten Gör zu einer, sagen wir, toleranteren Frau gemacht.

Ich hasse meine Vergangenheit, bis ich ihn traf. Und gleichzeitig werde ich mich immer hassen, wenn ich bei ihm bin, für das was ich ihm angetan habe. Ich bewache seinen Schlaf vom Schreibtisch aus und fühle... Scham.

Sonntag, 9. September 2012

Mein Nest.

Wie angekündigt versuche ich jetzt, die (für mich) wichtige "Erkenntnis" aus meiner letzten Therapie am Donnerstag zu rekonstruieren. Mein Kopf ist zwar leer wie ein Fahrradschlauch, aber ich probiere es.

Warum sehne ich mich so nach diesem Zustand anfang letzten Jahres? Meine Therapeutin bat mich, diese Sehnsucht zu beschreiben. Was ist es denn gewesen? Wie kann es gut gewesen sein, wenn es die Phase vor DEN prägenden zwei Monaten in der Psychiatrie zur folge hatte (Suizidversuch, Riesenkrach mit meinen Eltern, Beerdigung meiner geliebten Oma und eines Kumpels, der Selbstmord begangen hat, und dann, ganz plötzlich, T. an meinem Horizont, Verliebtheit, mein erstes Mal,...)?!

Okay. Ich beame mich zurück. Hinter mir liegt mein allererster erste Klinikaufenthalt in Bad Bodenteich, Lüneburger Heide, KLinik für Psychsomatik, explizit für Essstörungen. Ich kämpfte mit mir selbst, mit den Therapeuten, mit den Mitpatientinnen. Es war schrecklich und zugleich bereichernd. Ich machte endlose Spaziergänge durch die Heide, durch kleine Wälder, am See entlangt (der besonders schön glitzerte zwischen Oktober und November, wenn Dunstnebel über dem Wasser stand und die kalte Herbstsonne sich durch den blaugrauen Wolkenhimmel kämpfte). Ich verbrachte meinen Eintritt in die Volljährigkeit mit meiner Familie, wir fuhren nach Lüneburg und ich aß eine Kugel Eis im Hundertwasserbahnhof von Üelzen. Ich fuhr mit zwei Mitpatientinnen nach Hamburg und fühlte mich so eins mit mir wie noch nie. Ich wog knapp 49 Kilo bei der Entlassung, das waren ungefähr 10 kg mehr als bei Einweisung anfang August.
Im Winter 2010 aß ich brav meinen Essplan aus der Klinik, 40%igen Quark und fetten Käse. Ich fuhr ein paar Mal nach Mainz zu einem Verhaltenstherapeuten für Essstörungen. Ich erinnere mich an die unfassbare Kälte des Winters, an die vielen Schichten Kleidung, die ich trug. Daran, dass ich die Stunde Fahrt von Frankfurt nach Mainz in der Bahn stand und Placebo hörte. Ich war krank. Ich war besessen von meinem Gewicht und meinem Körper. Einmal in der Woche fuhr ich zu meinem Kinderarzt und stellte mich dort auf eine ungenaue, steinalte Waage. 48 kg. Ich jubelte innerlich. Ich zelebrierte meine Mahlzeiten wie ein religiöses Ritual. Ich musste um jeden Preis zu einer exakten Uhrzeit essen, die Lebensmittel immer in der gleichen Reihenfolge zu mir nehmen. Jede Mahlzeit musste mindestens eine Dreiviertelstunde dauern.
Ich begann, wahnsinnig viel zu laufen. In der Klinik war Bewegung tabu gewesen, aber jetzt spürte ich den feinen Stich, das Kitzeln, die Stimme die mich aufforderte, zu gehen, einfach nur zu gehen, immer intensiver. Ich gab nach. Ich ging. Im Stechschritt. Eingehüllt in dicke Mäntel und mit zwei paar Handschuhen bewaffnet begann ich im Winter, nach jeder Mahlzeit durch die Gegend zu laufen. Joggen schien mir zu gefährlich, also wurde es ein sehr flottes Gehen über Eisschollen und verfrorenen Boden. Meine Zwischenmahlzeiten wurden kleiner. Ich lief eine Stunde zu einem riesigen Supermarktcenter und verbrachte dort eine weitere Stunde damit, vor dem Kühlregal und bei den Konserven nach geeigneten Mittags- und Zwischenmahlzeiten zu suchen. 47,8 kg. Ich notierte mein Gewicht Woche für Woche in einem schwarzen Notizbuch. Mein Gewicht nüchteren, zu Hause, und mein dummes, falsches Gewicht beim Kinderarzt. Erstellte Graphen, die immer weiter auseinanderdrifteten. 47,5 kg. Kurz vor Weihnachten suchte ich mir eine Schule heraus, um dort das Abi machen zu können. Andere Stadt, andere Schule, neue Chance?
Fest steht, ich wollte noch nicht wirklich. Ich tat es meiner Mutter zu liebe. Nach den Weihnachtsferien ging ich in die Q2, also das zweite Halbjahr der zwölften Klasse, man hatte mich ein Halbjahr überspringen lassen, weil mein Zeugnis so gut war.
Und hier kommt die Phase, nach der ich mich sehne.
Zum ersten Mal in meinem Leben sind die Mitschüler nett. Die Lehrer sind beeindruckend klug und respektvoll. Ich stehe um halb sechs auf, um mein ewig langes Frühstück einnehmen zu können. Das Brötchen mit Quark und Marmelade (zuckerarm) wandele ich in zusätzliche Löffel Marmelade, Quark und Vollkornflocken für mein Müsli um. Brötchen vor der Schule zu essen wäre so kompliziert.
Merkwürdig ist, dass ich eigentlich sehr unglücklich hätte sein müssen vor DER Phase. Aber daran erinnere ich mich kaum.
Ich erinnere mich an das Essen. Ich verwandele - Simsalabin - mein Mittagessen in kleine Zwischenmahlzeiten - Knäckebrot mit fettarmen Aufstrich, das ich liebe, und kleine grüne Apfel. Mein Vollfettquark wird zu 20%igem, der genauso schmneckt, und ich strecke ihn mit Wasser. Die Brote darunter werden kleiner, ich esse mehrere Knäckebrote statt einer Scheibe Vollkornbrot, spare hier und dort ein bisschen Kalorien. Nur ein wenig abnehmen, ich habe so viel Stress. Ein bisschen. 47 kg.
Meine Freistunden und Mittagspausen verbringe ich damit, im fahlen Sonnenlicht des Januar durch Bockenheim zu latschen. Ich erkunde das Viertel, finde heraus, wo ich hinkomme, wenn ich in diese oder jene Himmelsrichtung geradeausgehe. Ich bin scheu und verunsichert den Mitschülern gegenüber, erzähle ien paar Mädchen vorsichtig ein wenig über mich. Im Unterricht bin ich hellwach und aktiv, die Lehrer lieben mich. Ich bin eloquent und ordentlich. Auf meinen Collegeblock klebe ich stilvolle Bilder von stilvollen, ausgehungerten Models aus der Vogue. Ich wiege mich häufiger.
Der Zauber dieser drei Monate ist schwer zu beschreiben und von fragiler Schönheit.
Joy Division hören und mich endlich verstanden fühlen von Ian Curtis tieftrauriger, ausdrucksloser Stimme.
Wie ein Uhrwerk funktionieren und das Ticken im Inneren hören, man ist eine Zeitbombe, ein Zähler ohne Zünder (der Zünder wurde der Suizidversuch).
Immer weiter laufen laufen laufen.
Mich in philosophische Aufsätze vertiefel und dabei schwarzen Kaffe in rauen Mengen in meinen Schlund kippen, ich kam mir wie eine Studentin vor, ein cooles Gefühl. Es ist eine Oberstufenschule, die ich besuche, und alle sind so reif und leistungsorientiert. Ich muss lernen. Lesen. Ich lese Nietzsche, im Stehen, in der Bahn. Nabokov im Bett, die Beine hebend. 46,5 kg. Hey, das war ja ganz leicht. Und keiner merkt etwas.
Sie ist mein, diese Krankheit. Mein Geheimnis, mein Eigen, mein Schatz. (Gollum, Gollum)
Ich terffe J., wir gehen ins Theater zusammen. Ansonsten bin ich sehr einsam. Sehr, sehr einsam.
Ich verkrieche mich immer tiefer in das Geflecht aus Zahlen und Knochen und Luft dazwischen. Luft zwischen den Oberschenkeln, Luft um meine rote Nase, Luft zwischen den Zweigen meines kleinen Nestes.
Denn das ist sie, die Magersucht. Mein Nest. Es ist angenehm kuschelig, obwohl es doch aus scharfen Ziffern, Klingen und Knochen besteht. Es ist heimelig und so weit weg von allem Leben, dass es Schutz bietet. So weit hinaus möchte niemand, niemand wird mir hierher folgen. Niemand folgt mir, wenn ich das alte Schulgebäubde verlasse, um "einen Spaziergang" zu machen. Mein Nest strahlt etwas aus, das anderen Angst zu machen scheint, doch wenn man in seinem Inneren ist, gibt es nichts beängstigendes. Es gibt auch nichts Schönes, außer man steht auf rigide Selbstzerstörung. Es gibt keinen Schmerz, keine Träume, Pläne. Nur den einen - ein bisschen abnehmen. Und dem folgt man. Blind, Ohne zu zögern. Wenn das Nest der einzige Ort ist, an dem man sich sicher fühlt. Wenn der Hunger das einzige ist, das einen tröstet. Wenn man sich zwingt, durch die Kälte zu stapfen, ob wohl es tief im Hinterkopf ein zartes Klagen gibt, man solle besser ein heißes Bad nehmen und sich entspannen. Entspannen? Wozu? Man hat doch noch zu laufen heute. Das Essen zu verbrennen, das dürftige, anorektische, restriktive Essen.
Warum noch mal sehne ich mich nach dieser Zeit? Nach dem Nest?
46 kg. Ich bin dünn. Nicht so dünn, dass ich es gesehen hätte, aber dünn genug, dass ich es zu betonen versuche. Ich trage ausschließlich Strumpfhosen, kombiniert mit kurzen Röcken oder Shorts. Manchmal Skinny Jeans in Größe XS, aber das ist so kompliziert, immerhin wiege ich nicht mehr 40 kg und andere könnten meine Jeansbeine mit ihren Jeansbeinen vergleichen und dann denken - "Aha, das soll Magersucht sein? Ganz schön fett!".
Vielleicht ist das das einzige, wovor mich das Nest nicht schützt - die Blicke und Kommentare der anderen erreichen mich auch dort, hundert Meter über dem Meeresspiegel. Vielleicht sind sie neidisch, dass ich so hoch hinaus gekommen bin, mich allein körperlich so sehr vom "Normalen" entfernt habe. Aber das wage ich nicht zu glauben. Ich sehe Mitschülerinnen, die schlank, zum Teil sogar dünn sind, und hemmungslos Croissants in ihre hübschen Munder stopfen. Die sich zum Raclette verabreden, mich sogar einladen (ich sage, dass es nicht geht, weil das mit derm Essen bei mir ein bisschen kompliziert sei, ich war ja mal magersüchtig und so). Die sich in der Mittagspause einen Kakao gönnen und Schokoriegel knabbern, quatschen und lästern und Hausaufgaben erledigen, während ich wie ein Tiger durch die frostrige Kälte streife, immer auf der Hut, immer in Bewegung, immer rauchend, immer mit einem Tee oder Kaffee in der behandschuhten Hand, immer akkurat geschminkt und frisiert. Mein Gesicht ist noch sehr schmal, und ich entwickle eine Reihe von enganliegenden Flechtfrisuren, die meine Wangenknochen betonen. Ich trage einen alten, übergroßen Männercordmantel in beige, in dem ich noch verlorener und zierlicher aussehe. Ich beineide alle, die normal Essen, so wie ich es bis vor ein paar Monaten selbst getan habe. In der Klinik. Brötchen, knusprige Brötchen. Ein Schokoriegel und ein Stück Obst um drei Uhr. Ich nähere mich der 45 und mein Nest wird immer kleiner, scheint mich zu umschlingen. Ich kann kaum noch über den Rand aus Dezimalzahlen blicken. 45,8 kg, 45,6 kg.
Es ist ein morbider Zauber, ein morbides Glück. Ich esse doch noch sehr viel, dafür, dass ich untergewichtig bin, das freut mich irgendwo. Ich leiste etwas, oh ja. Ich lerne, seht ihr wie ich jeden morgen in die dunkle Umarmung des Morgens entschwinde, bei Minusgraden zur S-Bahn gehe, im Licht der Laternen die Schatten meiner Beine suche? Seht ihr, dass ich Nachhilfeunterricht gebe, dass ich früh schlafen gehe, dass ich so wahnsinnig folgsam um lieb und hilfsbereit bin? Ich bin zwanghaft, das ist die Wahrheit. Es läuft. Ich laufe. Ich laufe in den Tod. ---

Das war mein Frühjahr '11. Es war intensiv und zugleich schemenhaft wie ein Traum. Ich bin wieder in mein Nest geflüchtet, kurz nachdem ich es probeweise verlassen hatte. Hey, Sorry, draußen schien es mir doch ein wenig zu unsicher. Vier Monate Klinik und man ist wieder "da", wieder draußen, wieder im Leben? Oh no. Vier Monate Klinik und eine riesig schwere Elefantenangst, die einen langsam, aber sicher in das vertraute Nest zurückzwingt? Oh yes.
Danach wurde alle umso verwirrender und turbulenter.Vielleicht werde ich das ein anderes Mal beschreiben, für heute sind meine Worte erschöpft. Und jeder Leser, der sich durch dieses Gelabere durchgekämpft hat, sicherlich auch. Wer es schafft bekommt einen virtuellen Orden!
Alles Liebe!
Phoebe.




Montag, 6. August 2012

Essensphilosophie.

Ich habe einen merkwürdigen Gedanken.
Wie schön es wäre, wieder in die Klinik nach Bad Bodenteich zu kommen. Mit weniger als 40 Kilo.
Ganz behutsam aufgepäppelt zu werden.
Jeden Tag Schokoriegel essen zu dürfen, eine Stunde zu brauchen um langsam und vorsichtig Müsli mit Joghurt, Vollfettquark (lecker!) und Marmelade und ein knuspriges Käsebrötchen zu essen...
Auf dem Zimmer sitzen zu müssen und zu stricken. Langsam zuzunehmen und das Gewicht von 49 Kilo dieses Mal zu halten. Es genießen, jeden Tag 2000 kcal essen zu dürfen. Nach Hamburg zu fahren. Auszusehen wie ein Model, wieder ein Model zu sein. Leckerer Choclatemocha von Starbucks? Klar, ich kann schließlich Zwischenmahlzeiten austauchen. Dafür lasse ich eine Birne und 10g Butter beim Abendbrot weg.
  Ja, zum Mittag gab es Gemüsepizza mit duftendem Hefeteig. Und ich musste sie essen, ich durfte sie essen!
Ich weiß, damals war es ein Kampf. Mir ging es scheiße und ich habe mit jedem Bissen gekämpft.
Ich war so dünn und konnte es nicht sehen.
Heute wüsste ich diese Situation zu schätzen...
Es wäre wirklich schön. Bin ich krank? Abnehmen, um wieder ein bisschen zunehmen zu dürfen?
Doch genau das ist es. Wieder den Gedanken zu haben (oder sich einreden zu lassen), man sei zu krank und MÜSSE zunehmen.

  Das zweite Mal, dass ich in eine Klinik gegangen bin, ging das mit den Essanfällen los. 20 Kilo in 8 Wochen. DAS war nicht so toll. Das war ganz und gar nicht toll.
Ich fraß den ganzen Tag. Morgegns Müsli und Brötchen, dann direkt zum Süßigkeitenautomaten.
Ein paar Schokoriegel. Mittagessen. Die Nachtische von mehreren Mitpatienten ("Phoebe, wie schön dass du so einen Appetit hast. Du musst zunehmen, hier, nimm noch meinen Pudding") Ein halbes Glas Nutella zum Nachnachtisch. Nachmittags ging es weiter, Nutellabrötchen, Joghurts, Schokoriegel. Abendbrot, zwei Käsebrötchen, Müsli, Kakao, danach ein paar Tafeln Schokolade. Chips im Aufenthaltsraum. M&Ms. Käsestangen.
Ich habe die Kühlschrankfächer von Mitpatienten nachts abgegrast und am nächsten Morgen ein paar Euro darin hinterlassen. Scham hoch unendlich.
Ich konnte nicht anders. Ich war so unglücklich und so ekelhaft verfressen...

 Ich weiß, die Wahrheit muss irgendwo dazwischen liegen.
Nicht zu sehr kämpfen, aber genießen und achtsam essen. Nicht stopfen. Ich glaube nicht, dass ich das kann.
  Entweder alles oder nichts.
So wie heute. Ein bisschen Spinat habe ich gegessen (mit nix) , und die zwei Shakes. Die trinke ich auch nur, um meinen Stoffwechsel im Gang zu halten, meinen Kreislauf und mein Herz (habe da seit dem Untergewicht immer ein bisschen Probleme gehabt) und meine teuer erkämpften Muskeln zu schützen. Das sind etwa 200-400 kcal am Tag, je nachdem wie ich den Shake zubereite. Also ob mit Milch, Buttermilch, Wasser, Quark.
Viel weniger wäre dumm. Ich will ja wieder essen. Nur eben noch nicht, solange ich noch so fett bin.
Kann an Bäckereien vorbeigehen, an Pizzerien ohne nur den Gedanken daran zu haben. Zu essen.
Habe mich T. heute zum ersten Mal seit dem Weltuntergang komplett nackt gezeigt. Er war fasziniert, wie schnell ich abgenommen habe. Er findet mich sehr dünn. Haha. Sehr witzig.

Freue mich jedenfalls auf NAVY heute Abend. Neue Folge. Und er wird mir dabei umso mehr fehlen, er, der mich so ganz anders wahrnimmt als ich es selbst tue.
Ich habe ihm heute gesagt, dass ich ihn liebe.
T.:"Ich dich auch, Haselmaus. Ich dich auch."


Dienstag, 31. Juli 2012

Schlaflos in Frankfurt.

Ich will zu viel. Ich will alles. Ich fühle zu viel. Ich fühle alles. 
Alles und jeden, der mich je berührt hat, irgendwo da drinnen in der Dunkelheit.
Vielleicht will ich nur dünn sein, um mich damit wieder meiner Sexualität zu berauben. Meiner Gier.
Will nicht mehr lieben. Will nicht mehr betrügen, müssen. Warum, wozu Frau sein, wenn man nur einmal Frau ist?
Warum funktioniert das leben nicht als Computerspiel? An irgendeinem Punkt sichere ich (falls der PC abstürzt) und mache dann weiter, treffe Entscheidungen, wechsele den Ort und das Erscheinungsbild.
Und wenn es nicht gut geht, kann ich wieder zum letzten Spielstand zurückkehren.
Ich will mehrere Leben, auch wenn ich viel zu schwer an einem einzelnen trage.
Wo hätte ich abbiegen können? Welche Wege hätten sich eröffnet, wäre ich...
Erstaunlich ist, dass ich diese "Wendepunkte" nur nach dem Eintreten starker Gefühle definiere.

Und zwar Gefühlen für Männer. 

Wann war ich mit meinen neunzehneinhalb Jahren richtig verliebt? Intensiv? Selten.
Aber oft genug, um in Gedanken zu diesen Menschen zurückzukehren. In Nächten wie diesen.



Ich stolpere auf dünnen Stelzen in sein Reich. Taste mich durch eine große Spiegelwohung, einen Zaubergarten mit hohem Gras. Mein erstes Mal auf einer Matratze ohne Lattenrost darunter, nur Neil Young und Nachtigallen und er und seine grünen Augen. Und Gin und Vodka und -

CUT.

Ich setze mich also auf das Sofa zu jemand anderem und sehe "Sleepers". Blättere in dem Brel-Buch, bewundere die Bilder, den Ausdruck, bewundere die Art, wie er neben mir an seinem Wein nippt. Sehe Garnelen im Aquarium und berühre weiches Haar. Renne über den Deich. Frühstücke nach einer Nacht im Motel buttrige Croissants. Gedichte. Heimliche Küsse in der Küche  -

CUT.

Jetzt bin ich an einem ganz anderen Ort. Der Mann mit der Marmorhaut. Winzige, feine Linien und schneeweiß. Schnee.Wir plücken Blumen für seine Küche.Wir tun es überall, überall. Ich blicke in unergründliche Tiefen und erahne Romane, Poesie und Trauer, aber ich wische sie weg mit einem Lächeln und fühle, wie er wieder zu sich, zu mir kommt. Wir klammern uns aneinander fest, seine Krawatte ist blutrot-

CUT.

Ein Funkeln nur und Ironie und Stille. Ich sehe mich hungrig. Rede mit der Mailbox. Eine Ahnung von Tiefe und ich gebe mich auf. Es ist nur diese Kraft -

CUT.

Die Gewissheit: sein Auto steht da, ich klettere zitternd die Stufen hinauf. Er küsst mich auf den Mund. 
Hat das jemand mitbekommen? Es ist verboten. Es ist reizvoll. Er ist allwissend. Seine Bilder sind verwaschen, ich betrachte sie und werde nicht schlau aus ihnen. Aus ihm. Er schreibt, er denke viel an mich. Den Brief verliere ich, und ich verliere jede Selbstachtung wenn ich ihn spüre. Eben noch Hände an meiner Hüfte. Wir tanzen und ich sterbe. Er war hier. Ja. Ich nehme seinen Schal und vergrabe die Nase darin. Er sagt, dass er es will -

CUT.
CUT.
CUT!

Ich will alles. Schon erwähnt?
Mein körperlicher Hunger meldet sich. Das ist gut.
Ich werde versuchen, einzuschlafen und dem Hunger nachzuspüren.