Samstag, 30. März 2013

Das große Fressen [Take 17653790].

Essen.
Scheiß-verficktes-Hass-Kack-Huren-Essen.
Vorgestern ging es los mit einem Nachmittagssnack auf der Tanke in der Nähe von Stuttgart. Cornetto-Arschlecken mit Schokolade. Hätte ich besser mal bleiben lassen.
Nachdem ich tatsächlich fast eine Woche ohne Essanfälle und Abführmittel und Entwässerungstabletten durchgestanden habe, ist die Versuchung nun groß, einen Cocktail einzuwerfen.
  Situation vorher: Essen und trinken, wenn ich Hunger bzw Durst habe, sorgfältig gekocht, relativ low carb und high protein. Viel vegan. Viel gesund. Viel Ballaststoffe. Ausreichend (?). 5x Fitness.
  Situation seit der Fahrt zu meiner Cousine: Essen und trinken, wenn ich nervös oder gelangweilt bin. Viel Kohlenhydrate, viel Zucker, viel Fett. Sehr viel Schokolade und Nutella. Viel Weißbrot. Viel sinnlos rumgehangen, kaum bewegt.
Adieu, Hüftknochen, High-Gefühl und Askese! Willkommen, Pseudo-Schwangerschafts-Bauch, fette Schenkel, Übelkeit, Ekel!
Es kotz mich an, über diesen Scheißmist lamentieren zu müssen, aber es muss irgendwie raus.

Der "Auslöser" für das große Fressen (im übrigen ein großartiger Film mit Michel Piccoli) war, denke ich, die Anspannung im Auto. Wir waren viel zu spät losgekommen und im Berufsverkehr gestrandet. Eine Stunde Stau, dann die falsche Ausfahrt genommen, nochmals eine Stunde Stau. Meine Mutter, die am Steuer saß, war den Träünen nahe und grausam schlecht gelaunt, mein Stiefvater mit der Google-Maps-Wegbeschreibung überfordert und dezent gereizt. Lulu und ich, vorsichtig Zweckoptimismus verbreitend, hatten keine Chance. Ich finde es schrecklich, wenn meine Mutter so verzweifelt, so hilflos, so ausgeliefert ist. Jammert, sich bemitleidet, flucht. Wenn meinem Stiefvater wütende Rauchwolken aus den Ohren steben, er einsilbig und vorwurfsvoll vor sich hin murmelt.
Es stresst mich, verdammt.
Als ich endlich, nach fast vier Stunden, eine Zigarette rauchen und ein wenig Sauerstoff an mein Gehirn lassen konnte, war der Fressanfall im Kopf schon bewilligt worden. Einfach nur Fressen. Kotzt mich nicht an.

Ich weiß, dass das kein guter Mechanismus ist, mit schlechter Stimmung und Stress umzugehen.
Ich will es auch weiß Gott nicht mehr.
Wie kann Essen einmal so leicht und alltäglich und dann wieder so kompliziert, symbolbeladen und pathologisch sein?



Heute "live" gesehen:



Otto Dix: Drei Weiber


Freitag, 29. März 2013

Schicksalsbegegnung mit Sylvia.

Was springt mir zuerst ins Auge, als ich das Zimmer meiner Cousine betrete?
Die Ausgabe der "Fräulein" mit Charlotte Gainsbourg (!) auf dem Titel. Ich schlage sie auf und - ein Leitartikel über Sylvia Plath. Meine Göttin in Spitze! In schwarzblau und lyrischer Ekstase!
Ich möchte die letzten Absätze gerne mit euch teilen:

"Die Glasglocke" endet mit diesem schönen Satz: "Alle diese Augen und Gesichter wenden sich mir zu, und indem ich mich von ihnen wie von einem Zauberfaden lenken ließ, betrat ich den Raum".
So versöhnlich sie in diesen Momenten klingt, kann Plath im Endeffekt doch nicht akzeptieren, in ein Netz aus Beziehungen und Abhängigkeiten verwoben zu sein. Nicht akzeptieren, dass sie auf andere angewiesen ist, dass das Leben Kompromisse erfordert. Doch das Ich gibt es nicht ohne das Du.
In "Die Glasglocke" sieht es für einen Moment so aus, als würde Plath Zauberfäden wie glitzernde Kraftstrahlen empfange, wie ein Netz, das einen auffängt, wenn man fällt. Doch für Plath wurden diese Fäden zu Fesseln.
In ihren Tagebüchern schreibt sie: "I am myself, that's not enough". Sylvia Plath wollte alles oder nichts. Sie entschied sich für Alles, zerbrach daran und durchtrennte die Zauberfäden, die sie am Leben hielten.

Donnerstag, 28. März 2013

Näher jetzt als gestern.

Nach einer traumlosen Nacht der Tiefenentspannung, (Einschlafgedanken an Derek Parfit und Nase in ein navygrünes T-Shirt von Lennard vergraben) sitze ich nun hier im Schneidersitz auf meinem flauschigen Bett.
Kaffee ans Knie gelehnt, XL-Zigarillo von meinem Stiefvater im Mundwinkel und bin einigermaßen zufrieden mit meinem Leben.
Dieser Satz aus meinem Mund, wer hätte das gedacht?
Ich liebe den erdigen Geschmack des Rauches. Die Kühle meines Zimmers im fahlen Winterlicht. Thom Yorkes Stimme, die meine Bauchdecke erbeben lässt. Ich liebe meine Mutter, beim Kaffeekochen in der Küche getroffen, zwei Tiere in Bademänteln. Ich liebe es, zu frühstücken (Naturjoghurt mit Sojaflocken, Müsli, Leinsamen und Alpro light) und dabei nur das Essen zu schmecken - keine Glotze, kein Lesen, keine Ablenkung.
Ich liebe es, um sieben Uhr das Laptop hochzufahren und meine erste Kippe mit einer Partie Spider Solitär zu genießen. Das kreative Chaos meines Zimmers - Sportsachen, die mir zublinzeln, ein paar Zeitschriften, Kabelsalat, Gedichtbände, Schulsachen. Ich freue mich wahnsinnig, meine Lulu wiederzusehen und meine Cousine. Auf die zwei Stunden im Auto mit meiner Mutter und meinem Stiefvater und lautem Jazz und
Freiheit. Auf das Haus am See.
Ich freue mich darauf, wieder mit dem Lernen zu beginnen. Stundenlang über Büchern zu brüten, krakelige Aufsätze zu verfassen, meinen Geist zu nähren.
Auf Zyklopenmomente und Küsse im Auto.
Auf Telefonate mit meiner Besten, die meine Erwartungen immer wieder übertrifft.
Ich will arbeiten gehen.
Struktur und Organisation gegen die Ängste.
Ich will Joy Division und The Smashing Pumpkins und Genesis hören und ewig vergessene, selbstvergessene Ballettschritte auf meinem fleckigen Teppich tanzen.
Ich will Zeit.
Ich liebe Zeit.
Ich freue mich auf die Zeit.
Parfit sagt, Zeit ist ein Raum, und das Verstreichen der Zeit eine Illusion. Das ist tröstlich und russisches Roulette zugleich. Mein Buddha auf dem roten Metallschränkchen nickt langsam.






Dienstag, 26. März 2013

Die ganze Bandbreite
Himmelhoch berstend in Glück rotzverzweifelt in Angst
Verrückt 
Verschlungen
Verdrängt
Kopflos schamlos schutz-
los
Über-Triebe
Hysterische Hände ausgestreckt geflochten
Haben wir doch das ganze Leben Zeit


"Vertrauliche Arztsache".

Taumelig fahre ich zu meinem Kinderarzt, um die Klinikberichte abzuholen. Die Sonne ist genauso verschlafen und selig wie ich.
Im Bus drehe ich eine Zigarette und beginne, zu lesen:

"Die Patientin war wach, bewußtseinsklar und zu allen Modalitäten orientiert. Im Kontakt wechselnd zwischen Nähe und Distanz [...], psychomotorisch angespannt und unruhig. Im Affekt niedergschlagen, erschöpft, kraftlos. Wechsel zwischen Selbstüberhöhung und -Entwertung, ängstlichem Erleben. [...]
Eine Gewichtsabnahme auf einen BMI von 12,3 durch Nahrungsrestriktion sowie emotionale Instabilität mit wechselhaften Stimmungen, Ängsten, Selbstidealisierung und -Entwertungen, autodestruktivem Verhalten, suizidalen Tendenzen und eine insgesamt zunehmende psychophysische Erschöpfung stellten den Anlass für die stationäre Aufnahme dar. [...] Frau R. fühle sich abwechselnd riesenhaft und erbärmlich klein, genieße exzessive Grenzüberschreitungen, fühle sich hilf- und haltlos in partnerschaftlichen Beziehungen und empfinde heftige Schuldgefühle.
[...] 

Die konflikthafte Konstellation mit der Lehrerin (die Patientin hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eklatant an Gewicht verloren) führte zu einer Reaktualisierung kindlichen Erlebens [...], eine Kompensation über ihre schulische Leistungsfähigkeit und inneren Omnipotenzphantasien zeigten sich im Zuge der Krise nicht mehr ausreichend. Die Aufforderung der Lehrerin, der Schwester und Mitschülern schulisch zur Hilfe zu kommen, erlebte Frau R. als illegitime Delegation der Aufgaben der Lehrerin an sie. Die Wut darüber brachte die Patientin durch eine Umkehr der Rollen zum Ausdruck, indem sie der Lehrerin gegenüber die Rolle der Lehrerin einnahm.
Damit wiederholte sich das Dilemma der Patientin in der Ursprungsfamilie. Die Übernahme erwachsener Rollenanteile sowohl dem Vater als auch der Mutter gegenüber erschwerten die Erfüllung des Bedürfnisses, sich in einer kindlich-verantwortungslosen Rolle umsorgen lassen zu können [...].
Vor dem Hintergrund der Überhöhung durch die Eltern und einer zugrundeliegenden labilen Bindungserfahrung zu Vater und Mutter war die Patientin zudem unklaren (Generationen-)Grenzen in der Familie und wechselnden Bindungen ausgesetzt, sodass Frau R. sich früh durch enorme Schwierigkeiten hinsichtlich der emotionalen Nähe-Distanz-Regulation in Beziehungen überfordert erlebte.
[...] Gefühle der kindlichen Bedürftigkeit, besonders nach Schutz und Nähe, stark ausgeprägt.
[...] Frau R. lernte in ihrer Kindheit nicht ausreichend, ihre Emotionen und Bedürfnisse adäquat auszudrücken und Konfliktsituationen zu bewältigen. Dies führte zu einer großen Unsicherheit im Umgang mit anderen und der Sorge, zu viel "Platz" für sich selbst einzufordern und dadurch auf andere abstoßend zu wirken. Ihre nach außen gezeigte Fassade stimmt nicht mit ihrer Selbstrepräsentation überein, was zu Schwierigkeiten in der Beziehungsgestaltung führt. Angst macht der Patientin vor allem die Reaktion auf ihre Wut von seitens ihrer Mitmenschen. [...] Die Esstörung erlaubt es Frau R. ihre Aggressionen indirekt auszuleben und nach außen zu zeigen, dass "etwas nicht stimmt".
[...] Die Regulation einer angemessenen Abgrenzung fiel ihr innerhalb der Gruppe schwer. In der Einzeltherapie schwankte Frau R. zwischen bedürftig-hilfesuchenden Anteilen und autodestruktiven, zu denen jeweils im Nachhinein ein Zugang und gemeinsames Betrachten möglich wurde."


Anstrengender, bemitleidenswerter Mensch, diese Frau R. Soll ich das sein?

Montag, 25. März 2013

Wirres Gelaber Teil 2.

Das Surren wird nicht weniger, aber ich bin jeden Tag eine Andere.
Gestern mit blauem Hut und Trenchcoat auf dem Feld (immerhin ein Sonntagsspatziergang), heute durchgeschwitzt auf dem Laufband und mit rasendem Puls und ausgeschaltetem Handy auf innerer Reise:

I'm shying from the light
I always loved the night
and now you offer me
eternal darkness

Martin Gore hat vielleicht etwas ausgesprochen, das mich an T. gebunden hat. Etwas sehr intimes berührt... Mir fehlen die Worte.
Ich bin immer noch high. Ich wiege 57,5 kg nur durch dieses permantente Aufgewühlt-Sein, welches mich vergessen lässt, zu essen.
Ich würde mich so gerne fallen lassen in das, was sich mir offenbart, wenn ich in braune Mandelaugen sehe, obwohl es mir Angst macht. Wann ist man je so weit ?
Bereit?
Bereit.
Was auch immer.







Sonntag, 24. März 2013

Ihr, werte Leser...

...seid einfach fantastisch.

Einfach so - DANKE für alle Kommentare zu den letzten Posts, diese wunderbar wärmenden Worte gehen direkt ins Herz, ohrfeigen die destruktive Stimme in mir und sind so KRAFTVOLL.
In den tiefsten Momenten hat es mich getröstet und aufgebaut, Euer Feedback und Eure Bestärkung zu erfahren - gerade auf die Geschichten mit T. bezogen. Zu wissen: Irgendwo da draußen gibt es mitfühlende, wohlwollende Seelen, die dich nicht verurteilen. Die sich wünschen, dass du kämpfst.
Dass du gehst.
Insofern danke ich Euch auch für die Lebenskraft, die mir dieser Schritt beschert hat. Ihr alle hattet Anteil daran.

Küsschen,
Eure Phoebe.

PS: Florence And The Machine: Cosmic Love
      Andrew Bird: A nervous Tic Motion of the Head to the Left
      Frank Sinatra: That's Life
      Sting: An Englishman in New York
      Editors: The Boxer

      Radiohead: Reckoner
     
(Soundtrack zum Wochenende)


Samstag, 23. März 2013

Leichte Schwere.

Sonic Youth - Schizophrenia

Es ist unverständlich, widersprüchlich und tendenziell bekloppt. Ich fließe durch die Straßen, high und hungrig und voller Schmerzen und Glück.
Mir tut alles weh, ich habe exakt zwei Stunden Schlaf bekommen letze Nacht. Im Austausch dafür einen Menschen erfahren.
T.s Stimme klingelt in meinen Ohren, ich laufe, laufe, der Wind pfeift. Sleep Twitch, das Gefühl, eine Treppenstufe verpasst zu haben - schwerelos.
Zwei Tassen Milchkaffee mit Mo, einem früheren Schulfreund, den ich seit Jahren nicht gesehen hatte.
Eine riesig schwere Netto-Tüte, randvoll mit Lebensmitteln und Tabak für T., der Panikattacken hat und seine Wohnung nicht verlassen kann.
Davor: Achzehn Stunden mit Lennard, Edith Piaf und klugem Schlagabtausch, mit veganen Spaghettie Carbonara und Immanuel Kant. Und ja, wir hatten Sex. Er küsste meine Narben am Handgelenk, dort, wo die Fäden saßen und eine blaßlila Linie im Dunkeln leuchtet. Hielt meinen Kopf fest, damit ich nicht entschwand. Ich dachte an T. Ich dachte an Zigaretten. Ich dachte, ich sollte hier und jetzt sein, was mir teilweise gelang. Es war schön.
Ich dachte an meine beste Freundin und fragte mich, was ich tat. Aber ich tat es.
Je ne regrette rien.
Ich laufe weiter durch die Stadt, Moloch, Winter, Koffeinrausch und Angst. Und das kleine Glück.

Donnerstag, 21. März 2013

Das Leben der Anderen?

Es kann auch so kommen:

Phoebe (welche den ganzen Tag bei psychedelischer Musik und mit ihrem Laptop - Spider Solitär - im Bett verbracht hat, frustriert weil ihre Therapeutin krank ist) fährt abends, nach einem seltsamen Besuch bei T., bei dem die vorgestrigen Entwicklungen diskutiert wurden (ergebnislos), zu ihrer Freundin Penny (die zwar nicht Penny heißt, aber der Name passt wunderbar) und deren Freund.
Ewig keinen Kontakt mehr gehabt, sich wieder angenähert, wahnsinnig gut verstanden.
Und sie erlebt, wie so ein Abend laufen kann. Unter Lebenden.

Penny wohnt in "The Big Bang Theory"-Manier (sie ist blond und schlagfertig und groß) in direkter Nachbarschaft zweier einigermaßen nerdiger Kumpels (die rein optisch Lennard und ein hünenhafter Howard sein könnten) in einer ziemlich coolen Dachwohnung in meiner Nähe.
Als ich von T. komme, fängt es an zu regnen. Ich habe mich seit Wochen zum ersten Mal geschminkt, meine Haare geföhnt und mich ein bisschen netter angezogen, was sich ganz gut anfühlt. Ungewohnt, maskiert, aber auch erstmals wieder ansehlich.
Ich klettere die Treppen hoch, begrüße erst Pennys Hund, dann sie, Händeschütteln mit ihrem Freund. Er ist mir auf den ersten Blick sympathisch - groß, etwas kräftig, schiefes Lächeln mit schiefen Zähnen und freundlicher Stimme. Nachdem ich so viele Geschichten aus ihrer beider Leben kenne, ist es komisch, tatsächlich mit diesen Menschen in einem Raum zu sein. Ich fühle mich vertraut und fremd zugleich. Meine Stimme klingt etwas rau und heiser.
Es gibt kein Eis zu brechen - das Reden kommt ganz natürlich und selbstverständlich. Über mich, über gemeinsame Kindheitserinnerungen mit Penny, über den Job ihres Freundes.
Wir sitzen mit Kaffeetassen und Guiness (natürlich nicht für mich) an einem riesigen Holztisch und rauchen was das Zeug hält. Ich berichte von meinem Besuch bei T.
Rücksichtsvoll und nachdrücklich wirken beide auf mich ein. Pennys Freund hatte jahrelang einen besten Freund, der drogenabhängig war. Ihre Mutter trinkt selbst. Wir reden über Sucht-Persönlichkeiten, über Co-Abhängigkeit, über Lügen und Macht.
Es tut wahnsinnig gut, das spüre ich. Ich fühle mich vertsanden und gehalten, die letzten Zweifel verfliegen.
Wir springen über zu gemeinsamen Bekannten, ich höre mir lustige Anekdoten an (Pennys Leben ist wirklich wie eine Sitcom) von Reisen und Unfällen und Partys, Festivals, Abstürzen, Theaterleuten und den Jungs aus der Wohnung unter uns.
Es ist schön, dass ich bei weitem die Jüngste bin und trotzdem "dabei". Ich war noch nie "dabei".
Das Stichwort Politik fällt, Pennys Freund und ich stürzen uns gierig darauf. Wie sehr ich diese Diskussionen vermisst habe! Keine Kontroversen, viel mehr ein sich gegenseitig entsprechen. Wir kommen auf Lobbyismus, Versicherungen, Religion, Freud, Southpark. Kennt ihr das? Man könnte allein über Southpark tagelang reden, indem man sich an die genialsten Folgen und Szenen erinnert.
Wir kochen Tee. Penny holt Kekse raus. Sie und ihr Freund leeren Gauloises rouges, ich meine L&Ms.
Je mehr ich dort sitze und eins mit dem Raum und meinen Gegenübern werde, je mehr Geschichten ich höre, umso dringlicher beschleicht mich der Gedanke, extrem viel verpasst zu haben.
Es geht nicht darum, dass ich noch nie richtig betrunken war und die ganzen lustigen Betrunkenen-Geschichten ohne mich stattgefunden haben, das will ich gar nicht erleben.
Es geht darum, dass es da offenbar eine Szene gibt, ein paar hundert Meter von meinem Haus entfernt, die LEBT. Es gibt Affären und Intrigen (Sitcom...), man fährt mit dem VW-Bus nach Irland oder Kroatien. Man zeltet in Amsterdam. Man geht in Irish Pubs in Frankfurt und in Clubs mit Indie-Musik. Man trifft sich am ersten Mai zum Kiffen und hört dabei die Platten unserer Eltern. Man schaut sich jeden Sonntag Abend in der Wohnung der Jungs gemeinsam Günther Jauch an und zerreisst die politische Elite. Man arbeitet, studiert. Spart auf Konzerte und das Southside oder Hurricane. Man kommt nachts spontan vorbei. Man hat einander, unverbindlich-verbindlich.
Das. Das habe ich verpasst. Und Penny gibt mir das Gefühl, ich könnte und sollte dringend ein Teil davon werden.
Ich bin glücklich, Leipzig-glücklich. Schneeballschlacht mit Lulu-glücklich.
Aufgedreht. Meine Nase glänzt, meine Haare sind lockig und wild, ich kann gar nicht so viel Tee und Saft trinken wie mich die Zigaretten und die Unterhaltung durstig machen.
Um halb zwölf hören wir Schritte im Treppenhaus, kurz darauf betritt Lennard das Zimmer. Ich war - das gebe ich ehrlich zu - extrem neugierig auf diesen Mann (ich habe die beiden Mitbewohner oben immer "die Jungs" genannt, dabei sind sie Ende zwanzig, eher Anfang dreißig). Er war früher mit meiner besten Freundin zusammen, sie hat mir in Leipzig sehr viel von ihm erzählt. Dass er wegen Depressionen in einer Klinik war, Workaholic ist, seit ein paar Monaten vegan lebt und dadurch radikal 15 Kilo abgenommen hat. Dass er verbissen und ehrgeizig und ein Charmeur sei. Sie und Penny meinten im Vorfeld scherzhaft, ich würde angeblich in sein Beuteschema (dünn, rötliche Haare - weder noch?!) passen und solle mich in acht nehmen.
Wir geben uns die Hand. Ich wusste, dass er klein war, bestimmt zehn Zentimeter kleiner als ich, aber er wirkt so... schmächtig und zart. Seine Stimme ist viel zu tief, sein Gesicht zu markant als dass es zu seinem Körper passen könnte. Er hat ein Glas Weißwein dabei, vielleicht ist es auch Saft mit viel Wasser. Penny wirft ihm die eine Kippe über den Tisch. Unser Gespräch erstarrt kurz, kommt rumpelnd wieder in Gang.
Ich fühle mich beobachtet, gemustert. Zu dick und zu schwer, verunsichert.
Pennys Freund grinst und beginnt einen Monolog über den Running Gag des Abends, Manipulation durch positive Suggestion, zu halten.
Ich falle ihm ins Wort, heiser, bin sarkastisch und politisch unkorrekt und schlagfertig. Wir albern herum, ärgern Penny ("Phoebe, warum fällst du mir so in den Rücken?", sie lacht und ihre Haare schimmern silbrig, "du kannst doch unmöglich eine Allianz mit diesen Schwachköpfen gegen mich eingehen?"), ärgern ihren Freund, ärgern Lennard. Auch ich bekomme ein paar Spitzen ab, aber sie sind stumpfer als jene, die ich gewohnt bin, und sie sind nett gemeint.
Howard streckt kurz seinen Lockenkopf in die Wohnung, um Hallo und gute Nacht zu sagen.
Wir sitzen noch eine Stunde zusammen, es ist nicht mehr so unverkrampft wie vorher, aber dennoch schön.
Im Badezimmerspiegel sehe ich leicht beschwipst aus.
Fremd. Ich berühre meine Wange. Sie glüht.
Ich knete meine Haare zurecht und wische die verschmierte Wimperntusche (habe ich vor Lachen geweint?) mit zitternden Fingern aus dem Gesicht. 
Leben.
Reisen, Sprechen, Spüren, Feiern, Lachen, Kind sein. Erwachsen sein. Sich verlieben. Frei sein.
Ich beschließe, bei Penny zu schlafen. Sie sit sehr süß und macht mir eine Wärmflasche, weil sie um meine fressbedingten Bauchkrämpfe weiß. Ich darf ihr Killers-Shirt zum Schlafen anziehen (das ist eine Ehre!).

Später in der Nacht liege ich auf der roten Schlafcouch im Wohnzimmer, esse Schokolade und lese "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" von John Green, das auf dem Fensterbrett lag. Es ist sehr hell und ich bin aufgewühlter als müde. Aus dem Schlafzimmer vernehme ich das Knarren von Lattenrosten unter Matratzen unter sich liebenden Körpern. Das Geräusch macht mich traurig, oder eher sehnsüchtig?
Mein Kopf ist voll von Worten und Eindrücken und unendlich schwer. Ich muss lächeln.







Mittwoch, 20. März 2013

Words (between the lines of age).

Gestern war ich bei T.

Bitte. Komm her, ich möchte dich sehen.
Ich will dich nur warnen - ich sehe extrem scheiße aus im Moment. Aufgeschwemmt und unförmig und ungeduscht und...
Das ist mir sowas von egal. Ich werde dich nicht bedrängen oder irgendetwas. Nur reden.

Wir redeten ein wenig. Ich - verkrampft und fett und schrill. Er - zerzaust und humorvoll und blau.
Er nahm mein Gesicht in seine großen Hände und zog meinen Kopf zu seinem, berührte meine Haut, meine Lippen ganz kurz mit den seinen. Du hast keine Ahnung, nicht die geringste, was du mit mir machst. Was es für mich bedeutet, wenn du mich küsst. Du weißt es wirklich nicht?
Ich roch an seiner Wange, seinem Hals.
- Es ist nicht so einfach, T. Ich habe Angst. Es kann sein dass etwas passiert, was ich nicht will; das heißt, theoretisch will ich es schon, aber ich fürchte mich vor der Erwartungshaltung, die bei dir entstehen könnte. Eigentlich sollten wir... Ich weiß nicht, ehrlich, nicht was ich will und nicht was gut für mich ist.
- Würdest du mir die Haare schneiden?
Er stand auf und begann, sich auszuziehen. Ich starrte ihn an, halb verwirrt, halb erregt, und folgte ihm ins Badezimmer. Wir kicherten wie Kinder, als ich begann, an seinem Haar herumzuschneiden. Hauptsache gleichmäßig kurz, ja, ich weiß, so wie beim letzten Mal.

Neil Young und seine dreckige Gitarre im Hintergrund, T. und ich auf dem Bett, ein paar Herzschläge Vorspiel.
Wir küssten uns lange. Immer dringlicher, fordernder. Mein Zopf löste sich, sein graues Baumwollshirt verlor sich in den Laken und Körpern. Lautes Atmen, tiefes Atmen, Hände und Münder und Haut und Fleisch und Lust und Fett und Scham und Liebe und Ekel und Schweiß und Gewalt und ein Rennen und Keuchen, ziellos verzweifelt, zum Ziel.

Gentleman, der er ist, zündete er mir eine Zigarette an und schob sie zwischen meine Lippen.  
Ich bedeckte meinen Bauch mit einem Zipfel der Bettdecke und schloss bei jedem Zug die Augen. Er ging ins Bad, kam wieder. Legte sich hinter mich, einen Arm um meine Mitte, ein Klacken des Feuerzeuges, Stille.
Wir malten mit den Augen verlorene Kreise auf die Decke und mit den Fingerspitzen auf den Unterarm des anderen. Als wir zu sprechen begannen ahnte ich, dass es nicht gut werden konnte. Nie mehr.

Es ist unerhört, dass wir es nicht lassen können, dem anderen unsere Wahrnehmung, unsere "Version" der Trennung und der Monate davor aufzudrängen. Es tut nur weh. Wir tun es trotzdem.
Vorwürfe beiderseitig gejagt von Entschuldigungen. Der Kreislauf, in dem wir uns um uns selbst drehen, ist folgendermaßen strukturiert: Er sagt etwas kritisches über mein Verhalten, ich fühle mich angegriffen und verletzt. Ich versuche, ihm auf einer sachlichen, pseudo-psychoanalytischen Ebene Erklärungen oder Rechtfertigungen für mein Verhalten in der Vergangenheit zu liefern. Er reagiert wütend, wirft mir Arroganz und Rechthaberei vor. Ich sage, dass ich nur so rede, weil ich mich vor Angriffen seinerseits schützen will. Er toppt das Ganze mit Aussagen von wegen - weißt du eigentlich wie sehr du mir wehgetan hast? Ich fühle mich ekelhaft, mache mich klein, entschuldige mich. Er kritisiert mich dafür. Ich fühle mich angegriffen...
Wir stritten etwa eine Stunde lang.
Wie es weitergehen soll mit uns? Ich will kein "uns" mehr. Können wir uns darauf einigen, dass du mich rausgeschmissen hast und ich mit dir Schluss gemacht habe?, frage ich ihn. Ich überlege fieberhaft, was er überhaupt an mir findet. Ich ekele mich so sehr vor mir. Er schweigt, drückt eine Kippe aus und faltet die Arme hinter dem Kopf.
Unsere Worte, zaghaft und dann wieder mit Gewalt aufgeladen, offenbarten nur Gräben.
Unsere Gesten wären die von Liebenden.
Nach drei Stunden verließ ich seine Wohnung. Am Freitag wollen wir Essen gehen.

Kacke, Biberkacke. Was mache ich nur?!