Mittwoch, 13. März 2013

I become US. WE become YOU.

Es fing schon vor Monaten an. Oder sollte ich besser sagen: Vor einem Jahr? Vor anderthalb?
Vielleicht waren wir schon unter dem Stern einer bevorstehenden, blut- und tränenreichen Trennung ein Paar geworden.
Vielleicht war es voraussehbar, dass zwei derart extreme und kranke Individuen eine durchweg ambivalente Beziehung führen würden, geprägt von tiefen, schier unlösbaren Konflikten.
Liebe und Hass scheinen ein und das selbe Gefühl zu sein, Abgrenzung und Sehnsucht, Geborgenheit und Angst sind nur ineinander gemischte Farben auf einem unscheinbaren Gemälde. Nur wer näher herantritt, vermag die brutalen Risse und Einkerbungen zu erkennen. Und die Aufrichtigkeit der Gefühle, das Verbotene, das Wilde, das Zerfleischende.
Es war meine erste Beziehung. Ich war 18 und hatte mein erstes Mal. Es war seine vierte „ernsthafte“ Beziehung, die erste Frau nach seiner Exfrau. Er war 46, als wir uns kennenlernten.
Wir näherten uns einander wie Katzen, umstreiften den anderen, suchten Körperkontakt und stoben beschämt auseinander. Suizidale Katzen, kettenrauchend auf dem Balkon der Psychiatrie.
Traurige Katzen, bedürftige Katzen.
Ich verliebte mich sofort in ihn. Er war unfassbar attraktiv mit seinen grünen Augen und dem markanten Profil, seiner sanften Stimme und den warmen, starken Händen, die wild gestikulierten und Haferflocken von meiner Strumpfhose pflückten. Er war durchweg faszinierend. Nahbar, aber nicht greifbar. Tiefgründig und aufmerksam, verletzlich und voller Geschichten.
Ich war, als wir uns kennenlernten, einfach nur die schrullige Anorexiekranke, die Joy Division hörte und die Pfleger anschrie. Ich war knochig und asexuell, manisch und zwanghaft. Ich brach stündlich in Tränen aus, tigerte durch die Station und fragte mich, was werden würde. Ich würde wohl die Schule abbrechen, sagte ich ihm. Er runzelte die Stirn und stippte Asche in den Hof. Natürlich nicht, sagte er, so kurz vor dem Abitur. Du bist sehr klug. Wirf nicht alles hin.
Ich registrierte, dass ich mit meiner Anti-Haltung wie ein trotziges kleines Mädchen aussah: Schule ist Scheiße. Meine Eltern sind Scheiße. Meine Zukunft ist im Arsch. Aber hey, ich war erst vor ein paar Monaten aus der ersten Klinik entlassen worden und hatte mein Leben (Selbstmordversuch) allzu gründlich gegen die Wand gefahren. Ich war wütend auf alles und jeden. Ich aß meine Mahlzeiten wie in der Klinik und nahm trotzdem immer weiter ab. 43 kg. Die hatten alle keine Ahnung. Ich kam mir wahnsinnig heroisch und überlegen vor mit meiner Intelligenz und meinen zählbaren Knochen – bis ich T. traf. Er erschütterte mein Welt- und Selbstbild. Riss es von der Wand und zerlegte es in Fragmente, ein riesiges Puzzle. Er bot sich an, mir beim Zusammensetzen der Einzelteile zu helfen, zaghaft, vorsichtig, und ich klammerte meine kalten Finger an seine Cordjacke, als wäre er der Messias höchstpersönlich.
Ich begriff schnell, dass er hochkompliziert war. Widersprüchlich und launisch. Aber großartig.
Depression, Burn Out, Alkohol – einmal die Karriereleiter vom Geschäftsführer der größten deutschen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft (Mandate: Daimler Chrysler, Aventis, RWE, Telekom ect) heruntergerasselt, Existenz weg, Frau und Sohn weg, Wohnung weg.
Ich habe den Sog der Sucht und der Dunkelheit unterschätzt.
Er den Sog der Esstörung.
Auch als er entlassen war, kam er mich täglich besuchen. Er brachte Kippen mit oder eine Tafel Schokolade, von der ich manchmal eine winzige Ecke knabberte. Er verunsicherte mich, ich hatte das Gefühl, mir seiner Zuneigung nie sicher sein zu können.
Ich besuchte ihn ein paar Mal in seiner Wohnung. Es war wunderschön und kribbelig.
Nach ein paar Wochen, ich stand vor dem Übergang in die Tagesklinik, gestand ich ihm meine Angst. Und, ich versuchte es zumindest, meine Gefühle.
Wir saßen auf einer Bank vor dem Krankenhaus und flochten unsere Finger ineinander.
Das geht nicht, flüsterte er. Du bist viel zu jung und ich viel zu fertig.
Ich weinte leise.
An einer Bushaltestelle trennten wir uns, kamen einander näher. Dieser Moment, wenn beide zögern: Umarmung? Kuss? Was passiert hier, ein Tornado von Emotionen und Gedanken.
Er war sehr nachdenklich. Ich liebe dich als Mensch, ich möchte dich nicht in meinem Leben missen. Wir sind uns so nah gekommen...
Einen Tag später küsste er mich. Er schmeckte nach Gin und Rauch. Ich fiel ins Bodenlose.

5 Kommentare:

  1. Ich kann mir nicht vorstellen wie schmerzhaft es sein muss, einen Menschen zu lieben der so schlecht für einen ist. Im Ansatz kennt das vermutlich jeder - die Person die uns nicht schätzt, uns an der langen Leine hält, uns nur dann schreibt wenn die Einsamkeit gerade zu groß ist... das schmerzt schon. Das ist schon eine emotionale Abhängigkeit aus der es schwer ist loszukommen.
    Aber zu erkennen, dass die Person die man liebt in dieser Form nicht existiert oder existieren will, sich sogar ins Gegenteil verkehrt und schadhaft wird (was beim Alkoholismus ja der Fall ist)... Das ist eine Erfahrung die man niemandem wünscht.
    Dir wünsche ich auch jeden Fall ganz viel Kraft. Angehörige von Suchtkranken können davon wohl nie zu viel haben.

    AntwortenLöschen
  2. Danke. :3

    ich liebe deine schreibweise.

    AntwortenLöschen
  3. Deine Texte sind wirklich unglaublich ausdrucksstark und faszinierend.

    AntwortenLöschen
  4. ich will weiterlesen!!! das ist dramatisch, aber auch so gut geschrieben ♥

    AntwortenLöschen
  5. liebe tut immer weh...
    ich hoffe, er hat nicht zu viel von dir eingenommen<3
    xx

    AntwortenLöschen