Mittwoch, 3. Oktober 2012

Mr Cohen.

Heute ist so ein Leonard-Cohen-Tag.
Graublau schattiert mit schwarzem Tee und der Aussicht auf eine Tour mit meinem rostigen Fahrrad.
Alles fühlt sich an als ob ein alter Sack mit Reibeisenstimme und weisen Augen Gott spielen dürfte, nur heute, und er darf. Es geht mir gar nicht so schlecht, nach einem Frühstück mit meiner Mutter bin ich relativ aktiv und plane, mir die untere Haarpartie "graphitbraun" zu färben (so dass die honig- bis schokobraunen Locken darüber fallen und es nur leicht durchscheint). Stelle mir das ganz cool vor.

"Ich wünsche mir, dass du aufhörst so viel zu essen", T. gesteren Abend am Telefon.
Ich weiß selber, dass ich fett bin, danke. Einen kurzen Moment lang dachte ich, dass das jetzt eine tolle Gelegenheit wäre, 10 kg zuzunehmen abzunehmen. Dann verschwand der Gedanke mit dem nächsten Schwall Rauch aus meinen Nasenlöchern. Ich inhalierte noch einmal tief.
"Ich würde mir auch sehr wünschen, dass du aufhörst zu saufen." Ich wartete kurz. "Im Übrigen habe ich heute vielleicht dreitausend Kalorien zu mir genommen und war, wie du weißt, um sieben Uhr früh im Fitness. Das sehe ich als Fortschritt zu zehntausend Kalorien plus null Sport, genauso wie es ein Fortschritt ist wenn du erst abends anfängst zu trinken und dann nur eine dreiviertel Flasche leer machst."
"Du hast ja Recht, Haselmaus. Wir sollten einander keinen Druck machen," du machst mir Druck!, "sondern gut zueinander sein. Ich wünsche mir das ja nur."
Ich drückte die Kippe aus und schwieg.
Er atmete laut in den Hörer, "Ich schau mir jetzt noch eine Folge South Park an und gehe dann schlafen."
Etwas, das ich noch sagen wollte, verflüchtigte sich in meinem Kopf. Eben war der Gedanke, zu einem Vorwurf oder einer Entschuldigung oder einer Liebeserklärung formuliert noch da gewesen, jetzt verschwunden. Ich fröstelte und presste die Wärmflasche noch enger an meinen fetten Bauch.
"Phoebe?" - "Ja, sorry, habe gerade vergessen was ich sagen wollte." Seit wann bin ich so?





Keine Ahnung.
Punkt, punkt, pumkt, tröpfelt das Hirn auf den Boden und ich singe laut dabei!




Montag, 1. Oktober 2012

Selbstmitleid No° 2.

Mein Leben ist grottenschlecht.
Humorlos, zynisch und wellenförmig. Ich hocke mit meinem PC auf dem Boden seiner Wohnung und höre T.s gleichmäßigen Atem. In unregelmäßigen Abständen murmelt er etwas wie "Grins mich nicht so an, immer grins, grins". Er ist Schlafredner.
Ich war heute im Einkaufscenter um die neue Titanic zu kaufen und einen Mocca-Frappuchino bei Starbucks zu trinken, mit fett Sahne und so. Plötzlich löffelte ich mit einer geschnorrten Plastikgabel ein Glas Nutella im Buchladen leer, dass ich irgendwie gekauft haben musste.
Dann befand ich mich in der Damentoilette und schnitt mit einer alten Rasierklinge meine linke Pulsader am Handgelenk auf, mit kalter Präzision und Hitzewallungen in meinem schwarzen Trenchcoat, wickelte eine halbe Rolle Klopapier darum und fuhr mit dem Fahrrad zurück.
Mein Freund war schon ziemlich blau. Ich hatte ihm gewisse sexuelle Gefälligkeiten für den Abend angekündigt und bat ihn, Rücksicht auf meine Verfassung zu nehmen und, naja, eben heute nix mehr zu machen. Ich halte es nicht aus, ihm diesen Körper zu präsentieren.
Ich halte es nicht aus, zu wissen dass ich heute wieder für 15€ Süßkram gegessen habe.
Hasse dieses Sodbrennen, diese Völle, diese Oberschenkel, die bei jedem Schlag auf meine Titten mitschwabbeln, hasse seine trunkenen Statements zur Finanzwirtschaft, hasse es kein Zuhause zu haben. Ich hasse es, zwanghaft essen zu müssen weil ich meine Angst nicht an die Oberfläche lasse will. Hasse die Narben auf meinen Armen, hasse meine fette Fresse, meine fetten Oberarme und meinen weichen, rotgesprenkelt-verbrühten Bauch.
Mein Leben ist verdammt beschissen und ich selbst bin Schuld daran, das ist das ekligste.
"...das muss man dann immer individuell gucken", murmelt T. und schwenkt seine Beine diagonal ins Bett.

Sonntag, 30. September 2012

Kamikaze.

Ich streife durch ein fremdes Leben und bestaune seine hellen Farben.
Reicht das, um zu beginnen?, ich streiche eine Haarsträhne aus der Stirn.
Oder wollen wir sterben?
Er berührt sein Gesicht und schweigt, einen Punkt über meiner linken Schulter fokussierend.

Ich könnte weinen oder lachen aber ich schweige.

Samstag, 29. September 2012

Spieglein.

Eine Nacht durchgemacht: konnte nicht schlafen und habe drei Stunden gelernt, um sechs bin ich ins Fitness gegangen (ein Glück dass die schon so früh öffnen), eben noch geduscht und Abwasch gemacht - und mein Hase schläft immer noch.
Er ist so süß.


Zu meinem Körper:
Ich habe es geschafft in einer Woche 7 (!) Kilo zuzunehmen. Und zwar an Bauch, Oberschenkeln, Arsch und im Gesicht. Bin ich eine Mutation? Wie kann ein Mensch so aufgehen (wie ein Hefekloß)? Ähnlich schnell habe ich nur in der zweiten Klinik zugenommen, das waren 20 kg in acht Wochen...
Es ist ekelhaft. Vor allem, weil ich mich einfach weigere, mich an meine schöne weibliche Figur zu gewöhnen.
Beim Sport hatte ich T.s Jogginghose an. In meinem Studio gibt es relativ viele Spiegel und das Bild, das sich mir bot war, dezent formuliert, unschön. Seit ich letzten Sommer so fett geworden bin trage ich keine Hosen mehr. Gar keine. Wenn mein Gewicht unter 60 kg fällt, trage ich Shorts (nur mit hohen Absätzen, aber ich trage meistens Absätze insofern ist das nicht so schwierig).
Aber Jeans? Never.
Es gibt genau eine Hose, die vorteilhaft für mich ist, zumindest bei einem BMI von unter 14. Eine Jogginghose die ich immer beim Pilates und Yoga getragen habe. Eigentlich ist es eine Tchibo-Schlafanzugshose aus superweichem Jersey in hellgrau mit Gummibund oben. Diese Zauberhose vermochte gleichzeitig meine Hüftknochen sichtbar abzuzeichnen (Gumminbund!), lässig die Lücke zwischen meinen Oberschenkeln und meine knochigen Knie zu betonen und sie zeigte meinen winzigen Hintern im rechten Licht. --- Ich lese gerade, was ich schreibe, und es ist einfach nur krank.
Verherrlichung von Knochen? 
a) Wer bin ich eigentlich, ich fette Sau (63,6 kg nach AFM-Gebrauch), dass ich mich in verklärenden Sehnsüchten verliere anstatt etwas an meiner Situation zu ändern?!
b) Wer bin ich eigentlich, dass ich "Kurz-vorm-Abkratzen" zu meinem Schönheitsideal erkläre?
oder
c) Wer bin ich eigentlich, dass ich alle Welt mit sowas zutüte?
Wie schon gesagt - ich bin im Moment wahnsinnig instabil. Habe Aussetzer (so halb-dissoziativ), penne einen ganzen Tag lang komplett (gestern), kerbe Linien in meine Unterarme (heute früh um vier), trainiere mir 410 kcal im Fitness ab um heute nachmittag mit mir selbst eine Pizza bei meinem Lieblingsitaliener essen gehen zu können. Nee, die Pizza hätte ich auch so gegessen, Fitness hin oder her. Ich frage mich immer "Kannst du jetzt aufhören mit den Fressanfällen und wieder in den Hunger-Modus gehen? Oder fehlt noch was?" Ich habe nämlich die fixe Idee, dass ich in einer Binge-Phase ALLES, was ich geil finde, fressen muss, damit der Hunger darauf "gestillt" ist und ich das heißgeliebte Nahrungsmittel wieder für einige Zeit entbehren kann. In dieser Phase fehlt noch: Pizza und original Nutella. Dann bin ich wieder bereit, in den Hungerstreik zu treten. Alter ich bin so durch. 


Donnerstag, 27. September 2012

Waage, mal anders.

Therapie. Bin überrascht von meiner eigenen Courage: 
"Ich will eine Balance, einen Augleich zwischen den Extremen in meinem Leben haben. Sonst werde ich dauerhaft nicht zufrieden sein können. Ich will nicht den Rest meines Lebens zwischen ALLES und NICHTS hin- und hergeworfen werden, wenn Sie verstehen."
Also stelle ich mir eine Waage vor. Eine alte Waage mit Waagschalen. 
Das Gewicht auf der einen Waagschale ist schwerer, weil hier eine stärkere Konzentration, mehr Sog herrscht. Die Vorstellung, beide in Einklang zu bringen, fühlt sich nicht gut an. Das darf ich nicht.
Meine Therapeutin, stolz: 
"Aber Sie wollen eine kleine Annäherung zulassen, ein bisschen mehr Ausgewogenheit. Das ist wundervoll. Auch wenn diese in Ihren Augen faulen Dinge noch nicht so viel Gewicht bekommen sollen in Ihrem Leben, ist das ein Fortschritt."

(selbsterklärende "Grafik", entschuldigt meine miese Klaue)


Mir ist langweilig und ich bin ein kleines Kind, dass den ganzen Tag vor dem Spiegel steht. Deswegen zwei qualitativ hochwertige (haha) Webcambilder!

Allerliebste Grüße an meine 27 Leser! Wow. Danke.

Mittwoch, 26. September 2012

Hirnstrommessung.



Ich habe wahnsinnige Kopfschmerzen und einen unangenehmen Geschmack im Mund (eine Mischung aus Zigaretten, Cola Zero und Milka-Cookies), liege mit meinem von T. reparierten Laptop im Bett und sehe The Big Bang Theory. Eigentlich wollte ich ein Lernheft bearbeiten, aber meine Kopfschmerzen machen intellektuelle Anstrengungen unfruchtbar.
Heute Nacht ist T. im Flur zusammengebrochen (Kreislaufkollaps plus Medikamente plus Alk) und hat sich offenbar die Nase gebrochen.
Wir hatten Sex (vorher natürlich) und die Veränderung meines Körpers von Modelmaßen zu unförmiger Kleidergröße 38 binnen einer Woche scheint ihm nicht aufgefallen zu sein (ich hatte ein Nachthemd an), oder ihn nicht zu stören. Wobei letzteres unwahrscheinlich ist, ich weiß ja wie er andere Frauen wahrnimmt und beurteilt. Dieser Mann ist ein großes Mysterium für mich.
Ich werde nie begreifen wie er es so weit kommen lassen konnte – außer wir gehen davon aus, das er den Keim der Depression und der Neigung zum Suchtmittelmissbrauch schon von Geburt an in sich trug und dieser wie ein Virus bei Psycho-Immunschwäche immer wieder ausbricht. Und was seine „Liebe“ zu mir angeht, die ich einfach schlicht nicht verdient habe: Ich werde es nie begreifen. 
Es ist nur leichter für mich, sie zu akzeptieren, wenn ich mir zumindest einreden kann, „okay“ zu sein.
„Okay“ ist undifferenziert für: dünn, genügsam, leistungsstark, unabhängig in finanzieller Hinsicht, altruistisch und so weiter. Klar, das klingt nach großer Anstrengung, ist es aber gar nicht. Wenn ich nur ordentlich hungere, bekomme ich die anderen Eigenschaften sozusagen als Bonustracks gratis obendrauf. Kennt ihr das? Die Gleichung ist relativ simpel: HUNGERN (= dünner sein) bewirkt einen Energiekick, welcher mich befähigt effizienter zu haushalten (zum Beispiel mit Geld, Nahrungsmitteln, Erwartungen und Forderungen an / von anderen). Und es ist leichter, mich zurückzunehmen, hilfsbereit zu sein.
Scheinbar sind in meinem Geist die Art und Weise der Nahrungsaufnahme und mein Auftreten nach außen untrennbar miteinander verknüpft. Vielleicht sollte ich besser sagen „ineinander verknotet“. Sobald ich fresse, bin ich maulig, fordernd, laut, werfe unendlich viel Geld zum Fenster raus, gehe meinem Umfeld auf den Sack, schneide mich, streite, bin faul, müde und antriebslos.
Es gibt nur diese zwei Modi. Früher dachte ich, ich wäre vielleicht bipolar und die Hunger-Phasen würden Manien entsprechen, aber das ist Schwachsinn. Der Hunger-Aktivitäts-Modus ist genauso normal und Teil meiner Selbst wie der Fress-Faul-Modus, das habe ich inzwischen akzeptiert.
Meine Therapeutin versucht mir weis zu machen, dass es normal ist, seine Haltung zum Leben oder die Art, es zu führen, häufig ändert. Dass normale Menschen zum Beispiel im Job anders funktionieren als privat...
Aber sein Essverhalten zwanghaft nach seinem Aktivitätsgrad auszurichten beziehungsweise seinen Aktivitätsgrad vom Essverhalten diktieren zu lassen, DAS ist nicht normal. Es ist bescheuert.
Total bescheuert ist auch, dass ich gerade in den Fress-Phasen null Motivation habe, Sport zu betreiben, obwohl es gerade da nötig wäre. Ich habe neulich bei herzenswunsch einen ähnlichen Gedanken gelesen und das hat mich nachdenklich gemacht: Im Prinzip wird ja immer empfohlen, etwas einfach (EINFACH! Haha.) zu TUN, also anzufangen. Die Motivation käme dann währenddessen. Man sollte sich zwingen, zum Beispiel zum Sport zu gehen, und würde dann für die Überwindung mit neuer Kraft und Motivation belohnt. Nur: Bei mir scheint das nicht zu funktionieren. Weiß nicht ob es an der Depression liegt, an meinem Charakter oder woran auch immer – wenn ich nicht will, kann ich auch nicht. Blockade. Gilt auch für Lernen, Ausgehen, zum Teil, wenn es besonders schlimm ist, auch für's Aufstehen morgens. Dann liege ich eine Stunde lang da, mit voller Blase, Durst und dem Wissen, dass ich mein Venlafaxin (Antidepressivum) einnehmen sollte, aber kann mich nicht dazu aufraffen. Geschweige denn zu Rauchen, den Fernseher einzuschalten oder Kaffee zu kochen.
Natürlich packe ich es dann irgendwann. Aber „belohnt“ mit „Motivation“ wird mein Kampf dann nicht. Liegt das an mir? Sollte ich mich häufiger zwingen, mehr Einfluss auf mein Handeln auszuüben versuchen?
Nach dem Prinzip: Ich gehe jetzt einfach ins Fitness und hoffe, dass ich dadurch keine Essanfälle mehr habe?! Dem Prinzip: Ich stehe jetzt einfach um halb acht auf, koche Kaffee, rauche eine und dann geht’s los mit Lernen, just do it?!
Experimente können nicht schaden. Also fresse ich mich nochmal schön voll, gehe dann ins Fitness und versuche morgen früh ein Lernheft fertig zu stellen.
Sorry, dass ich so lange brauche um einen Entschluss zu fassen und das dann auch noch so ausführlich ausbreiten muss, aber wie man unschwer erkennen kann sind die Assoziationsketten in meinem Gehirn wie Unkraut und es hilft, sie mal schriftlich zu ordnen.

Edit 1: Ich gehe nicht ins Fitness, ich gehe Futter kaufen. (Stellt euch eine Tussi vor, die sich in den Kopf schießt)

Edit 2: Ich wurde von melli getagged! Dankesehr... Ich soll 11 Dinge über mich sagen? Okay:

  1. Ich stehe auf wesentlich ältere Männer, seit ich mit 13 für den Sänger von Depeche Mode (45)   
     geschwärmt habe.
  2. Am liebsten trage ich "Chance" von Chanel und "Jil" von Jil Sander.
  3. Meine Nägel sind im Moment bis auf die Haut abgekaut und -gerissen.
  4. Mit 6 Jahren hatte ich meine erste Panikattacke, seitdem bin ich in Therapie (mit Unterbrechungen!).
  5. Ich wirke wahnsinnig unsympathisch und arrogant, weil ich krass unsicher bin.
  6. Ich hatte schon mal eine Magensonde und eine Mandel-OP.
  7. Ich bin mit meiner Wärmflasche verwachsen, oder kurz davor.
  8. Ich finde Hipster-Kiddies immer ganz schlimm peinlich und laufe selber rum wie eines.
  9. Ich habe mal einen Mofa-Führerschein gemacht und bin noch nie gefahren seitdem.
 10.Ich hasse es, zu verlieren und kann Kritik nicht verkraften.
 11.Ich verehre Ernest Hemingway und Vladimir Nabokov. Leider tot.

Dienstag, 25. September 2012

Wie wird man adipös?

Diese Frage habe ich mir schon häufig gestellt.
In der ersten Klinik gab es eine Station extra für Adipositas-Patienten und einen, mit dem ich häufiger mal auf einer Bank am Parkplatz gesessen und eine geraucht habe. Interessanterweise glichen sich unsere Biografien und Denkmuster, nur dass er schätzungsweise fünf bis sechsmal so viel Gewicht mit sich rumschleppte wie ich.
Seit ich mit Fressanfällen kämpfe erscheint es mir gar nicht mehr so undenkbar, in seine Lage zu geraten (genauso wie es für ihn undenkbar ausgesehen haben muss, so wie ich zu enden). Im Prinzip nimmt man an Gewicht zu, wenn man sich überfrisst. Wie alle kennen sie aus MTV-Trash-Dokus: arbeitslose Amerikanerin mit 500 Pfund Körpergewicht sitzt auf ihrem Sofa vor der Glotze und lässt sich von ihrem um einiges schlankeren Freund Kistenweise Donuts und Pizza-Hut-Käserand-Pizzen ankarren, welche sie mit zehn Liter Coke und Sprite runterspült (dass sie Amerikanerin ist, tut dabei natürlich nichts zur Sache. Ist nur so ein beliebtes Motiv). SO wird man Fettleibig.
Wo liegt der Unterschied zu meinem Essverhalten in der letzten Zeit?
  Es gibt keinen. Ich platze hoffentlich und sterbe an einer Magenperforation. Verdient hätte ich's.
Ich will das gar nicht groß problematisieren (was ich dennoch tue), es wird wieder aufhören. Aber es ist so sinn- und zwecklos.
Meine Therapeutin ist krank und ich ekele mich vor mir, trés choutte! Ich schneide mich fröhlich weiter und hoffe auf eine Eingebung von oben, die mich zwingt, wieder zu hungern und Sport zu machen.
Von T. scheint diese Eingebung nicht zu kommen. Er verliert sich zwischen "Ich will lieber sterben als weiter mit dir zu leben, so schrecklich bist du als Mensch" und "Bleib hier. Ich liebe dich". Er sagt, ich würde "gut" und "vernünftig" essen und übersieht, wie viele Packungen Kinderschokolade in unserem Müll liegen, registriert nicht, dass ich Fressen gehe, wenn ich die Wohnung verlasse. Von einem Kiosk zum nächsten, kann kaum den Septemberwind (lauwarm und frisch) genießen, schnell: in den Supermarkt, da kann ich mit EC-Karte zahlen. Naja, klauen geht auch. Und weiter zum Bäcker. Ich fresse über die Erschöpfung hinaus, überall. Esse heimlich Croissants auf dem Klo, Nudeln aus vollen Töpfen, Nougat aus der Jackentasche, ohne zu knistern.
Und es ist nicht mal mehr lecker.
Meine Haut zirpt und spannt, ich lagere Wasser ein und bekomme (Paranoia?) Dehnungsstreifen. Aber so genau sehe ich seit einer Woche nicht mehr hin. Kein Körperkontakt, nicht mal von mir selbst, ERST RECHT nicht von mir selbst.
  Wenn ich das, sagen wir, ein paar Monate weitermache, werde ich dann adipös?
Und darf ich dann endlich eine Fettabsaugung machen lassen?
Mama, wieso wird man dick vom Essen?
Und wieso mag ich das Essen nicht mehr?

Und wieso zur Hölle esse ich dennoch weiter?!

Samstag, 22. September 2012

Message from the suicidal cave.

Drei Tage Fressen (oder sind es vier?), viermal so viele Nervenzusammenbrüche.
nachts daliegen und mir wünschen, er wäre tot (ich wäre tot).
Minutiöse Planung von Rasierklingen-Exzessen und Blutbädern in seiner Wanne (unserer Wanne, dem Bordstein, einer Autobahnbrücke). Und dann doch nur Selbstverbrennung mit Zigaretten am Handrücken (am Fußknöchel, am Oberschenkel).
Unendlich viele Beschimpfungen, Vorwürfe, Brandsätze von ihm (es wäre besser, tot zu sein), viel zu viel Trost und Wärme von meiner Mutter (es wäre besser, tot zu sein).
Zahlen rasen an meinen Augen vorbei, Buchstaben ohne Sinn (Ratgeber Suizidalität, Narzissmus, Missbrauch) und Zweck (wenn ich einfach sterben würde).
Kalorien, Kalorien, Fett und Zucker und AFM und Blut und das fette Ende. Wie lange (noch)? Wozu (es wäre besser, tot zu sein).
Und keine Hife im Diesseits (Fett, Fett, FETT).

Dienstag, 18. September 2012

Hey, sweet depression.

Irgendwie ist alles irgendwie so leer.
Ich bin dumm hoch zehn, dass ich heute (es ist DIENSTAG) mit morgen verwechselt habe - Ergebnis ist, dass ich umsonst mit dem Rad nach Bornheim (zur Therapie, die erst morgen ist) gefahren bin. Es klingt vielleicht bescheuert, aber ich versuche nicht so viel Fahrrad zu fahren weil ich den Verdacht hege, dass man davon fette Muskeln an den Beinen bekommt und darauf kann ich liebend gerne verzichten.
Ich klingele also um ein Uhr bei meiner Therapeutin und keine Sau ist da.
Ratterratterratter.
Plötzlich dämmert es in einer kleinen, vertaubten Ecke meines Gehirns und ich resigniere.
Das heißt in diesem Fall, ich sinke auf die Stufe vor der Tür meiner Therapeutin und sitze einfach nur da. Leere. Nichts. Traurigkeit. Warum bin ich traurig? Vielleicht, weil ich sie dringend sprechen wollte. Mir fällt der Grund nicht mehr ein, aber es war wichtig. Na super.
Ich bin müde und meine Beine tun weh von dem vielen Sport gestern und heute. Ich erlaube mir, mit der Bahn zurück zu fahren, was ebenfalls eine Tortour ist und an meinen Nerven zerrt.
In den S-Bahn-Schacht fliegt eine Fledermaus. Oder war es eine schwarze Tüte?
Heute Nacht habe ich geträumt, dass meine Mutter sich umbringen will, weil wir pleite sind und ich permanent nur Geld von ihr fordere.
Mein Freund ist noch fertiger als ich. Wenigstens nehme ich ab, auch wenn ich mir heute megafett vorkomme. Das Outfit, welches sowohl meine Beine als auch die Schlüsselbeinknochen betont und die fette Hüfte etwas kaschiert kam mir, als ich in Bornheim war, gar nicht mehr passend vor. Ich sah auch nicht mehr dünn aus darin sondern farb- und formlos und scheiße.
Ich bin zum Zerreißen angespannt und todmüde. Kein Bock mehr, trallala.
Egal, Schlaf schüttet ein gewisses Sättigungshormon aus, mir soll's recht sein.

Montag, 17. September 2012

Fragespiel.

Die Nacht, so lang die Nacht.
T. sagt, er wird Schluss machen mit mir, ehe ich mich zu Tode hungere. Ganz trocken. Er sagt, das wird er sich nicht nochmal mit ansehen.

Und damit herzlich willkommen in der Endlosschleifen-Fragerunde: "Will ich eigentlich gesund werden?"
Heute zu Gast: Phoebe, bald 20, (Ex-)Anorektikerin, (Ex-zwei-Mal-untreue) Freundin von T., Ex-Insassin, mehrfache Ex-stationäre Psychoschrulle mit Ex-Untergewicht, Patientin in der ambulanten Psychoanlyse seit drei Jahren, Tochter übergewichtiger Eltern, Schwester einer zauberhaften, jungen, sozial integrierten, fast 16-jährigen, normalgewichtigen jungen Dame.
Gesund werden.
Wie kannst du mir das einzige in meinem Leben nehmen, das mir Selbstvertrauen verleiht?, frage ich ihn.
Ich bin lieber unnütz und scheiße und dünn als unnütz und scheiße und fett, ist das so schwer zu begreifen?
Und schlafen werde ich diese Nacht wohl auch nicht mehr.
Also, halten wir fest: Er hat Recht, ich habe schon viel zu viele Kliniken aufgesucht. Ich habe mit meiner Magersucht schon viel zu viel Leid erst über meine Familie und adann auch über ihn gebracht. Sorgenvolle Blicke, Streitigkeiten, meine Mutter in Tränen aufgelöst, meine Schwester wütend, ihn selbst verraten.
Ich habe aus Wut und Trotz und Selbsthass vor genau einem Jahr 20 kg zugenommen, um ihnen allen in die Fresse zu treten. Und ganz plötzlich war ich wieder "normal". Klar, depressiv, Arme aufgeschlitzt und all das, aber ich war normalgewichtig. Und alle, alle konnten aufatmen. Ich habe die Schule geschmissen, das begabte Kind boykottiert das Leben. Auch damit konnte mein Umfeld sich arrangieren.
Dass ich das ganze letzte Jahr ausschließlich mit meinem Körper gekämpft habe, wollten sie nicht sehen. Wenn ich ein paar Kilos verlor, wurde das zur Kenntnis genommen in der Hoffnung, dass ich durch Fressanfälle ohnehin früher oder später wieder bei über sechzig Kilo sein würde.
Jetzt, so wie ich hier sitze, will ich nichts mehr als dass es endlich wieder klappt. Wie das klingt.
Hirnkotze. Ich will es schaffen, was immer ES auch sein mag.
ES bedeutet nicht, ich bin dann mal glücklich mit meinem Körper und alles wird supi.
Es bedeutet vielleicht, ich will noch einmal (aber das wage ich kaum zu denken) unter die 40 kg-Grenze kommen und ein paar wundervolle Monate in der Lüneburger Heide verbringen, mit Tellerservice und Spätmahlzeiten und Kartenspielen und kontrolliertem Zunehmen.
ES bedeutet, Knochen sehen. Schön sein. Modeln.
Es bedeutet nicht, zu sterben, sondern zu Leben. Zu essen und trotzdem dünn zu sein.
Wie erreichen wir das, werte Expertin?
Im Grunde gibt es nur die Möglichkeit, abzunehmen - und zwar so viel, dass die paar Kilos, die man (also ich) durch das "wieder-normal-Essen" automatisch zunimmt, nicht so schlimm sind. Den "Kohl nicht mehr fett" machen, wie der Hesse sagt.
Was würden Sie tun, wenn ihr Freund die Drohung wahrmachen würde? Wenn er sich trennt, falls Sie weiter abnehmen?
Nun. Ich... Ich weiß es nicht. Was bin ich schon ohne ihn?

Ich komme nicht weiter. Ich bin ratlos.
Zeit, um noch ein paar Fragen von Ally (merci!) zu beantworten:


  1. Würdest du Fallschirmspringen ausprobieren?
    Nein. Ich bin ein Angsthase.
  2. Deine absolute Lieblingsfarbe?
    Alles mit schwarz gemischt.
  3. Welche Eigenschaft bewunderst du bei anderen und hättest sie gerne?
    Selbstvertrauen, Analytik, Disziplin. Ach, und ich hätte gerne einen Zauberstab, um Disharmonien zu begleichen. Einen rosafarbenen.
  4. „Fehler sind dazu da, um aus ihnen zu lernen.“ Wie siehst du das?
    Im Prinzip ist das wohl so. Außer, man ist wie ich zu blöd dazu und begeht den selben Fehler immer wieder.
  5. Bevor ich sterbe, ...?
    ...will ich wissen, was es heißt, glücklich zu sein.
  6. Hast du schon mal den ersten Schritt gewagt?
    Immer. (;
  7. Was ist dein Lieblingsgericht?
    Oh Gott. Kartoffelecken in Olivenöl mit Rosmarin und Knobi aus dem Ofen. Lasagne. Pizza mit Mozzarella, Rucola und Parmesan. Schokolade in allen Variationen. Blaubeertarte. Enchiladas. Alles mit Salsa. Überbackene Toats...
  8. Unsere Lebenserwartung liegt ungefähr bei 80 Jahren. Reicht die Zeit aus?
    Aber dicke.
  9. Wenn das Wetter deine Stimmung wiederspiegeln würde, wie würde das Wetter jetzt sein?
    Lila Morgenhimmel mit frischem Regenwind.
  10. Warum bloggst du?
    Gute Frage... Um mich selbst zu motivieren. Um Feedback zu erhalten und zu geben.
  11. Schon mal ein Brief an dein zukünftiges Ich geschrieben?
    So wie bei How I Met Your Mother? "Lieber zukünftiger Ted, lass die Finger von Karen?" Nee. Aber die Idee ist gut!